Februar 2006

Kleiner Imbiss

Zu den herausragenden Küchen in Deutschlands zählt das, was Stefan Steinheuer in Bad Neuenahr in der Alten Post bietet. Durch die Lage im idyllischen Ahrtal bietet sich das Restaurant mit seinen sehr komfortablen Zimmern, insbesondere im Landhaus, natürlich als Ziel für ein gastronomisches Wochenende an. Mindestens so lohnend ist aber ein Abstecher von der Autobahn bei einer Nord-/Südfahrt. „Rasten statt rasen“ bekommt hier einen völlig neuen Sinn. Der Weg wird zum eigentlichen Ziel und der oft so stressige Reisetag, bei dem man sich eigentlich nur selber hetzt, wird zum Erlebnis.
Wir nutzen die Rückfahrt von einer großen Weinprobe zu einem sehr lohnenswerten Abstecher. Unser „kleiner Imbiss“ war ein formidables, 7-gängiges Menü, bei dem wir vor lauter Begeisterung fast die Teller mitgegessen hätten. Wer zu Steinheuer geht und nicht übernachtet, sollte vorher klären, wer fährt oder – noch besser – einen Abstinenzler als Fahrer mitnehmen. Auf der für ein Restaurant dieser Klasse sehr maßvollen Karte lassen sich reichlich Entdeckungen machen.
Wir starteten mit einer 1990 Brauneberger Juffer-Sonnenuhr Auslese Goldkapsel #11 von Fritz Haag. Ein traumhaft balancierter Wein, immer noch frisch mit perfektem Süße-Säurespiel und einer Eleganz, wie sie nur Wilhelm Haag, der Altmeister der Leichtigkeit des Weines hinbekommt, dazu mit unmerklicher Kraft und hohem Extrakt, die spielend auch mit frecher gewürzten Vorspeisen mithalten – 94/100. Fans brauche ich über die Haag-Weine, insbesondere die restsüßen, sicher nichts zu erzählen. Aber allen anderen, die sich prinzipiell vor jedem Gramm Restzucker ekeln wie vor Herpes, kann ich nur dringend zu einem Selbstversuch raten. Ein fantastisches Geschmackserlebnis, das noch dazu mit extrem niedrigen Alkoholgraden daherkommt.
Nicht übergehen konnten wir auch einen reizvoll ausgepreisten 1993 Côte Rotie La Mouline von Guigal. Auf dem Punkt war dieser Wein aus einem der vermeintlich schwächsten Côte-Rotie-Jahrgänge der letzten 25 Jahre. Erstaunlich, wie der La Mouline über die Jahre zugelegt hat und welche Komplexität er jetzt an den Tag legte. Kaum Alterstöne in der recht dichten Farbe. Die würzige Art des La Mouline, die getrockneten Kräuter und nicht unangenehme, animalische Anklänge machten ihn zu einem perfekten Begleiter unserer Hauptgänge – 93/100.
Flüssiges Gold dann zum Abschluss eine 1983 Wehlener Sonnenuhr Riesling Beerenauslese lange Goldkapsel von Joh.Jos. Prüm. Das war purer Nektar, was hier über die Zunge rann. Hoch konzentriert, aber gleichzeitig mit einer schwerelosen Leichtigkeit – 98/100.

Von Allem etwas

Zu einer feinen Probe im Stile einer Best Bottle hatte uns ein Weinfreund in sein Privathaus eingeladen.
Zum Auftakt gab es vom Hausherrn als Einstieg 2002 Vintage Tunina von Jermann. Silvio Jermann aus dem italienischen Friaul gilt als kreativer Kopf, der sich seine Weine ziemlich teuer bezahlen lässt. Der Tunina ist eine Cuvée aus Chardonnay und Sauvignon Blanc mit etwas Malvasia und Picolit. Ein sehr frischer, aromatischer Wein mit Zitrusaromen und etwas Passionsfrucht, nicht aufregend, sicher hoffnungslos überteuert, aber angenehm zu trinken – 87/100. Zum Vergleich gab es mit dem 1999 Vintage Tunina auch einen älteren Jahrgang. Der war deutlich gereifter und zeigte schon leichte Petroltöne wie ein älterer Riesling, gehört sicher bald getrunken – 86/100.
