Dezember 2005

LŽEmita gegen LŽErmita

Mit Kultweinen ist das so eine Sache. Wenn sie rauskommen und von den Gurus der Weinbranche in den höchsten Tönen gelobt werden, will sie jeder haben, trotz zum Teil schwindelerregender Preise. Wenn dann „die nächste Sau durch´s Dorf getrieben wird“, ebbt die Begeisterung ab.
Nicht ganz so schlimm ging es Alvaro Palicio, dem Shooting Star aus dem spanischen Priorat, mit seinem L´Ermita. Als Parker den 94er 1997 mit sensationellen 97 Punkten in den Himmel hob, setzte ein unglaublicher Run auf die Weine von Alvaro Palacios ein und der l´Ermita entwickelte sich über Nacht zu einem extrem gesuchten Edelteil. Inzwischen ist es aber auch etwas ruhiger um diesen Wein geworden. Ältere Jahrgänge sind auf Auktionen zu durchaus interessanten Konditionen zu bekommen. Angesichts der zahllosen neuen, spanischen Top-Cuvées ist das kein Wunder.
Ich hatte Alvaro Palacios schon 1995 auf einer Veranstaltung in Köln kennen gelernt und war frühzeitig in seine Weine eingestiegen. Es war eigentlich Zeit, sie mal wieder zu trinken. So stellte ich an einem Dezember-Wochenende den 1993 L´Ermita, von Parker 1996 mit 89/100 abgefertigt, und den hochbewerteten 1994 L´Ermita gegenüber. Beide Weine erwiesen sich noch als verdammt jung und schrieen trotz längerer Dekantierzeit förmlich noch nach etlichen Jahren Kellerlagerung. Der 1993er hatte eine dichte, junge Farbe, intensive Frucht, Cassis pur, Kirsche, sehr präsente, bissige Tannine, viel Säure, hielt sich in seiner fruchtigen Art sehr gut gegen 94, meine letzten beiden Flaschen lege ich noch mal 10 Jahre weg - 93/100. Der 1994er war mit ebenfalls sehr junger Farbe weicher, reifer, üppiger, ausladender als 93, in der Nase erst leicht animalisch, reife Kirsche, trotz immer noch präsenter Tannine sehr schöne Aromatik - 95/100. Auch hier ist keinerlei Eile angesagt.

Dicke Dinger

Sehr netten Besuch aus Sylt hatten wir für ein verlängertes Wochenende. Jörg Müller war mit Familie da. Eine gute Gelegenheit, mal etwas tiefer im Keller zu graben und in etwas größerer Runde auch mal ein paar „Dicke Dinger“ – sprich: Magnums – aufzumachen.
So tranken wir am ersten Abend im Berens am Kai eine grandiose 1970 Pichon Comtesse Magnum, traumhaft süße Burgundernase, am Gaumen reif, kompakt, baut wunderschön im Glas aus, wird reichhaltiger, kleidet schön den Gaumen aus, perfekt zum Essen - 93/100. Macht in diesem Format sicher noch etliche Jahre Spaß. Sehr schön auch wieder 1964 Beychevelle Magnum, Eleganz und Finesse ohne Ende, toll am Gaumen, braucht Luft und Zeit, baut sehr gut im Glas aus, klassischer St. Julien vom Feinsten - 92/100.
Von beiden Weinen hatte ich auch nichts anderes erwartet. Spannender wurde es am zweiten Abend bei Franz Josef Schorn, denn da war auch reichlich Risikofreude angesagt.
Los ging es mit einem 1983 Graf Adelmann Brüssler Spitze Hohenecker Clevner Spätlese trocken aus der Magnum, helle Farbe wie älterer Rosé, dünn, Typ älterer Spätburgunder, durchaus noch trinkbar, hält sich im Glas lange auf diesem Niveau - 82/100. Danach ein 1952 Le Gay in einer belgischen Cannière-Abfüllung. Dichte Farbe, wirkte zu Anfang wie kräftiger, älterer Rhone-Wein, Kaffee, massig Bitterschokolade, etwas kurz am Gaumen zwar, aber insgesamt ein Hochgenuß - 93/100. Risiko pur war dann ein bei Ebay für wenig Geld erworbener 1948 Pfälzer Landwein der Weingroßhandling W. Niehenke aus Hameln. Das, was wohl mal ein Rotwein war, hatte inzwischen eine helle Farbe, dazu eine staubig-muffige Nase, am Gaumen kein Genuß mehr, aber man starb nicht dran und in 1948 Geborene hätten ihn vielleicht auch noch schöngeredet. Spannend ein 1921 Léoville las Cases. Kräftige Farbe mit deutlichem Braunrand, pilzige Nase mit reifen Wiesen-Champignons, aber auch die typischen Kaffee- und Mokkaaromen großer, älterer Weine, baut im Glas nicht ab und ist trotz gewisser Säure schön am Gaumen - 92/100.
Eine der Überraschungen des Abends war dann 1950 Pape Clement aus der Magnum. Rabenschwarze, dichte Farbe, schwarze Johannisbeere im Teermantel, baut traumhaft schön im Glas aus, da kommt klassischer, großer Pessac mit Tabak und Teer ohne Ende, entwickelt mit der Zeit intensive balsamische Noten, tolle Länge am Gaumen und noch 10+ Jahre Potential - 96/100. Deutlich reifer als die am gleichen Ort vor 10 Jahren getrunkene Zwillingsflasche dann ein 1955 Clinet aus der Magnum. Brilliante Farbe ohne jeden Alterston, am Gaumen aber nicht mehr die Kraft und Konzentration von 95, finessig, schokoladig, relativ kurz am Gaumen - 92/100. Den Magnum-Reigen kröhnte dann eine schlicht und einfach außerweltliche 1947 Cadet Piola Magnum. Als ich diese Magnum vor langen Jahren in Bordeaux in einer Auktion erwarb, wusste ich nur, dass bei Cadet Piola seinerzeit sehr langlebige, Cabernet-betonte Weine erzeugt wurden, die eine lange Reifephase benötigten. Jetzt weiß ich, was damit gemeint war. Der Wein hatte eine superdichte, junge Farbe, so ein dichter, komplexer Überflieger, feine, schwarzbeerige Frucht, Schokolade, feine Süße, wird immer schmelziger mit toller Länge am Gaumen, noch Potential ohne Ende, bleibt aber kernig, "Männlich", eher Pauillac als St. Emilion - 98/100.
Als Hommage an den Hausherrn hatte ich noch eine halbe(!) Flasche 1951 CVNE Vina Real Reserva Especial mitgebracht. Die war schon wie die erste Halbe vor über 10 Jahren so jung, so aromatisch, so druckvoll - Wahnsinnsstoff - 95/100.