April 2005
Käsefondue die Sechste
Rotwein zu Käsefondue, dazu habe ich mich bereits detailliert geäußert. In diesem Jahr stand die sechste Auflage des inzwischen traditionellen Käsefondues an. Dazu, wie in jedem Jahr, aus meinem Keller wieder ein jüngerer, kräftiger Rotwein.
Als Apero reichte uns der Hausherr einen 2003 Riesling Vom Blauen Schiefer von Heymann Löwenstein. Das war ein fülliger, stoffiger Riesling mit üppiger, ausladender Frucht und schöner Schiefernote, vom Stil her eher Wachau als Mosel – 90/100.
Als Rotwein zum Käsefondue hatte ich in diesem Jahr einen 1997 Saffredi Le Pupille ausgesucht. Der bisher mit Abstand beste Wein von Le Pupille wurde seinem Ruf voll gerecht. Aus der Doppelmagnum wirkte er noch sehr jung und ungestüm. Reifes Purpur, Kirsche, Cassis, Bordeaux-Stilistik, reife, aber sehr kräftige, gaumenbeschlagene Tannine. Eine Art großer, kalifornischer Bordeaux – 97/100. Dabei zeigte sich einmal wieder, dass Weine im großen Flaschenformat oft noch einen Tick besser sind.
Da die würzige Käsemischung sehr würzig ist, und wir auch keine kleine Runde sind, blieb danach natürlich noch Platz für ein paar weitere Weine. 1995 Chateauneuf-du-Pape Cuvée Reserve von Pegau aus der Magnum war ein voll trinkbarer, fantastischer Chateauneuf mit viel Kraft, schöner, reifer Frucht und intensiver Würze. Trotz des hohen Alkohols zeigte er eine beachtliche Finesse und schöne Länge am Gaumen – 95/100.. Das ist einfach Wein-Hedonismus pur. Ich ziehe die Pegau Reserve aus guten Jahren vom reinen Trinkgenuß durchaus überkonzentrierten 100 Punkte-Chateauneufs vor. Viel Luft brauchte der 1996 Shafer Hillside Select. Kam mit blutjunger, dichter Farbe, kompakter Frucht und Tannin ohne Ende ins Glas. Entwickelte mit der Zeit traumhafte Fruchtsüße und war bei aller Kraft und Fülle sehr ausgewogen und balanciert, tolle Länge am Gaumen – 97/100. Danach war 1982 Pichon Baron de Longueville natürlich eine arme Wurst. Er wurde schier erschlagen von der Fülle des Shafer und wirkte im Vergleich eckig, rustikal mit Paprikanase, anstrengend am Gaumen mit immer noch massiven Tanninen – 91/100. So konnten wir natürlich nicht aufhören. Also stellte der generöse Hausherr noch einen 1996 Latour, der ein ernsthafterer Gegner für den Shafer gewesen wäre. Das war ganz, ganz großer Pauillac. Superdichte Farbe, ein unglaublich konzentrierter, sehr junger Powerwein, der aber trotz massiver, sehr reifer Tannine nicht verschlossen wirkte. Perfekter, reifer Cabernet mit Cassis ohne Ende. Schon mit viel Vergnügen antrinkbar und jetzt schon sicher auf 97+/100 Niveau, aber da kommt noch mehr.
Das Leben kann so schön sein
Ein Sylter Himmel vom Feinsten, wolkenlos, dazu im Windschatten durchaus frühsommerliche Temperaturen. Wir entschieden spontan: da gehört Jörg Müllers Terrasse eingeweiht. Sensationell bekocht von Jörg Müller, der nach dem Weggang seines langjährigen Küchenchefs wieder selbst richtig aufdreht, und liebevoll betreut von seiner charmanten Gattin Barbara. Perfekt wie immer der Weinservice von Sommelier Andreas Bartel. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen steht er nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit, gehört aber zu den ganz Großen seiner Zunft. Insbesondere bei der Kenntnis älterer Weine und beim sorgsamen Umgang mit edlen Kreszenzen dürfte ihm so schnell niemand etwas vormachen.