Sehr wenig anfangen konnte ich auch mit einem zur Gänselebervariation gereichten 2001 Maculan Torcolato. Der hatte eine üppige, aufdringlich-parfümiert süße Aromatik, zuwenig Säure und wirkte insgesamt etwas pappig – 85/100.
Unser erster Roter war ein 1986 Côte Rotie La Turque von Guigal. Ein sehr reifer, deutlich älter wirkender Wein. Nicht allzu dichte Farbe mit ersten Reifetönen, betörende, würzig-burgundische Aromatik, dabei immer noch sehr fein und elegant mit schöner Länge – 93/100. Sollte sicherlich in den nächsten Jahren getrunken werden. Eine sehr reife, helle Farbe hatte auch der nachfolgende 1968 CVNE Imperial Gran Reserva. Sehr mild und weich mit betörender Aromatik, sehr fein und elegant mit toller Länge, ein Finessenmeister, da spielt keine Big Band, sondern ein Kammerorchester - 92/100. Korkig war leider ein 1955 Ausone. Jammerschade, denn das wäre sonst ein wunderbarer, immer noch sehr kräftiger Wein in der 92+/100 Klasse gewesen. Immer noch intakte, brilliante Farbe und – ich durfte ihn öffnen - traumhafte Nase beim Dekantieren! Da werde ich wohl noch mal auf die Suche gehen, denn das könnte potentiell ein noch sehr langlebiger 93+/100 Wein sein.
Schlagartig in die Gegenwart katapultierte uns dann ein 2003 Montrose. Mit dem konnte ich überhaupt nichts anfangen. Superdichte, junge Farbe, jugendliche, rotbeerige Primärfrucht, Kirsche ohne Ende, am Gaumen wenig Kraft und sehr diffus wirkend, kaum spürbare Tannine. Hätte in dieser Form überall herkommen können, nur nicht aus Bordeaux. Der Montrose stand völlig neben den Schuhen. Da passten die einzelnen Bestandteile einfach nicht zueinander. Füllstreß, Transport – der arme Wein wusste noch gar nicht so recht, dass sehr schon in die Flasche gekommen war, geschweige denn jetzt in unser Glas. Kann man in dieser Form unmöglich bewerten. Natürlich freue ich mich schon auf die 2003 Arrivage-Verkostung, aber etwas Ruhe sollte man den Weinen schon gönnen.
Weiter ging es mit einem 2001 Vinedo Chatwick, der Top-Cuvée des chilenischen Weingutes Errazuriz, das in Kooperation mit Mondavi auch den Sena produziert. Undurchdringliche Farbe, üppige, dichte und süße Frucht, Cassis und schwarze Johannisbeere ohne Ende, fast etwas marmeladig wirkend, etwas Tabak, gute Tanninstruktur, wirkt aber trotzdem etwas glatt und poliert, mir fehlt da einfach die Spannung. Wird sicherlich Fans finden, die ihn deutlich höher bewerten als meine knauserigen 92/100.
Immer noch ein Weinbaby war 1994 Dunn Howell Mountain. Pfeffrig-minzige Aromatik, üppige Frucht, Kraft ohne Ende, für Dunn erstaunlich trinkbar, aber da kommt innerhalb der nächsten 10 Jahre noch deutlich mehr – 92++/100. Erheblich weiter aus dem selben Jahr ein 1994 Beringer Cabernet Sauvignon Chabot Vineyard. Jetzt voll auf dem Punkt mit feiner, reifer Frucht und einer schönen, kräuterigen Note. Sehr Bordeaux-typisch mit einem Schuß Exotik – 95/100.
Mit der 1982 Pichon Comtesse de Lalande habe ich in der letzten Zeit so meine Probleme. Klar, bei dieser Magnum stimmte alles, die richtige Version(dicke Jahreszahl), perfekte Lagerung, und doch sang die Comtesse nicht richtig. Immer noch ein großer Wein mit wunderbarer Frucht und prächtiger Fülle, aber das 100-Punkte-Erlebnis, das ich schon so oft haben durfte, wollte sich wie schon häufiger in der letzten Zeit nicht einstellen. Ist das Comtesse-Wunder wirklich schon vorbei? – 96/100.
