Februar 2005
Von neuen Trilogias und alten Rhone-Weinen
So einen Anruf bekommt man gerne. Christos Kokkalis war aus Griechenland gekommen und hatte seine neuen Weine mitgebracht. „Ob ich denn Lust hätte....“ – so eine blöde Frage. Natürlich hatte ich Lust und Durst. So trafen wir uns dann am Aschermittwoch bei Schorn in kleinem Kreise, um bei einem exzellenten, Rotwein-fähigen Fischmenü nicht nur die neuesten Trilogias, sondern auch ein paar ältere Weine zu probieren.
Los ging es mit einem 1964 Chateauneuf-du-Pape La Fiole von Père Anselme. Gut 500.000 Flaschen werden jährlich von diesem Chateauneuf in einer eigentümlichen, eher nach Touristenfang aussehenden Flasche verkauft. Das klingt nicht unbedingt nach Qualität. Allerdings war 1964 ein hervorragendes Jahr für die südliche Rhone mit einer sehr kleinen Ernte. Im Glas hatten wir einen noch sehr lebendigen, beeindruckenden Wein. In der Nase Teer, alte Ledertasche, im ositiven Sinne animalisch, grüner Pfeffer. Am Gaumen sehr kräftig, würzig, Lakritz, feine Süße, beachtliche Länge. Baute im Glas nicht ab. Ein immer noch suchenswerter Chateauneuf im alten, klassischen, rustikalen Stil – 93/100.
Die nächste Risiko-Flasche war ein 1955 Chateauneuf-du-Pape der Societé Viticole Beaujolaise, also ebenfalls eines Handelshauses. Trotz schlechter Füllmenge der Flasche (6cm) war auch dieser Wein noch gut trinkbar. Unglaublich dichte Farbe, Madeira-Nase, massig Kakao, kräftiger, schwarzer Kaffee, in der Nase süßer als am Gaumen, Karamelltöne, Portwein. Wandelt sich mit der Zeit, die Nase wird immer portiger, am Gaumen tritt die deutliche Säure immer präsenter in Erscheinung. Kann sein Alter nicht verleugnen. Auf dem Rückenetikett garantiert ein Weinhaus Josef Augstein für die Qualität des Weines. Die Herrschaften müssen sich keine Sorgen machen. Damals war das wahrscheinlich ein einfacher Supermarkt-Wein für kleines Geld. Und dann diese tadellose Performance. Da kommt die heutige Discounter-Brause ähnlicher Preislage nicht mehr mit – 89/100.
Schier unglaublich war dann der dritte Wein, ein 1951 Côtes du Rhone von Paul Jaboulet Ainé. Einer der wenigen Überlebenden eines zumindest überall in Frankreich grausamen Weinjahres. Sensationelle Nase, großer Gewürzstrauß, frischer Pfeffer, feine Süße – da musste ich spontan an 1971 La Mouline denken. Der Gaumen kam mit dieser Sensationsnase nicht mit. Das wäre auch zuviel des Wunders gewesen. Kompakt, kräftige Säure, baut nicht ab sondern aus, wird weicher und entwickelt feine Süße. Unfassbar, was da aus dieser perfekt gelagerten Flasche mit einem nur 2 cm langen Minikorken kam – 93/100.
Den perfekten Übergang von diesen faszinierenden Wein-Altertümern zu den jungen Kokkalis-Weinen schuf dann ein 1986 Leoville las Cases. Der war so dicht, jung und zugenagelt, dass die Kokkalis-Fassproben im Vergleich dazu schon fast Trinkreife zeigten. Ich hatte spontan bei diesem blind eingeschenkten Wein an 1982 Leoville las Cases gedacht, auch so ein unnahbares Monstrum. Sehr junge, dichte Mörderfarbe, stahlige Cassis-Frucht, Tannin und Kraft ohne Ende, dezente Trüffelnase. Sicher hat dieser Wein großes Potential und wird in 10+ Jahren 97-98/100 erreichen, vom heutigen Trinkgenuss her ist bei Flaschen, die im Keller und nicht auf dem Speicher gelagert wurden, nicht mehr als 91/100 drin. Ein großer Teil der 82er und 86er Leoville las Cases, die durchaus als Zwillinge durchgehen, wird sicher ohne jedes Vergnügen, vielleicht sogar mit blankem Entsetzen lange vor der eigentlichen Genussreife ausgetrunken. Das kommt davon, wenn man nur die Parker-Punkte liest, aber nicht das Kleingedruckte. Packen Sie Ihre Kiste 86 Leoville las Cases in die hinterste Ecke Ihres Kellers und schreiben drauf „für die Enkel“. Die werden sich dann in 30 Jahren an einem großen Wein erfreuen und dankbar an den Opa denken, der damals so weitsichtig einkaufte.
