April 2006
Granatenhagel
Schwer unter Beschuss gerieten Gaumen, Zunge und Leber(!) am 1. April bei Bernd Wirtz Jahresprobe. Begleitet von einem erlesenen Menü wurde uns eine Granate nach der nächsten präsentiert, vorwiegend jung und alkoholreich.
Los ging es vergleichsweise harmlos(12,5%), dafür aber um so hochklassiger mit einem 2001 Berg Schlossberg von Bernd Breuer aus der Magnum. Noch ganz am Anfang steht dieser Weltklasseriesling, der förmlich nach einer Dekantierkaraffe und größeren Gläsern schrie. Bekam er leider nicht. Aus Riedels kleinen Riesling Gläsern bekamen wir ihn als Begrüßungsschluck, eigentlich die berühmten Perlen vor die Säue. Das ist ganz großer Stoff mit kräftiger Statur, satter, reifer Frucht, sehr komplex und lang mit unglaublicher Dichte, dabei so präzise und fein definiert, zum heute trinken auf 92+/100 Niveau eigentlich viel zu schade, denn in ein paar Jahren sind da noch mal locker 2-3 mehr drin.
Ebenfalls danach aus der Magnum ein 1990 Cuvée William Deutz Rosé. Sehr frisch, fein und elegant präsentierte sich dieser große, aber gar nicht laute und sehr stilvolle Champagner. Nur in der Nase waren dezente, reife Brottöne zu spüren, am Gaumen war er noch absolut taufrisch – 94/100.
Und schon waren wir mitten in der Welt der Roten Weine. Stirnrunzeln beim ersten Flight. Das sollte der berühmte 100-Punkte 1996 Lafite Rothschild sein? Satte, dichte, junge Farbe mit viel Purpur, in der Nase leichte Strenge, etwas unsauber wirkend, Zedernholz, Kirsche, am Gaumen sehr weich, fast schlabberig, Zugänglichkeit vortäuschend, wurde im Glas mit der Zeit etwas besser, wirkte insgesamt aber unharmonisch. Klar, wir haben diesen Wein wie einige der anderen, nachfolgenden 96er im denkbar ungünstigsten Zeitpunkt getrunken. Die Fruchtphase lange vorbei, Trinkreife noch nicht in Sicht, praktisch aus dem Schlaf gerissen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie wecken Nachts Heidi Klum, abgeschminkt, schlaftrunken, vielleicht mit Lockenwicklern und Gesichtsmaske. Die erkennen Sie auch nicht wieder. Trotzdem kann ich mir beim Lafite kaum vorstellen, dass das jemals der Weinriese wird, wie ihn Parker vorgestellt hat. Dazu fehlt bei diesem Wein einfach die Harmonie eines großen Weines. 1996 war wohl das erste Jahr, in dem in Bordeaux bei einigen Chateaus verstärkt Konzentratoren eingesetzt wurden. Gesprochen wird über so etwas nicht, nachweisen kann ich das schon gar nicht. Aber so stelle ich mir das Ergebnis erster Versuche vor. Ein Monstrum bei dem zumindest derzeit nichts zueinander passt – 88/100.
Kraft, Struktur, Rasse und Klasse, all das, was man beim Lafite so schmerzlich vermisste, hatte der dagegen getrunkene 1996 Latour. Klar, auch der war sehr verschlossen mit bissigen Tanninen und ließ wenig raus. Aber hier konnte man den großen Wein deutlich spüren, heute 92/100, in 10+15 Jahren sind da 96+/100 drin.
Auch im nächsten Flight zwei 96er. Erstaunlich offen 1996 Leoville las Cases, sehr dichte, junge Farbe, konzentrierte, süße Frucht, ging Richtung candierte Früchte, dicht, Struktur, gute Länge – 94/100. Eine sehr reife Farbe – wir hielten ihn für einen Wein aus den 80ern – hatte 1996 Ducru Beaucaillou. Dabei ein hocharomatischer Wein mit toller Frucht und Länge. Macht derzeit unglaublichen Spaß, aber wie soll so was altern? – 94/100. Wirkte minestens 10 Jahre älter als vor 2 Monaten bei der großen Ducru-Probe. Ein Flaschen bzw. Lagerproblem?
Dann kam es zum Showdown zweier kalifornischer Giganten. 1997 Harlan wurde seinem Ruf nicht gerecht und war nur auf sehr hohem Niveau nur ein Schatten dessen, was ich noch vor Wochen bei der Kultweinprobe im Glas hatte. Er wirkte portig und überreif mit einem Hauch flüchtiger Säure, deutliche Süße, eine große Bonboniere, sehr intensiv und lang am Gaumen, ein mächtiger, großer Wein, aber aus dieser Flasche völlig neben der Spur wirkend – 95/100. Da war im direkten Vergleich der 1997 Shafer Hillside Select der deutlich schönere Wein. Auch hier ein gewaltiges Fruchtkonzentrat und die jugendlichen Vanilletöne des Barrique-Ausbaus, viel Eukalyptus, aber alles viel eleganter verpackt, ein finessiger, schmeichlerischer Wein mit toller Länge – 97/100.