Eindeutig der Wein des Abends war dann 1947 Chambertin Vandermeulen. Der brauchte zwar seine Zeit im Glas und wirkte ganz zu Anfang etwas irritierend ätherisch – wir hatten ihn nicht lange genug vorher dekantiert – stand dann aber über Stunden wie eine „1“ im Glas und entwickelte sich traumhaft mit einer facettenreichen, tollen Aromatik und einer irren Länge am Gaumen – 100/100.
Nie wäre ich blind auf den nächsten Wein gekommen. Für die junge Farbe so untypisch weich, harmonisch und schmelzig mit irrer Fruchtsüße, Bitterschokolade und Marzipantönen war die 1996 Pichon Comtesse de Lalande, dabei so zugänglich und reif, da wirkte der 82er ja fast wie ein Brocken gegen – 96/100.
Was mein Weinfreund und Sitznachbar beim nächsten Wein mit „hochtittig“ meinte, kann ich schon irgendwie erahnen. Der 1996 Pahlmeyer Proprietary Red Wine war schon ein gewaltiges Geschoß mit wunderbarer Frucht, viel Kraft und perfekter Struktur. Gleichzeitig ein perfektes Beispiel für die hohe Qualität des großen Kalifornien-Jahres 1996. Weine, die im Vergleich zu den hochgelobten 97ern einfach harmonischer, besser strukturiert wirken und sich häufig, wie auch hier, schöner trinken – 96/100. Da war im direkten Vergleich der 1993 Ridge Monte Bello einfach ein armer Wicht gegen. Er wirkte sehr jung und dabei etwas eckig und ungenerös, dem fehlte einfach das Fett – 90/100.
Pralle, dekadente Lust kam dann mit dem 2001 Aalto PS ins Glas. Übrigens nicht irgendein Glas, der Gastgeber hatte keine Kosten gescheut und ließ uns aus Riedel Sommelier Bordeaux Pokalen trinken. Da kam der Aalto natürlich richtig zur Geltung. Dichtes, tintiges Purpur, konzentrierte, reife und süße Frucht, Blaubeere, Brombeere, hohe Mineralität, Graphit, leicht rauchige Note, trotz aller Kraft und Dickflüssigkeit erstaunlich elegant und mit viel Finesse, dabei so zugänglich mit einer irren Länge am Gaumen. Ein Riesenwein – 97/100.
Dem stand 2000 Numanthia Termanthia kaum nach. Der war vielleicht noch etwas verschlossener, zeigte mehr Muskeln in Form massiver Tannine. Aber ebenfalls ein dichter, üppiger, fülliger Wein mit toller Fruchtsüße und perfekter Struktur, ein ganz großer Wein mit sehr viel Zukunft, auch er profitierte natürlich vom großen Glas – 96+/100. Beide Weine mit sehr großer Zukunft, da kann noch mehr ins Glas kommen. Schließlich wurden sie nicht mit irgendwelchen Tricks im Keller gezeugt, sondern sind zu allererst das Ergebnis sehr sorgfältiger Arbeit im Weinberg mit alten Reben und sehr niedrigen Erträgen.
Noch ein Wort zu den Gläsern. Große Weine gehören in Große Gläser, und damit meine ich nicht nur das Glasvolumen, sondern auch die Qualität des Glases. Wer hier spart, dem entgeht einfach eine ganze Dimension. Gerade junge Granaten wie Aalto PS und Termanthia, aber auch Kalifornier und Bordeaux profitieren enorm von der richtigen Glaskultur, wie sie unser Gastgeber an diesem Abend so vorbildlich zeigte.
Ein kleines Glas hätte mir dagegen durchaus vom nachfolgenden 1998 Tenuta Sant'Antonio Amarone della Valpolicella Campo dei Gigli gereicht. Ich mag hier ungerecht sein und bin eben auch kein Fan der Amarones, die mir einfach zu alkoholreich sind, aber diesen Wein fand ich insbesondere nach den beiden spanischen Granaten bei allen, sicherlich vorhandenen Qualitäten nur anstrengend, fast so eine Art Kulturschock – 88/100.
