Januar 2010
Der Schwarze Adler in Oberbergen
Nein, wir wollten nicht direkt vom Engadiner Traumurlaub zurück in die raue Wirklichkeit. Ein Highlight sollte es auf dem Rückweg statt 850 km Fahrt an einem Stück noch sein. Ausgeguckt hatten wir uns den Schwarzen Adler in Oberbergen. Für mich war es der erste Besuch an diesem vinologisch-kulinarischen Wallfahrtsort.
Nachdem wir unsere kommoden Zimmer bezogen hatten, ging es erst mal zu einem längeren Spaziergang durch die Weinberge. Und da ein solcher Spaziergang natürlich durstig macht, landeten wir irgendwann unweigerlich im Winzerhaus Rebstock, einem Wirtshaus im besten Sinne mit sehr schmackhafter, regionaler Küche. Nette Jungs und Mädels servieren hier in rustikaler, ungezwungener Atmosphäre vom Flammkuchen bis zum Rehragout und vom offenen Schoppen bis zur Rarität alles, was das Herz begehrt. Ich bin an solchen, gemütlichen Orten höchst gefährdet. Hocken hätte ich hier bleiben können, bis zum nächsten Morgen. Aber wir hatten ja noch einen Termin auf der anderen Straßenseite, im Schwarzen Adler. So versuchten wir, uns zu mäßigen, was verdammt schwer viel. Immerhin verkosteten wir eine ganze Reihe der Selektionsweine aus dem zum Kellerschen Imperium gehörenden Weingut Franz Keller. `S` steht bei diesen Weinen für trockene Spätlese, `A` ist das Äquivalent einer trockenen Auslese. Füllig, fast üppig mit feinem Schmelz der 2008 Grauburgunder Selection S, dessen Flasche allerdings wie einige der anderen Weine auch schon am Vortag geöffnet worden waren – 89/100. Erstaunlich offen und rund , aber auch mit guter Frucht und Säure der 2008 Chardonnay Selection A – 89/100. Sehr fein, elegant und der beste dieser drei Weißen der 2007 Weißburgunder Selection A – 92/100. Rund, saftig, schokoladig der 2007 Merlot Cabernet Selection – 88/100. Sehr gut gefiel uns auch der noch recht junge, holzbetonte 2007 Spätburgunder Selection A, der sicher noch etwas Zeit, zumindest viel Luft braucht, und es an unserem, von den Rotweinen aus der Bündner Herrschaft verwöhntem Gaumen etwas schwer hatte – 89+/100. Als Abschluss genehmigten wir uns noch einen Schluck des 2007 Lemberger Selection, ein kerniger Wein mit toller Struktur und viel Gerbsäure, rustikal, erdig und mit markanter Persönlichkeit – 88/100.
Und dann kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Ich durfte mir die legendären Weinstollen des Hauses anschauen. Der blanke Neid packt da jeden an Platzmangel leidenden Weinfreund. Drei riesige Stollen hatte Franz Keller Senior vor langer Zeit von einer Spezialfirma in den Berg treiben lassen. Ohne Klimatisierung mit konstant 12 Grad und perfekter Luftfeuchtigkeit lässt sich hier spielend eine sechsstellige Anzahl Flaschen unterbringen. Einer der drei Stollen ist komplett mit Bordeaux-OHKs gefüllt. Schließlich ist das Haus ja auch einer der großen Händler Bordelaiser Rebsäfte. Wenn Sie der Weg mal noch Oberbergen führt, diese Stollen müssen Sie sich unbedingt mal zeigen lassen. Kein Wunder, dass der Schwarze Adler solch eine spektakuläre Karte mit einem schier unglaublichen Angebot reifer, best gelagerter Weine hat.
Jetzt stand der Kulturschock an. Wir betraten den Schwarzen Adler, der sich von außen nicht von anderen, normalen badischen Wirthäusern unterscheidet. Doch wir wurden in einen sehr eleganten, in dunklem Holz getäfelten Raum geführt, der spontan an klassische, französische Sternetempel erinnerte. Das ist kein Zufall. Ist der Schwarze Adler doch eines der ersten, vom Michelin dekorierten Häuser Deutschlands. Im besten Sinne klassisch die hervorragende Küche. Und dann die schier unglaubliche Weinkarte. Weit über 2000 Positionen mit dem Schwerpunkt Bordeaux in staunenswerter Jahrgangstiefe zu extrem gastfreundlichen Preisen. Wer die ausgiebig studieren möchte, sollte besser am Vortag anreisen und alleine kommen, oder aber seiner besseren Hälfte empfehlen, ebenfalls ein gutes Buch mitzunehmen. Eine kluge Alternative ist es da, sich in die kundigen Hände von Melanie Wagner zu begeben. Die sehr versierte GaultMillau Sommeliere des Jahres 2010 kennt jede einzelne Flasche mit Vornahmen. Wir starteten mit einem alten Champagner, einem 1959 Legras St. Vincent Blanc de Blancs Grand Cru. Von Melanie Wagner waren wir vorgewarnt worden. Da gäbe es bessere und schlechtere Flaschen. Als Altwein-Kamikazeflieger war mir das egal. Ich hatte Lust auf so ein 50 Jahre gereiftes Teil, und da der Preis stimmte, ging ich das Risiko gerne ein. Der Schreck fuhr mir dann aber doch in die Glieder, als ich den Füllstand der Flasche sah. Die wirkte eher so, als ob sie nicht im Stollen, sondern irgendwo unterm Bett gelegen hätte. Egal, da mussten wir jetzt durch. Sherry mit Sprudel lautete der erste Kommentar. Keine Perlage hatte dieses güldene Teil mehr, aber spürbares Mousseux am Gaumen. „Bah“ meinte meine liebe