Zuviel des Guten war für mich danach der 1998 Warrenmang Black Puma Shiraz. Der war so süß, vanillig, üppig, bonbonhaft, mit einem Schuß Menthol, und dabei so ausladend und alkoholisch, den Stil muss man mögen –90/100. Höchste Eile ist geboten beim 1998 La Turque von Guigal. Der startete sehr schwierig mit leicht stinkiger, schweißiger Nase, öffnete sich aber zunehmend im Glas und wurde weicher, würziger und komplexer. Ein ganz großer La Turque, der aber kurz davor ist, sich zu verschließen. Schnell Entschlossene können da noch mal mit 96/100 drangehen, Geduldige legen ihn 10 Jahre weg und haben dann sicher 98/100 im Glas.
Bernd Wirtz kocht einfach sensationell, aber irgendwo schien er doch das Gefühl zu haben, wir könnten nicht satt werden. So bekamen wir noch eine Sättigungsbeilage ins Glas, den hochgelobten 1998 Torbreck Run Rig. 99 Parker Punkte und die Lobpreisungen des großen Meisters sind natürlich ein Wort, aber anscheinend bin ich für solche Frontalangriffe auf meinen Gaumen nicht geboren. Das war ein dermaßen konzentriertes, üppiges, süßes, fülliges Geschoß mit ins likörhafte gehendem Cassis und Alkohol satt. Klar macht ein solcher Wein sprachlos, aber nicht nur vor Bewunderung, sondern auch, weil der Gaumen halb betäubt und wegen Überfüllung geschlossen ist. Wenn ich mich da jetzt durchringe und 93/100 hinschreibe, heißt das gar nichts. Vor die Wahl gestellt, würde ich wohl lieber zu einem feinen Cru Bourgeois mit 88/100 greifen.
Da gefiel mir der 1998 Chateau Beaucastel Hommage à Jacques Perrin schon deutlich besser. Der war natürlich 10 Jahre zu früh aufgemacht und wirkte noch reichlich verschlossen. In der verhaltenen Nase etwas Brettamycose, am Gaumen ein irres, würziges Konzentrat, das Zugänglichkeit nur vortäuscht, mit fantastischer Länge. Heute sicher schon auf 95/100 Niveau, in 10 Jahren sind da 97+/100 drin.
Völlig unvermutet hatten wir plötzlich zwei reife Weine im Glas. Der 1961 Palmer in einer englischen Cuddeforth Brothers Abfüllung war so, wie man sich einen großen Wein aus Margaux in einem großen Jahr vorstellt, Eleganz pur. Ein Riesenwein mit toller Länge am Gaumen, zwar nicht auf dem Niveau der Chateau-Abfüllung, aber aus dieser Flasche nicht weit davon entfernt – 96/100. Bisher habe ich bei den englischen Abfüllungen des 61er Palmers nur Pleiten erlebt. Das war hier die erste überzeugende Flasche,
Aus der Magnum kam dann 1961 Montrose ins Glas. Auch aus dem großen Format präsentierte er sich so, wie ich ihn leider nur kenne, einfach anstrengend. Ein sehr kraftvolles, rustikales, immer noch unfertig wirkendes Monstrum, das von massiver Säure dominiert wird. Da hilft auch die ganz dezente Süße kaum. Einfach noch mal 20 Jahre weglegen und auf ein Wunder hoffen – 89/100.
Mit dem Rücksprung in die Neuzeit kam dann auch gleich der Wein des Abends ins Glas, 1996 La Mondotte. Auch das ein perfekt in den Granatenhagel passendes, irres, dichtes Fruchtkonzentrat, doch kam der Mondotte eben nicht plump und überladen daher, sondern als ein harmonisches, ausgeglichen wirkendes Ganzes, eben ein großer Wein – 98/100.
Eine gute Figur machte auch wieder 1996 Pichon Comtesse de Lalande. Superdichte Farbe ohne Reifetöne, sehr kraftvoll, konzentrierte Frucht, aber auch gefällig und mit dieser faszinierenden, schmeichlerischen Eleganz, wie sie die großen Comtesse-Jahrgänge seit 1978 zeigen. Sicher einer der ganz wenigen 96er Medocs, die sich jetzt schon mit Genuss trinken lassen – 96/100.
