1972

Ein in großen Teilen verregneter, kühler Sommer ließ in Bordeaux die Trauben nicht richtig ausreifen. Das Ergebnis waren dünne, säurelastige Weine mit wenig Frucht und noch weniger Zukunft. Das hinderte Winzer und Handel aber nicht daran, kräftig an der Preisschraube zu drehen. Vielleicht waren Kunden damals schlauer als heute. Das Bordelais bekam nämlich postwendend die Quitttung und sowohl Preise als auch Verkäufe stürzten in den Nachfolgejahren dramatisch ab.
Seit 1994 habe ich keinen 72er Bordeaux mehr getrunken und habe auch keine Sehnsucht danach, allenfalls in perfekt gelagerten Jeros oder Impis.
Meine letzten 72er Erlebnisse aus 94 waren ein Mouton Rothschild mit schöner Nase, der sich aber ganz schnell im Glas verabschiedete, ein unharmonisches kurzes Säuremonster namens Gruaud Larose und eine akzeptable Beychevelle Magnum.
Am meisten Spaß hat mir Anfang der 90er ein Chateau de la Rivière aus Fronsac gemacht. Den hatte ein amerikanischer Importeur in Gallonen-Flaschen(3,8 l) abfüllen lassen und dann nicht abgenommen. Zum Spottpreis von umgerechnet € 35 kam ich so zu einem perfekt gereiften, wunderbar trinkbaren Bordeaux.
Umso überraschter war ich 2006 auf der großen Ducru-Probe von Ducru Beaucaillou, die perfekte Nase eines großen alten Weines mit Kaffee, Mokka und Fruchtsüße, am Gaumen war er etwas kurz 87/100. Die Nase alleine war sicher 95/100 wert. Ein 2008 getrunkener Lynch Bages war sehr hell, hatte in der Nase noch Fruchreste, aber auch die weniger anmachende Aromatik eines vollen Staubsaugerbeutels, am Gaumen sehr gezehrt mit Säure ohne Ende – 72/100.
Auch in Sauternes war 72 ein kleines Jahr. Viele Chateaus deklassierten ihre Weine und füllten sie nicht unter eigenem Namen ab. Ich habe aber 1998 mit großem Vergnügen zweimal den Climens getrunken, sehr fruchtig mit kräftiger Säure und schöner Länge.

In Burgund sprach man damals sogar von einem großen Jahr. Ich kann das nicht nachvollziehen.
Bester Burgunder war für mich 1997 auf einer Drawert-Probe ein kompakter, kräftiger Richebourg von Charles Deroy – 91/100. Der Richebourg von DRC hingegen zeigte im selben Jahr bei Schorn schon deutliche Brauntöne, deutliche Brauntöne, roch seltsam nach einer großen Wurstplatte, war am Gaumen deutlich gezehrt und schien lange über den Höhepunkt weg – 84/100. Grands Echezeaux von DRC war 2011 sehr fein, sehr elegant mit schöner Süße, kein Hammerwein, eher filigran und etwas kurz an Gaumen, aber ohne Alterstöne und erfrischend wie ein schöner Riesling – 92/100.

Sehr gute Weine wurden 1972 an der nördlichen Rhone gemacht. Den Hermitage La Chapelle von Jaboulet Ainé habe ich Mitte der Neunziger sowohl in mittelmäßigen Flaschen erlebt, als auch einmal 1995 grandios auf einer Hermitage La Chapelle Probe.
Überraschend schön von der südlichen Rhone 2006 ein Chateau de Beaucastel. Brilliante, junge Farbe, cremige Würze und Fülle, weißer Pfeffer, dabei so fein und delikat. So elegant und lang, burgundisch im besten Sinne. Da müssen die neueren Beaucastels erst mal hinkommen – 94/100. Allerdings ist hier eher Eile angesagt. Wenn Sie ihn noch finden, oder sogar noch haben, bitte nicht dekantieren(was wir gemacht haben) und einigermaßen zügig trinken. Bei uns wurde er im Glas mit der Zeit bäuerlicher, rustikaler und baute langsam ab Richtung 91-92/100.

Kleiner Jahrgang im Elsass. Bisher nicht verkostet.

Nicht fündig dürfte man auch in Australien werden. Der Penfolds Grange war sowohl 1994 als dann auch 1999 auf der Grange-Probe in Lehrbach säuerlich und hin.

Sehr schön war 1993 der Sassicaia, aber schon 1996 auf Ungers großer Sassicaia-Probe zeigte er deutliches Alter und erste Mahagonitöne. Den würde ich heute nicht mehr anfassen.

Zwiespältig war auf der Vega Sicilia-Probe 2001 der Unico. Aus der Magnum etwas kurz, etwas säuerlich, viel flüchtige Säure. Danach 2 1tel um Klassen besser und ganz wunderbar mit cremigem Schmelz. Zuletzt 2007 kein Riese, aber sehr schön zu trinken mit nicht zuviel Säure und lakritziger Aromatik – 92/100.

Für Rotweinfans die sicherste Bank in 72 ist Chateau Musar aus dem Libanon. Der Lieblings-Musar von Serge Hochar präsentierte sich zuletzt im Sommer 2003 in absolut bestechender Form und wurde in einer Blindprobe für einen großen Medoc gehalten.

Unterschätzt habe ich sicher Heitz Martha´s Vineyard aus einem insgesamt schwachen Kalifornien-Jahr. Ich habe davon sehr gute und grausame Flaschen getrunken. 1998 mit René Gabriel in Zürich zeigte ein kräftiges dunkelrotbraun und eine intensive Eukalyptusnase, lebte aber bereits gefährlich. Doch zuletzt 2011 auf der großen Heitzprobe der Ungers hatte dieser Traumstoff erstaunlich viel Kraft, aber auch Eleganz, feine Süße, Minze pur, langer Abgang, kein Alter – 95/100.

Bliebe als Alternative noch Tokay. Ein Tokay Aszu 6 Puttonyos Különgeles Minösegle Feherbor war 2006 staubig, trüb mit einer fast ins Graue gehenden Farbe, am Gaumen sehr süß, aber auch mit einer irren Säure, wie eine Kreuzung aus Madeira und Sauternes - 90/100, dürfte recht langlebig sein.