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Weltraritäten

Es ist immer wieder ein großartiges Erlebnis, an der Probe dieses generösen Weinfreundes teilnehmen zu dürfen, der über einen scheinbar unendlichen, best bestückten Weinkeller verfügt. Strikt privat ist diese jährliche Probe, bei der die komplette Mannschaft eines bekannten Restaurants nicht nur für perfekten Weinservice, sondern auch für unendliche, kulinarische Gaumenfreuden sorgt. Der kleine Kreis eingeladener, glücklicher Weinfreunde genießt und schweigt. Und hofft natürlich, im nächsten Jahr wieder dabei sein zu dürfen.

Letztere ist eigentlich gar nicht so schwierig. Das Geheimnis der Teilnahme an großen, privaten Proben ist ein ganz simples. Es heißt geben und nehmen, fängt aber mit geben an. Wer selbst eine schöne Probe macht, z.B. im Zwölferkreis, hat die gute Chance, anschließend auf 11 weiteren, spannenden Proben eingeladen zu sein. Vorausgesetzt natürlich, man erspart sich die Sorte Leute, die stets Durst haben, sich aber einen Dreck um den Durst anderer stören. Das war aber hier nicht der Fall.

Mit zwei gut gereiften Jahrgangschampagnern wurden wir empfangen. Einfach fantastisch der 1971 Dom Perignon aus einer perfekten Flasche, immer noch so frisch mit tollem Mousseux, mit Brioche und angenehmer Bitternote im langen Abgang – WT96. Nicht die allerbeste Flasche war leider der sonst so großartige 1979 Roederer Cristal, der hier deutlich reifer als der Dom Perignon und auf hohem Niveau schon etwas müde wirkte – WT92.

Ein Minenfeld können gereifte, Weiße Burgunder sein. Zu oft verdirbt Premox den Genuss. Doch bei diesem Flight mit drei Meursaults von Comte Lafon gab es nichts zu meckern. Ganz großes Kino der 1990 Meursault Perrières von Comte Lafon, so eine Kraft, so eine Dichte, so eine intensive Mineralität. Das war absolute Montrachet-Qualität. Sehr lang am Gaumen und immer noch großes Potential für viele Jahre – WT97. Mit der Würze eines großen Meursaults kam der 1995 Meursault Perrières von Comte Lafon ins Glas. Baute enorm aus, wurde immer druckvoller, mineralischer und länger und zeigte eine sehr gute Struktur. Auch hier ist keine Eile geboten – WT95. Der jüngste der drei, der 1997 Meursault Perrières von Comte Lafon, war gleichzeitig auch der reifste. Sehr elegant, weich, würzig mit guter Länge, gehört aber getrunken – WT93.

Eine tiefdunkle Farbe zeigte der 1937 Climens, der sich aber so elegant und frisch präsentierte. Das war gut gereifter Sauternes vom Feinsten. Dunkles Toffee, Orangenzesten, gebrannter Zucker, so druckvoll und lang mit feiner Bitternote, dabei absolut stimmig ohne er jedes klebrige oder schwere – WT99. Leichter, feiner, eleganter mit englischer Orangen-Bittermarmelade und guter Säure der 1937 Lafaurie-Peraguey – WT94.

War das, was jetzt kam, schon der Flight des Abends? Sehr kräftig, würzig, noch so vital und enorm druckvoll mit viel Kaffee, aber auch feiner Süße der 1921 Richebourg in der Vandermeulen-Abfüllung, ein perfekt gereifter Bilderbuch-Burgunder mit immer noch reichlich Zukunft – WT97. Einfach Lafite pur war dieser 1926 Lafite Rothschild in der Vandermeulen-Abfüllung, so elegant, so mineralisch und stimmig, dabei einfach zeitlos schön – WT100. Warum der hier „nur“ WT99 statt 100 bekam, die ich diesem Wein früher schon gegeben habe? Weil im dritten Glas ein unglaubliches Tier von Wein war, dass die beiden anderen auf höchstem Niveau in den Schatten stellte. Dieser 1922 Marques de Riscal Reserva war ein Ausnahmewein, aber keine Ausnahmeflasche. Zum neunten Mal hatte ich diesen sehr komplexen Giganten mit dieser irren Farbe und dieser unglaublichen Power im Glas. Und wieder gab es nur eine mögliche Bewertung: WT100.

Nichts Gutes verhieß die rabenschwarze Farbe des 1953 Ausone. Die Flasche war vom Füllstand her perfekt, aber der Wein weitgehend oxidiert. Stückweit kämpfte er sich leicht zurück und gab eine dezente Ahnung von der komplexen lakritzig-kräuterigen Aromatik des Ausone, blieb aber sehr schwierig zu verkosten. Das ist sehr schade, denn auf Jürg Richters großer Magnum Probe hatten wir diesen Ausone als Giganten mit WT97 im Glas. Sehr minzig zeigte sich der 1953 Vieux Certan, der mit der leicht herben Bitterschokolade wie das Urrezept von After Eight wirkte, ein kompletter, komplexer Wein, elegant auf der einen Seite, sehr kräftig und eher maskulin auf der anderen, so eine Art Pomerol aus Pauillac – WT96. Pessac pur der 1953 La Mission Haut Brion in einerbelgischen Lafite-Abfüllung, Tabak, Teer, Minze Cigarbox, auch hier Kraft und Länge – WT97.