Als Finale kamen dann noch zwei spanische Granaten auf den Tisch. Trinkreife täuscht der 2001 Numanthia Termanthia vor. Die intensive, cremige Frucht maskiert die massiven Tannine dieses konzentrierten, dichten Brockens und führt mit schöner Würze zu einem faszinierenden Trinkerlebnis auf hohem Niveau – 96/100. Noch deutlich zugänglicher wirkte der 2001 Amancio von Sierra Cantabria. Wein-Hedonismus pur, Röstaromen, reifes und süßes Tannin, reife Kirschfrucht, Kaffee, Kakao, Schokolade, ausladend offen, aber alles andere als plump mit sehr guter Struktur – 95/100.
Fragen Sie bitte nicht, wie ich danach ins Bett gekommen bin und schon gar nicht, wie am nächsten Tag wieder raus.
Klene Experimente
Michael Hamann, die sympathische Seele der Sylter Sansibar, machte einen seiner raren Abstecher auf´s Festland und kam nach Düsseldorf. Die Gelegenheit musste natürlich genutzt werden. In kleinem Kreise entkorkten wir ein paar ungewöhnliche Flaschen.
Gleich zu Anfang legte ich mich selbst auf´s Kreuz. Eigentlich weiß ich, dass die Cheval Blancs aus der ersten Hälfte der 80er nicht nur extrem gut, sondern auch extrem langlebig sind. Trotzdem traute ich mich nicht, die halbe Flasche 1953 Cheval Blanc mit nicht perfekter „us“ Füllhöhe zu dekantieren. Also aufgemacht und rein ins Glas. Das brachte uns fast um das große Cheval Blanc Vergnügen. Da kam ein kräftiger, unbändiger Wein mit dichter, junger Farbe ins Glas, außer einem deutlichen Muffton in der Nase verschlossen. Auch am Gaumen sang er nicht. Das änderte sich erst nach einiger Zeit. Der Wein baute unglaublich im Glas aus, entwickelte die klassische, süchtig machende Cheval Blanc Nase, eine feine Süße und eine tolle, druckvolle Aromatik. Aus 88/100 wurden 92/100, dann 95/100, dann 96/100 und dann war das Glas leer. Es wären wohl noch mehr geworden. Der 53er Cheval Blanc ist ein Wahnsinnswein, immer noch mit unglaublichem Potential. Ich nehme an, der 2005er wird wohl in der Subskription über € 300 liegen. Da weiß ich schon, wonach ich stattdessen suche.
Überragend auch 1974 Mondavi Reserve. Irre Nase, Minzfrische, Eukalyptus, noch so jung, dicht und lang. Klar, da ist nicht das Üppige, Ausladende der heutigen Kalifornier. Aber von denen schafft sowieso keiner die 32 Jahre, die der Mondavi auf dem Buckel hat. Und wahrscheinlich überlebt dieser feine, eher schlanke, aber perfekt strukturierte, sehr nachhaltige Wein noch einige der modernen Kreationen – 97/100.
Viele große, alte Chateauneufs habe ich in den letzten Wochen getrunken. Nach dem Gesetz der Serie musste jetzt auch mal ein Schlechter kommen. Den hatten wir an diesem Abend mit 1959 Mont Redon im Glas. Bräunliche, reife Farbe wie Coca Cola, leicht oxidativ, muffige Nase, Mottenkugeln, wurde auch am Gaumen immer pilziger. Klar, man starb nicht dran, aber Genuss ist anders – 79/100. Da war der 1972 Chateau de Beaucastel aus einem kleinen Jahr schon von anderem Kaliber. Brilliante, junge Farbe, cremige Würze und Fülle, weißer Pfeffer, dabei so fein und delikat. So elegant und lang, burgundisch im besten Sinne. Da müssen die neueren Beaucastels erst mal hinkommen – 94/100. Allerdings ist hier eher Eile angesagt. Wenn Sie ihn noch finden, oder sogar noch haben, bitte nicht dekantieren(was wir gemacht haben) und einigermaßen zügig trinken. Bei uns wurde er im Glas mit der Zeit bäuerlicher, rustikaler und baute langsam ab Richtung 91-92/100.
Wahre Wunderdinge habe ich schon von alten Barolos gehört. Unser 1929 Barolo von Lanzavecchia hatte eine perfekte Füllmenge mit nur 3 cm Schwund, eine schwere, alte Flasche aus gutem Keller und einem sehr guten Barolo-Jahr. Die Nase war ein Traum für Madeira-Fans. Eine aggressive Säure machte ihn völlig untrinkbar.
Auch der 1955 Ferrière aus Margaux hatte in der Nase einen Hauch von Madeira. Die superdichte Farbe ließ auf die Fortsetzung des 47er Ferrière-Wunders hoffen, doch am Gaumen war das nur ein feiner, kleinerer Wein mit guter Frucht und kräftiger Säure – 86/100.
