Februar 2010
Grosse Weine auf der Alm
Auf der Bielefelder Alm kämpft gemeinhin die dortige Arminia um das sportliche und derzeit auch finanzielle Überleben. Aber auch der Rest Bielefelds hatte an diesem Wochenende etwas von einer Hochalm. Riesige Schneeberge am Straßenrand zeugten noch von den Wetterkapriolen der letzten Wochen und von einem Winter, der erheblich heftiger war als im Rheinland. Wir waren bei Bielefelder Weinfreunden eingeladen, die uns mit einem schönen Menü und Spitzenweinen verwöhnten.
Traumhaft schön gleich der Begrüßungsschluck, ein 1996 Dom Perignon. Faszinierend die rauchig-mineralische Nase, cremig die Textur am Gaumen und trotz der Jugend dieses Chapagners aus dem großen Jahrgang 96 und der entsprechenden Struktur jetzt in einem perfekten Trinkstadium – 96/100.
Bei den beiden, nachfolgenden Weißweinen konnte man davon nicht sprechen. Bei der 2007 Hermannshöhle GG von Dönnhoff hatte ich das Gefühl, dass sich dieser Wein wieder etwas verschlossen hat. Sehr fruchtig-mineralisch die Nase mit viel Zitrusfrüchten, am Gaumen cremig, wiederum mit viel reifer Zitrusfrucht, noch ganz am Anfang und nach 3-5 Jahren weiterer Lagerung schreiend – 91+/100. Völlig Saar-untypisch im anderen Glas der 2007 Altenberg Alte Reben von Van Volxem. Fruchtig, gefällig, verspielt, cremig, recht süß und natürlich mineralisch. Der machte schon Spaß, schien aber in so einer Art pubertärem Stadium zu sein, wo er noch zu sich selbst finden muss – 92/100. Wie gut, dass Wein keine Pickel bekommt.
Sehr kräftig wirkte im ersten Rotweinflight der 1998 Tertre Roteboeuf mit pflaumiger, dunkler Frucht, Bitterschokolade und üppiger Fülle. Ich hatte diesen Wein, dem diesmal die Finesse abging, schon mehrfach deutlich offener, hedonistischer im Glas – 93/100. Da bleibt nur die Hoffnung, dass hier nicht die Vorstellung schon wieder zu Ende geht. Hedonismus pur dagegen bei 1998 Valandraud, der zeigte zwar nicht ganz die schon fast barocke Fülle der Großflaschen, die ich in den letzten Jahren genießen durfte und kam eher fein und elegant daher. Aber da war auch wieder diese verschwenderische, große Schokoladenmischung, natürlich auch mit Lindts Amarenakirsche, mit herrlicher Süße und immer noch Röstaromatik – 95/100.
Stirnrunzeln beim nächsten Flight. Das sollte 1990 Pichon Baron sein, dieser Kalifornier made in Bordeaux? Der war hier völlig anders, sehr verhalten, Paprika statt Cassis und trank sich wie mit angezogener Handbremse – 91/100. Schlimmer noch der sonst so großartige 1990 Leoville Poyferré. Superfarbe zwar, aber in der recht fruchtlosen, animalisch-ledrigen Nase ein Touch Heizöl, am Gaumen spielte sich wenig ab. Die vermeintliche Bombe entpuppte sich diesmal als Rohrkrepierer – 86/100.
Schlimmer als diese verhaltenen, nicht eindeutig identifizierbaren Fehler und schleichenden Korks, die dem Wein zwar einen Teil seiner Frucht und seiner Seele rauben, ihn aber zumindest noch trinkbar lassen, ist dann der Super WeinGAU, der richtige Kork. Den hatten wir ausgerechnet bei dem Wein, der sonst das Zeug zum Star des Abends gehabt hätte, 1983 Margaux. Da half keine Folie, kein Reinblasen und kein Gesundbeten, dieses Superkonzentrat mit der immer noch jugendlichen Farbe war nicht genießbar. Wenigstens teilweise entschädigt wurden wir im anderen Glas von einem prächtigen 1983 Latour, der sich ebenfalls noch als recht jugendlich und in Bestform zeigte. Einfach ein voll trinkbarer Latour zum Niederknien mit der klassischen Trüffel- und Walnussaromatik – 95/100.
Und dann bekamen wir ein rabenschwarzes, noch extrem jung wirkendes Konzentrat vorgesetzt, einen 1983 Penfolds Grange. Der entwickelte sich unglaublich im Glas und entfaltete ein Pfauenrad an Aromen. Schwarzer Pfeffer, Sattelleder, Minze, Eukalyptus, süße Beeren, wurde immer generöser und dabei sogar malzig und karamellig, ein Riesenteil mit gewaltigem Druck am Gaumen und immer noch großartiger Zukunft – 98/100. Und auch im anderen Glas hatten wir so einen Geheimtipp aus dem oft übersehen Jahrgang 1983. 1983 Hermitage la Chapelle aus perfekten Flaschen wie dieser macht derzeit erheblich mehr Freude als 1978 und 1990, kostet aber nur ein Bruchteil. Kein Wunder, hat doch dieser, ursprünglich mit 98/100 dekorierte Wein bei Parker nur noch 88/100 und seit 2000 den Zusatz „Owners are advised to consume, sell, or trade it.“ So konnten halt schlaue Menschen wie unsere Gastgeber diesen Wein, der von den Jaboulets selber immer als ihr bester seit 1961 eingeschätzt wurde, relativ preiswert erwerben. Jetzt, wo die lange sehr bissigen Tannine endlich langsam abschmelzen, entfaltet dieser La Chapelle (rechtzeitig dekantieren!) seine ganze Schönheit, burgundische Pracht und Fülle, großer Kräutergarten, viel Lakritz, gute Frucht, süßer Schmelz, meine bisher beste Flasche – 97/100.