Sehr schön danach ein 1999 Ornellaia. Ein klassischer, üppiger, junger Toskaner, sehr zugänglich mit süßer, marzipanartiger Frucht, aber nicht mehr mit der Struktur und Klasse der älteren Ornellaias. Geht eher etwas in Richtung Neue Welt – 93/100.
Immer noch sehr dicht, sehr jung und konzentriert präsentierte sich der würzige 1990 Beaucastel, den ich lieber noch ein paar Jahre liegen lassen würde – 93+/100.
Mit voller Wucht traf dann auf den (zumindest meinen) ermattendenden Gaumen noch ein 1991 Clos Mogador. Zwar gewisse Reife zeigend, aber immer noch ein sehr dichter, konzentrierter Brocken mit reifen, dunklen Früchten, Veilchen, von der Aromatik her eher Richtung südliche Rhone als Bordeaux – 92/100.
Schlusspunkt dieser grandiosen Probe, in der es von Allem etwas gab, war ein 1997 Côte Rotie La Turque von Guigal, der in scharfem Kontrast zu unserem ersten Rotwein, dem 86er La Turque stand. Guigals LaLas muss man ganz jung oder reif trinken. Der hier war nicht mehr jung, aber auch noch nicht reif genug. Ein sehr kräftiger Wein mit sicher großem Potential, aber aus der Fruchtphase raus und sehr verschlossen wirkend. Ich habe ihn schon häufiger in seiner Jugend getrunken und konstant mit 96/100 bewertet, zuletzt 2002 bei einem traumhaften Dinner im Chateau Divonne, doch an diesem Abend wirkte er eher unnahbar. Da sind jetzt sicher 3-5 Jahre Wartezeit angesagt.

Kleine, feine Probe

In kleinerem Kreise waren wir von einem Weinfreund ins Restaurant Schorn zu einer feinen Weinprobe geladen worden.
Als Begrüßungsschluck gab es einen 2004 Hochheimer Hölle Riesling Kabinett trocken von Franz Künstler. Sehr angenehmer, fruchtiger, knackig-frischer Riesling mit guter Säure, der über die nächsten Jahre noch zulegen könnte – 86/100.
Auf den nächsten Wein wäre ich blind nie gekommen. Überhaupt nichts Sancerre-typisches hatte der 1996 Sancerre Clos La Néore von Edmond Vatan. Ein sehr eigenständiger Wein, erdig-mineralisch, sehr terroirbetont, gewöhnungsbedürftige, von einem deutlichen Brett-Stinker geprägte Nase, am Gaumen nachhaltig und kräftig – 88/100.
Grandios dann 1983 d´Yquem. Wirkt erst mit seiner güldenen Farbe und der offenen Aromatik sehr weit und reif, brauchte aber in Wirklichkeit Zeit und wurde im Glas immer besser. Süß, Karamellig, finessig mit schönem Bitterton, für einen Sauternes sehr guter Säure und toller Länge am Gaumen – 97/100.
Ratlos waren wir wieder beim nächsten Wein. Ein großer, trockener Elsässer? Die Stilistik hätte gepasst, aber es war ein 1994 Riesling Kellerberg Smaragd von F.X. Pichler, reif, komplex, etwas Petrol, wirkte absolut trocken, sehr lang am Gaumen – 92/100. Immer noch ein schöner Wein, aber in jüngeren Jahren war er offengesagt deutlich besser.
Und schon hatten wir zwischendrin wieder ein Glas des agilen Wirtes stehen, 2003 Casanova Cabernet Sauvignon von Ahr-Winzer Kreuzberg. Muss das sein, Cabernet Sauvignon von der Ahr? Wahrscheinlich werden wir uns im Laufe der Klimaerwärmung daran gewöhnen müssen. 2003 hat ja einen deutlichen Vorgeschmack auf wärmere Zeiten gegeben. Der Casanova wirkte zu Anfang unglaublich dicht und füllig, eher Südfrankreich als Ahr, viel junges Holz, massig Röstaromen, feine Süße, etwas schmalbrüstig im Abgang – 87/100. Nur Standvermögen hatte der Casanova keines. Nach 3 Stunden im Glas war er total abesoffen. Da stellt sich natürlich die nicht unberechtigte Frage, was so ein Wein 3 Stunden im Glas soll. Er ist schließlich ein Getränk und kein Ausstellungsstück. Aber dieses Absaufen zeigte deutlich, dass er eben für den schnellen Verzehr gedacht ist und nicht für längere Lagerung, wie ein Bordeaux. Solche Weine gehören einfach in ihrer jugendlichen Pracht getrunken, denn besser werden sie nicht.