Gattin und wechselte zu einem jungen Champagner. Ich dagegen ließ das „B“ weg und erfreute mich an der feinen, nussigen Süße, die dieser immer weiniger werdende Champagner entwickelte. Ein wunderbarer Essensbegleiter zu unseren Vorspeisen und ein faszinierendes Altweinerlebnis, für das ich in meiner Tochter allerdings eine begeisterte Mitstreiterin fand – 92/100. Nur meine liebe Gattin hätte sicher mindestens 10 Punkte weniger gegeben. Nicht sonderlich vom Hocker riss mich danach ein erstaunlich reifer, runder, harmonischer und weicher 1998 Corton Charlemagne von Bonneau du Martray mit schöner Mineralität – 90/100. Weiter ging es mit einer perfekten Burgunder-Empfehlung von Melanie Wagner, einem 1976 Gevrey Chambertin von Armand Rousseau. Was für ein wunderbar reifer, schmelziger Burgunder-Traum mit feiner Süße und immer noch schöner Frucht, Seide pur am Gaumen und sehr gute Länge – 94/100. Nicht der erste, großartige Burgunder, den ich aus diesem völlig unterbewerteten Jahrgang trinke. Und dann war als Abschluss – mehr ging beim besten Willen nicht in uns rein – noch ein großer Bordeaux fällig. Ein 1982 La Mission Haut Brion, für mich der legitime Nachfolger von 1959 und 1961, krönte unseren Abend. Das war Pessac in Vollendung mit der legendären Cigarbox-Aromatik, dabei noch irre jung und konzentriert – 100/100. Ja, wir wurden nach Strich und Faden verwöhnt an diesem Abend, auch von der perfekt geschulten Service-Crew, der man dankenswerterweise trotz Schlips und Kragen das Lächeln nicht verboten hatte.
Ein besonderes Lob auch noch für das göttliche Adler-Frühstück, das wir am nächsten Morgen genossen. Man wird sich in diesem gastfreundlichen Haus an unsere Gesichter gewöhnen müssen.
Beaucastel Weiß und Rot
Ein Wintermärchen war Düsseldorf an diesem Wochenende. Wann gibt es schon mal 20 Zentimeter frischen Schnee in einer rheinischen Großstadt. Also war ein langer, sonntäglicher Spaziergang durch diese prächtige Winterlandschaft angesagt, natürlich nicht ohne lohnendes Ziel. Das malerisch am Rhein gelegene Landhaus Mönchenwerth hatten wir uns ausgeguckt, ein beliebtes Sommerziel mit fantastischer, großer Terrasse. Hier am Sonntag mittag zu sitzen mit weitem Blick über den Fluss und verschneite Wiesen, das hatte was. Aber auf diese Idee schienen nicht viele Leute gekommen zu sein. Außer unserem waren nur zwei weitere Tische besetzt. Leicht und sehr aromatisch die Küche von Guy de Vries. Auf der überschaubaren Weinkarte stieß ich auf die Weine von Beaucastel. Dabei stellte sich gleich die Frage, ob der eine schon und der andere noch trinkbar war. Das „noch“ bezog sich auf den 2004 Chateau Beaucastel Chateauneuf-du-Pape Blanc. Weiße Chateauneufs machen jung in den ersten Jahren Spaß und dann später nach langen Jahren als gereifte Gewächse wieder. Wer sie in der Phase zwischendurch erwischt, hat halt Pech gehabt. Wir hatten großes Glück, der weiße Beaucastel präsentierte sich in Bestform und als sehr hochwertiger Speisebegleiter. Frisch mit guter Säure, mit exotischen Früchten, reifer Birne, leicht gerösteten Haselnüssen, einer cremigen Textur und schöner Länge war er jetzt genau auf dem Punkt und wirkte bei aller Fülle sehr elegant – 92/100. Noch sehr jung, aber ebenfalls bereits gut trinkbar war der rote 2004 Chateau Beaucastel Chateauneuf-du-Pape. Perfekt der Spagat zwischen animalischer, rustikaler Kraft und erdigen Aromen auf der einen Seide und seidiger Eleganz mit feiner Frucht, Himbeere und Erdbeere, und einem großen provencalischen Kräutergarten auf der anderen Seite. Da kommt sicher mit den Jahren noch etwas mehr, aber es fällt derzeit schon schwer, die Flasche ungeöffnet zu lassen – 92+/100.
Schöne, neue Goggle-Welt?
Und wo wir gerade beim Schnee sind, vor 10 Tagen habe ich per Google intensiv nach Winterreifen für mein Fahrrad gesucht. Nur wenige Stunden später hatte ich – per Telefon – die ausgesuchten Reifen bei einem Fahrradhändler meiner Wahl gekauft und montieren lassen. Google, diesen allwissenden Internet-Kraken, muss meine Suche sehr beeindruckt haben. Seit just diesem Tag bekomme ich auf den unterschiedlichsten Seiten andauernd Banner mit Werbung von Fahrradreifen angezeigt. Gesteuert von Google, das auch über Sie erheblich mehr weiß als Sie denken, wir diese Werbung speziell für mich eingeblendet. Dass hier Schwalbe & Co reichlich Werbedollars an einen Kunden verschwenden, der bereits gekauft hat, ist deren Problem und berührt mich nicht. Aber dass meine IP-Adresse bei Google individuell mit angeblichen Vorlieben meinerseits belegt und gepflegt wird, und damit irgendwo auf einem amerikanischen Server ein von mir nicht kontrollierbares Profil von mir entsteht, das Google dann beliebigen Werbetreibenden – und wem noch? - zur Verfügung stellt, das irritiert mich nicht nur. Das stört mich extrem und ist völlig unakzeptabel.
