1986 Margaux ein Sch...wein?

Der 86er Margaux ist ein richtiger Sch...wein, so ein guter Freund und renommierter Weinhändler kürzlich am Telefon. Auf einer 86er Probe war der Margaux mal wieder im Konkurrenzvergleich fürchterlich untergegangen.
Aber ist er wirklich so schlecht? Parker scheint sich nicht mehr ganz so sicher zu sein. Aus den damaligen 96+/100 sind inzwischen 94/100 geworden. René Gabriel hält vom 86er Margaux gar nichts. Seine 16/20 sind für einen Premier Cru aus einem Top-Jahr quasi eine Hinrichtung.
Da musste ich gleich zwei Dinge tun. Als erstes habe ich meine eigenen Verkostungsnotizen gelesen. Mehrere Male habe ich den Margaux 1989 auf den 86er Arrivage-Proben probiert. Da gehörte er für mich stets zur absoluten Jahrgangsspitze, praktisch gleichauf mit 86 Mouton. Eine meiner damaligen, euphorischen Notizen lautete: ein Megatraum, typisches Margaux-Bouquet gepaart mit für Margaux untypischer, fast animalischer Kraft, wird mindestens 10 Jahre brauchen, Potential für 100/100. Vertan habe ich mich dabei wohl vor allem mit Letzterem, denn der Margaux wird wohl gut 20 Jahre brauchen, bis er sich nach der damaligen, faszinierenden Fruchtphase wieder öffnet. Das ist für einen wirklich großen Wein mit massiver Tanninstruktur nichts Ungewöhnliches. Der legendäre 28er Latour hat gut 50 Jahre gebraucht, bei vielen anderen 28ern aus dem Medoc waren es 20-40 Jahre. Auch 45 Mouton hat gut 30 Jahre gebraucht.
So steht denn auch bei allen weiteren Notizen ab 1995 in meiner Datenbank immer „noch 10 Jahre warten“.
Aber ich habe noch etwas getan. Ab in den Keller und eine Kiste mit halben Flaschen 86er Margaux geöffnet. In der Halben reift der Wein ja etwas schneller.
Diese Halbe habe ich dann sehr ruppig behandelt. Dekantiert in eine große Karaffe. Dort mit einem Belüftungsgerät behandelt, einer Art Blasebalg, der den Wein sehr feinperlig mit Frischluft duscht und den Dekantiereffekt drastisch verstärkt bzw. durchaus auch ersetzen kann. Dann ab ins Vinum Extrem Bordeaux. Dieses großvolumige Top-Glas demaskiert schwachbrüstige Blender gnadenlos, aus großen Weinen holt es aber ein Maximum raus. Trotzdem, der erste Schluck sowohl in der Nase als auch am Gaumen völlig nichtssagend. Einen total verschlossenen Wein können Sie auch eine Woche vorher dekantieren, das bringt überhaupt nichts. Allenfalls verschwinden noch letzte Reste von Frucht.
Doch so schnell habe ich nicht aufgegeben. Immer wieder in größeren Abständen probiert und nach gut 1 Stunde öffnete sich der Margaux, wenn auch sehr zögerlich. Und nach 2 Stunden gings dann richtig los.
Keine süße, nuttige kalifornische Wein-Operette, aber ein faszinierender, druckvoller Wein.
Feingliedrig, elegant und dabei sehr druckvoll am Gaumen mit toller Aromatik.
Das war wieder die Eisenfaust im Samthandschuh. Ich mußte spontan an den großen 53er Margaux denken. Bordeaux vom Allerfeinsten. Ich hatte da mit dem letzten Schluck sicher 96/100 im Glas, mit Potential für deutlich mehr. Der Margaux 1986 ist ein riesengroßer Wein, der sich einmal zur Legende entwickeln wird. Da bin ich mir absolut sicher. Was der Wein nur braucht, ist eben nicht eine noch ruppigere Behandlung, sondern einfach noch mehr Zeit.
1986 Chateau Margaux ist kein Sch...wein, sondern ein S...wein, ein Superwein, auf den es sich zu warten lohnt.

Meinem Freund und Weinhändler habe ich den guten Rat gegeben, einfach Geduld zu haben. Außerdem gesund zu leben, Sport zu treiben und sich richtig zu ernähren. Dann hat er die gute Chance, in 10-20 Jahren zusammen mit seinen inzwischen erwachsenen Kindern eine der großen Weinlegenden unserer Zeit zu genießen.