Gute Weine aus 1965 und anderen schwierigen Jahren

Wer in diesem Jahr 50 oder 60 wird, hat es einfach. Mit den großen Jahrgängen 1945 und 1955 besteht fast „Freie Auswahl“. Aber was ist mit den Armen, die aus so grausamen Jahren wie 1935 oder 1965 stammen? Wineterminator hat mit drei Weinen aus 1965 die Probe auf´s Exempel gemacht.

Mit einem frischgebackenen Geburtstagskind und drei Flaschen im Gepäck rückten wir Mitte Januar im Liedberger Gasthaus Stappen zu einem wunderbaren Menü an. Jetzt mussten nur noch die Weine mitspielen. Und das taten sie auch, und wie!

Den Anfang machte eine australische Weinlegende, 1965 Lindemans Hunter Valley Shiraz Bin 3110. In Australien gilt dieser, in Burgunderflasche abgefüllte Shiraz als einer der größten, jemals produzierten seiner Art. Als sogenanntes Museum Release kam er erst Anfang der Neunziger auf den Markt. Immer noch sehr kräftige Farbe, (über)reife, eingelegte Früchte, Rumtopf, ein Schuß Port, Schokolade, Kaffeenoten, trotz kräftiger Statur auch am Gaumen erstaunlich viel Finesse, die heftigen 14,5% Alkohol fallen kaum auf, sicher noch etliche Jahre gut haltbar und in dieser seltenen Kombination aus Kraft und Finesse ein Weinerlebnis, das auch Nicht-Geburtstagskindern größten Spaß machen dürfte - 95/100. Danach tranken wir 1965 Penfolds Shiraz Kalimna Vineyard, Penfolds erstem Jahrgang aus dieser Lage. In Australien wurde er auf Grund seiner hohen Qualität und des damals deutlich niedrigeren Preises auch als „Poor man´s Grange“ bezeichnet. Auch der zeigte noch eine ungewöhnlich kräftige Statur und wenig Alterstöne in der ebenfalls kräftigen Farbe. In der Nase reifer Shiraz mit Leder, Lakritz, Kräutern, aber auch leichten Jodtönen. Am Gaumen portig lecker mit schöner Länge, sicher in guten Flaschen wie dieser ebenfalls noch etliche Jahre haltbar – 92/100.
Den Abschluss bildete ein 1965 Roumieu-Lacoste aus Haut Barsac. Ich hatte diesen Wein aus einem kleineren, unbedeutenderen Gut und einem noch dazu lausigen Sauternes-Jahr vor langen Jahren einfach auf Verdacht erworben. Das Risiko hatte voll gelohnt. Der Wein erinnerte nicht nur von der Farbe, sondern auch von Nase und Gaumen her stark an die bittere englische Orangenmarmelade. Nur dezente, verhaltene Süße, schöne Frucht, sehr angenehmer Bitterton, immer noch gute Säure, passt sowohl als Aperitif als auch zum Abschluss eines Essens, in dieser Form sicher noch 5+ Jahre haltbar - 92/100.

Klar, so ein Glück wie wir an diesem Januarabend hat man nicht immer. 1965 war nun mal einfach überall in Europa ein grauenhaftes Weinjahr. Selbst im Libanon auf Chateau Musar war 1965 eins der wenigen Jahre, in denen überhaupt kein Rotwein produziert wurde. Hier bietet sich natürlich Australien als Alternative an, wobei es nicht unbedingt der auch und gerade in 1965 famose, aber sündhaft teure Penfolds Grange sein muss.

Ansonsten hilft nur Risikobereitschaft, wie ich es mit dem Roumieu-Lacoste getan habe. Immer wieder begegnen mir aus den unmöglichsten Jahren Überlebende. Meist sind das kleinere, oft namenlose Weine. Konkrete Empfehlungen über meine 1965er Verkostungsnotizen hinaus kann ich da leider nicht geben. Durchaus zu finden sein müssten noch trinkbare 65er von der Loire(Vouvray), aus dem Elsaß und aus dem Süden Frankreichs. Entscheidend ist aber in jedem Fall ein sehr guter Flaschenzustand und eine möglichst perfekte Lagerung. Gerade deshalb würde ich insbesondere in schwierigeren Jahren immer von den begehrten Trophäen wie Petrus, Mouton. Lafite&Co davonbleiben. Da sind Sie dann meist der soundsovielste Besitzer, und damit sinkt die Chance auf ein „Wunder“ dramatisch.

Kommen wir zu 1940, dem Jahr der heuer 65-jährigen. Da wurden zwar keine Weinlegenden erzeugt, aber doch viele recht passable Weine, insbesondere in Bordeaux, in Burgund und im Elsaß.

Den 70. Geburtstag sollten Sie in diesem Jahr mit einem Burgunder feiern. Da gab es damals in 1935 eine große Ernte sehr guter Weine.

Für die 75jährigen Jubilare bleibt aus 1930 wohl nur Tokay übrig.

Sollten Sie bei guter Gesundheit in diesem Jahr Ihren 80. Geburtstag feiern dürfen, dann investieren Sie einen Teil dessen, was Ihre Erben schon fest verplant haben, in Marques de Murriettas Castillo YGAY. Möglicherweise der beste Wein, den Sie in Ihrem Leben getrunken haben.

Und wenn Sie in diesem Jahr 90 werden, haben Sie das wohl nur durch regelmäßigen Konsum guter Weine geschafft. Da gehört dann mit einem der grandiosen 1915er Burgunder noch mal ein richtiges Highlight draufgesetzt.