Noch mehr Beifang
Haben wollte ich sie unbedingt, diese 3 Flaschen des großartigen 1989 Le Gay. Nur hatte das Auktionshaus die leider in einem Lot mit Flaschen gebündelt, die ich eigentlich nicht haben wollte. So werden die halt ihren Schrott los, auf den sonst niemand bieten würde. Andererseits sind solche mixed Lots meist recht günstig. Und so bot ich halt nur das, was mir die drei Flaschen Le Gay wert waren. Trotzdem war mein Fischzug erfolgreich und ich erhielt meine Le Gays samt Beifang. Auf See wird so etwas gleich wieder ins Meer gekippt. Ich wollte diesen Flaschen aber eine Chance geben. Zuerst kam der Korken aus dem 1979 l´Eglise Clinet. Trinkbar war dieses etwas dünne, leicht säuerlich-schokoladige Merlötchen noch, aber groß war der sicher nie und wenn ist es lange her - 83/100. Dann war der 1983 Troplong Mondot an der Reihe. Vielversprechend die erstaunlich kräftige, dichte Farbe, wenig versprechend die seltsame, eher an Heizöl erinnernde Nase, nichts haltend der noch abstoßendere Gaumen, das Zeugs war wohl hin. Blieb zum Schluss der interessanteste Wein, ein 1995 Latour-à-Pomerol. Nicht gerade das, was man unter einem hedonistisch-üppig-schokoladigen Pomerol versteht. Eher ein feiner, sehr eleganter, femininer Wein mit schwarzer Johannisbeere, viel Kräutern und etwas Tabak. Immer noch mit recht stabilem Tanningerüst, kann also noch deutlich zulegen und ist erst ganz am Anfang einer längeren Genussreife – 90+/100. Wie schön, dass von dem L´Eglise und dem Troplong nur eine Flasche in diesem Lot waren. Von dem Latour-à-Pomerol aber drei. War also doch ein sehr lohnender Fischzug.
Aus unseren Geburtsjahren
Lieber Besuch aus Sylt war eingetroffen. Da machten wir dann einen abendlichen Spaziergang in die Casa Mattoni. Mit dabei drei schöne Rote aus den Geburtsjahren des Wirtes, unseres Gastes und meiner Wenigkeit. Sehr schön gereift der 1953 Mouton d´Armailhacq. Immer noch recht jung und dicht die Farbe, die Nase zu Anfang mit leichten Alterstönen, aber das gab sich mit der Zeit. Der Wein entwickelte sich sehr schön im Glas, feine Minze, altes Sattelleder, auch etwas Mouton-Bleistift, ein typischer, gut gereifter, eleganter 53er – 90/100. Baff waren wir beim 1947 Barolo von Serrafino. Natürlich gibt es bei alten Barolos viel Mist, aber wenn diese Dinger gut sind, dann sind sie saugut. So auch dieses Teil. Superfarbe, Superstatur, ein muskulöser Kraftprotz, der in seiner kernigen, rustikalen Art eine perfekte Charakterrolle spielte, baute unglaublich im Glas aus und wandelte sich, wurde lakritziger, minziger, komplexer. Bei diesem Grandseigneur kam immer mehr Bordeaux-Stilistik hinzu, aber die größte Affinität hatte er zu einem Heitz Martha´s Vineyard – 96/100. Auf gleichem Niveau aus meinem Geburtstag der 1950 Clos René aus dem Pomerol in einer deutschen R&U Abfüllung, den ich schon mehrfach in dieser bestechenden Form im Glas hatte. Sensationelle Farbe, floral-fruchtig-schokoladige Nase, am Gaumen speckig, portig mit pflaumiger Frucht und schokoladiger Fülle, ungemein kraftvoll mit kräftiger, tragender Säure, ein Parade-Pomerol, der blind auch als 80er durchgeht – 96/100. Und als Abschluss genehmigten wir uns aus der umfassenden Italienkarte des Hauses noch einen 1996 Barbaresco von Angelo Gaja. Auch das ein Kraftprotz mit viel reifer Brombeere in der Nase, immer noch strammes Tanningerüst und kräftige Säurestruktur – 92/100.
