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März 2016

Prowein Aufwärmtraining

Klar musste am Vorabend der Prowein ein kleines Aufwärmtraining bei unserem Freund Franco Frau im Antici Sapori sein. Da haben wir dann schon mal die weine verkostet, die es am nächsten Tag auf der Prowein mit Sicherheit nicht gab. Den Anfang machte der rare 2010 Champagner Lez Chemins d'Avez von Larmandier-Bernier. Der war natürlich noch sehr jung, aber mit gewaltigem Potential. Traumhaft balanciert mit reichlich Kraft, Fülle und Länge, aber auch mit Eleganz und kalkiger Mineralität – WT94+. Hätte ich gerne in 10 Jahren noch mal. Erstaunlich aus diesem warmen Jahrgang der Wachstum Bodenstein Riesling Smaragd von Prager, der statt abzubauen noch zulegte und 2016 wieder eine bemerkenswerte Frische mit klarer Frucht und intensiver Mineralität zeigte - WT93. Furztrocken war das Präzisionswunder 2001 Clos St. Hune von Trimbach, mit sehr präziser Struktur, Zitrusfrüchten, saziger Mineralität und enormer Kraft im langen Abgang – WT96. Eine wunderbare Quittennase hatte der sehr eigenständige, ungewöhnliche 2010 Les Chalasses Vieilles Vignes von Jean-Francois Ganevat aus Côtes de Jura – WT92. Ein Wein, der eigentlich nach begleitendem, herzhaftem Essen schrie, womit wir im Antici Sapori kein Problem hatten. Ganz schön heftig der 2008 Vina Cobos Malbec Marchiori Vineyard aus Mendoza in Argentinien, der mit 15,3% Alkohol kein Kind von Traurigkeit war. Sehr würzig mit üppiger, süßer Frucht, Lakritz und reichlich getoastetem Holz. War mir in diesem Stadium einfach zu üppig und wirkte etwas korpulent, die Zeit mag es richten – WT92. Einfach unsterblich der göttliche, immer noch so frische, als großer St. Julien durchgehende 1985 Darmagi von Gaja mit tiefgründiger Mineralität – WT96. Schon etwas ältlich erschien zu Anfang der rustikale, kräftige 1976 Vosne Romanée Les Suchots von Camille Giroud, der sich aber im Glas prächtig entwickelte und immer mehr ausbaute – WT92. Rustikal, aber blutjung und mit großer Zukunft der kräftige 2004 Hermitage von Chave, die Nase roch zu Anfang etwas wie „Schaf von hinten“, aber immer mehr kamen Johannisbeere und Schwarzkirsche, pfeffrige Würze – WT94+.

Prowein auf dem Siedepunkt

So wie früher zu Prowein Zeiten im Restaurant Schorn die Erde bebte, tut sie das heute im Marli. Ich hatte mir rechtzeitig einen Tisch gesichert, an dem ich mit zwei Düsseldorfer Weinfreunden, mit Paula Bosch, Dirk Niepoort, Marc Hochhar und vielen, weiteren Winzerfreunden Weine aus unseren Kellern verkostete.

Die Aufzählung dessen, was ich hier aufführe, entbehrt jeder Vollständigkeit, denn da gingen gerade zu späterer Stunde so viele Gläser von Tisch zu Tisch, da war nichts mehr mit angestrengt verkosten und mitschreiben.

Große Überraschung die 2010 Lieser Niederberg Helden Auslese Goldkapsel, die und Franz Josef ans Herz legte. Die wirkte mit ihrer rassigen Säure und der Schiefermineralität so animierend und frisch, und zeigte dabei eine wunderbare, finessige Leichtigkeit – WT93. Rot und älter ging es danach gleich ins Eingemachte, aber auch mit erstaunlicher Frische. Die zeigte der immer noch so vitale 1964 Gevrey Chambertin von Dupart Ainé mit wunderbarer Frucht und feiner Süße – WT94. Auch der darauffolgende 1964 Chateauneuf-du-Pape von Camille Giroud hatte den dampfenden Misthaufen vom Bauernhof in der Nase, war am Gaumen noch so vital mit enormer Würze, Tiefgang und Länge – WT94. Ein echtes Prachtstück der 1978 Chambertin von Jaboulet-Vercherre mit guter Kirschrfucht, mit jede Menge Charme, Kraft und Fülle – WT95.