Mit zwei großen Klassikern ging es weiter. 1949 CVNE Vina Real Reserva Especial wirkte deutlich jünger mit einer immer noch sehr dichten Farbe, ein Rioja-Klassiker mit ungeheurem, aromatischem Druck am Gaumen, mit verschwenderischer Fülle und wunderbarer, karamelliger Süße – 96/100. Noch etwas jünger und kraftvoller der nicht ganz so süße, aber ebenfalls großartige 1954 CVNE Vina Real Reserva Especial – 95/100. Alte Vina Reals und Imperials zählen zum Besten, was Rioja zu bieten hat. Allerdings gibt es hier auch mal herbe Enttäuschungen, wenn die Flasche zu lange im Ladenlokal einer spanischen Bodega gestanden hat. Wie gut, dass unsere Gastgeber hier ein glückliches Händchen hatten.
Das bewiesen sie auch mit dem letzten Flight des Abends. Blutjung noch 1995 Mouton Rothschild, der mit betörender Frucht, mit Bleistift und Leder, aber auch immer noch strammem Tanningerüst erst am Anfang einer langen Entwicklung steht – 94+/100. Das gilt auch für 1995 Dominus, der mit seiner Bordeaux-Nase und der kirschigen Frucht an den anderen großen Bordeaux aus Kalifornien erinnerte, an Ridge Monte Bello. Auch hier garantiert das stramme Tanningerüst noch ein längeres Leben und durchaus später noch 1-2 Punkte mehr – 93/100.
Das Landhaus Fischerheim
Nach etwas neuem war uns an diesem Sonntagmittag. So stießen wir über den Marcellino – andere Führer brauchen da etwas länger – auf das Landhaus Fischerheim in Traar im Norden von Krefeld. Im fünften Jahr verwöhnen jetzt der Österreicher Peter Hribar und seine charmante Gattin Evelyn hier ihre Gäste. Erst waren wir doch etwas skeptisch, als wir dieses Restaurant betraten. Recht gemütlich ist der Laden ja, hat aber zumindest baulich immer noch etwas vom Charme einer traditionellen Gaststätte. Auch das Publikum wirkte eher wie in der Cafeteria eines Altenheimes und schien diesem Haus über diverse Besitzer hinweg schon durch die Bank ein gutes, halbes Jahrhundert die Treue zu halten. Doch unsere anfängliche Skepsis verschwand rasch. Verdammt gut gekocht wird hier. 14/20 wären da im GaultMillau sicher fällig. Auch der Service ist sehr kompetent und freundlich. Aus schönen Gläsern tranken wir als Apero zunächst einen 2007 Riesling Kabinett feinherb Dr. Siemens, saftig, traubig mit feiner Kräuternote und viel Schiefer, gute Säure und schöne Harmonie, Süße gut integriert und kaum spürbar, schöner Trinkfluss – 87/100. Weiter ging es mit einem 2008 Zöbinger Heiligenstein Riesling von Jurtschitsch, satte Marille, sehr mineralisch, schlank mit präzisen Konturen, trotz „nur“ 12,5% Alkohol guter Extrakt und schöne Aromatik – 88/100. Die Weinkarte des Fischerheim ist recht kompakt und sicher noch ausbaufähig, aber klug zusammengestellt. Als Rotwein entschieden wir uns für einen 2006 Nit´ana von Nittnaus. Manchmal wird eine solche Cuvée, diese hier bestand aus Merlot, Syrah und Zweigelt, von einer Rebsorte geprägt, hier hatte ich eher das Gefühl, dass sich alle Rebsorten hintereinander versteckten, ein netter, gefälliger, füllig-würziger, aber nicht sonderlich aufregender Wein – 86/100. Absolut göttlich natürlich die Desserts. Kein Wunder, ist doch Peter Hribar, der sich in Österreich schon mal zwei Hauben erkocht hatte, gelernter Konditor. Man wird sich im Fischerheim an unsere Gesichter gewöhnen müssen.
