Januar 2006
Die Schöne und das Biest
Noch rarer als Harlan selbst sind sie, die Bond-Weine. Klar griffen wir da zu, als wir St. Eden und Veccina zu freundschaftlichen Kursen auf der Karte eines amerikanischen Restaurants entdeckten. Mit einer 2003 Karthäuserhofberg Spätlese feinherb waren wir in fröhlicher, sehr internationaler Runde in den Abend gestartet. Ein herrlich frischer Riesling mit guter Säure, feiner, gut eingebundener Restsüße und hohem Extrakt bei erfreulich niedrigem Alkohol. Perfekt nicht nur als Aperitiv, sondern auch zu frecher gewürzten Vorspeisen – 88/100. Furztrocken war danach ein 1999 Weisskirchener Klaus Riesling Smaragd von Prager. Ein großer, klassischer Weißwein, druckvoll am Gaumen, hatte seine ungestüme Jugend schon hinter sich, perfekter Essensbegleiter – 91/100. Sehr gut lagen wir auch mit einem 1994 William Selyem Sonoma County Pinot Noir. Sicher nicht der größte Wein dieses renommierten Pinot-Produzenten, aber aus einem großen Jahr, perfekt gereift und genau auf dem Punkt erwischt. Machte trotz sehr heller, reifer Farbe einen unglaublichen Spaß mit reifer Himbeere, feiner Fruchtsüße und beachtlicher Länge am Gaumen – 92/100. Sehr angetan waren wir danach von einem 2002 Montepeloso Nardo. Das ist schon beeindruckend, was Fabio Chiarelotto da in diesem eher schwachen Jahr auf die Flasche gebracht hat. Brilliantes Rubinrot, saftige, reife Brombeere, gute Säure, baut toll im Glas aus und ist lediglich im Abgang etwas kompakt – 92/100.
Und dann ging mit den beiden Bonds die Post ab. Da wurde die Schöne und das Biest aufgeführt. 2001 Bond St. Eden war vor 1 ½ Jahren beim Harlan-Dinner noch sehr verschlossen. Jetzt war das ein feinduftiger, eleganter Wein mit irrer Frucht, Cassis ohne Ende, aber auch Teer, Lakritz und Leder, druckvoller Aromatik, massive, aber reife Tannine, und das alles so perfekt balanciert, wirkte wie eine hypothetische Mischung aus 2000 Margaux und Cheval Blanc auf 97/100 Niveau – und verschloß sich mit der Zeit zunehmend im Glas! Da ist noch reichlich Geduld angesagt. Was natürlich bei einer Restaurant-Karte kaum machbar ist.
Wenn St. Eden die Schöne war, dann war 2001 Bond Veccina das Biest. Absolut giftiges Zeugs, superdichtes Rubin-schwarzrot, frisch gemahlener, schwarzer Pfeffer, Cassis, schwarze Johannisbeere, Zedernholz, sehr mineralisch, Lakritz, unnahbar wie ein junger, großer Ausone, aber doch sehr faszinierend. Als sich St. Eden wieder verschloß, kam der Veccina zögerlich etwas mehr, erinnerte mich immer mehr an den jungen 82er Leoville las Cases. Das sind keine Kalifornier üblicher Machart. Das ist Harlanscher Perfektionismus, der gelungene Versuch, große, klassische Bordeaux aus kalifornischer Frucht zu machen und dabei die Eigenständigkeit des jeweiligen Terroirs zu bewahren. Klar, mehr als 94/100 aktueller Genuss waren da derzeit noch nicht im Glas, aber was für ein gigantisches Potential!