Aus dem Rahmen fiel leider der 2004 Barca Velha, den einer aus unserem Kreis entgegen besserem Zureden unbedingt Dirk Niepoort vorsetzen wollte. Der roch nur kurz dran und meinte dann kurz und knapp, so etwas möchte er nicht trinken. Bleibt zu hoffen, dass das, was da als leicht fauliger Muff einer hundert Jahre nicht mehr gelüfteten, alten portugiesischen Villa aus dem Glas kam, keine repräsentative Flasche war.

Da zeigte selbst der 1945 Cantemerle in einer hlländischen Abfüllung von Lupe, Cholet & Co mit seiner traumhaften, Schwarzen Johannisbeere noch deutlich mehr Frucht. Voll da war dieser Wein noch mit guter Struktur und Säure – WT94. Fehlerhaft war leider der 1952 La Dominique aus St. Emilion in einer französischen Hanapier-Abfüllung.

Überhaupt nichts mehr hatte ich mir von einer Hochrisikoflasche 1929 Beaune Marconnets in einer Nicolas Abfüllung versprochen. Beginnende Farbausfällung und gut 6 cm Schwund waren kein gutes Zeichen. Aber Franz Josef meinte nur, die machen wir auf. Und dann kam wieder eines dieser Burgunderwunder. Der Klebstoff in der ersten Nase wandelte sich immer mehr in Marzipan und auch am Gaumen entwickelte sich eine feine, immer generöse Süße. Das war um Längen mehr als nur trinkbar – WT92.

Völlig perplex war ich dann, als dieser 1950 Beychevelle in mein Glas kam. Der hatte ein zwar helle, aber so klare, brilliante Farbe und dazu so eine feine, pikante Cassisfrucht, viel Frische, Eleganz und burgundischen Charme, dazu feinen Schmelz im Abgang, alles so stimmig, balanciert und altersfrei – WT96. Da kam auf hohem Niveau der dichte, kräftige und ebenfalls noch recht jung wirkende 1955 Canon nicht mit – WT94. Wohl aber der 1961 l´Arrosée, denn das war einfach 1961 vom Feinsten, ein wunderbarer, zeitlos eleganter Schmeichler, den ich in dieser Form schon häufig trinken durfte – WT95.

Enttäuschend leider der 2000 Pingus, der einfach nur dick und müde wirkte, aber immer noch Substanz zeigte, der hatte einfach nur einen schlechten Tag – WT88+.

Nie wirklich anfreunden konnte ich mich mit 1964 Leoville las Cases, doch diese perfekt gelagerte Flasche belehrte mich eines Besseren, so jung und absolut großartig, immer noch frische Frucht, feine Mineralität, Zedernholz, hätte gut auch aus den 80ern kommen können – WT96. Und dann war da noch zum beidhändig saufen ein 1981 Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve aus der Doppelmagnum. Schon erstaunlich, um wie viel besser so ein Wein aus dem großen Format sein kann. Immer noch sehr schöne, beerige Frucht, Minze, Leder, keinerlei Alter, gutes Gerüst reifer Tannine, ging stylistisch als schöner Medoc durch und legte enorm in der Karaffe zu – WT93.

Champagner von Selosse hat es noch gegeben, einen großartigen, deutschen Schlossberg Spätburgunder, einen jungen, guten Musar und mehr. Aber ich hatte keine Lust mehr zu schreiben. Sobald es eine App gibt, die Lallen in Sprache umsetzt, fange ich zu später Stunde an zu lallen. Bettreif war ich ohnehin. Wartete doch am nächsten Tag das Festival des Grauens auf mich, die Präsentation der 2013er Bordeaux.

Bye Bye Prowein

Tradition hat er, dieser letzte Prowein-Abend in der Casa Mattoni, wo wir zu wunderbarer, italienischer Küche nicht nur der Prowein Adieu sagen, sondern auch guten Freunden, mit denen wir diese spannenden Messetage verbringen durfte. Und dafür gräbt der Wineterminator noch mal tief in seinem Keller.

