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Juli 2016

Dem Himmel so nah

Jeden Sommer gönne ich mir das für ein paar Tage, Bergwandern im Engadin. Wo im Winter der Bär steppt, herrscht im Sommer geradezu paradiesische Ruhe. Warum eigentlich? Einen schöneren Himmel als dieses tiefe, schon fast nachcoloriert wirkende Blau kann ich mir nicht vorstellen. Klar wie die Bergbäche die wunderbare Luft. Schwüle ist hier unbekannt. Tagsüber ist es angenehm warm, nachts kühlt es sich teilweise empfindlich ab. Letzteres garantiert auch ohne Klimaanlage wunderbaren, tiefen Schlaf. Sommerfrische pur ist das. Und wenn ich dann z.B. in über 2500m Höhe bei Sebastian Schwanders (mybestwine.ch) Tante Pia vor der Paradieshütte mit dem einmaligen Blick aufs Berninamassiv sitze, dann schmeckt so ein gut gelungener, blitzsauberer 2014 Trimminser Chardonnay von den Familien Joos wie etwas ganz großes.

Sehnsucht nach Mallorca, 40 Grad und vollen Stränden? Keine Spur. Aber vielleicht sollte ich aufhören zu schwärmen. Sonst ist es hier im nächsten Jahr mit der himmlischen Ruhe vorbei.

Natürlich gab es bei dreien der Ziele, die wir sonst im Winter ansteuern, auch große Weine ins Glas.

Kann denn Leben schöner sein? Tiefblau der wolkenlose Himmel im Engadin. Eine herrliche Wanderung durch die blühende, alpine Bergwelt hat ins Val Roseg geführt. Hier genießen wir mit prächtigem Blick auf den gewaltigen Roseg Gletscher herrliche Weine.
Mit einem großartigen 2002 Roederer Cristal mit enormem Tiefgang stoßen wir mit unseren Freunden auf deren "Wiedergeburt" an. Ob es die 2200m Höhe waren, die diesen großen, aber eigentlich noch längst nicht reifen Cristal schon zugänglicher erschienen ließen? Von tanninbetonten Rotweinen kenne ich diesen Effekt. Bei Champagner habe ich mir dazu noch nie Gedanken gemacht. Ich bleibe dran und verkoste weiter. Der hier zeigte feine Zitrusfrucht, Brioche, viel Mineralität, cremige Textur und beachtlichen Tiefgang und Länge. Kein Wunder, dass sich unsere Gläser im Rekordtempo leerten – WT95. Sehr fein, präzisen und sehr mineralischen danach ein 2011 Chablis Montée de Tonnerre von Raveneau, der sich mit Zeit und Luft enorm entwickelte – WT92. Der 2012 Pape Clement war wieder in bestechender Frühform und zeigte deutlich, wie groß das sonst eher kleinere Jahr 2012 in Pessac war. Jede Suche wert – WT96+. Sehr gut entwickelt hat sich auch der 2005 Haut-Batailley, der endlich zeigt, was er drauf hat. Ist wie viele der kleineren 2005er Medocs jetzt in erster Trinkreife – WT91.

Sitting on top of the world hieß es an einem anderen Tag.
Schmeckt Wein eigentlich in 2500m Höhe besser? Oder ist es der spektakuläre Blick von Muottas Muragl über das gesamte Engadin?
Verdient haben wir uns dieses einmalige Erlebnis, das man natürlich auch mit einer heißen Ovomaltine genießen könnte, durch eine umfassende Bergwanderung.
Jetzt lassen wir einfach die Seele baumeln, staunen über Piz Bernina, den Roseg Gletscher und die wie an einer Perlenschnur aufgereihten Engadiner Seen. Selbst das wuselige, zubetonnierte St. Moritz wirkt von hier oben ganz friedlich.
Aus der umfassenden Karte des Muottas Muragl haben wir erst mit einem 2002 Annamaria Clementi von Ca' del Bosco angestoßen, dessen Qualität etlichen Jahrgangschampagnern zu Ehre gereichen würde. Sehr fein, elegant, fruchtbetont und nachhaltig – WT92. Großes Burgunderkino der endlich reife 2009 Pinot Noir Unique von Donatsch, sehr fein, elegant, aber auch mit burgundischer Pracht und Fülle – WT95. Und dann war da noch dieser einmalige Gruß aus Mallorca, der kräftig-würzige 2010 Anima Negra Son Negre, der hier in der traumhaft frischen Bergluft richtig aufdrehte und mit seiner Kraft und Dichte lang am Gaumen blieb – WT94.