Drei Weine hatte Christos Kokkalis, dieser sympathische, bescheidene griechische Weltklassewinzer mitgebracht.
In 2004 konnte er die erste Jungfernernte seines vor ein paar Jahren bepflanzten Syrah-Weinberges einbringen. Da der junge Syrah nicht genügend Kraft besaß, verschnitt er ihn mit 50 % Cabernet Sauvignon. Wir tauften diese Mischung aus Kokkalis und Syrah spontan als „2004 Kokkalah“. Intensive, jugendliche Frucht, Maulbeere, Pfeffernote, unglaubliche Frische, verhaltener Minzton. Rassiger, eher etwas schlanker, eleganter Wein. Dürfte früh trinkbar sein und hat durchaus das Potential für ein 89-90/100 Trinkerlebnis. Die eigentliche Nagelprobe für Kokkalis neuen Syrah wird im nächsten Jahr kommen. Dann muss intensive Weinbergsarbeit verbunden mit deutlich reduziertem Ertrag zeigen, ob Terroir und Mikroklima einen eigenständigen, großen Syrah hervorbringen können.
Gespannt war ich auf den frisch abgefüllten 2003 Trilogia. Dekadente, reife, überbordende Frucht mit intensiver Fruchtsüße, Holundernase, frischer Flieder, Cassis pur. Deutlich von diesen jugendlichen Primäraromen geprägt. Gute Säure und reifes, aber sehr präsentes Tannin. Wie ein hypothetisches Blend aus einem Silver Oak Alexander und einem Solaia. Vielleicht Christos bisher bester, sicher aber noch mal eine Stufe über dem unglaublich leckeren 2002er. Wird etwas länger zur Trinkreife brauchen als letzterer und dafür sicher länger leben. Hat sicher das Potential für 94+/100.
Das Fassmuster des 2004 Trilogia wirkte etwas kompakter als 2003. Sicher wieder ein großer Trilogia mit gutem Alterungspotential, Maulbeere ohne Ende, Kakao, etwas Bitterschokolade. Entwickelt sich im Glas, wird zugänglicher, schmeichlerischer, die Süße der amerikanischen Eiche, auf der man fast kauen kann, kommt durch. Sicher mindestens auf 2002-Niveau, aber langlebiger, gute Säurestruktur, spürbares Holz. Potential für 93+/100.
Ich habe mich reichlich mit 2002 eingedeckt und gedenke das auch mit 2003 und 2004 zu tun. Irgendwann bekommen Parker & Co diesen Ausnahmewein in die Finger und dann ist Schluss mit Lustig.
Von der grossen Freude reifer Weine
1950 ist auf dem sogenannten „rechten Ufer“ und in Pessac ein wunderbares, völlig unterschätztes Weinjahr. Das zeigte sich an einem stürmischen Samstag Nachmittag im Februar. Während draußen bei ungewöhnlichen 13 Grad mit Stärke 10 der Wind pfiff, hatten wir zwei schöne 50er Bordeaux vor uns im Glas.
Der 1950 Clos Vieux Mallet aus Pomerol hatte eine reife Farbe mit deutlichem Braunton. Er wirkte erst etwas fragil, baute dann aber fantastisch im Glas aus. Er entwickelte mit der Zeit eine traumhafte, reife Merlot-Nase mit etwas Lakritz und Süßholz. Am Gaumen schmeichlerisch-elegant mit feiner Süße, baut immer mehr aromatischen Druck auf, seidige Fülle ohne Ende. Auf dem Punkt, ein perfekt gereifter Merlot, ganz konservative 94/100.
