Juli 2005

Ein Besuch im Paradies

Manche Leute dürfen dort leben und arbeiten, wo Andere Urlaub machen. Sie leben sozusagen im Paradies. Das sei ihnen gegönnt, solange sie ab und an uns Normalsterbliche an ihrem Glück teilhaben lassen.
Eines dieser bezaubernden Fleckchen Erde ist die Gegend um den Vierwaldstättersee in der Schweiz. Hier leben nicht nur deutsche Steuerflüchtlinge, sondern in der Hauptsache ehrbare, fleißige Schweizer. Ein paar sehr Nette davon durfte ich besuchen und mit denen natürlich diverse spannende Weine verkosten.
So trafen wir uns am ersten Abend in geselliger Runde im Wirtshaus Herlisberg. Die sympathischen Wirtsleute Sepp und Lieselotte Niederberger bieten hier in angenehmer Atmosphäre und bei traumhaften Ausblicken auf den Baldegger See eine ambitionierte Regionalküche. Nicht zu verachten ist auch die Weinkarte, die „auf Anfrage“ nicht nur alle Mouton-Jahrgänge von 1970 bis 2000 enthält, sondern auch noch so bezahlbare Trouvaillen wie 1953 Cantemerle.
Unsere Probe begann mit 2 mitgebrachten Wachauer Weinen. Beide stammten aus dem örtlichen Ladenlokal einer sehr bekannten schweizerischen Kette und müssen dort wohl eine Weile im Schaufenster verbracht haben, denn sie machten einen ziemlich misshandelten Eindruck. Sowohl 2002 Loibner Loibenberg Riesling Smaragd als auch 2002 Ried Loibenberg Loibner Grüner Veltliner Smaragd, beide von Knoll, wirkten fruchtlos, verschlossen und mit leichtem Alterston. Unnötig und schade.
Da versöhnte dann anschließend 1998 Solaia. Dichtes Kirschrot mit leichtem Purpur, in der Nase reife Schwarzkirsche, feine Fruchtsüße, am Gaumen kräftige Astringenz, gute Tanninstruktur. Nicht mehr ganz so opulent wie vor 2 Jahren in der Fruchtphase, aber großer Stoff mit viel Potential, heute 93/100, 2-3 mehr sind in ein paar Jahren drin.
Richtig erschrocken war ich von 2000 Montevetrano. Das war ein angenehmer, weicher, schlabberiger, eindimensionaler Spaßwein auf 88/100 Niveau, hatte aber überhaupt nichts mehr mit den großen Weinen zu tun, die in den 90ern auf diesem Gut erzeugt wurden.
Weiter ging es mit den hochgelobten und gesuchten Weinen von La Spinetta aus dem Piemont. Der 2000 Barolo Vursu Campé war ein sehr eigenständiger Wein mit einer gewissen La Tâche Affinität, relativ helle Farbe, rustikal, gut strukturiert und kraftvoll, dunkle Beeren, Leder, erdige Aromen, sehr lang am Gaumen, der heftige Alkohol(14,5%) kaum spürbar – 93/100. Sehr gewöhnungsbedürftig der 1998 Barbaresco mit dem grünen Etikett. Helle Farbe, Bordeaux-Stilistik, wenn nur die dominierende, viel zu starke Säure nicht wäre. Davon kann man mit Genuß ein Glas trinken, ab dem zweiten wird es zur Qual. Für das erste Glas 92/100. Und bevor jetzt Spinetta-Fans aufschreien – Geschmäcker sind gottseidank verschieden. Ich hatte schon 2002 bei der Probe eines guten Freundes zum 97er Barbaresco von Spinetta notiert: sicher großer Barbaresco, mir trotzdem zuviel Säure, Kult hin - Kult her, ich brauche so etwas nicht – 84/100.
Einfach hedonistisch lecker dann der 1995 Hacienda Monasterio, immer noch sehr dichte Farbe, würzige, süße, pflaumige Frucht, üppig – 91/100.
Großer Stoff war 1996 Vega Sicilia Valbuena 5°, superdichte, konzentrierte Farbe, reife, dunkle Beerenfrüchte, perfekte Tanninstruktur, tolle Länge am Gaumen. Voll trinkbar, aber sicher noch mit Potential für 15+ Jahre – 95/100.
Ein Fest für die Sinne war danach der erstaunlich reife 1990 Rieussec. Erstaunlich reife Farbe, auch in Nase und Gaumen sehr weit und offen, Honigtöne, exotische Frucht, die Süße durch gute Säure abgepuffert, schöner Bitterton, so macht Sauternes Spaß – 94/100.
Als Schlusspunkt gab dann der Wirt noch eine Flasche 1983 Vega Sicilia Unico aus. Der präsentierte sich ausgesprochen gelungen, harmonisch und gut trinkbar. Dichte Farbe mit feinem Orangenrand, reife Frucht, Zedernholzwürze, Tabak, Leder, am Gaumen aromatische Dichte mit feiner Süße – 95/100.

In der Gourmet-Abteilung einer Schweizer Kaufhauskette hatten wir im Chambrair eine äußerlich gut aussehende Flasche 1970 Nenin zu einem attraktiven Preis entdeckt. Ich hatte diesen Pomerol zuletzt im Mai 2005 in der Kampener Vogelkoje getrunken. Damals wirkte er erst etwas staubig, baute aber sehr gut im Glas aus und entwickelte eine feine Süße. Leider besaß unser vermeintliches Schnäppchen nur eine gute Optik. Auf einer Hochalm entkorkt war der Wein ziemlich gezehrt und nicht mehr mit Genuß zu trinken. Da war Sardiniens Kultwein, der 1998 Turriga von Argiolas, schon von anderen Eltern. Sehr dichte Farbe, dunkle Früchte, reifes Tannin, Röstaromen, sehr kräftig und auch etwas rustikal, erinnerte in seiner leicht kräuterigen Aromatik an die frühsommerliche Fauna der Bergwelt – 90/100.