Weiter ging es mit einem 1983 Cantemerle. An diesem früher so wunderbaren Schmeichler scheint inzwischen zumindest aus wärmeren Kellern in der Normalflasche(genau diese Kombination hatten wir vor uns) der Zahn der Zeit zu nagen. Immer noch sehr junge, dichte Farbe, kraftvoll am Gaumen, aber auch etwas rustikal, der Schmelz ist weg – 88/100.
Eher enttäuschend auch ein 1985 Latricières Chambertin von Faiveley. Helle, reife Farbe, erstaunlich weit und reif, leichte Süße, elegant, leichtfüßig, aber leider auch einer dieser etwas verwaschenen 85er Burgunder, sähe gegen den 29er aus dem gleichen Hause keine Sonne! – 89/100. Taufrisch dagegen ein 1966 l´Arrosée in der Barrière-Abfüllung. Dichte, junge Farbe, schokoladig, schöne Frucht, lang am Gaumen. Zeigte keinerlei Zeichen von Alter oder Schwäche. Wer damit in diesem Jahr seinen 40. feiert, landet mit Sicherheit einen Volltreffer – 93/100.
Nach einem leider korkigen 1964 Corton von Doudet-Naudin folgte dann ein absolut grandioser 1978 Romanée St. Vivant von DRC. Während andere Burgunder-Winzer damals noch hemmungslos Dünger auf die Weinberge kippten und unter Erntemengenbegrenzung fälschlicherweise das Maximum dessen verstanden, was man aus einer Traube herausquetschen kann, wurden auf der Domaine auch in den 60ern und 70ern absolut seriöse, großartige Weine gemacht. Noch soviel Kraft und Potential hatte dieser Romanée St. Vivant. Sehr würzige Nase, ein sehr aromatischer, superdichter, komplexer Burgunder, der ewig lang am Gaumen bleibt, großer Stoff – 96/100.
Jung trinken sollte man Pavillon Rouge, den Zweitwein von Chateau Margaux, da macht er am meisten Spaß. So an diesem Abend auch ein 1996 Pavillon Rouge. Klar war der noch jung und kräftig, aber auch unglaublich charmant mit schöner Frucht und dabei sehr zugänglich und offen– 90/100. Immer noch jung und vibrierend zum Abschluss eine famose 1998 Kiedricher Gräfenberg Auslese vom Weingut Weil, mit kräftiger, goldgelber Farbe, schöner Mineralität, guter Frucht und Säure, am Gaumen füllig – 92/100.

Endlich wieder Sylt

Karneval ist für die Jecken die schönste Jahreszeit des Jahres. Ich nutze das verlängerte Rosenmontagswochenende immer zu einem ersten Sylt-Trip. Da sind die Tage schon deutlich länger, die Insel erwacht und man kann den bald kommenden Frühling zwar angesichts der im Februar meist noch bissigen Kälte zwar nicht spüren, doch das Licht zeigt, dass es nicht mehr lang hin ist.
Großartig wieder der erste Abend bei Jörg Müller. Wie lange habe ich darauf gewartet. Das war Kochkunst vom Feinsten. Wie gut, dass Jörg Müller nicht so kocht, wie es in den Führern steht, sondern unbeirrt seinen Weg geht und für mich in diesem Jahr anscheinend auf sehr hohem Niveau noch mal zulegen möchte. Ob der Michelin doch noch mal über seinen Schatten springt, und Müller endlich wieder den zweiten Stern gibt, den ich hier eigentlich immer dann auf dem Teller habe, wenn nicht gerade der dritte durchblitzt? Verdient wäre es allemal und der Michelin würde ein stückweit an Glaubwürdigkeit gewinnen.