Es gibt Schlimmeres
Es gibt sicherlich schwerere Strafen, als im ganz kleinen Kreis zwei Flaschen 1989 Haut Brion und La Mission miteinander vergleichen zu müssen. So geschehen an einem Januarabend nach einer großen Süßweinprobe. Beide Weine hatten noch eine dichte, junge Farbe, fast wie frisch abgefüllt. 1989 Haut Brion war der offenere, anmachendere der beiden Weine. Ein dichter, komplexer Powerstoff, der förmlich am Gaumen explodierte, Tabak, Leder, Teer, dunkle Früchte. Da war ein Riese in der Flasche, der sich zumindest teilweise zeigte. Nicht mehr so offen und üppig, wie in vergangenen Jahren, aber doch beeindruckend. Ich erinnere mich noch an eine Verkostung 2001, als die versammelte Weinprominenz beim Vergleich zweier Großflaschen den Haut Brion für Petrus hielt, so ein dekadentes, hedonistisches Teil war das damals. Da wird er auch wieder hinkommen. Sicher noch mal 5 Jahre Geduld sind halt gefragt. Wer die nicht hat und mit den 96-97/100, die der Wein heute sicher an Genuß bietet, zufrieden ist, kann natürlich auch jetzt zum Korkenzieher greifen. Ähnliches gilt für 1989 La Mission Haut Brion, der sich zur Zeit deutlich schlechter verkauft als Haut Brion. Er öffnete sich nur sehr zögerlich im Glas, brachte dann mit der Zeit aber die legendäre Cigarbox-Aromatik und wurde zugänglicher. Sicher der etwas feinere, finessigere Wein, den ich heute vom Genussfaktor ähnlich wie Haut Brion einstufen würde. Beide Weine stammten übrigens aus perfekten OHK´s, die seit der Erstauslieferung bei etwa 10 Grad lagern. Aus wärmeren Kellern dürften die Weine bereits deutlich weiter entwickelt sein. Die 100/100 werden beide Weine sicher über kurz oder lang je nach Lagerung erreichen und dann über 20 Jahre so faszinierende Vergleiche ermöglichen, wie ich sie schon mehrfach mit den 61ern der beiden Güter erleben durfte.
Schöne Weine im Dado
Schwer beeindruckt war ich an einem Samstag Abend von einem 1993 Morgenhof Merlot Reserve aus Stellenbosch in Südafrika. Wir saßen im Dado, dem sehr beliebten und für seine Tasting Flights berühmten Restaurant des Düsseldorfer Innside Hotels. Auch letzteres kann ich nur bedingungslos empfehlen. Ich bringe hier sehr gerne auswärtige Weinfreunde unter. Den südafrikanischen Merlot hatte ich quasi zu Weihnachten von einem sehr engagierten Händler südafrikanischer Weine(www.bemosch.de) erhalten, der mich inzwischen recht erfolgreich für die Weine dieses afrikanischen Landes missioniert. Eine dichte Farbe hatte dieser vielgerühmte, südafrikanische Spitzen-Merlot, eine fruchtig-schokoladige Nase, die spontan anmachte, reife Brombeere, Pflaume, war dabei sehr elegant und feingliedrig mit Bordeaux-Stilistik, ginge locker als großer Pomerol durch, immer noch mit viel Potential, baute sehr schön im Glas aus. Faszinierend, wie er im Dado-Vorspeisenflight quasi die gesamte Palette des Tasting-Flights als Essensbegleiter perfekt abdeckt - 95/100.
Da steht jetzt seit über 12 Jahren in meinen Weinnotizen, dass der 1961 Ducru Beaucaillou reif ist, so auch an diesem Abend. besser wird er nicht mehr, dachte ich mir mal wieder, jetzt voll auf dem Punkt und absolut reif mit deutlichen, ersten Reifetönen in der Farbe, kam mit einer herrlichen, minzfrischen Nase auf den Tisch, relativ schlank, sehr delikat, feine Süße, Zedernholzaromen, unendliche Finesse, tolle Länge am Gaumen - 96/100. Nach den Erfahrungen der letzten 12 Jahre besteht aber keine Eile. In guten Flaschen dürfte sich dieses großartige Ducru-Erlebnis noch häufiger wiederholen lassen.