Ganz groß wieder 1950 La Mission Haut Brion. Der stand mit einer dermaßen kräftigen, dichten Farbe im Glas, dass man automatisch an einen deutlich jüngeren Wein denken musste. Das war La Mission in Perfektion mit der intensiven, klassischen Nase. Zigarrenkiste, frisch aufgebrühter Kaffee mit Rösttönen, man möchte gar nicht aufhören, zu riechen. Am Gaumen kräftig, aber reif mit wunderbarer Aromatik und toller Länge am Gaumen. Ich habe diesen Wein aus meinem Geburtsjahr zum ersten Mal 1987 getrunken und war damals erstaunt, wie schön er „noch“ trinkbar war. Das ist jetzt 18 Jahre her, und dieser große La Mission zeigt immer noch keine Zeichen von Schwäche, da sind sicher noch mal weitere 18 Jahre drin – 95/100.
Danach tranken wir noch einen ebenfalls ausnehmend schönen 1987 Guigal La Turque. Der präsentierte sich von der Reife her auf einer Stufe mit dem 50er La Mission. Druckvolle, reife, leicht animalische Nase mit großem Gewürzstrauß, Salbei, schwarzen Oliven, dunklen Früchten und Leder. Voll trinkreif und auf dem Punkt. Einfach hedonistisch lecker. Ich würde ihn eigentlich aus heutiger Sicht in den nächsten 5 Jahren trinken, aber große Weine - siehe der 50er La Mission – verharren manchmal Jahrzehnte in diesem reifen Stadium. Schon erstaunlich, was Guigal da in einem Jahr gezaubert hat, das als das schlechteste des Jahrzehnts an der Rhone gilt - 95/100
Grosse Weine sind nicht immer gross
Sicher ist Ihnen das auch schon passiert. Da steht ein toller Wein vor Ihnen, hoch bepunktet von Parker, Lobeshymnen von Gabriel – und Sie suchen und suchen im Glas. Das Zeugs singt einfach nicht.
Da kann es viele Ursachen geben, Flaschenvariationen, schlecht gelagerte Flaschen, Fälschungen, ein Übergangsstadium, in dem der Wein einfach nicht schmeckt – oder Sie sind selbst einfach nicht gut drauf.
Ich habe in den letzten Wochen gleich zweimal daneben gegriffen.
1987 Robert Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve, eigentlich ein großer, hochbewerteter Wein. Selbst schon mehrfach getrunken und kontinuierlich mit 95+/100 bewertet. Jetzt steht er da vor mir mit einem deutlichen Pilz- und Jodton, der einen sonst wunderbaren Wein überdeckt. Ich hatte gerade zwei Wochen mit Antibiotika hinter mir und war froh, dass das vorbei war. Und jetzt schmeckt und riecht ausgerechnet dieser Wein penetrant nach Penicillin. Warum, habe ich bisher nicht herausgefunden, außer, dass im Internet in der letzten Zeit häufig von sehr unterschiedlichen, auch vielen schlechten Flaschen beim 87er Mondavi Reserve berichtet wurde.
1985 Haut Brion
19/20 bei Gabriel(„Eine Bordeaux-Königin“), 94/100 bei Parker(„a possible legend“), natürlich selbst auch schon ein gutes Dutzend mal getrunken, meist mit 95/100 bewertet, aber auch ein paar Ausfälle. Der Wein in meinem Glas hatte die klassische Cigarbox-Nase und war auch am Gaumen klar typischer Haut Brion zu erkennen. Nur – er machte einfach keinen Spaß. Er wirkte sehr erdig und rustikal, mehr wie ein Cocktail aus Blumenerde denn als großer Rotwein. Frucht war weitgehend Fehlanzeige. Meine liebe Gattin probierte nur einen kleinen Schluck und wollte dann nichts mehr. Bei wirklich gut schmeckenden Weinen ist das anders. Da muss ich mich ranhalten, dass für mich genügend übrig bleibt. Den Haut Brion hatte ich nun für mich alleine. Der befand sich leider in einem Übergangsstadium, in dem auch solche Weine nur ein Schatten ihrer selbst sind. Der jugendliche Lack war ab, die Fruchtigkeit weg und die Reife mit der feinen Süße, die solche Weine dann entwickeln, noch nicht da. Die kommt mit Sicherheit. Vor ein paar Jahren erst habe ich in einem Restaurant eine Flasche getrunken, die – weil wahrscheinlich erheblich wärmer gelagert als in meinem Eiskeller – deutlich weiter war, wunderbar reif und voll auf dem Punkt. Also ein paar Jahre warten.