Genuss pur dann der 1966 Imperial von CVNE aus der halben Flasche. Faszinierende Mischung aus Kraft und Eleganz, wie ein Burgunder mit Turbolader, leicht animalische, aber sehr angenehme Nase, altes Sattelleder, erdig mit Trüffeln, sehr fein, am Gaumen ausgewogen und harmonisch, auch in der ½ keinerlei Zeichen von Schwäche – 94/100.
Wie so viele 89er und 90er hat sich auch 1990 Tertre Roteboeuf wieder etwas verschlossen. Dieser vor ein paar Jahren noch so prachtvolle, leicht barocke Wein trinkt sich inzwischen wie mit angezogener Handbremse. Klar ist da noch die dichte, junge Farbe, die trüffelige, terroirgeprägte Nase, aber wenig Frucht und am Gaumen eine kräftige Säure und bissige Tannine. Mit viel Wohlwollen und Phantasie sind da auch heute 94/100 im Glas, doch wer den Tetre Roteboeuf mit den 97+/100 aus der Fruchtphase erleben möchte, der sollte sich noch 10 Jahre gedulden.
In die Abteilung Warten gehört inzwischen auch die 1986 Mußbacher Eselshaut Rieslaner TBA von Müller-Catoir. Dunkle Farbe wie ein 100 Jahre alter Yquem, erst sehr verhaltene Nase, die sich aber mit der Zeit zum Rosinen-Turbo entwickelte, überreifer Pfirsich, Säure ohne Ende, aber auch Süße. Das war mal ein Gigant nahe den 100 Punkten und da werden ihn meine Nachfahren in ferner Zukunft vielleicht auch wieder finden, heute sind da 94/100 im Glas.
3mal 1976
Den 30. mit Bordeaux zu feiern, ist in diesem Jahr nicht ganz leicht. Erheblich besser ging das mit einem 1976 Côte Rotie Les Jumelles von Jaboulet Ainé. Der hat sich fantastisch entwickelt und ist jetzt voll auf dem Punkt. Reif, weich, rund mit terroirbetonter, leicht animalischer Nase, irre lang am Gaumen mit komplexer, druckvoller Aromatik. Ein faszinierender Wein, bei dem jedes Glas zu klein bzw. zu leer ist – 95/100.
Von der Nase her war der 1976 Penfolds Cabernet Sauvignon Shiraz Bin 389 dem Côte Rotie nicht unähnlich und wies auch eine leichte, nicht unangenehme animalische Note auf. Irre dichte, dunkle Farbe, reif, aber keinesfalls alt, portig mit wunderbarer Süße in der Nase, am Gaumen trocken und ebenfalls sehr lang. Das ist noch klassischer, großer Wein aus der Zeit, als in Australien ehrliche Weine ohne Holzchips und ähnlichen Klimbim erzeugt wurden – 93/100.
Dritter im Bunde war eine 1976 Niersteiner Brudersberg Riesling Beerenauslese von Heyl zu Hernsheim. Eine sehr kräftige, güldene und mit 12 % ungewöhnlich alkoholreiche BA mit guter Säure und fein dosierter, karamelliger Süße, für den Jahrgang, in dem in Deutschland überwiegend üppige Süßweine erzeugt wurde, außergewöhnlich gut strukturiert und sicher noch recht langlebig – 90/100.
2mal dazugelernt
Gefreut hatte ich mich auf die erste Fahrradtour ins niederrheinische Spargeldorf Walbeck. In der Alten Bürgermeisterei lässt sich dort vorzüglich nicht nur zur Spargelzeit speisen. Trotz bissigem, feucht-kaltem Gegenwind, der die 80 km gut doppelt so lang erscheinen ließ, war ich deutlich vor meinen Freunden eingetroffen. Yves Block, der geniale Küchenchef des Düsseldorfer Dado, war mit dem Auto unterwegs und blieb in einem größeren Stau stecken.
So machte ich mich schon mal über eine Vorspeise her, Suprême vom roten Tunfisch. Das schmeckte verdammt gut, hatte aber Nebenwirkungen. Yves, der dieselbe Vorspeise später auch wählte, zerlegte seinen Tunfisch und schnitt sehnige Mittelteile heraus, die bei mir bombenfest zwischen den Zähnen klemmten. Normalerweise gehörten diese Teile nicht auf den Teller des Gastes, so Yves, zumindest nicht in seiner Küche. Ich weiß jetzt, worauf ich in Zukunft achten muss. Einen ähnlichen Effekt kenne ich aus vielen anderen Restaurants vom Hummer. Wenn der nicht topfrisch ist, zerfasert er sich auch und schreit später nach Zahnstochern.