Der Norden in der Kältestarre
So hatte ich Sylt schon ewig nicht mehr gesehen. Gut 30 Zentimeter Schnee lagen auf der Insel und verwandelten Dünen und Heide in ein faszinierendes Wintermärchen. Mächtige Eisschollen lagen am Strand. Wir hatten die Karnevalstage für einen ersten Sylt-Abstecher genutzt und freuten uns auf lange Spaziergänge und natürlich auf unsere Freunde in der Sylter Gastronomie. Der erste Weg direkt nach der Ankunft führte uns durchs winterliche und leider auch sehr vereiste Kampen ins Wiin Kööv. Wie, Klaus war nicht da? Der Gute hatte tatsächlich Urlaub, war aber auf der Insel. Und wie der Zufall es wollte, stand er plötzlich in der Tür, und wir konnten einen schönen Begrüßungsschuck zusammen nehmen. Ausgeguckt dafür hatte ich eine 1990 Eitelsbacher Karthäuserhof Auslese von Tyrell. Feine Petrol-Schiefernase, am Gaumen kräftig, eher halbtrocken mit unglaublicher Strahlkraft und Länge, jetzt in einem wunderbaren Trinkstadium – 92/100.
Weiter ging es nach Westerland zum ersten Müller-Abend. Dort waren wir erst mal baff. Komplett umgestaltet wurde das Restaurant und erstrahlte in einem völlig neuen Look. War sicher nicht ganz billig, aber erstens war es lange überfällig und zweitens kann sich das Ergebnis mehr als sehen lassen. Zu einem sehr hochklassigen Menü starteten wir mit einem 2005 Nackenheimer Rothenberg Riesling von Gunderloch. Sehr fein, sehr elegant, nicht so overdressed wie viele Große Gewächse aus 2005, hier überwiegen die leisen, aber um so überzeugenderen Töne, sehr mineralisch, als ob ein halber Felsen darein gerieben wurde und mit toller Struktur. Baut wunderbar im Glas aus und entwickelt, obwohl trocken, einen feinen, süßen Schmelz. Die 5 Jahre Reife haben diesem Spitzenwein des Gutes sehr gut getan, Potential für noch lange Jahre hat er reichlich – 94/100. Wie schön, dass es noch Winzer gibt, die aus so reifem Lesegut(100°) nicht gleich eine Wuchtbrumme fabrizieren. Eigentlich stand mir danach der Sinn nach einem richtig reifen Bordeaux, doch dachte ich auch an den Jahrgang 1996, den ich bis Ostern fertig beschrieben haben möchte. Also kam ein viel zu junger 1996 La Mission ins Glas. Der wirkte sehr fein, elegant, eher schlank und trotz deutlicher Tannine vermeintlich zugänglich mit völlig neuer Aromatik. Wo sonst Teer und Cigarbox vorherrschen waren jetzt massig schwarze Oliven. Ein eher kleiner, untypischer La Mission? Eher ein typischer 96er, ein Wein, der noch länger braucht und derzeit einfach unterschätzt wird. Erinnert mich etwas an 85 und 90, bei denen es ähnlich war. Auch hier kommt noch mehr, und in 5-10 Jahren können aus den heutigen 90/100 ohne weiteres 94 und mehr werden. Nicht mehr warten muss man bei 2003 Lascombes, ebenfalls ein klassisches Beispiel seines Jahrgangs. Ich bekam ihn blind vorgesetzt und kam auf alles, nur nicht auf Bordeaux. So eine üppige, fruchtige, süße Fülle, massig reife Brombeere, wie man sie von jüngeren Kaliforniern kennt, nur im Abgang und in der Struktur haperte es, ein Spaßwein auf hohem Niveau, der früh getrunken gehört – 92/100.
Zwei spannende Weine haben wir im Weinhaus Schachner mit- und gegeneinander getrunken. Grange des Pères ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Mittlerweile kostet auch der richtig Geld, ist es aber meistens wert. Mit der Aromatik von Wald, Unterholz und Waldboden begann dieser 2004 Grange des Pères, auch ein Fuchs schlich durch diesen Wald und gab dem Wein seine leicht animalische Note. Doch das war nur der erste Eindruck. Enorm entwickelte sich der Grange des Pères im Glas und in der Karaffe, wurde immer fruchtiger, feiner, luftiger und eleganter, immer mehr kam reife Himbeere und dann mit der Zeit stärker die Erdbeere eines guten Chateauneuf, ein sehr harmonischer, schöner Wein, der sich auch an der Rhone gut machen würde – 92/100. Mit etwas staubiger, rustikaler Eleganz begann im anderen Glas der 2004 Charme von Niepoort. Auch der entwickelte sich enorm, wurde immer fruchtiger, fülliger und explodierte fast am Gaumen. Dabei blieb er fein mit durchaus burgundischen Konturen und erinnerte in seiner würzig-fruchtigen Art an einen großen Richebourg, ein „Charme“ im besten Sinne des Wortes, einfach charming und sexy – 94/100.
