Kalifornier aus den Goldenen 80ern

Goldene 80er? Gut, damals wurde in der Breite viel Mist in Kalifornien erzeugt, aber das gilt heute auch noch. Die viel zu teure Durchschnittsbrause, mit der Amerikas Liquor Stores heute überschwemmt werden, kommt hier gar nicht erst auf den Markt. Wir kennen hier nur die Spitze, und die hat sich gravierend gewandelt. Alkoholgrade von 15 und mehr Prozent, überbordende Frucht. Klar, gut gemacht haben diese Weine durchaus etwas für sich. Kürzlich hatte ich den ultra raren 2001 Foley Claret im Glas. Was für ein geiles Zeugs, süße, konzentrierte Frucht, aber nicht üppig und marmeladig, sondern mit unglaublicher Präzision und Finesse, voll trinkbar, Jungwein in seiner schönsten Form, der in den nächsten Jahren getrunken gehört. Altert so etwas? Sicher nicht so, wie die großen, modernen Spanier, denn hier fehlt einfach das Säuregerüst - 98/100. Und noch etwas fehlt. Wein wird in Kalifornien fast nur noch von jungen Reben geerntet. Großflächig mussten in Kalifornien die Weinberge neu bepflanzt werden, weil sich ausgerechnet hier die Reblaus wieder mit rasender Geschwindigkeit ausgebreitet hatte. Und so wird halt mangelndes Alter der Reben durch maximale Extraktion ausgeglichen. Da entstehen dann pralle Weine, die in der Jugend durchaus anmachend sind. Nur mit der Alterung und der Struktur der Weine sieht es schlecht aus. Auf Chateau Latour käme niemand auf die Idee, aus 5 Jahre alten Reben den Grand Vin zu machen. Aber das interessiert derzeit kaum jemanden. Schließlich kommen die modernen amerikanischen Weine dem amerikanischen Geschmacksbild sehr entgegen. „Thick, rich and creamy“ war in den USA schon immer angesagt und macht sich auch hierzulande immer mehr breit. Gehen Sie mal in eine sehr gute, italienische Eisdiele und essen hinterher einen Becher Häagen Dasz. Dann wissen Sie, was ich meine. Auf die großen Weine der 80er und davor musste man wie auf gute Bordeaux warten. Zu Unrecht galten deshalb diese Weine als hart, säurelastig und ungenerös. Aber diese Sorge gibt es bei den modernen Kaliforniern nicht mehr. Die erschließen sich gleich nach der Auslieferung. Kaufen, aufreißen, aussaufen. Durch die geile, jugendliche Frucht und die Süße wird der hohe Alkohol, der noch dazu ein guter Geschmacksträger ist, kaum wahrgenommen. Erst am nächsten Morgen, wenn man mit Mühe das Badezimmer erreicht, oder Nachts, wenn man angezogen vor laufendem Fernseher aufwacht. Und leider sieht es mit dem Alterungspotential dieser Weine, von ein paar rühmlichen Ausnahmen abgesehen, nicht gut aus. Junge Reben bleiben nun mal junge Reben. Deshalb liegen derzeit in vielen Kellern, auch hier in Europa, tickende kalifornische Zeitbomben.

Das waren noch Zeiten, als in Kalifornien Weine mit 12,5% Alkohol gemacht wurden. Weine, die man noch trinken konnte und die nicht so dick waren, dass man sie auch auf´s Brötchen schmieren konnte. Und natürlich Weine, die wie gute Bordeaux altern konnten. Und auf genau solche Weine hatte ich nach ein paar sehr enttäuschenden Erlebnissen mit hoch bewerteten, aber inzwischen bereits völlig platten Kaliforniern aus den 90ern richtig Lust. Also wählte ich aus meinem Keller ein paar Einzelflaschen aus den 80ern und lud ein paar gute Freunde in eins meiner Lieblingslokale ein, das Dado im Düsseldorfer Ortsteil Oberkassel. Küchenchef Yves Blocks freche, aromatische Cross Over Küche und der charmante, erfrischende Service der Dado-Crew passten ideal zu dem, was an diesem Abend in die Gläser kam.