Frühschoppen im DīVine
Inzwischen hat nach zwei Jahren selbst der Feinschmecker gemerkt, dass Düsseldorf mit dem D´Vine in Bilk eine angesagte Weinbar besitzt. Hier fällt inzwischen kein Stein mehr zu Boden. Wer nicht rechtzeitig reserviert, guckt praktisch an allen Wochentagen mittags wie abends buchstäblich in die Röhre. Gut über 200 Weine, eine sehr gute Küche und ein schönes Ambiente, Toni und Christoph, die beiden weinversessenen Inhaber verstehen ihr Handwerk. Bei einem kürzlichen Spontanbesuch am späten Samstagvormittag gönnten wir uns eine halbe Flasche 1997 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Auslese #10 von Fritz Haag. Dieses Kunstwerk des Altmeisters der Leichtigkeit des Seins betörte selbst um diese Uhrzeit schon – 93/100. Und wo wir schon mal da waren, probierten wir auch einen Schluck des offen ausgeschenkten 2005 Trilogia von Christos Kokkalis. Aber der ging gar nicht und war völlig zugenagelt. Dichte, sehr junge Farbe, mächtiges Tanningerüst, unter dem verschämt etwas Cassis hervorlugte. Da sind noch ein paar Jahre Warten angesagt, wobei es dann ganz schnell gehen kann. Die Trinkreife bei den Trilogias kommt wie der Bergfrühling, spontan, ganz schnell und heftig. Nur dauert sie deutlich länger. Und wo wir denn nun schon mal da waren, probierten wir auch noch einen Schluck vom 1988 Corton Bressandes von Dubreuil-Fontaines. Viel Geduld ist angesagt bei den 88er Burgundern. So war auch das hier ein Langstreckenläufer mit hoher Gerbsäure, aber auch erster, feiner Süße. Ist mit 88+/100 schon antrinkbar, aber die große Freude kommt erst in fünf Jahren.
Ein Abend mit Stephanie
Der Einladung war ich gerne gefolgt. Vier bezaubernde Mädels, eine davon Stephanie, hatten mich zum Abendessen ins Voralpenland eingeladen. Wunderbar gekocht haben sie für mich. Und zwei Buben, beides hochtalentierte Weinnasen, waren auch dabei. Die setzten alles daran, aus dem anscheinend unerschöpflichen Keller des Hauses nur Tropfen hervor zu zaubern, die der Wineterminator noch nie im Glas hatte. Los ging es mit einem prächtigen 1980 Dom Perignon. Ein kräftiges Plopp beim Öffnen der Flasche zeigte, dass hier noch reichlich Musik drin war. Sehr gut entsprechend auch noch das Mousseux dieses goldgelben Champagners, der sich sehr weinig und ausdrucksstark präsentierte. Wunderbare Nase mit großem Brotkorb, mit Brioche und frischer Biskuitrolle, am Gaumen cremig und mit sehr guter Struktur. Gut gereifter Champagner vom Allerfeinsten, der sich hinter vermeintlich größeren Dom Perignon-Jahrgängen nicht verstecken muss. – 94/100. Als kleines Champagnerjahr mit kleiner Ernte galt 1980, vor allem durch die exzessive Säure. Gerade die hat aber die besseren Champagner wie diesen hier nicht nur am Leben gehalten, sondern ihnen auch eine famose Entwicklung beschert. Weiter ging es mit einem 1968 Martin Ray Cabernet Sauvignon aus Kalifornien. Zunächst leicht moosig-staubig die Nase, doch darunter verbarg sich feine, rote Johannisbeere, die immer mehr nach vorne kam und an einen reifen Moraga erinnerte. Am Gaumen pikante Frucht, wiederum viel Johannisbeere mit nur einem dezenten Hauch Liebstöckel und umso mehr Minze. Ein wunderbar aromatischer, balancierter Wein aus diesem großen Kalifornien-Jahr, der sich im Glas gut entwickelte – 90/100. Etwas zwiespältig danach 1964 Haut Bailly. Auch der war fein, sehr schön balanciert, mineralisch-erdig, durchaus kräftig, aber er wirkte auf hohem Niveau auch so typisch freudlos wie viele Bordeaux aus den 60ern und 70ern. Es soll bessere Flaschen geben als diese hier mit mehr Schmelz und etwas Süße. Bei denen kommen dann auch sicher mehr als unsere 88/100 ins Glas. Immerhin konnte ich wieder eine Lücke in meinen Verkostungsnotizen schließen. Das galt auch für die nächsten beiden Weine. Von einem noch nie verkosteten, großen 1979 Heitz Martha´s Vineyard hatten meine charmanten Gastgeberinnen auf meiner Homepage gelesen. Den ließen sie jetzt von ihren Weinknechten aus dem Keller holen und in unsere Gläser bugsieren. Das war nicht der übliche Heitz-Hammer, eher etwas femininer und sehr balanciert, geradezu fein und elegant mit viel Frucht und natürlich Minze satt. Am Gaumen zeigte er sich trotzdem enorm druckvoll und nachhaltig, ohne jedes Zeichen von Alter oder Schwäche, sicher ein Heitz mit noch langer Lebenserwartung – 95/100. Und dann kam der Knaller des Abends, 1975 Phelps Eisele Vineyard. Der hatte unlängst erst beim großen Unger-Weihnachtstasting unter anderem 75 Petrus auf die Plätze verwiesen. Superdichte, junge Farbe, irre Nase mit viel Minze und Eukalyptus, aber auch mit reichlich Schwarzer Johannisbeere, am Gaumen kräftige, aber gut integrierte und stützende Säure, wirkte so frisch, so animierend und unglaublich lang am Gaumen. Wo moderne Kali-Hämmer erschlagend und lähmend wirken, startete diese hier den Speichelfluss wie eine hochkarätige Auslese von JJ Prüm, absoluter Faszinationsstoff, der sich im Glas prächtig entfaltete. Meine Bewertungen kletterten und endeten – mangels Wein – bei 98/100. Was für ein schönes Gefühl, von diesem Elixier noch eine Magnum im Keller zu haben.
Herzliche Grüße auch an die anderen Mädels, liebe Stephanie. Ich komme gerne wieder. Schließlich gibt es auf dem Wineterminator noch viele Lücken zu schließen.