Im Munkmarscher Fährhaus bekamen wir zunächst zwei Gläser 2008 Grüner Veltliner Ried Renner von Gobelsburg mit besten Grüßen von einem der Nachbartische vorgesetzt. Dort saß Familie Kierdorf aus Essen zusammen mit den Wittenbrinks, die in Keitum ein erlesenes Aparthotel mit großem, bestens gefülltem Weinkeller ihr Eigen nennen. Der GV war pikant, pfeffrig, rassig mit reifer, süßer Frucht und ging eher als 2007er denn als 2008er durch – 88/100. Weiter ging es mit einem 2007 Gloria Chardonnay von Kollwentz. Ein sehr feiner, eleganter Chardonnay mit wenig spürbarem Holz, dafür der Muschelkalkboden deutlich in Form hoher Mineralität wahrnehmbar. Sicher kein Crowd-Pleaser wie der eher üppige, cremige Tatschler aus gleichem Hause, braucht Luft, Zeit und auch etwas Aufmerksamkeit – 91/100. Als Roten wählten wir einen 2004 Quinta do Vale Meao aus. Ein modern gemachter, üppiger Wein mit satter, süßer, dunkler Frucht, aber auch mit Spannung, bringt die geballte Kraft erstaunlich leichtfüßig rüber – 92/100. Und zu guter Letzt musste es noch ein 1991 Saintsbury Pinot Noir Carneros Reserve sein. Ein immer noch recht kräftiger, fruchtig-schmelziger, sehr spannender und animierender Pinot, dem vielleicht etwas die Finesse eines großen Burgunders abging, der aber trotzdem ungemeinen Trinkspaß bereitete – 91/100.
Natürlich wollten wir wieder zu Fuß nach List, wo Familie König in der Weststrandhalle jedem Gast das Gefühl gibt, ein solcher zu sein. Von Kampen aus ist das schon im Sommer ein anständiger Marsch. Wer das im Winter macht und dabei über reichlich Eisschollen klettern muss, hat sich ein anständiges Mahl redlich verdient. Doch erst musste ich mich, bevor es an die absolut göttlichen Seeteufelbäckchen auf Wiener Art ging, erst einmal draußen an der einmaligen, fast etwas unwirklichen Szenerie satt sehen. Waren wir hier wirklich auf Sylt und nicht am Julierpass? Die tief verschneiten Dünen rund um die Strandhalle hatten etwas von zerklüftetem Hochgebirge.
Schade, der grandiose 2006 Grüne Veltliner Kellerberg Smaragd von FX Pichler, den wir hier im letzten Sommer öfters genossen hatten, war aus. Na gut, nahmen wir halt den 2007er. Der war fetter und mit weniger Rasse und Klasse, aber auch nicht schlecht – 92/100. Erstaunlich gemacht hat sich 2001 Leoville Barton, den ich vor zwei Jahren bei der großen Barton-Probe doch noch arg enttäuschend fand. Schwarze Johannisbeere, Trüffel, immer noch ein gutes Tanningerüst, aber nicht mehr so bissig, trank sich einfach gut – 91/100. Zum himmlischen Kaiserschmarrn genehmigten wir uns dann noch einen 2002 Welschriesling Eiswein Kugler von Weinrieder, ein fettes, cognacfarbenes, dickflüssiges Zeugs mit einer Viskosität wie Motoröl, cremig, sehr süß, wie Crême Brulée ohne Vanille drunter – 88/100.
Im letzten Sommer hatte ich in Hardys Weinstuben den großartigen 2006 Riesling Hengst von Barmès Buecher aus dem Elsass getrunken. Diesmal war jetzt mit ähnlich hohen Erwartungen der 2006 Steingrubler Riesling Grand Cru dieser Domäne dran. Dichtes, kontentriertes Teil mit deutlicher Restsüße, die reife Aprikose geht schon ins likörhafte, wirkt derzeit unharmonisch und zu fett. Das mag sich mit den Jahren geben, aber ich frage mich natürlich, warum ein sonst bio-dynamisch arbeitendes weingut einen Riesling mit Reinzuchthefen auf 14% Alkohol durchprügelt. Das hier ist nicht mein Ding, gnädige 86/100. Eine tiefdunkle Farbe hatte der 2003 Sociando Mallet, dazu satte Frucht, wirkte vorne am Gaumen üppig und brach unvermittelt auf der Zunge ab, ein praktisch abgangsfreier Wein, verdunstet der unterwegs? Leider auch das wieder klassisch 2003 – 87/100. Sehr füllig, aromatisch, warm-würzig ein 2006 Domaine de l´Hortus Grande Cuvée, Lakritz ohne Ende, viel Anis, auch am Gaumen süße, lakritzige, aber auch leicht malzige Fülle, macht viel Spaß, wirkt aber auch leicht überzogen und gehört sicher früh getrunken – 90/100.
Sehr spät am Abend landeten wir noch mit Freunden von der Insel in Jörg Müllers Bar. Dort drückte uns der Hausherr, dem unser Kommen avisiert worden war, jeweils ein gut gefülltes Rotweinglas in die Hand. Das war meine Welt, eine großer, perfekt gereifter Bordeaux, seidig, elegant, sehr aromatisch und lang am Gaumen. Aber mit diesem 1982 Marquis d´Alesme aus Margaux hatte ich nicht gerechnet. Fantastisch diese perfekt gereifte Magnum und jetzt wohl auf dem absoluten Höhepunkt – 93/100.
Mit guten Freunden aus Düsseldorf tranken wir als Dämmerschoppen in der Sturmhaube einen 2007 Heergretz GG von Wagner-Stempel. Hoch bewertet wird dieser Wein, so z.B. mit 94/100 bei Parker. Uns erschien er bei aller Klasse etwas poliert und unharmonisch, was sicher am deutlich spürbaren Ausreizen der für Große Gewächse zulässigen Süßreserve lag. Das mag sich mit den Jahren geben – 87/100. Da machte die sehr mineralische, rassige 2006 Aulerde GG von Wittmann schon deutlich mehr Spaß – 93/100.
