Wineterminator probiert 2001 und wundert sich
Wenn Weinhändler und Winzer von einem "klassischen Bordeaux Jahrgang" sprechen, mache ich da inzwischen einen großen Bogen drum. "Klassisch" heißt in der Regel wenig Frucht, massive Tannine und lange Reifezeit. Kurzum: Weine, die ziemlich lange für relativ wenig Freude brauchen.
Leider entpuppte sich der 2001er in meinen ersten beiden Ankunftsproben als ein ebensolcher "klassischer" Jahrgang. Viel sprödes Tannin, wenig Frucht. Der Rest an Freude, der sich im Glas befand, verging dann beim Blick auf die Preise. Klar, richtig schlechte Weine werden beim aktuellen Stand der Kellertechnik in Bordeaux heute nicht mehr gemacht. Das bekäme man inzwischen wohl auch fast ohne Trauben hin. Wie weit aber Anspruch und Wirklichkeit beim 2001er auseinderklaffen, zeigte sich bei den Premier Crus. Mouton war sehr schwierig zu verkosten. Wenig Nase, wenig Frucht, kräftige Tannine. Ich habe Zweifel, daß da jemals was richtiges draus wird, denn gute Moutons sind im ersten Jahr der Flaschenreife eigentlich immer sehr schön zu trinken. Lafite kam zwar am zweiten Tag etwas besser, blieb aber insgesamt ein Leichtgewicht und zeigte sich am Gaumen etwas hohl. Lediglich Latour konnte mit kräftigen, aber reifen Tanninen und guter Frucht überzeugen. Der hat das Zeug zum zweiten 78er, was angesichts des Preises von € 159.- aber auch kein Schnäppchen ist.
Gut gefiel mir Cos d´Estournel. Mit seinen Röstaromen wirkte er wie eine kleinere Version des tollen 90ers. Ich würde ihn gleichauf mit Latour mit etwa 92/100 bewerten. Schön waren auch Pichon Comtesse und Lynch Bages, beide sehr zugänglich, gefällig mit schöner Frucht, in der 90-91/100 Liga.
Cheval Blanc war für mich nur dritter Sieger hinter einem überraschend schönen Chateau Magdelaine und dem eigentlichen Höhepunkt der Ankunftsprobe, dem kraftvollen und konzentrierten Troplong Mondot. Bei den preiswerteren Weinen stach insbesondere der Charmail hervor, ein ungemein charmanter Haut Medoc mit schöner Cassisfrucht und reifen, weichen Tanninen. Für knapp 1/10 des Preises eines Premiers macht der zumindest in den nächsten 5 Jahren mindestens genausoviel Trinkspass.
Natürlich sind solche Ankunftsproben ähnlich mit Vorsicht zu genießen, wie die Primeurverkostungen in Bordeaux. Viele Weine leiden noch unter Abfüll- und Transportstress. Erst in 2-3 Monaten zeigt sich dann ein realistischeres Bild. Doch Eile ist sowieso nicht geboten. 2001 ist kein großes Jahr, die Weine sind durch die Bank für das gebotene zu teuer und es gibt genug davon. Probieren Sie in Ruhe und kaufen Sie nur, was Ihnen schmeckt. Lieber nehmen Sie jetzt nur Einzelflaschen und verkosten dann zuhause noch mal in Ruhe nach. Der 2001er läuft Ihnen nicht weg. Ich bin mir fast sicher: so wie bei 1999 kommen da noch ein paar interessante Sonderangebote.
Der Wineterminator ist kein professioneller Verkoster und möchte auch keiner werden. Ich bin reiner Genußmensch und als solchem fehlte mir an beiden Tagen der Ankunftsprobe noch ein versöhnlicher Ausklang. Den fanden wir dann in einem 2000er Canon-la-Gaffelière, einem hedonistischen Superteil, das um Lichtjahre über allem vorher verkosteten lag. Als uns dann unser Händler am zweiten Tag blind noch einen kaum schlechteren 2000 Premier Côtes de Blaye, einen Nectar de Bertrand (€ 18.-!!!) unterjubelte, da konnte sich der Wineterminator über 2001 Bordeaux nur noch wundern.... (WT/März 2004)

