1948

Beileibe kein schlechtes Jahr in Bordeaux, dafür aber zwischen 47 und 49 ein weitgehend vergessenes. Dabei lassen sich in 48 durchaus attraktive Weine finden.

Eine ganz große Überraschung war 2006 auf der großen Cos-Probe Cos d´Estournel, der sich für diesen häufig übersehenen Jahrgang ganz erstaunlich schön präsentierte. Lediglich die Nase war etwas verhalten. Am Gaumen präsentierte er sich so fein und schmelzig mit so toller Süße – 94/100. Zuletzt 2009 in einer französischen Händlerabfüllung von Georges Moreau&Fils mit sehr gutem Füllstand. Relativ helle Farbe, feine, rotbeerige Frucht, Himbeere, zunächst viel Säure und schon etwas gezehrt wirkend, baute mit Luft enorm im Glas aus, blieb dabei filigran mit delikater Frucht und unendlicher, an reife Lafites erinnernder Eleganz mit guter Länge am Gaumen – 90/100.

Lafite Rothschild war 2010 so fein, so elegant, burgundisch im besten Sinne mit wunderbarer Süße war dieser Wein, schön, dass diese Flasche vor den Chinesen gerettet wurde – 95/100. Latour habe ich nur aus einer 1/2 getrunken, 1995. Blühte nach 1/2 Stunden einmal kurz auf, war aber vorher und nachher gut trinkbarer, etwas astringierender Wein, der seinen Zenit deutlich überschritten hat. In größeren Formaten vielleicht noch interessant. Lynch Bages war 2008 total hin und schmeckte eher wie frisch exhumiert, ein fürchterliches, etwas an Brennspiritus erinnerndes Gesöff, mit dem man jede Bewertungsskala nach unten eichen könnte. Mouton Rothschild zeigte 1999 neben Kaffeetönen viel flüchtige Säure, war aber noch gut trinkbar. Pichon Comtesse war 2001 auf einer großen Comtesse-Probe leicht over the hill, aber immer noch ganz angenehm.

Leoville las Cases war 2010 ein eher schwieriger Wein, der nur zum Essen kurz etwas aufblühte und dann zunehmend zerfiel – 81/100.
Palmer in der deutschen Abfüllung einer Firma Wilh. Meier aus Bremen hatte 2008 zwar immer noch eine gesunde Farbe und zeigte die feine Aromatik und Eleganz eines gereiften Margaux, doch störte die hohe Säure. Auch der lakritzige Abgang war ziemlich säurebetont – 87/100.

Deutliches Alterungspotential dürfte auch La Mission noch haben. 1993 auf Rodenstocks 14. am Arlberg aus der Marie Jeanne reife Farbe, zunächst störende Säure, die aber verflog, wurde dann sensationell, 2000 auf einer Probe sehr dichte Farbe mit leichtem Orangenrand, deutlich spürbarer Merlot mit Himbeerton, am Gaumen eckig, etwas rustikal, sogar noch verschlossen wirkend, viel Kraft und Dichte, noch lange Zukunft 92/100. Haut Brion hatte 2006 eine sehr schöne Nase mit feiner Süße und faszinierender Aromatik. Die setzt sich am Gaumen nur bedingt fort, da eine hohe, aggressive Säure alles überlagert. Wird mit der Zeit im Glas etwas gefälliger – 84/100.

Star des Jahrgangs ist Cheval Blanc, den es in sicher einem guten Dutzend Abfüllungen gibt. Ich habe ihn zwischen 1995 und 1999 fünfmal aus unterschiedlichen belgischen und französischen Händlerabfüllungen getrunken. In den besten Flaschen ist der 48er nicht weit vom 47er Cheval Blanc weg. Nicht ganz so opulent und einen Hauch schlanker, aber auch ungemein dicht und fleischig mit feiner Süße. Gut gelagert können 48er damit ohne weiteres noch ihren 70. Geburtag feiern. Das zeigte sich auch 2006 auf der großen Cheval Blanc Probe. Da hielten wir blind den 48er für den 47er. Der hatte in einer französischen Händlerabfüllung eine superdichte, rabenschwarze Farbe, war portig, dicht, unglaublich dekadent füllig, etwas überreif, reichlich Kaffee, opulent, mehr Kraft als Finesse - 99/100. Auch 2008 war das ein üppiger, schokoladiger, riesengroßer Wein mit massiver, darunterliegender Säure, die aber tragend und gut eingebunden ist – 98/100. Ein paar Wochen später auf René Gabriels großer Cheval Blanc Probe verdarb nur ein übler Kork den sicher ähnlichen Genuss.
Lafleur war 2010 norm kräftig und fleischig, aber auch mit leichter Strenge, die Bitterschokolade hatte hier 100% Kakaoanteil. Trotzdem für den Jahrgang ein großartiger Wein – 94/100. Vieux Chateau Certan zeigte sich 1998 selbst in einer lausigen `ms`Flasche kräftig und üppig und erinnerte dabei an den 47er.
Den 48er Sauternes fehlte es an Dichte und Konzentration. Yquem hatte 1988 eine schöne Farbe, verabschiedet sich sehr schnell und hatte einen leicht unangenehmen Nachgeschmack.