Verdammt schnell gehen solche schönen Sylt-Tage rum. Wie schön, dass wir da wenigstens im Freundeskreis zum Abschied noch einen schönen Abend in Jörg Müllers neuem Restaurant verleben durften. Zu einem prächtigen Sylter Fischteller tranken wir zunächst einen 1990 Riesling Hengst von Josmeyer. Der zeigte sich in Bestform, Petrolnote und reife Zitrusfrucht, prägnante, aber reife Säure, sehr präzise strukturiert mit toller Länge, wirkte reif und jugendlich zugleich und hat sicher Potential für noch 10 Jahre, voll in der Liga eines Clos St. Hune und großes Riesling-Kino. Ein Traum danach die leider letzte Magnum der 1989 Ihringer Winklerberg Auslese trocken von Heger. In bester Burgunderart überzeugte dieser Wein wieder mit toller Frucht, molliger Würze, guter Struktur und süchtig machendem, feinem Schmelz, ein perfekter Pirat für jede Burgunderprobe – 94/100. Sehr positiv überrascht war ich danach auch von 1990 Haut Marbuzet, der sich aus der Magnum sehr schön gereift und deutlich ziviler und schöner präsentierte, als all die 1tel und Halben, die ich in den Neunzigern von diesem damals eher enttäuschenden Wein getrunken hatte – 91/100.
Burgund vom Feinsten
Das war schon hammermäßig, was die netten Mädels von FUB Düsseldorf da auffuhren. Für einen bescheidenen Pauschalpreis gab es große Burgunder satt. Mit einer solchen Glanzparade hatte ich nicht gerechnet. Ich war spontan vorbeigekommen – und blieb. Klar, da war jetzt auch etwas Mut zur Lücke gefragt, oder der ständige Griff zum Spucknapf. Ich entschied mich für ersteres, denn wenn mir jemand schon so feine Dinge wie Comte Lafons oder Comte de Vogües anbietet, dann möchte ich die auch richtig genießen und nicht in einen Eimer reinsabbern. Also ließ ich den als Begrüßung offerierten 2004 Deutz Champagne Vintage Brut lieber weg. Den strahlenden Gesichtern einiger Besucher nach war das aber wohl guter Stoff. Stattdessen begrüßte ich mich selbst mit einem 2006 Meursault Clos de la Barre von Comte Lafon. So ganz ohne Essen im Stehen war das schon harte Kost. Kein weichgespülter Schmuseburgunder, sondern ein zupackendes, mineralisches Teil mit etwas stahliger Zitrusfrucht und massiver Säure, puristisch schön und noch sehr jung wirkend – 90/100. Ein Charmeur dagegen der 2006 Beaune Clos des Mouches Blanc von Drouhin, der, obwohl ebenfalls noch recht jung, Nase und Gaumen schon mit einem feinen Schmelz verwöhnte – 91/100. Einen Bogen mache ich in der Regel um junge Corton Charlemagnes, doch das war beim 2006 Corton Charlemagne von Drouhin völlig unnötig. Das war ein unerhört mineralischer, dichter Wein, wie aus Stein gemeißelt mit enormer Strahlkraft, druckvoll mit enormer Länge, aber auch schon so viel zeigend, gefiel mir ausnehmend gut und kommt in meinen Keller – 94/100. Ein junger und reifer Corton Charlemagne zur gleichen Zeit. Kann der altern? Sicher nicht bei mir. Dazu hat er zuviel Suchtpotential. Leider hat es letzte Woche wieder nicht mit dem Jackpot geklappt, sonst würde ich mir auch eine Kiste des 2003 Le Montrachet Marquis de Laguiche von Drouhin zulegen. Das war jetzt der perfekte Schmuse-Burgunder, so generös, so weich und seidig mit viel nussigem Schmelz und gerösteten Mandeln, dabei sehr elegant und nachhaltig mit schöner Länge. So etwas können nur Masochisten und Nihilisten spucken. Ok, Puristen werden jetzt vielleicht etwas Struktur vermissen oder sogar von fehlender Größe faseln. Aber dieses Zeugs war einfach saugut und machte enorm viel Spaß – 95/100. Ist aber ein typischer 2003er und gehört sicher in der jetzigen Traumphase getrunken.
