Sylter (W)Eindrücke 2004
Weinmäßig hat Sylt eine Menge zu bieten. Wenn man dann noch als Stammgast sowohl unter den Einheimischen als auch unter den Gästen viele Freunde hat, bieten sich viele Gelegenheiten, die unterschiedlichsten Weine zu probieren. So gehen dann auch schon mal bei Jörg Müller zwischen den Tischen die Gläser hin und her. Hier ein paar der schönsten Weine, die ich bei Jörg Müller von eigenen und „fremden“ Tischen probieren durfte:
1994 Riesling Singerriedel Smaragd von Hirtzberger war ein wuchtiger, kräftiger Wein, der aus der Magnum immer noch etwas unfertig wirkte. Die Kraft und die Herrlichkeit hingegen 1997 Grüner Veltliner Honivogl Smaragd von Hirtzberger. Dieser mächtige, dichte, mineralische Wein nähert sich langsam der Trinkreife, hat aber noch ein großes Alterungspotential, konservative 96/100 für ein Weißweinmonument.
Ein ganz großer Riesling in klassischer, gereifter Wachau-Stilistik auch 1994 Kellerberg Smaragd von F.X. Pichler - 96/100.
Der 1994 Dürnsteiner Hollerin Riesling Auslese von Prager muß mit 13% eigentlich ein trockener Wein gewesen sein, trotzdem hatte er eine Nase wie eine hochkarätige, gereifte Mosel-Auslese mit Boytritis, am Gaumen wunderschön ausbauend mit dezenter Restsüße, ein nicht alltägliches Weinerlebnis - 93/100.
2001 Schloß Böckelheimer Kupfergrube Riesling Spätlese von Dönnhoff. Kräftiges Goldgelb, reife, gelbe Früchte, hohe Mineralität, noch ganz am Anfang, sehr lang am Gaumen - 92/100.
1997 Oberhäuser Brücke Riesling Eiswein, aus der 1/2 toller, kräftiger, finessiger Eiswein mit knackiger Säure - 96/100
Extrem positiv überrascht war ich von 1983 Hermitage La Chapelle. Bisher hatte ich mit diesem eigenwilligen Tanninmonster keine guten Erfahrungen gemacht. Der Wein, den die Jaboulets selbst immer für einen ihrer besten hielten, hat sich aber ganz toll entwickelt, leicht animalische, nicht unangenehme Nase, wunderbar gereifter Rhone-Wein mit kräftigem Rückrat, Schokolade, groß! 95/100. Da werde ich wohl nach Ausschau halten.
Fantastisch entwickelt hat sich auch 1990 Trotanoy. Das ist inzwischen ein großer, schokoladiger Pomerol mit viel Biß – 94/100.
1986 Latour kenne ich eigentlich nur als kraftlosen, enttäuschenden Wein, um denen ich nach einigen frustrierenden Begegnungen einen großen Bogen mache. Inzwischen nähert sich immer mehr der Trinkreife und entwickelt sich zu einem würzigen Schmeichler, bei dem man immer wieder auf die Flasche schaut, ob es nicht doch Les Forts ist. Für einen Premier aus dem großen Medoc Jahr 86 enttäuschend – 90/100.
Für´s gleiche Geld gibt´s bei Jörg Müller 1985 Gruaud Larose aus der Magnum. Auf dem Punkt, aber immer noch druckvoll mit schöner Frucht, seidige Eleganz, lang am Gaumen, feine Trüffelnote, Gruaud und Bordeaux vom Allerfeinsten, für mich in seiner betörenden Aromatik der Zwilling des 45er Gruaud – 95/100
So dicht, so jung und so kompakt ein überzeugender 1982 Beychevelle. Jörg Müllers Weine stammen fast ausnahmslos aus eigenen Subskriptionskäufen und werden perfekt gelagert. Man merkt´s im Glas!
Mit dem 1997er und 97 Parker Punkten hatte Lamborghinis Campoleone aus Umbrien über Nacht Karriere gemacht. Gespannt war ich deshalb, als ich zu moderatem Kurs den ebenfalls hoch bepunkteten 2000er auf der Karte der Vogelkoje entdeckte. Ein dichter, kräftiger, würziger Cabernet ohne Schwächen, aber auch ohne Höhepunkte, könnte von überall herstammen und war bei aller Konzentration irgendwie langweilig - 90/100. Da war ein danach getrunkener 93er Mouton Rothschild nicht nur preislich um Längen drüber. In netter, angeregter Runde, zu der auch der Sommer-Gastkoch der Vogelkoje Christian Lohse stieß (dessen süchtig-machendes Espuma von Jakobsmuscheln und Steinpilzen habe ich gleich mehrfach gegessen), verkosteten wir dann noch einen ungewöhnlichen 98er Latour. Ungewöhnlich deshalb, weil er sich sehr offen, zugänglich und trinkreif präsentierte, also nicht der typische Latour-Hammer. Mich erinnerte er stark an den 78er, von dem ich in den letzten 15 Jahren etliche Flaschen mit großem Genuß geleert habe – 92/100. Zu später Stunde vernichteten wir dann – es gab schließlich etwas zu feiern – die einzige Flasche 2001 Pingus der Vogelkoje. Der Wein befand sich wieder in dieser sensationellen Pingus-Frühform, die diesen Wein so einmalig macht und eigentlich eine längere Lagerung verbietet.