Sicher lohnt die Suche auch im Burgund, wo nicht nur mit der Hilfe von „Herrn Chaptal“ eine Reihe von durchaus passablen, alterungswürdigen Weinen entstanden.
Einfach grandios 2008 ein Musigny von Bichot mit seiner wunderbar reifen Pinot-Nase und der immer noch recht dichten, jünger wirkenden Farbe. Sehr generös am Gaumen mit schöner Süße und feinem Schmelz – 95/100.

Guter Jahrgang im Elsass. Leider fehlten 2008 12 cm beim Gewürztraminer Grand Cru von Hugel. Der hatte eine überraschend schöne Nase, doch am Gaumen war das allenfalls ein noch so gerade trinkbarer, furztrockener Sherry.

Kein Genuss mehr 2011 ein Mertert-Herrenberg Gewürztraminer 1er Cru von Kayser-Burmerange aus Luxemburg.

Auch alte Barolos sind noch eine Suche wert. Ein Barolo von Borgogno brauchte 2008 viel Luft und Zeit um sich richtig zu entwickeln. Als Hustensaft pur kam er ins Glas. Auch am Gaumen war er erst etwas flach. Das gab sich jedoch mit der Zeit. Er baute im Glas enorm aus und entwickelte immer mehr Komplexität und Länge. Dabei blieb er sehr kräuterig mit Salbei ohne Ende – 93/100.

Vega Sicilia Unico war 1999 aus zwei Flaschen weitgehend hin. Doch zuletzt 2011 war er noch quicklebendig und ein wirklich großer Unico, der an 68 und 70 erinnerte, noch so dicht, kräftig und lang mit guter Säure und Kräutern ohne Ende – 95/100. Vina Real Reserva Especial von CVNE war 2008 zu Anfang etwas verhalten und brauchte viel Luft, kam dann aber sehr gut. Ein fleischiger, kräftiger Wein mit viel Kaffee und nur verhaltener, malziger Süße. Scheint noch etliche Jahre vor sich zu haben – 91/100.
Als Wein-Chamäleon erwies sich 2008 ein YGAY Blanco Reserva von Marques de Murrieta. Ein kräftiger Wein, mit hochinteressanter, sich ständig wechselnder Aromatik. Wirkte zu Anfang erst etwas senil mit der Nase eines alten Armanacs, wurde dann immer kräuteriger, legte mächtig zu und veränderte sich ständig im Glas, ein facettenreicher, feiner Tropfen ohne Alter – 90/100.

Risiko pur war 2005 ein bei Ebay für wenig Geld erworbener 1948 Pfälzer Landwein der Weingroßhandling W. Niehenke aus Hameln. Das, was wohl mal ein Rotwein war, hatte inzwischen eine helle Farbe, dazu eine staubig-muffige Nase, am Gaumen kein Genuß mehr, aber man starb nicht dran und in 1948 Geborene hätten ihn vielleicht auch noch schöngeredet. Eine Winzenheimer Berg feine Auslese von August Anheuser hatte 2008 eine güldene, brilliante Farbe, keinerlei Alter, ein faszinierender, sehr harmonisch balancierter Wein, bei dem einfach alles stimmte, Süße, Säure, Frucht und extreme Länge am Gaumen. Und das alles mit einer schier unglaublichen Eleganz und Leichtigkeit, Süßwein geht anders, aber kaum besser – 97/100.

Vereinzelt soll es aus diesem eher kleineren Jahr auch gute Champagner gegeben haben, z.B. von Salon. Ich habe bisher nur einen dafür um so erstaunlicheren, deutschen Sekt getrunken, einen Söhnlein Schloß Johannisberger Jahrgangssekt. Nur beim Einschenken war noch ein leichtes Restmousseux zu erkennen. Ansonsten war das kein Sekt mehr sondern Wein, und der hatte es in sich. Tiefe, bräunlich-güldene Farbe, malzige Süße, karamellig, aber auch etwas Säure und nur ganz leicht oxidative Töne in der Nase. Am Gaumen rund, weich, einfach herrlich zu trinken mit langem Abgang und dabei durch die Säure erstaunlich frisch wirkend. Auch dieser Wein muss früher einmal deutliche Restsüße gehabt haben, die inzwischen völlig aufgezehrt ist. Einfach ein grandioses Altweinerlebnis. Da stand zwar Söhnlein auf der Flasche, innen drin war aber schon der Chef – 93/100.

Ein sehr guter, aber oft übersehener Port-Jahrgang, in dem sich noch einige Schnäppchen machen lassen.
Burmester Vintage Extra Selected, Bottled 1951, war 2008 bei Jörg Müller ein irres, faszinierendes Teil, Kaffee, Schokolade, Schoko, Mokka, dunkles Toffee, immer noch gute Frucht und viel finessiges Spiel mit seiner Aromatik förmlich aus dem Glas und bleibt ewig lange am Gaumen, baut im Glas nicht ab, sondern absolviert so eine Art Verjüngungskur. Immer stärker kommt mit zunehmender Luft Amarenakirsche mit Marzipan, eine echte Port-Legende – 98/100.

Ein tolles Weinerlebnis war im Februar 2004 ein namenloser Tinto Reservado aus Chile, mit viel Risikofreude kurz vorher bei Ebay ersteigert. Er entpuppte sich als ganz großer, perfekt gereifter Wein, mit der leicht karamelligen Süße von der Nase her wie ein nicht zu alter YGAY, am Gaumen reif, aber noch mit erstaunlicher Kraft, ein tolles Weinerlebnis, da gibt´s keinen 48er Bordeaux, der drüber kann 96/100