Bordeaux 2003

Zurückhaltung hatte ich seinerzeit zur Bordeaux Subskription 2003 empfohlen. Natürlich hat sich da nicht jeder dran gehalten. Zu euphorisch die Berichte von den Primeur-Verkostungen. Zu verlockend die Sirenengesänge der vielen Weinhändler.
Jetzt ist der Wein abgefüllt und muss zeigen, was er drauf hat. Klar ist der Zeitpunkt immer noch nicht ideal. Transport und Füllstress steckt nicht alle Weine so ohne weiteres weg. Im kommenden Herbst ergibt sich sicher noch ein klareres Bild. Doch zeigt die Ankunftsprobe im Frühjahr trotzdem meist ziemlich genau, wo die Reise hingeht. Auch Weingurus wie Parker, die bei den Primeur-Proben und ein Jahr danach noch mit Bandbreiten von 3-5 Punkten arbeiten, legen sich bei den abgefüllten Weinen entgültig fest.
2003 ist jetzt der 18. Jahrgang, den ich in Ankunftsproben verkoste. Leider gehört er nicht zu den Besten. Jeder Jahrgang muss sich an seinem Anspruch und natürlich auch an seinem Preis messen lassen. Da hat 2003 leider deutlich die Messlatte verfehlt.
Was ist schiefgelaufen in 2003? Die Formel je heißer = desto besser ist nicht aufgegangen. Der Supersommer 2003 hat keine Superweine zuwege gebracht. Den Weinen fehlt bei aller Frucht durchweg Struktur und der nötige Biss. Die Harmonie zwischen Frucht, reifen Tanninen, Mineralität und Säure ist einfach nicht gegeben. Während die kleineren Weine wenigstens noch nett, fruchtig und einfach mit Genuss zu verkosten waren, konnte ich mich bei den größeren Gewächsen dazu des Eindrucks nicht erwehren, dass hier auch Frankensteins Maschinen der modernen Kellertechnik zum Einsatz kamen.
Nicht etwa, dass die 2003 Bordeaux schlechte Weine wären. Sie sind eben nur einfach das viele Geld nicht wert. Wer fruchtige, früh trinkbare Weine mit hohem Spaß- und Hedonismusfaktor sucht, der muss keinen Premier Grand Cru für € 300 kaufen und auch kein Grand Cru für € 150. Das gibt es anderswo, z.B. aus Spanien, mit mindestens der gleichen Qualität für deutlich weniger.
An zwei Abenden habe ich das Mövenpick-Angebot genutzt und damit etwa 20 Weine jeweils 2mal verkostet. Los ging es mit 2003 Tourelles de Longueville. Der Zweitwein von Pichon Baron und in 2003 ein toller Wert, ein sehr gut strukturierter Wein mit schöner Frucht und guter Tanninstruktur, zeigt Fülle und Kraft am Gaumen und gute Länge. Konnte auch aus einer länger geöffneten Flasche voll überzeugen, ein preislich interessanter Wein mit beachtlichem Standvermögen, der sicher bis zu 15 Jahre viel Spaß machen wird – 91+/100.
Sehr positiv überrascht war ich auch von 2003 Ferrière. Ein sehr feinduftiger Wein mit schöner, rotbeeriger Frucht und wunderbarer Eleganz. Ein finessiger, eleganter Schmeichler, Ferrière scheint wieder auf dem Weg zu früherer Größe – 90/100. Recht schön auch 2003 Labégorce, ebenfalls ein feinduftiger, eleganterWein, aromatisch mit guter Frucht, wenn auch insgesamt etwas leichtgewichtig – 89/100. Gut gefiel mir auch 2003 du Tertre. Ein gefälliger, weicher Wein mit konzentrierter Frucht, dem aber die Struktur des großartigen 2000ers fehlte – 90/100. Etwas verschlossen und unnahbar war 2003 Pavillon Rouge. Mit dem konnte ich mich überhaupt nicht anfreunden. Der wirkte etwas eckig und ungenerös, massive Tannine, zuwenig Frucht, kurzer Abgang – 87/100.