Geisels Vinothek
Zu den Top-Weinzielen in München gehört sie, die in Bahnhofnähe im Hotel Excelsior gelegene Geisel Vinothek. Gut 500 Positionen umfasst die attraktive Weinkarte, jeweils 20 Gewächse gibt es glasweise. Da ist wohl selbstredend, dass sowohl Service als auch Glaskultur auf ähnlich hohem Niveau sind. Auch die Küche kann sich schmecken lassen. Kein Wunder, dass der Laden stets rappelvoll ist. So hatten wir selbst an einem Montag Mühe, überhaupt noch einen Tisch zu bekommen. Wenn man in einer solchen, mit Raritäten zu annehmbaren Preisen gut bestückten Karte wählen darf, geht es einem wie einem kleinen Jungen in einem großen Spielzeugladen. Als Einstieg wählten wir schließlich eine 2002 Wehlener Sonnenuhr Spätlese von JJ Prüm. Die ging runter wie Nichts. Wenig Alkohol, hoher Extrakt, Rasse und Klasse, ziehe ich jedem Champagner vor – 92/100. Gleich als wir das Lokal betraten, sah ich einen der üblichen Verdächtigen aus der Münchner Weinszene. Von dem kam dann auch schnell ein Glas rübergewandert. Rot natürlich, animalisch, ledrig, Cassis, immer noch strammes Tanningerüst, das war der kräftige 1986 Gruaud Larose (95/100). Das Glas hätte ruhig voller sein dürfen, aber es war wohl der Rest der Flasche. Unser erster Roter war ein 1996 Ducru Beaucaillou. Der hielt mit dem Gruaud voll mit. Herrliche, generöse Frucht, hohe Mineralität, mächtige, aber reife Tannine, präsentierte sich offener als noch im November auf der großen Ducru-Probe in Linz. Ist komplex und tiefgründig und macht doch so hemmungslos viel Spaß - 95/100. Und dann tranken wir erstmal den Chinesen einen 1983 Lafite Rothschild weg. Lange tauchte dieser klassische, hoch elegante Lafite ja auf keinem Radarschirm auf. Alle Welt wollte nur den inzwischen aberwitzig teuren 82er. Doch leider sorgt der unersättliche Appetit unserer chinesischen Freunde auf alles, wo Lafite draufsteht mittlerweile dafür, dass selbst schwache Jahrgänge und auch die ja nicht gerade hochklassischen Carruades extrem gesucht sind. Auch der 83er, den ich dem 82er jederzeit vorziehe, dürfte so langsam verdunsten. So tranken wir also mit etwas Wehmut diesen Bilderbuch-Lafite, der in seiner feinen, aristokratischen Art mit viel Zedernholz und Minze an vergangene, rumreiche Lafite-Tage erinnerte – 95/100. Und dann machten wir uns an das schönste Spielzeug dieses Ladens ran, den 1989 La Mission Haut Brion. Wie schön, wenn man diesen perfekten 100/100 La Mission, der auf Augenhöhe mit den Legenden aus 49,59 und 61 ist, mal nicht als Degu-Pfütze, sondern aus einem richtig gut gefüllten Glas trinken darf. Und weil sich unser Tisch inzwischen füllte, legten wir noch mit einer traumhaften Magnum 1996 Providence Matanka aus Neuseeland nach. Letztere quasi ein Super-Sonderangebot der Karte. Ein hochklassiger, feinduftiger, eleganter Wein in bester Bordeaux-Stilistik, der sich gut als Pirat in jeder Cheval Blanc Probe machen würde – 94/100. Auch so ein Montag kann doch ein so verdammt schöner Tag sein.
Neues aus dem Saittavini
Umgebaut hat mein Freund Michelangelo nach Weihnachten, größere Küche, modernere, sanitäre Installationen. Geblieben ist die wunderbare Atmosphäre des Saittavini. Und mitten drin immer Michelangelo, den alle lieben. Ein einmaliger Patron, der alle Leute kennt, an 10 Tischen gleichzeitig sitzt, immer freundlich und liebenswert ist und stets darüber wacht, dass auch wirklich alles klappt. Vom späten Vormittag bis tief in die Nacht steppt hier der Bär, das pralle Leben eben in bester italienischer Art. Sehen und gesehen werden ist hier ebenso angesagt wie kulinarischer Genuss und vor allem natürlich das Thema Wein. Ich kann zu Fuß hierhin laufen und auch wieder zurück, das hat eine Menge Vorteile. Michelangelo ist auch schuld daran, dass ich die Piemonteser Weine für mich wiederentdeckt habe. Die ewig immer gleiche Brühe aus der Toskana geht mir inzwischen häufig auf den Senkel. Dick, alkoholreich, poliert, auf internationalen Einheitsgeschmack getrimmt. So ein 2004 Ca Marcanda zum Beispiel, das Flagschiff aus Angelo Gajas toskanischem Weingut in der Maremma. Dicker, ausladender, internationaler Stil mit satter, dunkler Frucht, könnte von überall herkommen, klar, der ist sehr gut zu trinken, macht mit seinen 14% schnell genug blau und hat keine störenden Ecken und Kanten, ein prima bekömmliches Betäubungsmittel also, aber kein spannender, großer Wein, Fans geben 92/100, mir reicht ein Glas. Da dann schon lieber ein 2003 Brunello di Montalcino von Valdicava, obschon man auch hier das heiße, schwierige Jahr merkt. Auch das ist ein recht dichter, kräftiger Wein mit Rauchnoten, reifer Schwarzkirsche und immer noch bissigen Tanninen. Aber der hat wenigstens eine Seele – 90/100. Sehr gut gefiel mir der 2000 Barolo Falletto von Giacosa. Trüffelig, Lakritz, reife, gekochte Früchte, Pflaumenkompott, am Gaumen mächtige, aber seidige Tannine, druckvolle Aromatik und tolle Länge – 94/100. Und dann war da noch ein spannender, roter Süßwein, der 2006 Maddalena von Villa Caviciana, einem Weingut am Bolsenasee nördlich von Rom. Er wird auf 550m Höhe aus der Aleatico-Traube gewonnen und in Barriques ausgebaut, Rumtopf, süß, aber auch mit bemerkenswerter Frische – 92/100.