Wir starteten mit einem 1986 Forman. Dichte Farbe mit ersten, dezenten Reifetönen, Zedernholz ohne Ende, feine Minztöne, aber auch etwas kräuterige Nase und alte Sattelledertasche. Am Gaumen weich und aromatisch. Wirkte erst etwas flach, entwickelte sich aber sehr gut im Glas. Ein schöner Cabernet, der stilistisch auch aus Pauillac kommen könnte – 91/100. Grandios dann 1986 Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve. Im Duty Free auf dem Flughafen Los Angeles hatte ich dieses Einzelstück fast taggenau vor 16 Jahren gekauft. Da hatte er wohl nur kurze Zeit im Regal gelegen, den der Wein war in einem Superzustand. Superdichte Farbe ohne Alter, reife dichte Frucht, Brombeere, schwarze Johannisbeere, etwas Minze, aber nichts fettes oder üppiges, stattdessen viel Struktur und Kraft, dazu eine perfekte Symmetrie und tolle Länge am Gaumen. Würde in einer 86er Bordeaux-Probe derzeit und in den nächsten 10-15 Jahren sicher vorne mit mischen – 96/100. „Erinnert mich stark an allerbeste 86er Bordeaux“ hatte ich 1990 in Grand Rapids/ Michigan notiert, als ich diesen Wein zum bisher einzigen Mal trinken durfte. Das tut er auch heute unverändert noch. Und wenn mir davon noch mal ein paar Flaschen über den Weg kommen, schlage ich sofort zu. Eine irre Charakternummer war dann 1988 Pahlmeyer Cadwell Vineyard. Der hatte gar nichts gemeinsam mit den Pahlmeyerschen Fruchtbomben aus den 90ern, Dazu sollte man wissen, dass die Palmeyer Weine nur bis 1992 aus dem Caldwell Vineyard stammten und auch nur bis zu diesem Jahrgang von Randy Dunn gemacht wurden. So muss denn dieser 88er, der mich in seiner rustikalen, tanninreichen Art an bessere 88er Bordeaux erinnert, bis vor ein paar Jahren ein ziemlich untrinkbares Monstrum gewesen sein, was ja auch für viele Dunn Weine gilt. Die kräftigen Tannine waren am Gaumen nebst etwas Schokolade immer noch deutlich spürbar. Die sehr ausdrucksstarke Nase war in durchaus positivem Sinne geprägt von animalischen Tönen und von einer ganzen Ledermanufaktur. Ein echter Klassiker mit einer Lebenserwartung, die sicher deutlich über die derjenigen Weine hinausgeht, die ab 1993 unter dem Pahlmeyer Label von Helen Turley produziert wurden – 94/100. Wenn jetzt meine hohe Punktzahl hier als egozentrische Einzelmeinung wirkt, sollte ich vielleicht ergänzen, dass wir am Tisch alle dieselbe, hohe Meinung von diesem Wein hatten. Und schon wieder kam ein Wein bester Bordeaux-Machart auf den Tisch bzw. ins Glas, ein 1987 Duckhorn. Auch auf diesem Weingut, das eigentlich mehr für Merlot als für Cabernet bekannt ist, wurden seinerzeit sehr tanninreiche Weine von kräftiger Statur erzeugt. Die Nase mit Leder, Zedernholz, Kräutern und Johannisbeere erinnerte wieder an einen feinen Medoc, am Gaumen zeigte der Wein die feine Eleganz eines großen Grand Puy Lacoste, gestützt von guter Säure und Struktur. Irre lang am Gaumen. Da kam sehr viel Freude auf – 92/100.
Was für eine Affenschande, dass nach dem Jahrgang 1991 der feinste der Silver Oak Weine und einer der ganz großen Kalifornier, der Bonny´s Vineyard der Reblaus zum Opfer fiel. Die hatte sich inzwischen genüsslich durch diesen, nach Silver Oak Gründer Justin Meyers Gattin benannten Weinberg gefressen. So stand jetzt mit 1985 Silver Oak Bonny´s Vineyard meine letzte Flasche dieser Lage vor uns. Was für ein verrückter Wein! Konzentrierte, schawrze Johannisbeere, aber nicht aufdringlich, sondern fast kühl uns sehr distinguiert wirkend, Minze, Eukalyptus und natürlich die für Silver Oak Weine so typische Dill-Note. Schon oft habe ich mich gefragt, wie diese überhaupt nicht unangenehme Dill-Note, an der man Silver Oak Weine blind gut erkennen kann, in drei Weine kommen kann, die aus unterschiedlichen, weit voneinander entfernt liegenden Weinbergen stammen. Am Gaumen zeigte der Bonny´s Vineyard eine unglaublich intensive, druckvolle Aromatik. Dazu besaß er bei aller seidiger Eleganz und Finesse eine kräftige Struktur und gute Säure. Einen minutenlangen Abgang besaß dieser riesengroße Stoff, der sich jetzt in der vollen Blüte befand, denjenigen, die davon noch eine Flasche besitzen, aber auch noch in 10 Jahren Freude bereiten könnte. Wenn das keine 100 Punkte sind, hieß es am Tisch. Doch irgendwie packte mich der Geiz und ich gab diesem Monument von Wein nur 98/100.