Interessant war der Vergleich der Schwergewichte Margaux und Palmer. 2003 Margaux war ein sehr konzentrierter Wein mit hoher Säure, massiven Tanninen, wirkte aber auch etwas unharmonisch. Die Margaux´sche Eleganz kam nur ansatzweise rüber, irgendwo wirkte der Wein bei aller sicherlich vorhandener Substanz etwas unausgewogen, als ob jemand versucht hatte, ihn im Keller zu verschlimmbessern. Das war Grand Cru Trinken mit angezogener Handbremse. Mit der Zeit wird da sicher noch etwas mehr kommen, so dass aus den 91/100 dieses Abends in ein paar Jahren durchaus noch 93-94/100 werden können. Um Längen besser der 2003 Palmer, sehr elegant, fein, mit schöner Frucht, Kaffee, etwas Schoko, tolle Struktur, baute wunderbar am Gaumen aus und zeigte schöne Lange, ein sicherer Wert mit viel Zukunft – 94+/100.
Garnicht klar kam ich mit 2003 Gruaud Larose. Wenig Tannin, schwabbelige Struktur, ein mageres Weinchen, unharmonisch mit viel zu hoher Säure, wurde im Glas mit der Zeit kaum gefälliger. Mehr als 83/100 hatte ich an beiden Abenden nicht im Glas. Klar legt Gruaud oft in den darauffolgenden Jahren noch zu, aber bei dem niedrigen Ausgangsniveau kann das nicht allzu viel werden. Wenn ich da an den überragenden 2000 Gruaud Larose denke, den ich damals noch während der Arrivage nachgekauft habe....
2003 Clerc Milon hatte eine feine kirschige Frucht, entwickelte in der Nase aber eine immer stärkere Brettamycose, wirkte insgesamt etwas unsauber und leichtgewichtig – 87/100. 2003 Haut Bages hatte ein schönes, fruchtiges Bouquet und startete am Gaumen vorne dicht und spannend mit konzentrierter Frucht, war aber extrem schwach im Abgang – 87/100. Gut gelungen ist 2003 Batailley, ein Wein mit Biss und Struktur – 91/100.
Einer der schönsten Weine der Verkostung war 2003 Lynch Bages, übrigens einer der wenigen Weine mit einer wirklich tiefen Farbe. Ein großer, fülliger Charmeur, kraftvoll, sehr zugänglich, einfach rund und lecker. Für einen richtig großen Lynch Bages fehlt ihm allerdings die Struktur – 93/100. Enttäuschend, auch im direkten Vergleich, die Pichon Comtesse de Lalande. Am ersten Tag war das ein sehr feiner, eleganter Wein mit üppiger Beerenfrucht, etwas schwabbeliger Struktur, wenig Körper und ziemlich kurzem Abgang. Am zweiten Tag aus einer schon länger offenen Flasche wirkte die Comtesse einfach nur weich, lecker und langweilig. Ein nicht unattraktiver Schmeichler für den schnellen, unkomplizierten Genuß. Schade nur, dass die Qualität eher Reserve de Comtesse und der Preis Comtesse ist – max. 92/100.
Schwer einzuschätzen war 2003 Mouton Rothschild. Er wirkte recht verschlossen und man hatte fast das Gefühl, dass er im Glas weiter zuging. Aber da war auch eine dichte Farbe, pralle Frucht, massig Röstaromen, feinsandiges, mächtiges Tannin und eine Symmetrie zwischen den einzelnen Komponenten – 94+/100.
Interessant auch der Vergleich Haut Brion/La Mission. 2003 Haut Brion war der mächtigere der beiden, ein sehr nachhaltiger, kräftiger Wein mit massiver Tanninstruktur und toller Länge am Gaumen, könnte in den nächsten Jahren noch für so manche Überraschung sorgen – 94+/100. 2003 La Mission sehr viel feiner, finessiger, femininer, mit fast filigraner Frucht, aber trotz hohem Alkoholgrad auch etwas kraftlos wirkend – 91+/100.
Nur wenig Weine gab es bei Mövenpick vom sogenannten rechten Ufer, das aber 2003 ohnehin eher schlechter abgeschnitten hat.
Sehr weich, gefällig, schmelzig und einfach lecker der unkomplizierte 2003 Le Blason de L´Evangile, mit Röstaromen ohne Ende – 89/100. Ein Langstreckenläufer mit feiner, süßer Frucht, aber massiven Tanninen 2003 Troplong Mondot, braucht sicher noch 5 Jahre, bis er alles zeigt, was in ihm steckt – 90+/100.