Einen Wein hatte ich auch schon bestellt. Mein Lieblingswein aus der leider weiter schrumpfenden Karte der Alten Bürgermeisterei, ein Chardonnay von Huber, war leider ausgetrunken. Mein Auge fiel jetzt auf einen Meursault Charmes von Jadot. Nach längerem Suchen kam der Kellner mit der Flasche, allerdings nicht 2001, wie auf der Karte angegeben, sondern 1999 Meursault Charmes von Jadot. Na gut, dachte ich mir, der kann ja eigentlich nicht schlechter sein. Schon hatte ich den Probeschluck nach dem „gekauft wie besichtigt“ Prinzip der Gebrauchtwagenhändler im Glas. Der Wein hatte ein tiefes Goldgelb und wirkte schon verdammt alt. Ein Fehler hatte er aber nicht. Kein Grund für eine berechtigte Reklamation also, zumal bei solchen Weinen eine leicht oxidative Note häufig verfliegt, und der Wein sich mit Luft und Temperatur entwickelt. Nur dieser leider nicht. Der wurde immer müder und gebrechlicher im Glas. Yves steckte nur kurz seine Nase rein, probierte einen Schluck und kam dann mit dem messerscharfen Statement: Bah! Davon möchte ich nichts. Ich hatte inzwischen auch die Nase voll. Wir bestellten stattdessen einen 2004 Kiedricher Gräfenberg Erstes Gewächs von Robert Weil. Das war ein sehr frischer, mineralischer, sehr eleganter, erstaunlich schlanker Wein mit knackiger Säure und sehr heller, fast wässriger Farbe. Bereits sehr gut trinkbar und zwar sicher das erste Gewächs von Weil, aber nicht eines der Großen Gewächse diesen Jahrgangs, wird sich aber sicher in den nächsten Jahren noch entwickeln – 89+/100.
Zurück zum Burgunder und den Lehren, die ich daraus gezogen habe. Pleiten mit jüngeren, weißen Burgundern habe ich schon genügend erlebt. Die Qualität ist längst nicht mehr das, was sie früher einmal war und das Preis-/Leistungsverhältnis spottet jeder Beschreibung. Oft sind selbst namhafteste Gewächse schon nach wenigen Jahren platt. Da hilft nur strenge Selektion bei eigenen Einkäufen. Und in Restaurants werde ich Weiße Burgunder nur noch trinken, wenn ein entsprechend kompetenter Sommelier da ist, der solchen Mist nicht im Keller hat und schon gar nicht auf den Tisch bringt.
Und die Alte Bürgermeisterei in Walbeck? Da fahre ich demnächst wieder hin, denn der Laden gefällt mir einfach. Nur von Tunfisch und weißen Burgundern werde ich mich fernhalten.
Osterfreuden
Vier Tage fast wolkenloser Himmel, während es sonst fast überall in der Republik regnete, Sylter Osterfreuden gab es in diesem Jahr nicht nur im Glas, aber dort eben auch.
Fein, wenn man weiß, dass nach über 4stündigem Strandmarsch von Kampens Buhne 16 zur Rantumer Sansibar eben dort einer der raren, heißbegehrten Tische auf einen wartet. Da fallen dann selbst die letzten, schweren Schritte noch leicht. Hunger und Durst sind hart erarbeitet. Viel zu jung noch ein 2002 Domaine Weinbach Riesling Schlossberg Cuvée St. Catherine. Ein sehr mineralischer Wein mit enormer Komplexität, Präzision und Länge. Sein gewaltiges Potential spürt man, die volle Freude kommt wohl erst in 3-5 Jahren auf. Heute 90+/100, später dann sicher 2-3 mehr. Aber wahrscheinlich wird es diesem Wein wie den meisten großen Elsässern gehen. Sie werden zu früh getrunken, nicht verstanden und geraten in Vergessenheit. Sehr schade. Voll da und in einer Frühform, die mich fast etwas bedenklich stimmte, war der 2004 Idig Großes Gewächs von Christmann. Klar, wir haben den Wein dekantiert und aus großen Burgundergläsern getrunken. Kein Vergleich zu meiner ersten Flasche im Dezember 2005, undekantiert aus zu kleinen Gläsern. Hier ging jetzt unglaublich die Post ab, satte, reife Frucht, knackige Säure, unerhörte Mineraltität, feiner Schmelz, Dichte, Komplexität und irre Länge. Vor allem Trinkspaß ohne Ende. Ein Wein, der mit diesem prallen, offenen Ausdruck perfekt in die Sansibar passt, und natürlich in mein Glas – 95/100. Die nächste Wuchtbrumme kam dann mit einem 2001 Tardieu Laurent Chateauneuf-du-Pape Cuvée Spéciale auf den Tisch. Natürlich war dieser gewaltige Chateauneuf noch nicht annähernd auf dem Höhepunkt. Aber der nicht gerade bescheidene Alkoholgrad von 16% sorgte als Geschmacksträger für kleinere Explosionen am Gaumen. Erstaunlich vor allem, dass der Wein trotz soviel Alkohol erstaunlich frisch und eben gar nicht alkoholisch wirkte. Einfach nuur würzig, üppig und mit großem Vergnügen trinkbar, passte als roter Zwilling perfekt zum Idig – 94+/100. Da noch einen draufzusetzen ohne einen Kleinkredit aufnehmen zu müssen, war nicht ganz einfach. Doch wir fanden mit viel Glück auf der mit über 1200 Positionen nicht gerade kleinen Sansibar-Karte die letzte, sehr maßvoll kalkulierte Flasche 2001 Shafer Hillside Select. Da war der Weinhimmel endgültig voller Geigen und ich hätte den Rückweg locker schwebend zurücklegen können. Für mich ist das ein fast perfekter Harlan-Zwilling. Die Eleganz und Finesse, mit der hier die gewaltige Konzentration und die immense Frucht rübergebracht wird, ist beispielhaft. Ich werde ihn demnächst einmal gegen 2001 Harlan trinken. Bis dahin gibt es konservative 98/100. Und natürlich dachte ich beim Genuß des Shafer auch an 2005 Bordeaux. Da wird es etliche Weine geben, die deutlich mehr kosten, Premiers vielleicht sogar ein Vielfaches, und das mit eingebauter Wartezeit. Sollte ich da nicht.......habe ich dann auch. Im Internet bin ich noch fündig geworden und habe Shafer gekauft.