Zweimal Regalido
Patron Tobias Hammes mag sich ärgern, dass der Michelin ihn nicht wahrnimmt. Da kocht er seit Jahren auf diesem 16/20 Niveau, das ihm der GaultMillau zurecht zubilligt, doch der Rote Führer schafft es nicht bis ins Regalido in Strümp. Dabei ist das weder ungewöhnlich noch selten. Lange Jahre war das Chat Botté im Hotel Beau Rivage in Genf eines meiner Lieblingslokale, nicht nur des traumhaften Raritätenkellers wegen. Auch die Küche war ein Traum und die 18/20 des GaultMillau voll wert. Nur der Michelin brauchte fast ein Jahrzehnt, bis da mal jemand merkte, dass dort auf höchstem Niveau gekocht wurde. Für uns gehört dieses Regalido zu unseren Stammlokalen. Insbesondere den Sonntagmittag, an dem viele Restaurants geschlossen sind, genießen wir dort, am liebsten natürlich im Sommer auf der schönen Terrasse oder im malerischen Innenhof. Von den ersten beiden Regalido-Besuchen dieses Jahres gibt es wieder ein paar spannende Weine nachzutragen. Ich bin eigentlich kein großer Fan weißer Chateauneufs, aber der 2005 Chateau de La Nerthe Blanc hatte es mir schon angetan. Ein wunderbar voller, nachhaltiger Wein mit Aprikose, Zitrus und Trockenfrüchten, frisch mit guter Säure und schöner Länge, ein sehr guter Speisenbegleiter – 90/100. Reif und etwas brav der 1998 Croix de Gay, gefällig und schön zu trinken, aber weder auf dem Standard des Jahrgangs noch in der früheren Klasse dieses Chateaus – 87/100.
Größer die Runde bei unserem zweiten Besuch. Zu Fuß in einem zweistündigen Marsch am Rhein entlang durch tief verschneite Landschaft hatten wir uns den Anspruch auf ein opulentes Mal erworben. Ich bin ja ein großer Fan restsüßer Moselweine als Start, aber die ansonsten hochklassige 2006 Wehlener Sonnenuhr Auslese von JJ Prüm ging mir dann für diesen Zweck doch etwas zu sehr in die süße Ecke. Purer, jugendlicher Nektar, recht süß, Babyspeck ohne Ende mit viel Honig und reifer Birne, wird sicher noch in den nächsten Jahren zu sich finden und ausgewogener werden, 89++/100 mit Potential für 94/100 in 10 Jahren. Halt – zum frech gewürzten Tuna ging es dann doch deutlich besser. Viele der Weine des Regalido stammen aus ökologischem Anbau, wie auch das Regalido eigentlich einen ganz und gar nicht sektiererischen, ökologischen Hintergrund hat. Aber vielleicht ist es ja das, was den Michelin abschreckt. Der steht ja derzeit eher auf dem Molekular-Gedöns, mit dem viele Köche der Mode willen hochwertige Zutaten im Sinne der Lebensmittelindustrie verunstalten. Ist überhaupt nicht mein Ding, dazu habe ich es zu oft gerade bei den spanischen Trendsettern dieser Stilrichtung auf dem Teller gehabt(und danach meist ein unwohles Rumpeln in der Magen/Darmgegend verspürt). Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich wie beim Wein verschieden. Zurück zum Wein. Wir machten weiter mit einem 2007 Rully von Vincent Dureuil-Janthial. Der war frisch, fruchtig, gefällig und irgendwo langweilig, Bio alleine reicht eben doch nicht – 84/100. Deutlich besser danach ein 2006 Chassagne Montrachet Pot Bois von Lamy Pillot. Der wirkte kräftiger, stahliger mit floraler Nase, entwickelte sich sehr schön im Glas mit cremiger Textur, Mandeln, Haselnüssen und guter Mineralität, sehr harmonisch und mit guter Länge – 89/100. Sicher nicht in bester Form war der anschließend getrunkene 2006 Myrto von Elisabetta Foradori mit seiner laktischen, käsigen Nase, der auch am Gaumen recht unausgewogen wirkte – 82/100. Da sind wir dann lieber rasch auf einen roten 2006 Imperial von Schloss Halbturn umgestiegen. Die im Barrique ausgebaute Top-Cuvée dieses Gutes aus Cabernet Sauvignon, Blaufränkisch, Merlot und Cabernet Franc war ein Traum in Rot, bei dem jede Rebsorte ihr Bestes gab. Tiefes Rubinrot, rauchige Röstaromatik, frische, pikante Beerenfrucht, reife Schwarzkirsche, herrlich süßer Schmelz, Bitterschokolade und sogar Anklänge von Marzipan, aber nicht als neumodischer Schlabberwein, sondern mit viel Biss und gutem Tannin- und Säuregerüst – 93/100. Kann ich unbedingt empfehlen, zumal dieser Wein auch ein sehr gutes Preis-/Genussverhältnis bietet. Probiert habe ich als Abschluss auch noch ein Glas des 2004 Port LBV von Niepoort. Der kam in seiner Qualität schon verdammt nah an einen Jahrgangsport ran. Süßer Schmelz und Fülle, pflaumige Frucht, Amarena-Kirschen, Marzipan und eine, für einen Port erstaunliche Frische – 92/100.