Als Apero verwöhnte uns Jörg Müllers Sohn Jan Sören mit einem sehr schönen, feinperligen 2004 Billecart Salmon Blanc de Blancs. Das war Eleganz pur mit Zitrus und apfeliger Frucht, kalkiger Mineralität und frischem Brioche – WT93. Viel Luft brauchte die 1970 Braunberger Juffer Sonnenuhr feinste Auslese von Fritz Haag und wurde dann sehr fein mit dezenter Honigsüße und Bienenwachs, am Gaumen mit cremiger Textur – WT92. Reif war die 1952 Bernkasteler Bratenhöfchen Spätlese von JJ Prüm, aber immer noch vital und ohne Alterstöne, dafür etwas Zuckerrübensyrup und gute Säure – WT91. Da suchte auch Markus Molitor in Vosne Romanée, als er blind seinen 1999 Spätburgunder „R“ Molitor vor sich hatte. Aber da hätte dieser herrliche Wein mit seiner burgundischen Pracht und Fülle und der feinen Süße auch herkommen können – WT94.

Aus seinem Geburtsjahr gäbe es nicht viel vernünftiges, meinte Christian Tesan, der Wein-affine Juniorchef des Hauses mal zu mir. Da konnte ich ihn leicht eines Besseren überzeugen. Der kernige, edel-rustikale 1981 Hermitage von Chave war sicher reif, zeigte sich aber dank kräftiger Säure noch so frisch mit pikanter, rotbeeriger Frucht, aber auch erster, feiner Süße – WT93. Die großartige Qualität älterer l´Arrosées zeigte sich dann beim 1959 l´Arrosée in einer Barrière-Abfüllung, der zwar reif war, aber kein Alter zeigte. Bei allem Charme war da noch eine enorme Substanz, Kraft und Länge, dazu eine schöne Süße. Hier ist sicher keine Eile geboten – WT95. Wie eine Eins stand der 1953 Figeac in einer deutschen R&U Abfüllung im Glas. Er präsentierte sich als großer, kompletter Bordeaux mit Kraft, Fülle, Spannung und irrer Länge – WT96. Großes Flaschenglück hatten wir auch beim raren 1971 Barbaresco Sori Tildin von Gaja. Der startete zwar mit einer fürchterlichen Nase, doch die glättete sich mit Luft und der Muff machte schöner Frucht Platz. Am Gaumen Minze, kandierte Kräuter, feine Süße und eine gute Länge – WT95. Nur im Schneckentempo entwickelt sich der 1986 l´Eglise Clinet, der sich immer noch so kräftig, dicht und zupackend mit herber Bitterschokolade zeigte. Da ist bis zur Reife noch längere Wartezeit angesagt – WT94+. Etwas weiter entwickelt und dabei so elegant, schokoladig und schmelzig, aber auch enorm druckvoll und würzig mit feiner Kräuternote der 1983 Trotanoy - WT95. Revanchiere konnte ich mich jetzt bei Jan Sören mit einem grandiosen 1991 Dalla Valley Cabernet Sauvignon aus seinem Geburtsjahr. Das war so eine richtig geile, kalifornische Wuchtbrumme mit satter, dunkelbeeriger, kalifornischer Frucht, mit Minze, Graphit und einem Hauch Eukalyptus, blieb sehr lang am Gaumen – WT96. Irritierend dann zunächst der 1990 Beaucastel Hommage Jacques Perrin aus einer über 20 Jahre unberührt liegenden OHK. Den hatten wir jetzt wohl aus dem Tiefschlaf geweckt. Zumindest machte der erste Schluck diesen Eindruck. Aber dann ging mit viel Luft in einem Höllentempo die Post ab, so als ob aus einer kleinen Flasche plötzlich ein mächtiger Riese steigt. Einfach ein verrückter Wein mit explosiver Aromatik und rrem Tiefgang, die Essenz von Beaucastel, wie ein 89er mit Turbolader – WT99+. Und warum „+“? Weil ich ihn beim nächsten Mal noch ein paar Stunden vorher wecke, damit er wirklich alles zeigen kann. Einfach sexy und immer noch so frisch als Abschluss der 1994 Silver Oak Alexander Valley mit betörender, minziger Beerenfrucht und der typischen Beerenfrucht – WT94.

Und was hab ich direkt danach gemacht? Natürlich in allen drei Lokalitäten die Tische für 2017 bestellt. Hart arbeiten wollen wir tagsüber bei der Prowein und natürlich spucken. Aber Abends wird gezaubert!