Als ersten Roten gönnte ich mir den 2007 Clos des Mouches von Drouhin. Zartes, helles Rot, feine Himbeernase, sehr elegant, filigran, spielerisch, ganz feiner, süßer Schmelz, voll da – 88/100. Wenig Substanz dagegen beim 2007 Corton Clos du Roi der Domaine de la Pousse d´Or, ein kleiner Wein mit viel Säure und wenig Frucht – 85/100. Gut gefiel mir der 2006 Clos St. Denis von Heresztyn. In der ersten Wahrnehmung war das ein sehr feines, fruchtiges, süßes Himbeerbonbon, doch unter diesem vielleicht etwas offensichtlichen Show-Programm waren ein gutes Rückrat und genügend Tannin für eine längere Entwicklung – 91/100. Enttäuschend zumindest im jetzigen Stadium der vielleicht noch etwas verschlossene 2006 Clos Vougeot von Drouhin. In der Nase kräftiger Stinker und viel Brett, Kraft ohne Charmes, der Gaumen erstaunlicherweise fruchtiger als die Nase – 87/100. Ebenfalls verschlossen, aber mit deutlich mehr Substanz und sicher auch Zukunft der sehr kräftige 2006 Clos Vougeot Vieilles Vignes des Chateau de la Tour mit massivem Tanningerüst, aber auch feiner, rotbeeriger Nase – 90+/100. Einen wunderbaren Spagat zwischen Kraft und Eleganz zeigte der 2006 Volnay 1er Cru Santenots du Millieu von Comte Lafon mit reifer, blaubeeriger Frucht – 92/100. Star der Verkostung bei den Roten war der 2006 Bonnes Mares von Comte de Vogüe, ein sehr konzentrierter, komplexer Wein mit gewaltigem Potential, der mit seiner herrlichen Frucht schon gut antrinkbar war und bereits immensen Spaß machte – 95/100. Ganz anders dagegen der 2006 Musigny Vieilles Vignes von Comte de Vogüe. In 20 Jahren mag dieser, ebenfalls sehr konzentrierte Wein durchaus eine Ecke größer sein als der Bonnes Mares, doch wer ihn vorher aufmacht, hat die (teure) Enttäuschung vorprogrammiert.
Auch ein paar reifere Burgunder gab es noch zu verkosten. Nichts los war mehr mit dem 2001 Bonnes Mares von Comte de Vogüe. Die Nase voller Brett, am Gaumen eher flach und etwas hohl, kaum noch Frucht, ein überteuertes, überaltertes Ärgernis – 85/100. Sehr reif auch schon der 1999 Beaune Cuvée Maurice Drouhin vom Hospice de Beaune in einer Abfüllung von Drouhin. Auch die Farbe zeigte deutliche Reife, etwas unsauber die Nase, wenig Frucht, viel Sekundäraromen, erste Kaffeetöne, am Gaumen weich – 87/100. Ein sehr schöner, kräftiger Wein, dem es aber etwas an Finesse fehlte, war der 2004 Clos de Tart von Mommessin – 90/100.
Den Becker kannste abhaken, meinte Britta Thomas lauthals zu Ihrer Kollegin, als ich gehen wollte. Was hatte ich verbrochen? Nichts, die gute Kollegin sollte mich nur auf der Liste als einen derjenigen abhaken, die bezahlt hatten. Da habe ich ja noch mal Glück gehabt.
Meine Tante Anna
Jeder hat ja wohl so etwas wie eine Lieblings-Tante. Meine ist ab sofort die Tante Anna. Warum wir uns so lange nicht gesehen haben? Vielleicht liegt es an der Düsseldorfer Altstadt, deren Gesicht sich in den letzten Jahrzehnten doch arg verändert hat. Mich zieht es da, wie viele Düsseldorfer, schon lange nicht mehr hin. Dass dies ein Fehler ist, wurde mir klar, als ich jetzt die Tante Anna nach langen Jahren mal wieder besuchte.
Die Zeit ist stehengeblieben in diesem Weinhaus Tante Anna. Allerdings bezieht sich das nur auf das sehenswerte Decor dieses sehr gemütlichen Hauses, das zu den ältesten Restaurants Düsseldorf gehört. Absolut auf der Höhe der Zeit sind die hervorragende Küche und die wohlfeile Weinkarte mit ihren über 400 Positionen. Wir waren baff. Da gibt es so ein Juwel in unserer Heimatstadt und wir nehmen keine Notiz davon. Zu einem schönen Menü tranken wir zunächst einen 2006 Hermannshöhle GG von Dönnhoff. Deutlich zugelegt hat dieser Wein, den ich zuletzt vor Jahresfrist auf Sylt bei Jörg Müller im Glas hatte. Rauchig-mineralisch die Nase, puristisch schön die Frucht, am Gaumen wiederum sehr mineralisch mit toller Struktur und rassiger Säure, sehr lang am Gaumen und immer nur sehr kurz in meinem Glas, einfach ein Großes Gewächs im besten Sinne des Wortes – 94/100. Sehr schwer fiel mir auch die Entscheidung bei den Roten. Schließlich lockten da reichlich gut gereifte Bordeaux zu recht zivilen Preisen. Aber davon habe ich selbst genug im Keller. Also entschied ich mich für einen 2002 Charme von Niepoort. Der gefiel mir diesmal deutlich besser als noch vor 2 ½ Jahren auf Sylt in der Sansibar. Klar, seinen etwas rustikalen Charme hat dieser Wein behalten, aber er zeigte sich jetzt deutlich weicher, reifer, charmanter und eleganter. Da kam jetzt auch stärker das Burgundische durch, das Dirk Niepoort ja nicht nur mit der Flaschenform anstrebt. Am Gaumen immer noch jung und frisch mit deutlichem Säuregerüst – 92/100. Groß in der Karte auch die Auswahl edelsüßer Raritäten. Ich entschied mich für einen, am 31.12.1985 gelesenen, 1985 Heppenheimer Centgericht Eiswein von den Staatsweingütern. Tiefgülden die Farbe, schon recht reif die Nase, in der sich Karamell, Crême Brulée und Möbelpolitur einen Wettstreit lieferten. Am Gaumen weich und mit für Eiswein erstaunlich wenig Säure, aber sehr aromatisch, ein Schuss Grand Marnier kam noch hinzu. In der Nase gab sich schließlich das Putzmittel geschlagen und es herrschte nur noch eitel Freude, selbst die Säure wurde am Gaumen mit mehr Luft stärker – 92/100.