Eigentlich kann man noch solchen Riesen nur noch Bier trinken, doch Michael Hamann hatte eine bessere Lösung. Die 2003 Niederhäuser Hermannshöhle Auslese von Dönnhoff war einfach spektakulär. Klar, wieder ein Weinbaby, aber was für eines. Eleganz, knackige Frucht, irre Säure, sehr hohe Mineralität, als ob da Felsstücke mitvergoren werden, und das alles in bester Dönnhoff-Art so perfekt strukturiert, und bei aller explosiven Dramatik so harmonisch und einfach oberlecker – 96/100. Das 2003er Fett steht diesem Wein unheimlich gut. Er mag ja ein 30+ Jahre Wein sein, aber wenn ich ihn demnächst irgendwo finde und dann nicht im Keller vergesse, wird er bei mir nicht alt.
Das trockene Gegenstück dazu tranken wir am nächsten Tag in Form der 2004 Niederhäuser Hermannshöhle Großes Gewächs aus Jörg Müllers prächtiger Weinkarte. Was für ein Wein! Unerhörte Mineralität, Kraft und Eleganz ideal gepaart, knackige Säure, tolle Länge und Komplexität, noch ein Weinbaby mit großer, langer Zukunft, aber Spaß machte er trotzdem schon. Nicht alles, was sich Großes Gewächs nennt, ist ein solches, doch dieser Traumwein ist ein Riesengroßes – 94+/100. Schlichtweg vergessen wurde auf der Karte ein 1991 Diamond Creek Gravelley Meadow. Sehr mineralisch, schlank, mit kräftiger Säure, aber auch Frucht und kräuteriger Würze, dabei harmonisch und elegant mit kräftigem Rückrat. Ein spannender, fordernder Wein mit sicher noch 20+ Jahren Zukunft – 93/100. Nie anfreunden konnte ich mich mit 1986 Latour. Schon in den Arrivage-Proben 1989 war das eine herbe Enttäuschung. Bei der Bearbeitung des Jahrgangs 1986(dürfte in 2 Wochen fertig sein und dann auf der Website stehen) fiel mir auf, dass ich ihn jetzt schon lange nicht mehr getrunken habe, und das er in der Literatur immer bessere Bewertungen bekommt. Also aus Jörg Müllers perfektem Keller eine Flasche bestellt und nachverkostet. Nicht nur Sommelier Horst Ulrich Höhne runzelte nach dem ersten Probeschluck die Stirn. Das Schönste an diesem Wein war noch die Farbe, er wirkte weitgehend fruchtlos, wenig Körper, immer noch Tannine und nicht reif, leicht säuerlich im Abgang, entwickelte sich nicht im Glas. Nur manchmal hatte ich für Sekundenbruchteile das Gefühl, als ob da etwas von der klassischen Latour-Aromatik aufblitzte und dann sofort wieder verschwand. Das war wieder eine herbe Enttäuschung, für die 87/100 schon sehr großzügig sind.
Auf der Suche nach Weinen, die ich noch nicht kannte, landete ich bei einem 1985 Côte Rotie von Chapoutier. Das war leider ein verdammt kleiner Côte Rotie aus diesem Superjahr, der Chapoutier keine Ehre machte, wirkte etwas ausgetrocknet und flach mit mehr Säure als Frucht und dabei sehr kompakt – 86/100.