Traurig war ich im letzten Jahr, als ich vom bevorstehenden Abschied des Sommeliers hörte. Doch mit Horst Ulrich Höhne hat er einen würdigen Nachfolger gefunden, mit großem Weinverstand und mit geräuschlosem, perfekten Weinservice. Zu Anfang kredenzte er uns einen meiner persönlichen Lieblingsweine, 2002 Niederhäuser Herrmannshöhle Großes Gewächs von Dönnhoff. Natürlich wieder rechtzeitig dekantiert und in großvolumigen Gläsern serviert. Nur so konnte sich dieser immer noch sehr jugendlich wirkende, grandiose, sehr mineralische Riesling einigermaßen entfalten – 95/100. Erstaunlich schön präsentierte sich 1982 La Gaffelière. Der Literatur nach(Parker, Gabriel) sollte er sich längst verabschiedet haben. Doch das war ein noch erstaunlich kraftvoller, feinduftiger Wein mit einer subtilen Aromatik, die nicht nur etwas an Cheval Blanc erinnerte, sondern auch an die grandiosen Weine dieses Gutes, damals unter dem Namen Gaffelière-Naudes, in den 40ern und 50ern – 92/100. Langsam unheimlich wird mir 1983 La Mission Haut Brion. Ich dachte eigentlich, der sei seit einiger Zeit reif, doch legt er kontinuierlich zu. Perfekte, klassische La Mission Nase mit Cigarbox, Tabak, Teer, aber auch etwas Kräutern, Minze und sogar einem Schuss Eukalyptus, so vielschichtig und komplex, am Gaumen viel Kraft und unglaubliche Länge – 96/100. Dürfte derzeit von den trinkbaren La Missions das beste Preis-/Leistungsverhältnis haben. Auf der Suche nach einem preislich akzeptablen Wein, der hier einigermaßen mithalten konnte, landete ich bei 1997 Pride Mountain Cabernet Sauvignon. Der hat nicht mehr die jugendliche Dramatik, ist aber ein perfekt strukturiertes, sehr vielschichtiges Fruchtkonzentrat und Kraftbündel auf dem besten Wege zum Kalifornien-Klassiker – 95/100. Der, von den ultrateuren und raren Reserve-Weinen mal abgesehen, bisher mit Abstand beste Pride Mountain mit Potential sicher noch für 15+ Jahre.

Nach einem über 4stündigen, anstrengenden Strandmarsch landeten wir an einem Spätnachmittag in der Sansibar. Wir hatten das große Glück eines freien Tisches, der uns auch erhalten blieb und sich im Laufe des Abends unter einer ganzen Reihe interessanter Flaschen bog. Eigentlich war mir nach so etwas wie einer Haagschen Goldkapsel gewesen, aber an der Stelle hat die ansonsten gigantische Weinkarte der Sansibar eine empfindliche Lücke. Süß läuft hier nicht, so der gut aufgelegte Michael Hamann, der dann aber plötzlich vom Sylter Gourmet Festival, bei dem im Januar Gantenbein Gastwinzer der Sansibar war, noch eine Flasche 2004 Gantenbein Riesling Auslese herbeizauberte. Die war dann ganz nach unserem Geschmack. Ein erfrischender, leichter (9%), sehr zugänglicher Riesling mit faszinierendem Süße-/Säurespiel, hoher Mineralik, reifer, klarer Frucht und saftigem Schmelz, durchaus mit Mosel-Affinität – 93/100. Ins trockene Fach wechselten wir dann mit 2004 Gantenbein Chardonnay. Reife, goldgelbe Farbe, ebenfalls sehr zugänglich, wirkte mit seinen rauchigen Holztönen, der verschwenderischen Frucht und der deutlichen Mineralik wie ein recht gelungener Spagat zwischen Kalifornien und Burgund. Ein Spaßwein im besten Sinne – 92/100.