Noch ein Wort zu den Silver Oak-Weinen. Früh trinkbar sollten sie nach dem Willen von Gründer und Winemaker Justin Meyer sein. Das sind sie auch, wozu natürlich auch die Süße der amerikanischen Eiche beiträgt, in der die Weine ausgebaut werden. Trotzdem altern sie perfekt. Selbst der einfachere Alexander Valley steckte aus guten Jahrgängen 20 Jahre nicht nur locker weg. Die scheinbar so früh reifen Silver Oak Weine entwickeln mit den Jahren immer mehr Komplexität, und das alles mit erfreulich niedrigen Alkoholgraden. Allerdings habe ich persönlich den Eindruck, dass jüngere Silver Oak Weine nicht mehr mit dem vergleichbar sind, was dort bis 1994 erzeugt wurde.
Sehr gut gefiel uns danach auch ein 1986 Simi Cabernet Reserve. Auch hier wieder die klassische, französische Stilistik mit Zedernholz, etwas Tabak und schwarzer Johannisbeere. Am Gaumen reif, unglaublich elegant und finessig. Dieser wunderbar strukturierte Wein, der sicher noch 10+ Jahre vor sich hat, verströmt totale Harmonie, ein echter Klassiker – 94/100. In den Schatten gestellt wurde er vom Wein des Abends, einem 1987 Simi Cabernet Reserve. Was für ein unglaubliches Teil mit einer irre dichten, jungen Farbe. Der fängt gerade erst an, sich zu öffnen. So ein perfekt strukturiertes Fruchtkonzentrat mit massiven, aber reifen Tanninen, so dicht, so kräftig und so komplex mit einer spektakulären Aromatik. Ein hypothetisches Blend aus Harlan und Shafer Hillside Select. Ich werde die nächsten 20 Jahre nach diesem großen Stoff suchen, denn diese Zeitspanne bewältigt er locker noch – 99/100.
Und heute? Ein paar Tage später hatte ich die Gelegenheit, einen 2002 Simi Cabernet Reserve zu trinken. Der hinterließ einen zwiespältigen Eindruck, die junge, dichte Farbe war das in Kalifornien inzwischen übliche Schwarzpurpur, frische, pikante Frucht, Blaubeere, Kirsche, schwarze Johannisbeere, etwas Kakao und Leder, Röstaromen, aber auch kräftige Säure und wenig Rückrat, wirkte etwas gewollt und nicht gekonnt, aber wenigstens nicht überextrahiert. Warum man für so etwas 14,5% Alkohol braucht, ist mir völlig unerklärlich - 87/100. Mag in den nächsten Jahren noch etwas zulegen, aber mit den großen Simi Reserves aus den 80ern und davor hat dieser Wein nichts gemeinsam, aber das kann man vielleicht auch von einer rasch expandierenden Winery, die inzwischen 300.000 Kisten pro Jahr erzeugt, nicht verlangen.

Trinke ich jetzt keine kalifornischen Weine mehr? Oh doch, nur mit etwas mehr Bedacht. Zum Einen knalle ich mir nicht mehr den Keller voll mit Weinen, die jung getrunken gehören. Da ist einfach Mäßigung angesagt. Nicht mehr kaufen, als man in einem überschaubaren Zeitrahmen von ein paar Jahren trinken möchte. Zum Anderen stürze ich mich auf die rühmlichen Ausnahmen. Eine davon ist Ridge Monte Bello, ein Klassiker mit immer noch akzeptablem Alkoholgehalt, großem Alterungspotential und faszinierendem Geschmacksbild. Und zu den weiteren Ausnahmen demnächst beim Wineterminator mehr.