Es ist wohl an der Zeit, dass ich meine Tante Anna wieder regelmäßig besuche.
Pavie 2001 und 2002
Einfach auf der Überholspur ist Chateau Pavie seit der Übernahme durch Gerard Perse. Von 1998 an gibt es eigentlich nur noch große Pavies. Dabei müssen es nicht unbedingt immer die Hammerjahre sein. Auch 2001 Pavie ist ein riesengroßer, dekadent leckerer Wein, offen mit üppiger, schmelziger Frucht. Ein großer Kalifornier mit der Eleganz eines Bordeaux – 96/100. Da fällt es verdammt schwer, den Bestand nicht zügig zu vernichten. Im direkten Vergleich wirkte 2002 Pavie deutlich verhaltener, tanninbetonter und verschlossener, aber auch das ein Wein mit viel Substanz und guter Zukunft – 92+/100.
WineLive ist Live!
Ein neuer Hotspot in Sachen Wein hat mit WineLive in Düsseldorf eröffnet. Die Lage mag ja nicht gerade die heimeligste sein, Oberbilk ist in Düsseldorf ganz bestimmt kein Szeneviertel. Aber vielleicht ändert sich das ja irgendwann und dieses neue, spannende Weinhaus gibt dazu den Startschuss. WineLive ist Weinhandel, Weinbar und Bistro zugleich. Mit Otmane Khairat, dem bisherigen, umtriebigen Leiter der Düsseldorfer Mövenpick-Dependance und mit Jochen Fricke stehen hinter diesem Projekt zwei absolute Vollprofis. Jochen Fricke war jahrelang Chefeinkäufer von Mövenpick Deutschland und hatte sich erst im letzten Jahr unter www.weinspuernase.de selbständig gemacht. Beide sind eigentlich Garanten für ein knackiges Sortiment und für viele, spannende Weinevents mit renommierten Winzern. Sehr gut gefällt mir auch, dass WineLive sich zusätzlich dem Handel mit reifen Weinraritäten widmet. Zwei ehemalige Kegelbahnen unter dem Haus wurden zu gigantischen Kellern umgebaut, in denen jetzt schon reichlich Schätze bis in die 60er hinein lagern.
Otmane Khairat und Jochen Fricke
Bei der Eröffnung von WineLive im Dezember, bei der Markus Molitor, Roman Niewodniczanski und Hanspeter Ziereisen ihre Weine persönlich ausschenkten, habe ich mich in eine sensationelle, trockene Dreistern-Auslese von Molitor verliebt und in den fantastischen 2008 Volz von Van Volxem. Beide habe ich inzwischen im Keller. Sehr angetan war ich beim vorletzten Besuch auch vom 2008 Weißburgunder von Van Volxem. Der ist völlig anders als alles, was ich von dieser Rebsorte bisher im Glas hatte, feine, pikante Frucht, cremige Textur, sehr prägnante Schiefernote, sehr elegant – 90/100. Wer die üblichen, dicken, alkoholischen Vertreter dieser Rebsorte kennt, sollte sich unbedingt mal dieses Aha-Erlebnis gönnen. Sehr spannend auch eine Burgunder-Alternative aus der Appelation Limoux im Languedoc, der 2008 Chateau d´Antugnac Las Gravas. Rauchige Barriquenote, viel gut eingebundenes Holz mit feiner Vanillenote, reife, gelbe Früchte, viel Quitte, kräftig mit leicht rustikalem Touch, sicher ein guter und bezahlbarer Essensbegleiter – 89/100. Aus der Raritätenkarte bestellte ich dann noch einen 1983 l´Arrosée. Ein total unterschätzter Wein, sehr feinduftig und elegant mit dezenter Süße und finessigem Schmelz, sicher auf Auktionen als absolutes Schnäppchen erwerbbar – 90/100.