Was für ein Abend! Mit lieben Freunden haben wir auf der Terrasse des Müller in Pontresina Abschied vom Engadin gefeiert, wo es an diesem Tag völlig unnormal hochsommerlich warm war.
Große Küche (z.B. perfekte Crepes Suzettes am Tisch zubereitet) und große Weine. Bella Italia die meisten Weine der spannenden Weinkarte. An einen jungen Lafite erinnerte wieder der sehr gelungene, elegante, mineralische 2011 Sassicaia, der aber nicht mehr so offen war wie noch vor Jahresfrist. Dürfte sich zunehmend weiter verschließen, aber das Warten (gut 10 Jahre) lohnt – WT94+. Hedonismus pur der offene, voll trinkbare 2009 Barolo Canubis Boschis von Sandrone, eine sehr moderne Barolo-Interpretation mit üppiger, süßer Frucht, viel Röstaromatik und hohem Spaßfaktor – WT95. Ein echtes Prachtstück und als stimmigster, harmonischster Wein dieses Abends unser aller Favorit als Abschluss dieser perfekte Burgunder aus der Bündner Herrschaft, der 2012 Gantenbein Pinot Noir – WT95.

Gigantentreffen im Marli

Regen war für diesen Samstagnachmittag angesagt. Da sausten wir jetzt lieber mit einem Träger sündiger Flaschen ins Marli und hockten uns mit Franz Josef Schorn unter einen der großen Schirme.

Sensationell war schon der Start in einen genialen Marli Nachmittag/Abend. Ein cremiger, harmonischer Schiefercocktail mit feinen Honignoten und Trockenfrüchten war diese 2001 Zeltinger Sonnenuhr Auslese** feinherb von Molitor mit guter Säure und langem Abgang. Sehr elegant, perfekt balanciert, leicht salzig in der intensiven Mineralität, jetzt auf dem Punkt mit hohem Suchtfaktor - WT97. Da wundert mich nicht, dass die "Kollegen" von der Mosel den Markus Molitor nicht in den VDP aufnehmen wollten. Zeigt der ihnen doch mit seinen großartigen Weinen eine lange Nase.
Auf gleichem Niveau der gigantische 2005 Hubacker GG von Klaus Peter Keller. Im letzten Jahr hat der in einer Blindprobe dem G-Max die Hosen ausgezogen. Heute brilliert er als Solitär mit der leicht barocken Hubacker-Struktur, gepaart mit Eleganz, gewaltigem Druck und enormem Tiefgang. Viele 2005er sind inzwischen breit und süß geworden. Nicht der hier, der hat seine Klasse behalten. Irre, wie dieses Zeugs im Glas ausbaute - WT97.
Diese beiden Weinriesen, die man auch noch höher bewerten könnte, in klitzekleinem Kreis über Stunden vergleichen zu dürfen, das ist der Weinhimmel auf Erden.

Den Anfang bei den Roten machte ein 1969 Beaune Teurons von SA Leroy. Ein sehr feiner, eleganter Burgunder mit pikanter, rotbeeriger Frucht, guter Säure und feinem Schmelz, baute enorm im Glas aus – WT93. Ein 1961 Certan de May aus Pomerol zeigte sich kernig, kräftig, rustikal mit feiner Süße und tollem Abgang - WT95. Dürfte noch langlebig sein. Nix los leider mit einem 1955 Barolo Ola mia Cantina von Aqui, der bereits deutliche Farbausfällung zeigte und die Aromatik von in ganz viel Essig eingelegtem Marzipan besaß. Immer wieder bin ich überrascht, wie gut sich derzeit die Burgunder aus dem schon so lange totgesagten Jahrgang 1976 machen. So auch dieser Chambolle Musigny von E. Chevalier & Fils, der sich sehr fein, elegant und vital präsentierte – WT91.

Und dann kamen noch drei großartige Bordeaux. Der 1986 Talbot war wie schon mehrfach in diesem Jahr so frisch, so jung mit großartiger Struktur und immer noch viel Zukunft – WT96. Mindestens auf diesem Niveau der immer noch so junge 1998 Canon-la-Gaffelière mit sehr dichter Farbe, sehr druckvoll, enorme Zukunft, die 40% ausgereifter Cabernet Franc mit Veilchen und Graphit deutlich spürbar – WT96. Sicher einer der Best Buys dieses großartigen St. Emilion und Pomerol Jahrgangs und der wohl bisher beste Canon-la-Gaffelière der neueren Zeit. Der Star der Roten und sicher auf Augenhöhe mit den weißen Giganten des Anfangs war der 1989 Le Gay. Sehr dicht, kräftig mit undurchdringlicher Farbe, so kräuterig, lakritzig und schokoladig, so druckvoll am Gaumen. Das war mal wieder der Lafleur für Schlaue – WT97.

Ich möchte jetzt endlich mal wieder Bordeaux ins Glas!

Das war eine klare Ansage des lieben Bernd. Der hatte in der letzten Zeit genügend Rhone, Italien und was auch immer getrunken und wollte jetzt zurück in seine Weinheimat.
So entstand dieser Sonntag mit traumhaftem Essen (Bernie kocht wie die Hölle) und großen Weinen.