Kein Sylt-Urlaub ohne mindestens einen Besuch bei Michael Hamann in der Sansibar(sehr frühzeitig buchen!). In sehr positiver Erinnerung ist mir hier ein 1998er Vieux Chateau Certan geblieben. Blind hielt ich ihn trotz der Bitterschokolade durch seine würzige, pfeffrige Art für einen großen Medoc. Wirkte insgesamt deutlich verschlossener als vor 3 Jahren an gleicher Stelle. Sehr gut war auch Miguel Torres Top-Cuvée Reserva Real. Mit seiner Sauerkirschnase und der guten Struktur erinnerte mich dieser sehr gut gemachte 1997er stark an Ridge Monte Bello. Ultra rar und leider auch megateuer ist der Imposter McCoy von Sine Qua Non. Ein sehr eigenwilliger Wein, der in kein Klischee passt, und so individuell wie sein Schöpfer Manfred Krankl. Ich hatte ihn bisher nur einmal getrunken, vor vier Jahren in den USA, und damals notiert: ungewöhnliche Nase mit einem Schuß Cola, gewaltiger Stoff, der am Gaumen immer wieder neue Geschmacksmuster bereithält. Diesmal hatte dieses fleischige Alkohol-Monster eine intensive Wrigleys Spearmint Nase, was sich am Gaumen fortsetzte. Sicher interessant, so was mal zu trinken, aber eine Kiste davon möchte ich nicht haben und ein gutes Glas reicht mir auch. Das galt übrigens auch für den 2001 Serpico von Feudi di San Gegorio, den ich an anderer Stelle probieren konnte. Eine wuchtige Aromenbombe, hat von allem zuviel, üppiges Teil, bei dem ein Glas Spass macht, eine ganze Flasche wäre eine Qual - 90/100. Fans solcher Konzentrate mögen das anders sehen, aber Geschmäcker sind ja gottseidank verschieden.
Typisch für Touristenregionen ist ein Riesenangebot von Jungweinen. So habe ich in Hardys Weinstuben die letzten 2003 Sauvignon Blanc von Neil Ellis aus Südafrika getrunken. Ein perfekter Sommerwein, frisch, mineralisch, mit schöner Stachelbeerfrucht – 90/100. Noch während meines Urlaubs kam da schon der 2004er auf die Karte!
Reichlich vertreten waren auf den Karten auch schon deutsche 2003er. Da habe ich mich weitgehend von fern gehalten, aber doch aus Neugier natürlich ab und zu mal probiert. Erstaunlich in 2003 die Bandbreite zwischen dicken, fetten Monstren und sehr schönen finessigen Weinen. So reichte bei den probierten Weißburgundern aus 2003 die Palette von einem 14.5 % QbA von Bürklin Wolf (stoffiger, zunächst sehr lecker wirkender Weißburgunder mit cremiger Textur, kein Wunder mit Alkohol als Geschmacksträger. 14.5 auf der Flasche, vermutlich über 15 drin) bis zu sehr schönen, fruchtigen und mit 12.5 % deutlich trinkbareren Weinen von Dönnhoff, der derzeit mit schafwandlerischer Sicherheit große Weine produziert, und Markus Schneider aus der Pfalz. Klar, dass ich die beiden letzteren deutlich vorziehe.
Den dickeren, säurearmen Teilen aus 2003 spreche ich nicht nur die Langlebigkeit ab. Wahrscheinlich wird der größte Teil nach kurzer, heftiger Blüte schnell zerfallen. Als klassische 3W Weine sind sie auch gefährlich. Wer so was unkritisch auf einer Party aus stets nachgefüllten Glas wegschlabbert, stellt sich am nächsten Morgen mit dickem Kopf die 3W- Fragen: Wer bin ich, wo war ich, und wie komme ich hier hin?
Da wäre dann auch noch ein erstaunlicher 2003er Klasse-Sauvignon Blanc von Karl Heinz Johner nachzutragen, kraftvoll, rassig mit schöner Frucht, guter Säure und kräftiger Statur - 91/100.
Einer der vinologischen Höhepunkte meines Sylturlaubes war eine kleine, feine Geburtstagsprobe, an der ich teilnehmen durfte.