Da kam dann fast wie eine Erlösung 2003 Pavie-Macquin ins Glas. Jetzt ging endlich mal die Post ab. Tiefe, undurchdringliche Farbe, sehr reife Merlot-Frucht, mineralisch, komplex, ein irres Konzentrat mit Säure ohne Ende, das den Gaumen richtig fordert, hat das Zeug dazu, einer der Weine des Jahrgangs zu werden und war in jedem Fall der überzeugenste Wein aus 2003 dieser beiden Abende – 95+/100.
Nicht nur preislich interessant aus Fronsac der 2003 Haut Carles. Leicht animalische Nase, Lakritz, dunkle Früchte, großes Käsebrett, wenig Säure, sehr weiche Tannine, wirkt aber auch etwas gemacht und breit, sicher ein Wein für den frühen Genuß – 89/100.
Eigentlicher Star des Abends war für mich aber 2003 Nectar des Bertrands, die Prestige Cuvée des Chateau Les Bertrands, einem 1iéres Côte de Blaye. Unkomplizierter, sehr attraktiver Genuss auf hohem Niveau. Üppige, reife rote Früchte, Röstaromen ohne Ende, sehr reife, weiche Tannine, langer Abgang. Ein eleganter, seidiger, fruchtiger Wein mit Schmelz ohne Ende und sehr hohem Spaßfaktor – 93/100. Zum hier und jetzt Trinken der deutlich schönste 2003er des Abends und für € 16,90 ein Angebot, das man einfach nicht ablehnen kann. Sicher aber mit Potential für 10+ Jahre. Ich habe sofort an Ort und Stelle zugeschlagen. Dabei ist der Nectar des Bertrands trotz fehlender Gabriel- und Parker-Punkte kein unbekannter. Schon im Jahrgang 2000 war das für mich der klare Preis-/Leistungssieger.

Klares Fazit: 2003 ist im mittleren und oberen Preisbereich sein Geld nicht wert. Aber im Preissegment bis € 30 lassen sich sicher eine Menge sehr schöner Weine für den frühen Genuß finden.
Übrigens stand ich mit meiner sehr skeptischen Meinung zu 2003 nicht alleine. Praktisch an beiden Abenden war das quasi „die Stimmung im Saal“. Wir gingen in unserem kleinen Kreise noch einen Schritt weiter. Ein 2000 Monbousquet demaskierte den Jahrgang 2003 entgültig. Klar, der hat drei Jahre Entwicklungsvorsprung. Aber er setzte auch auf alle vorherigen Weine noch eins drauf. Der hatte nicht nur eine traumhafte Frucht und eine fantastische Aromatik, nicht nur eine irre Länge und Fülle, da war auch eine perfekte Harmonie zwischen allen Bestandteilen, einfach ein großer Wein aus einem Guß, übrigens voll trinkbar – 96/100. Exemplarisch für so viele 2000er zeigte er durch seine perfekte Struktur, dass 2000 ein echter Jahrhundertjahrgang ist, bei 2003 reicht es nicht mal zum Möchtegern.
Ach ja, dann hatten wir plötzlich noch einen 2001 Shafer Hillside Select im Glas. Was für ein Wein! Tiefes Purpurrot, aus dem Glas schossen explosive Aromen von Cassis, Schwarzer Johannisbeere, Vanille, getoastetem, süßem Holz, Bleistift, dunkle Schokolade, etwas Pfefferminz und Eukalyptus. An Gaumen noch sehr jung, zeigte bei aller Zugänglichkeit noch längst nicht alles, was er drauf hat, perfekt strukturiert, trotz unbändiger Kraft fast seidig mit irrem Abgang. Klar. € 170 sind eine Menge Holz, wirken aber gegen die € 250 für die Bordeaux Premiers aus 2003 schon fast wieder wie ein Schnäppchen. Das ist ganz böser, seriöser Stoff, der erst in 5-10 Jahren voll aufblüht, nur ist er heute schon so gut, dass es extrem schwer fällt, zu warten – 98+/100. Möchte ich gerne mal gegen 2001 Harlan trinken.