Wir begannen mit einer flüssigen Gesteinsprobe in Form der 2001 Niederhäuser Hermannshöhle Spätlese trocken von Dönnhoff. Nicht ganz auf der Höhe des grandiosen 2002ers, aber trotzdem ein Klasse-Riesling, den wir wieder dekantiert aus großen Burgunder-Gläsern tranken – 94/100. Höchst erstaunlich danach ein 1981 Clos St. Hune von Trimbach. Wer diesen ja nun immerhin schon 24 Jahre alten Riesling direkt aus der Flasche in kleinen Riesling-Gläsern trinkt, bekommt von der Faszination dieses Weines wahrscheinlich gar nicht viel mit. Wir tranken ihn ebenfalls dekantiert und probierten 3 verschiedene Gläser aus. Schließlich entschieden wir uns für ein großes Bordeauxglas, das bei diesem Wein einfach die besten Resultate brachte. Mit kräftigem Gold kam der Wein ins Glas, nur ganz dezenter Petrolton, in der Nase große Blumenwiese, immer noch gute Säure, erstaunlich frisch. Statt abzubauen baute der Clos St. Hune über längere Zeit immens im Glas aus. Ein großes Weinerlebnis – 95/100. Danach kam eine 1999 Eitelsbacher Karthäuserhofberg Riesling Auslese trocken Selection auf den Tisch. Der war mir einfach zu dick. Bis auf den leichten Schieferton war das von der Stilistik her eher Pfalz als Mosel – 88/100. Immer noch erstaunlich gut trinkbar mit einer an den Clos St. Hune erinnernden Aromatik, aber etwas stärkerem Petrolton war ein 1978 Josmeyer Riesling Hengst – 91/100. Ich werde mich doch wohl wieder etwas intensiver mit Elsässer Rieslingen befassen müssen.
Während die Sylter Sonne auf unsere Köpfe brannte, erfrischten wir uns mit einer wunderbaren 99er Spätlese von Haag. Danach ging es weiter mit einem perfekten 1964 Salon Champagne aus der Magnum. Auch hier gab es kein Geheimnis für den perfekten Zustand dieser Flasche. Jörg Müller lagert seine Champagner bei sehr niedrigen, konstanten Temperaturen. So können diese Weine perfekt ausreifen und sich dabei gleichzeitig eine Frische erhalten, wie man sie sonst nur bei frisch degorgierten Champagnern findet. Ganz großer Champagner mit gutem, feinperligem Mousseux, kraftvoll und lang am Gaumen – 96/100.
Ein Erlebnis war auch der 1971 DRC Le Montrachet. Kräftige Farbe, in der Nase erst große Meeresfrüchteplatte, dann intensiv frische Kräuter, wird mit der Zeit leicht minzig, am Gaumen immer noch Kraft und schöne Länge, eine Art weißer Lafleur – 97/100. Da kam der nachfolgende 1947 Corton Charlemagne von Violland natürlich nicht dran. Trotzdem war auch hier erstaunlich, wie gut sich dieser 58 Jahre alte, eher etwas rustikale Weißwein präsentierte – 90/100.
Den Abschluss dieses bis in den Abend hineinreichenden Mittagessens bildete ein 1983 Taittinger Collection Vieira da Silva. Ein herausragender Champagner, noch so unglaublich frisch mit etwas Citrus-Frucht und Brioche, sehr nachhaltig und lang am Gaumen – 96/100. Leider ist dieser Top-Champagner durch seine Ausstattung zum Sammelobjekt verkommen, das fleißig herumgezeigt, weiterverkauft und versteigert wird. Trinken würde ich so was nur bei Erstbesitzern mit kühlem Keller.
Drawert-Probe auf Sylt
Die Bezeichnung „Drawert-Probe“ werden Sie häufig in meinen Jahrgangsbeschreibungen finden. Auf den Raritätenproben des Berliner Raritätenhändlers habe ich in den 90ern viel über alte Weine gelernt. Diese Proben muss man sich als eine Art Vinologische Butterfahrt vorstellen. Das ist durchaus nicht abwertend gemeint. Die Proben kosten Geld, sind klug zusammengestellt und stellen gleichzeitig eine Art Verkaufsveranstaltung dar. Von fast allen vorgestellten Weinen gibt es noch eine oder mehrere Flaschen, die, wenn der Wein nicht völlig daneben war, meist direkt am Tisch verkauft werden.