Ort des Geschehens war das Sanders im Kaamp Hüs in Kampen. Dieses neue, feine Bistro wird von Ex-Cohibar-Chef Olli Behrens und Jörg Müller-Schüler Kai Sanders betrieben.
Kai Sanders, geborener Sylter und begnadeter Herdkünstler, hatte für uns ein spezielles 10-Gang-Menü „wie in alten Zeiten“ zubereitet.
Weinmäßig trafen im ersten Flight ein feiner, finessiger, sehr mineralischer 2000 Nigl Riesling Privat und ein ausdrucksstarker, kräftiger 2001 Riesling Ried Schütt Smaragd von Knoll mit intensivem Steinobstaroma und tollem Säurespiel aufeinander. Für mich lag dabei Knoll leicht vorn, sicher ein Wein auf 95/100 Niveau.
Im zweiten Flight prallten Welten aufeinander, und so waren auch am Tisch die Meinungen sehr geteilt. Zurückhaltend, Luft und Zeit fordernd ein 1985 Domaine de Chevalier Blanc. Ein guter Essensbegleiter, der sicher noch ein Alterungspotential von 10+ Jahren hat. Eine explosive Fruchtbombe hingegen der herausragende 2000 Sauvignon Blanc Zieregg von Tement.
Ein tolles weißes Päarchen dann auf sehr hohem Niveau dann von Au Bon Climat der 1998 Hildegard Reserve White Wine und der immer noch taufrisch wirkende 1995 Sanford & Benedict Chardonnay Reserve. Beide Weine von der Stilistik her eher Burgund als Kalifornien mit hervorragendem Alterungspotential, der Sanford wieder „Meursault“ vom Allerfeinsten.
Im ersten Rotweinflight dann ein begeisternder spanischer Newcomer, der 2000 Avan Cepas Centenarias von Juan Manuel Burgos. Ein dichter, kräftiger Wein von über 100 Jahre alten Rebstöcken mit kräftigen, reifen Tanninen, verschwenderischer, süßer Kirschfrucht. Sehr druchvoll und aromatisch. Den Namen sollte man sich merken. Spektakulär und für mich der Wein des Abends 2001 Gabbro von Montepeloso. Er erinnerte mich stark an 1985 Sassicaia in seinen Glanzzeiten.
Danach folgten 1997 und 1998 Pingus, von denen der 97er eindeutig mehr Spaß machte. Beide wirkten aber doch nach den überzeugenden Vorgängern etwas armselig.
Weiter ging es mit einem traumhaft schön gereiften 1983 Leoville Poyferré, der sich auch im Vergleich zum überragenden 1983 Palmer(endlich wieder voll da!) gut hielt.
Als Abschluss dann der Evergreen 1982 Pichon Comtesse, dem man schon seit über 15 Jahren ein nahes Ende voraussagt, weil Zugänglichkeit, Balanciertheit und sehr reife Tannine mit Schwäche verwechselt werden. Ich durfte diesen schmelzigen Superstoff, einen meiner persönlichen Lieblingsweine, schon weit über 50mal genießen. Die 100 krieg ich bestimmt noch voll, bevor der Wein dann in 10-15 Jahren das Zeitliche segnet, falls er nicht dem heute immer noch wunderbaren 53er folgt und noch deutlich älter wird.
Fast auf dem gleichen Niveau wie die Comtesse dann 1982 Grand Puy Lacoste. Ein erst ganz am Anfang stehender Klassiker, konzentriert mit wunderbarer Frucht. Völlig unterschätzt und sicher noch ein Best Buy auf Auktionen.
Wineterminator mit Jörg Müller und Olli Behrens
Haben Sie die Eröffnung der Olympiade im Fernsehen gesehen? Ich nicht. Wir haben stattdessen die Olympiade an Buhne 16 bei einem fantastischen Sonnenuntergang mit Trilogia 98 und 99 aus der Magnum gefeiert. Beides druckvolle, aromatische Ausnahme-Cabernets, die mir in der Magnum noch besser gefallen als in der 1tel. 1998 etwas offener, gefälliger, 1999 dafür etwas konzentrierter. Beide noch mit viel Potential, da ist keine Eile geboten. Das ist nicht nur Griechenlands mit Abstand bester Wein. Trilogia spielt weltweit in einer hohen Liga mit. Preis-/Leistungsmäßig dürfte er derzeit kaum zu toppen sein.
Und dann war da noch zum Urlaubsschluss eine faszinierende 2001 Montepeloso Eneo Imperiale, dichte Farbe, wunderbare Frucht, kraftvoll, und trotzdem ein voll trinkbares, hedonistisches Weinerlebnis - 92/100. Natürlich nicht alleine, sondern mit meinen Sylter Freunden nach unserem Season End Beach Ball Turnier zu einer riesigen Käseplatte. Man glaubt gar nicht, wie schnell bei genügend durstigen Kehlen und einem solchen Klassestoff eine Imperiale leer werden kann.