Rotweinwetter
Ungewöhnlich winterlich war der Februar in diesem Jahr. Rotweinwetter zuhauf, so auch zum Ende des Monats hin an einem Samstag Spätnachmittag. Horst Wittgen hatte ein paar superleckere Schweinereien zubereitet, zu denen unsere Art des Wintersports trieben.
Wir begannen mit einem 1970 Louis Martini Cabernet Sauvignon, einem der letzten schönen Weine dieses einstmals grandiosen, kalifornischen Weingutes. Ein Wein, der im Vergleich zu heute aus einer anderen Welt und sicher nicht aus einer anderen Zeit stammte. Damals wurden in Kalifornien völlig unbemerkt von der europäischen Weinwelt große Rotweine nach klassischem Bordeaux-Muster erzeugt. Langlebig, vielschichtig mit Alkoholgraden, von denen man heute nur wehmütig träumen kann. Ganze 12,5 % hatte Altmeister Louis Martini gebraucht, um einen faszinierenden Wein mit großer Geschmacksdichte zu schaffen. Die Farbe war reif mit deutlichem Orangenrand. In der Nase erst leichter Medizinalton, der schnell verschwand, dann kam immer stärker Minze, später kräftige Teernoten. Der Wein wandelte sich kontinuierlich und baute, ohne abzusaufen, sehr schön im Glas aus. Am Gaumen feine Süße, deutliche Reifetöne, faszinierende Aromatik, wird immer schöner. So einen Wein mit all seinen Facetten verfolgen zu dürfen, das hat schon was – 92/100.
Ihm gegenüber stand ein 1975 Giscours. Ein reifer, klassischer Cabernet, etwas rustikal und eckig, wird mit der Zeit feinduftiger und eleganter, die früher störende Säure ist nicht mehr präsent, dafür taucht der Wein relativ schnell ab, da ist inzwischen Eile geboten - 87/100.
Ein 1950 Latour hatte aus einer nicht optimalen hs-Flsche ein helles Rot, wie Sauerkirschsaft, seltsamerweise zu Anfang auch Sauerkirschnase, am Gaumen kräftige, aber sehr reife Säure, baut im Glas nicht ab sondern aus, entwickelt mit der Zeit feine Süße, aber auch die tolle Essenz von reifem Cabernet. 1950 gehörte im Medoc nicht zu den großen Jahren. Und doch sind gerade Latours aus etwas kleineren Jahren häufig faszinierende Weine. Das mag daran liegen, dass man hier wenigstens die Chance hat, einen Latour mal richtig reif zu erleben. Große ältere Weine, auch wenn sie schon etwas über den Zenit sind, blühen nach einiger Zeit noch mal wunderbar im Glas auf. Deshalb sollte man ihnen Zeit gönnen. Zu Anfang hätte ich auf diesen Wein keinen Pfifferling gewettet, zum Schluss die ganze Farm - 92/100.
Wir hatten mit einem kalifornischen Wein angefangen und hörten mit einem neueren kalifornischen Weinmonument auf, dem 1995 Araujo Cabernet Sauvignon Eisele Vineyard. Der schönste, auf diesem Weingut je erzeugte Wein, ein Meisterwerk des begnadeten Tony Soter, gehört seit langem zu meinen persönlichen Favoriten und hat es unter meine Top 100 geschafft. Ein unglaublicher Wein mit fantastischer Frucht und intensiver Fruchtsüße. So reichhaltig und trotzdem so fantastisch balanciert. Da ist nichts schweres, überladenes. Bei aller Power bleibt eine wunderbare Finesse. Ich gehöre zu den Glücklichen, die dieses Monument schon gut 2 Dutzend Mal trinken durften. So notierte ich 1999 nach der großen Penfolds-Probe, wo wir uns hinterher noch einen 95er Araujo gönnten, „einfach göttlich und deutlich besser als alles, was es auf der Penfolds-Probe gab“. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer 100/100.