Deutlich gemacht hat sich das Weinhaus Schachner in Westerland. Über 100 Weine kann man dort inzwischen glasweise trinken. Dazu kommen dann immer noch Spezialaktionen. So gab es am Ostersamstag z.B. 1997 Mouton Rothschild aus der Doppelmagnum. Hört sich spannend an, war aber eine mittlere Katastrophe. Zeigte bereits einen deutlich Braunrand und wirkte schon etwas ältlich und gebrechlich, deutlich weiter als die letzten 1tel, die ich getrunken habe, wenig Konzentration am Gaumen, die Frucht ist auf der Flucht, im Abgang kaum Kraft und leicht säuerliche Töne. Das waren 86/100 mit deutlich fallender Tendenz. Über die Ostertage hat Schachner mehrere DM´s aufgemacht, die alle aus einer seriösen Handelsquelle stammten und sich praktisch nicht unterschieden. Mich wundert das nicht. 1997 war ein sehr mäßiges Bordeaux-Jahr. Wenn es von Winzern und Händlern hochgelobt wurde, dann war das nichts anderes als lautes Rufen im dunklen Walde. Wer auf die damaligen, vollmundigen Subskriptionsofferten reingefallen ist, der sollte das Beste daraus machen und die Weine schleunigst austrinken, solange sie noch einigermaßen Reste von Fruchtphase zeigen und noch etwas Spass machen.
Gestartet waren wir bei Schachner mit einem Glas 2003 Scharzhofberger Riesling feinherb von Egon Müller. Das war ein traubiger Allerweltsriesling mit deutlich zuwenig Säure und mangelnder Struktur, also weder fein noch herb – 81/100.
Wir probierten auch noch einen 2002 Finca Altamira, einen Malbec von Achaval-Ferrer aus Mendoza in Argentinien. Dieser Wein stammt von 80 Jahre alten, wurzelechten Reben und wird mit niedrigen Erträgen von etwa 12hl/Hektar geerntet. Dichtes Schwarzrot, in der Nase großer Gewürzstrauß, intensiv Nelke, reife Schwarzkirsche, Brombeere, Cassis, twas Tabak und Schokolade, kräftige Säure, reife Tannine, aber feiner, finessiger und nicht so korpulent-fruchtig wie viele chilenische Weine von der anderen Seite der Anden. Ein durchaus spannender Wein, der insgesamt einen „warmen“ Eindruck machte, also ein Wein für Abende am Kamin in der dunkleren Jahreszeit – 93/100.
Und dann war da noch ein deutscher 2003 Cuvée M Merlot trocken von Aldinger. Tiefdunkle Farbe, typisch schweißig-animalische Merlot Nase, wirkt gefällig mit reifen, weichen Tanninen, aber mit seinen satten 15% Alkohol auch etwas plump und korpulent. Da bleiben gleich eine ganze Menge Fragen offen. Müssen 15 % Alkohol bei einem Württemberger Wein sein? Wo kommen die überhaupt her, aus der Maschine? Warum schiere Kraft statt Finesse? Der Wein mag ja ein Experiment für das sein, was moderne Kelletechnik alles vermag, eine Bereicherung der Weinwelt ist er für mich nicht – 87/100.
Ein paar schöne Weine haben wir auch wieder in Hardy´s Weinstuben probieren dürfen. Voll auf dem Punkt war der 2000 Schloßberg Riesling Grand Cru der Winzergenossenschaft Kientzheim aus dem Elsaß. Reif, leichte Petrolnote, aber immer noch gute Frucht und Säure – 87/100. Sehr schön immer noch der 1998 Löwengang Chardonnay von Lageder, obschon ich meine, dass an diesem sehr eleganten, fruchtigen Chardonnay auch langsam etwas der Zahn der Zeit nagt. In den Vorjahren hat er mir besser gefallen – 91/100. Gut trinkbar ist inzwischen 1999 La Lagune, der den massiven Holzeinsatz verdaut hat, ohne dabei seine Frucht zu verlieren. Ein sehr harmonischer, guter Wein, aber um Längen unter der Qualität früherer Lagunes – 88/100. Überrascht war ich wieder von 1992 La Mission. Immer noch eine intakte, dichte Farbe ohne Reifetöne, für das grausame Jahr erstaunlich kräftig und ausgewogen mit feiner Frucht und kräuterigen Noten – 89/100. Gut auch wieder 2001 Mezzopane, eine von 80% Sangiovese dominierte Cuvée von Poggio San Polo mit der für Sangiovese typischen, kräftigen Säure. Dichtes Schwarzrot, reife Kirsche und Brombeere, etwas Leder, mineralisch, reife, weiche Tannine – 91/100.