Im April 2005 habe ich nach langer Zeit wieder mal an einer solchen Probe teilgenommen. Mich interessierten dabei vor allem zwei Dinge: der angekündigte 45er Petrus, einer der Stars von René Gabriels großer Petrus-Probe im März, und die Küche des gerade vom Michelin mit zwei Sternen geadelten Söl´ring Hofs. Leider war beides eher ein Reinfall. Der 1945 Petrus, eine französische Händlerabfüllung von Sanders, war – falls es sich tatsächlich um einen 45er Petrus handelte – ein feiner, eleganter, alter Wein mit heller Farbe, weit entfernt von dem, was ich vier Wochen vorher bei René Gabriel trinken durfte. Sterne-Koch Johannes King hatte an diesem Abend keine Lust zu kochen und betätigte sich lieber als Sommelier. Dem Essen merkte man es leider an.
Aufgefallen in der Probe sind mir ansonsten:
Ein ziemlich enttäuschender 1970 Le Montrachet von Baron Thénard. Helle Farbe, in der Nase Burgunderstinker, am Gaumen leichtgewichtig, plump, Bitterstoffe, reiht sich nahtlos ein in die vielen anderen enttäuschenden Montrachets dieses Erzeugers – 86/100.
Sehr schön wieder der legendäre 1928 Anjou von Rablay aus dem Keller des Pariser Restaurant Prunier. Inzwischen güldene Farbe, eher halbtrocken mit feiner, unaufdringlicher Honigsüße, wirkt durch die kräftige Säure noch erstaunlich frisch und hat einen sehr langen Abgang. Ein faszinierender Wein, der danach schreit, ein herzhaftes Essen oder eine gute Gänseleber begleiten zu dürfen – 95/100.
Wenig Genuß brachte der parallel dazu eingeschenkte 1928 Moulin-Touchais, ebenfalls von der Loire. In der Nase und am Gaumen Klebstoff ohne Ende und damit schwer zu trinken.
1970 La Gaffelière war auf niedrigem Niveau mit 87/100 der schönste Wein eines ansonsten eher belanglosen St. Emilion-Flights mit 1975 Clos de la Rose aus der Magnum und 1964 Coudert.
Ein 1949 Chateau St. Julien war schon sehr reif, zeigte deutliche Sellerietöne und war auf dem Weg ins Jenseits – 84/100. Überraschend schön dagegen ein 1950 Royal St. Emilion. Dieses Cuvée der Union des Producteurs de St. Emilion, einer Winzergenossenschaft, war ein etwas rutikaler, aber recht feiner, schön zu trinkender Wein, der es sicher noch einige Jahre macht – 87/100.
Weitgehend ferngehalten habe ich mich von 1996 Astralis und 1996 The Armagh von Jim Barry. Beide waren hochkonzentrierte, dichte, dicke, etwas überüppige und marmeladige Fruchtkonzentrate, die einfach nicht in diese Probe passten.
Danach musste der 1995 Côte Rotie La Landonne von Rostaing geradezu als dürr erscheinen. Leider ist dieser Wein, der durchaus einiges an Potential besitzt, immer noch sehr verschlossen und dominiert von massiven Tanninen – 88+/100. Da sind sicher noch ein paar Jahre Warten angesagt.
Sehr überzeugend dann 1982 Trotanoy, ein gut gelungener Pomerol mit sehr kräftiger Statur, Terroirnoten, ohne die überreife Frucht anderer Pomerols und immer noch mit viel Potential – 95/100.
Ohne Blick auf´s Etikett hätte den 1983 Petrus wohl niemand als solchen erkannt. Ein eher kleiner Wein mit feiner Aromatik, aber für die Qualität hoffnungslos überteuert – 88/100.
Grandios hingegen wieder 1975 Petrus, ein würziger, kräftiger Riese, der noch ganz am Anfang einer langen Entwicklung steht – 97+/100.
Gut mithalten konnte da der 1975 Penfolds Grange, ebenfalls ein fruchtiges Kraftpaket, das sich aber inzwischen deutlich ziviler und feiner präsentiert, als noch vor sechs Jahren auf der großen Grange-Probe in Lehrbach – 96/100.