Sehr viel versprochen hatte ich mir von einem 1974 Beaulieu Private Reserve George de Latour aus diesem legendären Kalifornien-Jahrgang. Das Geschenk eines guten Weinfreundes war optisch in perfektem Zustand, der Inhalt leider nicht. Aus der Flasche kam nur maderisierte Mega-Kacke mit trüber, heller Farbe und Sherrytönen, auch bei bestem Willen nicht mehr trinkbar. Von „Bottle Variation“ las ich später in der Literatur. Vielleicht begegnet mir ja noch mal eine gute Flasche.
Genau anders rum war es bei einem 1961 Gran Coronas Reserva von Torres(nicht dem berühmten Black Label). Ein sehr delikater, reifer Wein mit feiner, spanischer Aromatik, reife, helle Farbe, sehr elegant und lang, wirkte zu Anfang etwas alt, aber das gab sich im Glas schnell, rund, wurde immer besser - 92/100. Gefolgt wurde er von einem 1969 Bonnes Mares von Drouhin-Laroze. Das war ein sehr fülliger, kräftiger, wunderschöner Pinot klassischer, alter Machart mit noch viel Potential - 93/100.
Aus der sehr klug zusammengestellten und moderat kalkulierten Weinkarte des Dado kam dann noch ein 2002 Clos Mogador auf den Tisch. Doch da musste auch Überflieger Clos Mogador dem schwachen Jahrgang 2002 Tribut zollen, ein trotz kräftiger Tannine überraschend zugänglicher, weicher, feiner, aber für die Maßstäbe des Gutes eher kleiner Wein, den ich nicht allzu lange aufheben würde - 89/100.
Monatsende
Einen kleinen, feinen Wein kündigte der Hausherr als Einstieg und Willkommensschluck an. Klein war leider nur mein Glas, der Inhalt war riesig. 1997 Beringer Chardonnay Sbragia Select präsentierte sich wieder in Bestform mit der einfach geilen Nase der großen Beringer-Chardonnays, an der ich stundenlang riechen könnte. Bei aller Kraft und Üppigkeit und einer ein trotzdem eleganter Wein, viel besser geht kalifornischer Chardonnay nicht – 95/100. Übrigens zeigte er im Gegensatz zu den letzten beiden Flaschen, die ich 2003 trinken durfte, keinerlei Zeichen von Alter.
Danach kamen zwei weiße Weine, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten, trotz gleichem Jahr, gleicher Region, gleichem Erzeuger, gleichem Kaufdatum und langer Lagerung Seite an Seite. Sehr, sehr reif wirkte der 1991 Clos de la Barre von Comte Lafon, nicht nur von der Farbe her, sondern auch in der Nase und am Gaumen. Das hätte zu Anfang auch ein 30-40 Jahre alter Chardonnay sein können. Im Glas baute er mit der Zeit sehr schön aus, zeigte reife, gelbe Früchte, etwas Quitte und Biskuit, blieb dabei aber rustikal und würzig – 90/100. Völlig anders der in jeder Beziehung noch jung und frisch wirkende 1991 Meursault Charmes von Comte Lafon. Das war Burgund vom Allerfeinsten, mit wunderbarer Nase, spielerischer Eleganz am Gaumen, feiner Mineralität und toller Länge, sicher noch mit Potential für etliche Jahre – 96/100.
Völlig anders als meine Erlebnisse aus diversen 1teln, zuletzt auf der großen Cos-Probe im November letzten Jahres, präsentierte sich 1982 Cos d´Estournel aus der Magnum. Der war erstaunlich offen und noch so jung, dabei sehr terroirbetont und immer noch mit gewaltigem Potential – 96/100.
Ob der 1996 Montevetrano jemals richtig reif wird? Faszinierende Frucht, reife Sauerkirsche ohne Ende, dazu schöne Fruchtsüße, immer noch sehr präsente Tannine, wirkte dadurch am Gaumen kompakt, fast bissig – 93/100.