Neu auf der Sansibar-Karte ist mit Pierre-Yves Colin-Morey die burgundische Version eines Garagenweines. Der Sohn von Marc Colin produziert bei befreundeten, sehr renommierten Winzern aus eigenen, zugekauften Trauben oder aus dem Rebmaterial des jeweiligen Winzers jeweils 1-2 Fässer aus großen Lagen. Wir probierten einen 2003 Meursault Les Perrières. Ein sehr feiner, würziger, cremiger, rauchiger, schmelziger Meursault, der bereits recht zugänglich war und im Glas schön ausbaute – 92/100. Absolut faszinierend war danach ein 2003 Corton Charlemagne, sehr mineralisch mit Feuerstein und toller Länge am Gaumen – 93/100. Beide Weine sehr elegant und subtil. Im Vergleich dazu wirkte der Gantenbein Chardonnay, von dem wir ein Glas aufhoben, fast plump.
Den Abschluss bildete ein 2003 Chablis Grand Cru Les Blanchots Vieille Vigne von Billaud-Simon. Der spontane, erste Eindruck war saftige, grüne Wiese, die ersten Halme des Frühlings, dazu feine Mineralität und frische Limone, pikante Säure, wirkte ganz und gar „unholzig“, ein sehr delikater, leckerer Wein, bei dem ich gar nicht glauben konnte, dass er aus dem heißen Jahr 2003 stammen sollte – 91/100.

Kein Sylt-Trip ohne einen Besuch in Hardy´s Weinstuben, dem von Suzanne und André Speisser so persönlich geführten, sympathischen Haus. Während sich meine Familie meist mehr für die bodenstängie, Elsässer Küche interessiert, geht mein erster Blick immer auf die Raritätenkarte, auf der ich schon so manches Schnäppchen entdeckt habe. Natürlich gehört dazu auch eine Portion Risikofreude und eine einigermaßene Kenntnis der Jahrgänge. Diesmal fiel mein Auge auf einen einfachen 1961 Meursault, in einer Händlerabfüllung von Jules Belin. Normal ist so ein Wein längst hin, doch wir hatten großes Glück. Reife, fast ins Güldene gehende, aber immer noch brilliante Farbe, in der Nase erste Sherry-Töne, aber am Gaumen gleichzeitig auch noch eine wunderbare Frische, dazu Fülle und eine gute Länge am Gaumen. Der Wein bewies im Glas ein beachtliches Standvermögen und war ganz einfach wunderbar zu trinken – 90/100.
Kein Risiko gingen wir mit einem 2000 Maelma Chateau Capitoul aus Coteaux Languedoc ein. Eine dichte Farbe mit Rubinreflexen hatte diese Top-Cuvée des Gutes aus vier verschiedenen Rebsorten, eine wunderbare, beerige Frucht, rauchige Noten, Leder, fast seidige, reife Tannine, war sehr zugänglich und fast etwas gemacht wirkend, aber mit guter Struktur – 91/100. André Speisser offerierte uns auch noch einen Schluck des weißen 2002 Capitoul Rocailles. Dessen faszinierende, vielschichtige Nase mit weißen Früchten machte richtig neugierig, nur war der Wein am Gaumen völlig belanglos ohne Abgang, muß man sich nicht merken – 82/100.

In der Kampener Vogelkoje tranken wir zweimal Chile. 2000 Sena aus dem Joint Venture von Errazuriz und Mondavi ist ein sehr feiner, eleganter Wein mit Cassis ohne Ende, aber auch guter Mineralität und sehr reifen, weichen Tanninen. Sehr gefällig, Easy Drinking auf hohem (Preis)niveau – 90/100. Eine noch sehr viel offensichlicher Wein mit ansonsten nicht unähnlicher Stilrichtung ist aus dem Hause Errazuriz der 2000 Don Maximiniano. Eine üppige, wollüstige Fruchtbombe mit Cassis ohne Ende, wirkt aber auch etwas glatt und gemacht, voll trinkbar, geiles, unkompliziertes Zeugs, auf und weg - 90/100. Ab und an trinke ich so etwas auch mal gerne, aber bitte nicht zu oft und auch nicht den ganzen Abend lang. Dazu fehlt diesen Weinen einfach die Spannung. Wer reife Frucht und das Ergebnis praller Sonne sucht, dabei aber interessantere, facettenreichere Weine, der muss nicht nach Übersee schielen. Spanien – für mich derzeit das weltweit spannenste Weinland überhaupt – bietet hier erheblich interessantere Alternativen. Eine davon fand ich nach meiner Rückkehr vor, den neuen Quinta Sardonia.