Perfekter Start, zwar nicht aus Bordeaux, der 2010 Hubacker GG von Keller. Ein riesengroßer Stoff, bei dem die sonst so barocke Hubacker-Struktur durch die 10er Säure eine fast schwerelose Eleganz bekam. Frisch, jung, nachhaltig und mit großer Zukunft – WT95+. Gefiel uns um Längen besser als der 2015 Chateauneuf du Pape Blanc von Beaurenard, den Bernd von der Rhone-Tour mitgebracht hatte. Ein feiner Schmeichler mit deutlicher Kräuter- und Anisnote, der sicher in den nächsten Jahren getrunken gehört – WT90.

Aber dann ging es mit Bordeaux los. Ein großartiger Klassiker der immer noch so vitale 1976 Lafite Rothschild, sehr mineralisch mit viel Zedernholz, enorm kräftig im langen Abgang -WT95. Noch so jung mit viel Zukunft der 2003 Montrose, von dem wir noch viel sehen werden, den ich aber an diesem Nachmittag unterschätzt habe -WT94+. Suchtstoff pur war der 2003 La Mondotte, mit herrlichem Schmelz, einmaliger Trinkigkeit, aber auch mit für den Jahrgang erstaunlich präziser Struktur - WT96. Die Kraft und die Herrlichkeit war dann dieser unglaubliche 2002 Mouton Rothschild, der sich mit gewaltiger Substanz deutlich offener als in den letzten Jahren zeigte - WT97. Es wurde immer irrer . Jetzt kam mit dem 1986 Lafite Rothschild der große Bruder des 76ers ins Glas, ähnliche, Aromatik zwar, aber alles viel intensiver, dichter, ein Riese auf dem Weg zur Perfektion - WT98+. Und dann als vorläufiger Abschluss der WOTN, der „Wine of the Nachmittag“, dieser schlichtweg perfekte 1982 Trotanoy, ein Wahnsinnswein mit unendlichem Schmelz, bei dem einfach alles stimmte - WT100. Der war aus meinem Keller, und das war gut so. Denn unser Gastgeber wollte sich die Schau nicht stehlen lassen und öffnete noch einen 1990 La Mission. Der zeigte sich in absolut bestechender Form und war dabei noch so jung. Wie auch 1990 Haut Brion rückt dieser gewaltige Wein seinem legendären 89er Gegenstück immer näher auch die Pelle – WT98+.

Das Hermitage la Chapelle Sixpack

Ein spontaner Besuch im Berens am Kai war angesagt. Schließlich hatte der liebe Holger gerade Geburtstag gehabt. Und der gehörte jetzt noch mal vernünftig nachgefeiert. Dazu hab ich schnell im Keller ein Hermitage La Chapelle Sixpack zusammengesucht und natürlich eine formidable Geburtstgsbouteille aus Holgers Jahrgang.

Gestartet sind wir als Apero mit einem ganz netten 2012 Neumeister Klausen Sauvignon Blanc, frisch mit intensiver Frucht – WT88.

Die 2008 Zeltinger Sonnenuhr Spätlese Trocken JJ Prüm war wieder straff, mineralisch, präzise mit toller Struktur und Länge. Ein sehr stimmiger, trockener Schiefercocktail - WT93. Kein spielerisch-elegantes Prümchen, das ist ein echter Prüm.

Ein traumhafter Charmeur und immer noch so frisch der 1979 Hermitage La Chapelle von Jaboulet-Ainé, lakritzig, kräuterig, sehr druckvoll mit guter Säure – WT93. Als dichtes, junges, geiles Powerteil mit puristischer Frucht und großer Zukunft zeigte sich 1985 Hermitage La Chapelle von Jaboulet-Ainé – WT95. Dramatisch besser kenne ich den schon so hüfig, auch im letzten Jahr noch zweimal auf WT97 getrunkenen 1983 Hermitage La Chapelle von Jaboulet-Ainé. Aber aus dieser Flasche hier wirkte er verschlossen, tanning, trocken und ruppig – WT92(?). Ein Tier von Wein war der 1978 Hermitage La Chapelle von Jaboulet-Ainé, zwar etwas verhalten in der Nase, aber Gaumen ging dermaßen die Post ab, das war schier unglaublich, so schmecken WT100. Offener mit explosiver Aromatik der schlichtweg perfekte 1990 Hermitage La Chapelle von Jaboulet-Ainé, eine Schwarzwälder Kirschtorte für Weinfreaks – WT100. Nicht weit vom 90er weg der wunderbare 1989 Hermitage La Chapelle von Jaboulet-Ainé, so ein richtiger 90er für Schlaue – WT97.

Bei diesem Feuerwerk wollte natürlich auch Holgers Geburtstags-Bouteille, 1964 La Mission Haut Brion, nicht zurückstehen und zeigte sich von ihrer besten Seite mit dem vollen La Mission Verwöhnprogramm von Cigarbox über teerige Mineralität, Jod, Minze bis hin zu Eukalyptus, endlich mal wieder eine richtig gute Flasche – WT96. Knackig, kirschig, frisch präsentierte sich zum Abschluss der 1992 Corton Clos Rognet von Meo Camuzet – WT92.