Eine Riesenüberraschung war 1975 La Grave Trignant de Boisset, ein kleines Pomerol-Weingut mit nur 8 ha, das seit 1971 zum Moeiux-Imperium gehört. Erstaunlich würzig, füllig und üppig, ein 75er Pomerol, der seine Tannine weitgehend abgelegt hat und sich heute auf dem Höhepunkt befindet – 94/100.
Der enttäuschende 45er Petrus stand ganz im Schatten eines überragenden 1945 Croix-de-Gay. Das war ganz böser Stoff, immer noch sehr dichte, dunkle Farbe, sehr würzig mit feiner Süße, was die Schweizer entsprechend ihrem Kräuterbonbon in Proben immer sofort als Ruccola bezeichnen, Kaffee, Bitterstoffe, kräftige, tragende Säure, langer Abgang. Ein großer Pomerol in der nicht so ausladenden, eher muskulösen 45er Stilistik – 97/100. Ein Fan dieses Chateaus waren übrigens die cleveren Vandermeulen-Brüder, die das damals völlig unbekannte Chateau unter dem eigenen Markennamen Clos du Commandeur abfüllten. Ist mir als 45er leider noch nicht untergekommen, aber ich werde ab sofort danach suchen.
Kein Sylt-Besuch ohne Sansibar
Die perfekte Ergänzung zu Jörg Müllers gigantischer Weinschatzkarte ist die nicht minder umfassende Weinkarte der Sansibar. Nur stehen hier nicht gereifte Raritäten im Vordergrund, sondern junge Weine. Die Weinkarte ist wie die Sansibar selbst, das pralle Leben, aber unkompliziert, den Preis wert, voll bis obenhin und von Promi bis Normalo bestens sortiert. Wo mittags zwei Omis neben dem schlemmenden Herrn Siebeck ihren Milchkaffee schlürfen, wo abends Dieter Bohlen und der Bulle von Tölz ebenso gut umsorgt werden wie die Hamburger Großfamilie mit 5 Kindern, da stehen auf der Weinkarte extrem preiswerte Weißweine neben Petrus und Screaming Eagle.
Da konnten wir uns natürlich zu einem vorzüglichen Mittagessen einen kleinen Ausflug durch die Weinwelt des Sansibar nicht entgehen lassen. Den Anfang machte ein 2004 Sauvignon Blanc von Markus Schneider aus der Pfalz. Als „Sancerre – Made in Germany“ hat ihn Sansibars Weinseele Michael Hamann bezeichnet und liegt damit goldrichtig. Ein herrlich fruchtiger, finessiger Spaßwein. Knackige Säure verbindet sich mit einer gut integrierten, dezenten Restsüße zu einem harmonischen Ganzen. Dazu die beschwingte Frische des knackigen 2004er Jahrgangs, der Sommer kann kommen, sein Wein ist schon da – 86/100. Kostet im Handel ca. € 12 und steht für € 25 auf der Sansibar Weinkarte. Soviel zum Thema Weinkalkulation. Daran könnten sich einige Gastronomen gerne mal ein Beispiel nehmen. Das pralle Leben dann auch im nächsten Wein, einem 1990 Caymus Special Selection. Sattes Dunkelrot, massig schwarze Johannisbeere und reife Brombeere, sehr würzig, dazu das süße Tannin der amerikanischen Eiche, ein tolles Maul voll Wein. Bei aller Üppigkeit ohne jede Schwere, jetzt voll auf dem Punkt – 94/100. Zur Apfeltart dann noch eine 1989 Maximin Grünhäuser Abtsberg Beerenauslese aus dem letzten richtig großen Jahrgang dieses Weingutes. Sehr kräftige, schon fast ins Güldene gehende Farbe, Boytritis ohne Ende, schönes Süße-/Säurespiel, intensiv und lang ohne irgendwie klebrig zu wirken – 94/100.
Und dann war da noch die Lauretana-Woche
Chateau Lauretana – nie gehört? Kein Wunder. Bei Lauretana handelt es sich nicht um Wein, sondern um ein ganz hervorragendes Wasser. Das habe ich eine Woche lang ohne jeden Wein in rauen Mengen in mich reingeschüttet. Schließlich bringt auch der Mai sicher wieder ein paar spannende WeinMomente. Die möchte ich mit klaren Sinnen erleben, und da gehört regelmäßige, konsequente Abstinenz einfach dazu.