Seiner Rolle als Solitär wurde der 1947 Conseillante Vandermeulen voll gerecht. Das war ohne wenn und aber der Wein des Abends. Das war wie in den gut 25 Vorgängerflaschen, die ich Glücklicher trinken durfte, ein überragender, unglaublich druckvoller, perfekter Wein mit superber Frucht, sehr dichter Farbe und nicht enden wollender Länge – WT100. Hat in dieser Form sicher noch Potential für zwei weitere Jahrzehnte.

Nein, das war nicht der letzte 100er des Abends. Unser Gastgeber schob zur Abwechslung mal einen jüngeren Flight dazwischen. Wobei jung natürlich relativ ist, denn die 89er haben inzwischen auzch schon 27 Jahre auf dem Buckel. Schlichtweg atemberaubend der 1989 Haut Brion, eine der modernen Weinlegenden unserer Zeit. Wenn der mit seiner geradezu explosiven Aromatik auf den Gaumen trifft, stehen alle Papillen auf Hab Acht Stellung. Klare WT100. Das galt auch für den 1989 Beaucastel Hommage à Jacques Perrin, der sich mit einem Pfauenrad an Aromen wieder als immer noch blutjunge Essenz von Beaucastel zeigte – WT100. Gut mitspielen mit diesen drei Giganten konnte der 1989 Sori San Lorenzo von Gaja, ein immer noch so jung wirkender, kerniger, animalischer und zupackender Wein, dicht, lakritzig, käuterig und sehr lang – WT97.

1952 gehört irgendwie zu den vergessenen Jahrgängen. Und das voll zu Unrecht, denn aus 1952 lassen sich fantastische Weine finden, die preislich meist deutlich unter den scheinbar besseren Jahrgängen liegen. Ein Traumburgunder aus Chateauneuf war der hoch elegante 1952 Chateauneuf-du-Pape von Jaboulet Ainé mit generösem Schmelz, nicht weit von der Qualität des legendären 47ers entfernt – WT97. Riesengroß aus einer perfekten Flasche auch 1952 Mouton Rothschild, den die wenigsten auf der Uhr haben dürften. Zeigte sich so präsent mit superber Frucht und feiner Minze und reiht sich nahtlos in die großen Moutons des letzten Jahrhunderts ein – WT97. Leicht fehlerhaft wirkte leider der Ausone Vandermeulen, den ich deutlich besser kenne – WT90.

Schade, dass der 1966 Latour Kork hatte. Das wäre bei der jungen Farbe, bei der Kraft und der enormen Substanz sicher der Wein des Flights gewesen. Erstaunlich kräftig und präsent zeigte sich 1966 Haut Brion, den ich häufig schon deutlich schwächer erlebt habe – WT94. Noch eine Ecker drüber der immer noch so jung wirkende, enorm kräftige 1966 La Mission mit viel Cigarbox, aber auch feinem Schmelz – WT95.

Ein weiterer Dreierflight bildete den Abschluss dieser formidablen Probe. 1959 Margaux ein feiner, eleganter Wein mit rotbeeriger Frucht und guter, präsenter Säure – WT94. Geht besser. Das gilt auch für den normalerweise perfekten 1959 Haut Brion, der auf sehr hohem Niveau leicht schwächelte – WT95. Der Star des Flights aber war eine 1979 Heitz Martha´s Vineyard Magnum, noch so jung, so stramm, dicht und minzig mit Eukalyptus und Potential ohne Ende – WT96+. Ich bin mir ziemlich sicher, dieser faszinierende Wein, der die Herzen der Martha´s Fans höher schlagen lässt, der legt aus so perfekten Magnums wie dieser noch weiter zu.

Wahlweise gab es anschließend an der Bar des Hauses Espresso oder für all diejenigen, die den Hals nicht voll kriegten, noch Wein aus diversen Magnums. Ich habe mich der zweiten Kategorie zugeordnet. Dabei ist mir vor allem ein Wein deutlich in Erinnerung geblieben. Zu den Lieblingsweinen in meinen jüngeren Weintrinkerjahren gehörte die 1981 Pichon Comtesse de Lalande, von der ich alleine zuhause nacheinander 4 Kisten erfolgreich geleert habe. Insgesamt dürfte dieser Wein über 100mal an meinem Gaumen gewesen sein, hauptsächlich bis zur Jahrtausendwende. Seitdem ist er mir noch mehrfach hauptsächlich in Großflaschen begegnet, in denen er seine frühere Klasse beibehielt. Unter anderem genau hier an dieser Hausbar, wo er damals wie heute absolut zeitlos wie eine Eins im Glas stand – WT94. Einfach herrlich. Ob ich unseren sympathischen Gastgeber bitten darf, das in wiederum 2 Jahren noch mal zu wiederholen. Vielleicht zusammen mit einer 78er Comtesse Magnum. Er weiß schon, warum.