Bei einer Spanien-Probe im WineLive konnte ich noch ein paar interessante Granaten von der iberischen Halbinsel verkosten. Schönster Wein der Verkostung(ich habe mich aus dem sehr großen Angebot auf ein paar wenige Stars konzentriert) war für mich der 2006 Vina del Olivo von Vinedos del Contino aus dem Rioja. Ein zwar noch sehr junger, aber absolut stimmiger Wein mit feiner, kräuteriger Note, grünen Oliven, sehr guter Säurestruktur und viel Finesse, nicht so dick und aufgesetzt wie viele der modernen Spanier. Ein Wein, der auch noch beim dritten und vierten Schluck Spaß macht – 94/100. Übrigens ein Wein aus dem CVNE-Stall. Leicht entsetzt war ich vom 2006 Avan Cepas Centenarias. Klar war der noch etwas verschlossen, aber er wirkte auch dick, dumpf leicht oxidativ und schwerfällig mit massig dunkler Frucht – 86/100. Mit einer OHK im eigenen Keller kann ich da nur auf ein schwer vorstellbares Wunder hoffen. Undurchdringlich und Schwarzpurpurn der sündhaft teure, rare 2007 Contador von Benjamin Romeo. In der Nase eine schöne Cassis-Hollundermischung, Weihnachtsgewürze, für Contador erstaunlich fein und leichtfüßig, noch sehr jung mit strammem Tanningerüst – 94+/100. Wird sich ebenso noch weiterentwickeln wie der im jetzigen Stadium noch sehr schwierig zu verkostende 2007 Clos Erasmus. Der hatte eine erstaunlich helle Farbe und reichlich Babyspeck, so süß, so konzentriert, ein irres Frucht- und Aromenpaket, das noch zu sich finden muss – 93+/100. Tiefdunkel der 2006 El Vell Coster von Pasanau Germans aus dem Priorat, ein sehr konzentrierter wein von alten Granacha-Reben, ein dichtes Kraftpaket mit massig süßen Kräutern, Thymian pur, aber in dieser Kräuterorgie auch nicht unangenehm medizinal wirkend und an Hustensaft erinnernd, ein durchaus spannender, vielschichtiger, sehr gehaltvoller Wein – 92/100. Würzige Fülle zeigte der 2006 Finca Cascorales von Solano aus dem Ribera del Duero. Nur 1187 Flaschen gibt es von diesem dichten, kräftigen, aber durchaus auch finessigen und zugänglichen Wein, der eine erstaunliche, leichte, karamellige Süße zeigte – 91/100.
Aus der Krabbelkiste
Ich bin großer Fan reifer Weine aus den Ecken unseres Planeten, die man landläufig als Neue Welt bezeichnet. Mit den dort produzierten Wein assoziiert man heute Begriffe wie sehr fruchtig, alkoholreich, dick. Das war nicht immer so. Bevor in diesen Ländern, egal ob Chile, Südafrika, Australien oder den USA die Segnungen der modernen Önologie Einzug hielten, wurden dort schon viele, durchaus respektable Weine mit beachtlichem Alterungspotential erzeugt, die sich seinerzeit von der Stilistik europäischer Vorbilder nicht sonderlich unterschieden. Nur waren sie halt preiswerter und landeten dann oft in Supermarkt-Regalen. Klar ist unter dem, was damals nach Europa exportiert wurde, viel Schrott bei, aber es gibt auch immer wieder Glücksgriffe. So der für kleines Geld bei Ebay ersteigerte 1979 Oude Libertas Cabernet Sauvignon von der Stellenbosch Farmers Winery aus Südafrika. „Sturdy“ soll dieser Wein laut Etikett damals gewesen sein, was man mit robust und kräftig übersetzen kann. Jetzt, nach immerhin gut 30 Jahren, präsentierte er sich perfekt gereift ohne jeden Anflug von Senilität. Blind hätte ich diesen Wein nach Bordeaux ans Linke Ufer gesteckt, also nach Medoc oder ins Pessac. Reif, weich, aber sehr aromatisch, rauchig, mineralisch, immer noch mit pikanter, rotbeeriger Frucht und mit feinem Schmelz – 87/100. Für solch eine Risikoflasche war der verdammt gut.
Training für die American Beauty
Spannende Proben stehen im März an, eine komplette Le Pin Vertikale, eine große Leoville las Cases Probe und die American Beauty III. Für Letztere habe ich schon „trainiert“, insbesondere mit reiferen Kaliforniern. Ein 1985 Flora Springs Trilogy weich, reif schöne Nase mit Sauerkirsche, Minze und einem Hauch Eukalyptus, gehört sicher in den nächsten Jahren getrunken - 89/100. Noch erstaunlich jung und vibrierend mit geiler, roter Johannisbeere und der typischen Kräuter/Dillnote der 1985 Silver Oak Alexander Vineyard – 92/100. Wohl noch etwas von der Trinkreife entfernt wirkte mit schöner Kirschfrucht und strammem Tanningerüst 2000 Ridge Monte Bello – 92+/100. Weich, elegant und reif mit schöner Süße dagegen der 1998 Dalla Valle Cabernet Sauvignon – 92/100. Einer der schönsten Weine der American Beauty II im letzten Jahr war 1992 Caymus Special Selection. Zu dem schrieb ich „kalifornische Wein-Dekadenz in ihrer schönsten Form. Ein verschwenderisch süßer, weicher, gefälliger Wein mit sehr druckvoller Aromatik, immer noch mit guter Frucht und viel Eukalyptus und Minze, dabei mit sehr guter Struktur und Statur, am Gaumen mit so unendlichem Schmelz, das ist im jetzigem Stadium die 82er Comtesse Kaliforniens - 99/100“. Und zu der jetzt getrunkenen Flasche passte diese Beschreibung jetzt wieder perfekt, einfach ein Traumwein.
Alle Proben natürlich zeitnah hier auf dieser Website.