Ein richtiges Weingut hatte Walter Schug, der seinerzeit legendäre Winemaker von Phelps Anfang der 80er noch nicht. Also erzeugte er seinen 1983 Schug Cellars Napa Valley Carneros Pinot Noir aus zugekauften Trauben vom Beckstoffer Los Amigos Vineyard und baute den Wein anschließend bei Storybook Mountain aus. Das Ergebnis konnte sich mehr als sehen lassen, noch dazu in einem relativ schlappen Kalifornien-Jahr. Von Schug habe ich keinen besseren Pinot mehr getrunken. Brilliante Farbe mit dezenten Reifetönen, intensive, himbeerige Frucht, füllig mit toller Länge am Gaumen, voll auf dem Punkt – 95/100.
Zwei große Kalifornier aus dem Super-Jahrgang 1997 standen sich danach gegenüber. Sehr positiv überrascht hat mich dabei der 1997 Caymus Special Selection. Ich habe diesem Wein nie viel abgewinnen können. Meine letzte Notiz – übrigens an gleicher Stelle – lautete 2001 „Mag sein, dass da in Zukunft noch mehr kommt, heute wird die bescheidene Frucht von massivem Holzeinsatz vergewaltigt 90/100“. Unglaublich, wie sich der Wein innerhalb der letzten 5 Jahre entwickelt hat. Die Frucht hat nicht nur gut überlebt. Auch das Holz ist inzwischen perfekt integriert. Ein sehr feiner, eleganter, aber sehr nachhaltiger, finessiger Wein mit toller Länge am Gaumen – 95/100. Caymus scheint im Gegensatz zum Großteil der kalifornischen Weine 5-8 Jahre Kellerlagerung zu brauchen und dürfte im Gegenzug ein hohes Alterungspotential besitzen. Ein dichtes, konzentriertes Monstrum war 1997 Pahlmeyer Proprietary Red Wine. Sehr dichte Farbe, konzentrierte, üppige Frucht, Minze, kräuterige Töne, der Dill von Silver Oak, am Gaumen schiere Kraft und Opulenz – 96/100. Im direkten Vergleich der bessere Wein. Vor die Wahl gestellt, mit einem dieser beiden Weine den Abend verbringen zu müssen, würde ich den Caymus vorziehen.
Immer wieder bin ich fasziniert von älteren Chateauneuf-du-Papes, so auch diesmal wider von einem 1959 Chateau de la Gardine. Ein unglaublich betörender, reifer Chateauneuf, der trotz heller, reiferer Farbe insgesamt deutlich jünger wirkte, mit druckvoller Aromatik, Frische und Delikatesse, toller Länge am Gaumen. Ginge spielend auch als großer Burgunder durch – 96/100.
Überhaupt nicht „kalifornisch“ kam danach 1994 Flory Springs Rutherford Hills Cabernet Sauvignon Reserve daher. Sehr junge Farbe, Veilchenduft ohne Ende, Lakritz, frische Kräuter, wie ein Blend aus Amarone und Bordeaux – 93/100. Würde sicher gut in eine Probe neuerer, südfranzösischer Edelteile passen und dürfte immer noch ein großes Alterungspotential haben. Auf ähnlichem Niveau, aber mit völlig anderer Machart 1991 Opus One. Sehr feine, schwarzbeerige Frucht, getrocknete Kräuter, Zedernholz, am Gaumen sehr schön balanciert, Eleganz und gute Länge – 94/100.
Den Abschluss eines wunderbaren Abends bildeten zwei formidable 83er Bordeaux. Ich hatte gerade erst meine Verkostungsnotizen des Jahrgangs 1983 Online gestellt und dabei geschrieben, dass ich bei der reifen Comtesse eher vorsichtig wäre. Und nun stand vor mir aus perfekter Lagerung die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Eine 1983 Pichon Comtesse, die noch so jung und so schön war, da bestand wirklich keine Eile. Gleiches galt für den ungemein dichten, kraftvollen 1983 La Mission Haut Brion, beide sicher auf 94+/100 Niveau.