Trüffeldinner
Einmal im Jahr gönnen wir uns diesen Luxus. Dann werden über einen zuverlässigen, spezialisierten Importeur größere Mengen feinster Perigord Trüffel bestellt, aus denen dann unser Freund Bernd ein hochklassiges Menü mit Trüffel satt bastelt. Sieben Gänge mit hohem Suchtfaktor gab es in diesem Jahr. Das fing mit einem Millefeuille von der Kartoffel mit Trüffelgelee an und hörte mit einem Butterbrot mit Schwarzen Trüffeln auf. Dazwischen lagen so feine Dinge wie ein Duo von Trüffel- und Morchelmuss, ein Tartar von Kaisergranat, kalt geräucherte Jacobsmuscheln, Rochenflügel mit Trüffelpüree oder hausgemachte Gnocchi. Und natürlich immer wieder Trüffel, Trüffel, Trüffel. Kein wichtiger Ober mit weißem Handschuh und Briefwaage, nein, wir badeten in diesen Knollen, die selbst gekauft natürlich erheblich bezahlbarer sind, als im Nobelrestaurant. Und natürlich hatte der liebe Bernd dazu auch noch eine himmlische Trüffelbutter gefertigt. Die dann auf dem Elsässer Brot von Hinkel – so schnell habe ich noch nie einen Brotkorb leer werden sehen.
Unser Apero hieß 2007 Abtserde GG von Klaus Keller. Aus großen Burgunderkelchen genossen wir diesen 1 Stunde vorher dekantierten Wein. Zu Anfang war ich völlig auf dem falschen Bahnsteig. So weich, cremig und reif wirkte dieses hocharomatische Elixier, dass ich mich in Österreich wähnte bei einem Singerriedel von Hirtzberger. Der sehr mineralische Wein brauchte Zeit und Luft, wurde gleichzeitig filigraner und bissiger. Klar kann er den üppigeren Jahrgang nicht verleugnen. Ich werde langsam vorsichtig bei den Jahrhundertjahrgängen, wie wir sie ja in Deutschland inzwischen im Zweijahresrythmus serviert bekommen, 2003, 2005, 2007 und demnächst 2009. Aber ist dicker und fülliger immer besser, gerade beim Riesling? Mir haben die 2004er gut gefallen, auch die 2006er, bei denen eben diese Abtserde von Klaus Keller einer meiner Favoriten war. Ich liebe die 2008er mit ihrer Frische, ihrer klaren, präzisen Struktur. Schluss mit der Jammerei auf höchstem Niveau. Dieser 2007er hier ist ein großartiger Wein, der sicher noch ein Jahr oder zwei braucht, um alles zu zeigen, was er drauf hat – 94+/100.
Trüffel war unser Thema, und da passte der erste Rote wie die Faust aufs Auge. Traumhafte, süchtig machende Trüffelnase und dieses einmalige Terroir-Parfüm, das in dieser Form nur Cheval Blanc verströmt, am Gaumen so seidig, harmonisch, elegant und mit gewaltigem, aromatischem Druck, reif und jung zugleich, klar ist da seit Jahren der Orangenrand bei der nicht mehr so ganz dichten, jungen Farbe, aber da ist auch noch ein voll intaktes Tannin- und Säuregerüst. Der Darling aller Auktionen und Spekulanten war er mal, dieser 1982 Cheval Blanc. Und das, obwohl er sich schon vor ewigen Zeiten nach einer fantastischen Fruchtphase, in der er jeden einzelnen der 100 Parker Punkte wert war, verschlossen hatte und eher Rätsel aufgab. Aber ich hatte mehrfach die Gelegenheit, diesen Cheval aus zu warmer Lagerung zu trinken. Da wurde mir dann stets klar, dass dieser Riese wieder kommen würde. Jetzt, wo Parker den Cheval Blanc gerade mit 92/100 abgestraft hat, hatten wir ihn mit locker 98/100 im Glas. Und die Rückkehr der 100/100 würde ich für die nächsten Jahre nicht ausschließen. Das können Sie nicht nachvollziehen? Sind Sie sicher, dass in Ihrem 82 Cheval Blanc wirklich das drin ist, was draufsteht? Zu viele Flaschen dieses anscheinend häufig gefälschten Weines habe ich schon mittrinken dürfen/müssen, die nach allem schmeckten, nur nicht nach Cheval Blanc, schon gar nicht nach 1982. Ich werde jetzt jedenfalls wieder nach Flaschen aus einwandfreier, belegbarer Herkunft Ausschau halten. Sehr dicht trotz leichter Brauntöne am Rand die Farbe des 1964 Cheval Blanc im anderen Glas. In der Nase wiederum massiv Trüffel, aber auch etwas Waldboden und vor allem wieder dieses klassische Cheval Blanc Parfüm. Am Gaumen zunächst ein leichter, oxidativer Ton, der aber rasch wieder verschwand. Ich hatte diese Flasche schon abgeschrieben, als mir beim Öffnen der völlig durchnässte Korken in die Flasche flutschte. Doch der Cheval machte sich, entwickelte sich im Glas, voll auf dem Punkt mit feiner Süße, so schmelzig und elegant – 94/100. Reifer Cheval und Perigord, das ist einfach eine Traumkombination.