Vorgeschmack auf 2005
Bordeaux 2005 steht vor der Tür. Da steht ein tiefer Griff ins Portemonnaie an und eine Gewissensentscheidung. Wie lang möchte Mann/Frau eigentlich auf den Genuss dessen warten, das da für viel Geld erworben werden muss? Da lohnt der Blick 1986. So nutzte ich eine kleine, spontane Verkostung im Düsseldorfer Restaurant Dado zu einem Blick auf 2 dieser 1986er Brocken.
Zunächst einmal starteten wir mit einem grandiosen Chablis alter Schule. Der 1995 Chablis Les Clos von Duplessis war ein Wein aus einer anderen Zeit, das letzte Produkt des Seniors diesen Weingutes. Ich kenne den alten Herrn nicht, stelle ihn mir aber als einen knorrigen, eigensinnigen Menschen vor, der sich für die Moden dieser Welt nicht interessiert und unbeirrt seinen Weg geht. Genauso ist auch sein Wein. Kernig, eigenständig, charakterstark, noch taufrisch wirkend mit sicher etlichen Jahren Zukunft, leichter, nicht unangenehmer Stinker in der Nase, schöne Frucht, immer noch spürbares Holz, gute Länge und Säure. Baute sehr gut im Glas aus und wurde immer besser – 93/100.
Eigentlich trinke ich freiwillig ungern 97er Bordeaux, zu viele enttäuschende, platte Weine gibt es aus diesem Jahrgang bereits. Da war der 1997 Gruaud Larose eine erstaunliche, höchst erfreuliche Ausnahme. Sehr fleischig mit guter Frucht und Struktur, voll trinkbar, aber sicher noch mit Reserven für 5-10 Jahre. In so Schlabberjahren wie 1997 haben Spätstarter vom Schlage eines Gruaud Larose einen eindeutigen Vorteil – 89/100.
Und noch ein Un-Wein kam auf den Tisch, der 2002 Chateauneuf-du-Pape Domaine de la Mordorée aus diesem grausamen Rhone-Jahrgang. Der spottete mit seiner tollen Beerenfrucht, seiner Kraft, Struktur und Würze sicher jeder Jahrgangsbeschreibung und ist vermutlich für kleines Geld zu bekommen. Nichts zum längeren Einlagern, aber für 5+ Jahre auch finanziell unbeschwerter Trinkgenuss – 92/100.
Dann kamen die 86er auf den Tisch. 1986 Lafleur entwickelte diese traumhafte, für das Chateau so typische, kräuterige Nase, mit der Zeit kam dann auch noch reichlich Lakritz. Wenigstens Riechen durfte man also schon, doch das war ´s dann auch. Am Gaumen völlig zugenagelt mit nach wie vor Tannin ohne Ende. Da sind wohl noch mal mindestens 5 Jahre Warten angesagt – 92++/100. Nicht viel anders sah es bei 1986 Dunn Howell Mountain aus. Der zeigte erste Fruchtansätze, war sehr dicht und konzentriert mit irrer Länge, aber Reife und Trinkfertigkeit? Bitte in 10 Jahren wieder nachfragen, stand da ungeschrieben über dem Glas, heute 92/100, „morgen“ sind dann 96/100 locker drin. Beide Weine habe ich vor 18 Jahren erworben. Ähnlich dürfte es wohl vielen Erwerbern von großen 2005er Bordeaux, insbesondere aus dem Medoc, ergehen. Da sind dann 20-30 Jahre Wartezeit angesagt.
Der Wein des Abends war dann zum Abschluss ein 1990 Hermitage von Ozier. Den Namen noch nie gehört? Dahinter verbirgt sich Chapoutier. Welche seiner Lagen bzw. welche Cuvée daraus in der Flasche war, ließ sich nicht herausfinden. In jedem Fall war es ein großer, reifer Wein mit überzeugender Komplexität, mit feiner Süße und fantastischer Länge am Gaumen – 96/100.
Macht denn Peter Sissek garnichts falsch?
Eigentlich war gestern nach einem grandiosen Haut Brion Wochenende mit René Gabriel Alkoholfrei angesagt, doch widrige Umstände forderten einen qualifizierten Seelentröster. Also spontan einen der frisch angekommenen 2003 Flor de Pingus aufgerissen. Was für ein geiler Saft klassischer Sissek´scher Prägung. Tiefdunkle Farbe, explosives, rauchiges Bouquet mit reifer Brombeere und Expresso, auch am Gaumen pure, dekadente Frucht, das flüssige Graphit vom Aalto PS, reifes Tannin und gute Säure. Ein spannender, sehr gut strukturierter Wein, an dem nichts überladen oder aufgesetzt wirkte. Und auch die Nagelprobe, an der so viele Weine scheitern, wurde perfekt bestanden: das letzte Glas war mindestens so spannend wie das erste. Ein bereits mit viel Genuß (an)trinkbarer Flor, der bisher beste, mit sicher gut 10 Jahren Genussgarantie – 94+/100.