Deutlich jünger wurde es mit den nächsten Weinen. Eine dichte, dunkle Farbe hatte der 1996 Chateau St. Jean Cinq Cepages aus dem Napa Valley. Da war satte, reife Brombeere, etwas Menthol, viel Kraft, aber mit steigender Temperatur auch Überreife, Balsamico, Graphit und Teer, scheint schon leicht über den Höhepunkt zu sein – 92/100. Vielleicht hatte der St. Jean auch Probleme mit dem Glas. Unser spendabler Gastgeber ließ uns aus den großen Riedel Bordeaux Sommelier Pokalen trinken. Richtig große Weine kommen in denen voll zur Geltung, kleinere saufen schon mal ab und stehen dann ohne Hemd und Hose da. Der 1996 Opus One hatte damit kein Problem. Der war auf der einen Seite kernig, animalisch und mit viel Sattelleder, auf der anderen Seite zeigte er betörende, reife Frucht, Brombeere, Schwarze Johannisbeere und dazu etwas Graphit. Mit der Zeit öffnete er sich immer mehr, wurde süßer, weicher, kalifornischer, ein anderer, modernerer Stil als die früheren Opus – 94/100.
Wunderbar auch wieder 1995 Clos des Papes mit süßer Kirschfrucht, aber auch immer noch etwas bissigen Tanninen, nicht ganz so offen wie vor 2 Jahren bei der Clos des Papes Probe im Mövenpick(95/100), aber durchaus betörend und mit noch reichlich Zukunft – 93/100. Vielleicht war es auch die Konkurrenz im anderen Glas, die den Clos des Papes nicht so glänzen ließ. Ein Riese ist dieser 1999 La Turque von Guigal, nur halt noch etwas zu jung. Superdichtes, jugendliches Purpur, sehr konzentriert und jung auch in der Nase und am Gaumen und trotzdem einfach puristisch schön mit wunderbarer Frucht, sehr würzig, feiner Süße, aber auch einem großen Holzkohlengrill mit einem dicken Steak drauf. So unwiderstehlich dieses Weinbaby jetzt auch sein mag, in 10 Jahren kommen da zu den heutigen 97/100 noch mal zwei bis drei dazu. Für die LaLas von Guigal aus den großen Jahren gibt es eine einfache Faustregel, entweder ganz jung trinken, in den ersten 7 Jahren nach der Ernte, oder aber nach 20 Jahren. Da fällt mir ein, was ich nächstes Jahr gerne mal zu den Perigords im Glas hätte, 1978 La Mouline. Bei diesem Giganten(100/100) habe ich mich vor Jahren gefragt, ob dieser La Mouline nach Schwarzen Trüffeln riecht, oder Schwarze Trüffel nicht viel mehr nach La Mouline.
Durchgekämpft
Sollen wir – sollen wir nicht? Dieser Mörderwinter 2010 machte die abendlichen Entscheidungen für Restaurantbesuche nicht einfach. Aber wir hatten nun mal für diesen Samstag Abend das Gasthaus Stappen in Liedberg gebucht und uns auch darauf gefreut. Wie schön, dass unser Taxifahrer erklärte, im mache winterliches Fahren nichts aus, er liebe das. So kamen wir schnell und sicher zu unserem Ziel, das – wie immer – restlos ausgebucht und proppevoll war. Sylter Wochen waren auf der Speisekarte angesagt, was für eine schöne Einstimmung auf den nächsten Sylt-Trip. Zwei leichtere Weißweine begleiteten unser kleines Menü. Den Anfang machte ein 2008 Gladstone Sauvignon Blanc von Johner aus Neuseeland. Blind wäre ich da nie auf einen Sauvignon Blanc aus der Neuen Welt gekommen. Frisch, erstaunlich leicht und mit 13% auch alkoholmäßig noch im Rahmen, Stachelbeere, Zitrusfrüchte, feine Mineralität, aber auch etwas flach und hohl wirkend – 86/100. Braucht es also doch den Alkohol als Geschmacksträger? Ein 2008 Sauvignon Blanc von Mosbacher aus der Pfalz zeigte, dass dem nicht so ist. Der war mit 12,5% Alkohol deutlich ausdrucksstärker, fruchtiger, mineralischer und nachhaltiger. Und wenn es bei diesem Wein, der sicher in den ersten Jahren am besten schmeckt und jung getrunken werden sollte, etwas zu bemängeln gibt, dann war es die etwas aufgesetzt wirkende, dropsige Süße – 88/100. Übrigens standen beide Weine auf der sehr gästefreundlich kalkulierten Stappen-Karte für unter 30 Euro. Mitgebracht hatte ich aus eigenen Beständen noch 2003 und 2004 Flor de Pingus, die wir zu vorgerückter Stunde mit Carmen und Frajo Stappen verkosteten. Würzig, fruchtig, weich und reif der wunderschöne 2003er, so ein richtiger, hedonistischer Schmusewein für den Gaumen – 93/100. Ein gewaltiges, konzentriertes Supergeschoß wieder der außerweltliche 2004er, der mit Abstand beste, jemals produzierte Flor de Pingus – 97/100.
Dichtes Schneetreiben und glatte Straßen bei der Rückfahrt – und glänzende Augen bei unserem Rheintaxi-Chauffeur, demselben wie bei der Hinfahrt. Der war jetzt richtig in seinem Element und brachte uns sicher zurück.