Wenn man von einem Boot in der Mitte des Vierwaldstätter Sees aus den wuchtigen Pilatus betrachtet und dabei den 2002 Königsbacher Idig von Christman im Glas hat, dann hat man es plötzlich mit zwei gewaltigen Riesen zu tun. Der sehr beeindruckende Idig ist ein Riesling von Weltklasseformat, den ich bisher stets mit 95+/100 bewertet habe. Mit seiner schieren Kraft sicher nichts für Finessentrinker mit sensiblem Gaumen. Ich würde ihn unbedingt 2 Stunden vorher dekantieren(ging leider an Bord nicht) und durchaus aus großvolumigen Bordeaux- oder Burgunder-Gläsern trinken.

Merken sollten sich Weinfans den Namen Park Hotel Weggis. Von außen sieht das idyllisch am Vierwaldstättersee gelegene Resort aus wie eins dieser klassischen, verstaubten Schweizer Grand Hotels. Die äußere, unverwechselbare Optik hat man bewahrt. Innen wurde das Weggis vor einigen Jahren komplett entkernt und präsentiert sich jetzt als durchgestyltes, hochmodernes, internationales Top Hotel. In jedem der drei Restaurants kann man aus der fulminanten Weinkarte wählen. Die zeichnet sich nicht nur durch eine überragende Auswahl von mittlerweile 1950 Positionen aus, sondern auch durch eine überaus moderate Preisgestaltung. Viele gerade auch der rareren Weine sind so maßvoll kalkuliert, dass ihr Preis unter dem aktuellen Straßenpreis liegt. Da machen dann große Weine zur großen Küche wirklich Spaß. Deutschen Gastronomen, die Wein teilweise mit einer ähnlichen Malstaffel kalkulieren wie Coca Cola, sei dringend ein Weiterbildungs-Kurztrip ins Weggis ans Herz gelegt.
Wir starteten mit einem 1998 Au Bon Climat Chardonnay Nuits Blanches aus der Magnum. Ich bin seit langem ein Fan der großartigen, ganz und gar unkalifornischen Chardonnays des sympathischen Jim Glenenden. In der Stilistik ähneln sie großen Meursaults von Comte Lafon. Ebenfalls Kalifornien-untypisch altern sie perfekt und erreichen erst nach 5-10 Jahren ihre optimale Trinkreife. Aus der Magnum war der Nuits-Blanches ein Traum. Er schlug die Brücke zwischen der burgundischen, würzigen Eleganz des Sanfords im besten Meursault Stil und der opulenten Dekadenz kalifornischer Chardonnay-Opern, und das alles ohne Schwere, ohne fett zu sein, zwar mit einer dichten, cremigen Textur, tropischen Früchten und gerösteten Haselnüssen, aber auch mit guter Säure, sehr viel Finesse und Eleganz – 96/100.
1995 Clinet zeigt inzwischen bereits erste Reife an. In der Nase rote Beerenfrüchte, rauchig, Zedernholzaromatik, am Gaumen viel Kraft, sehr präsentes Holz, gute Tanninstruktur, entwickelt am Gaumen schöne Noten von Bitterschokolade mit Haselnüssen – 94/100.
Fasziniert bin ich immer wieder vom unkaputtbaren 1987 Mouton Rothschild. Wenn man sieht, was aus diesem großartigen Terroir im miserablen Jahr 1987 entstand, fragt man sich natürlich, warum hier in den letzten 15 Jahren gerade in großen Jahren soviel rumgemurkst wurde. Der Mouton kam als feinduftiger, eleganter Wein mit burgundischen Konturen auf den Tisch. Im Glas baute er wunderbar aus und entwickelte das unverwechselbare Mouton-Aroma mit Leder und Bleistifttönen. Lediglich in der sehr dichten Farbe zeigten sich erste Reifetöne – 94/100 und in guten Flaschen wie dieser sicher noch 10 Jahre Zukunft.
Ganz großer Stoff und erstaunlich offen war 1989 Palmer. Ich kenne diesen Wein nur zugenagelt und weit von irgendeiner Art von Trinkreife entfernt. Diese mitgebrachte Flasche war wohl durch wärmere Lagerung vorgereift. Die erste Anmutung ist reif und weich, dabei sehr druckvoll und nachhaltig am Gaumen mit tollem Abgang. Schöne Mineralik, Graphit, gute, dienende Astringenz. In dieser Form ein Traum-Bordeaux – 97/100.
Übertroffen wurde er allerdings von einer Rarität der Weggis-Karte, an der wir nicht vorbei konnten: 1977 Sassicaia. Dieser Klassewein aus der Zeit, als auf Sassicaia noch große Weine gemacht wurden, wirkte wie ein ganz großer Mouton. Leder, Bleistift, Anis, ein Pfauenrad an Aromen, voll am Gaumen, sehr lang im Abgang, kein Zeichen von Müdigkeit, ein Riese – 98/100.
Nach diesem Feuerwerk hatte es der arme 1985 Palmer verdammt schwer. Mag sein, dass es nicht die beste Flasche war. Aber ich hatte den Eindruck, dass der kurze, knackige Höhepunkt, den dieser immer noch sehr feine, schöne Palmer vor ein paar Jahren hatte, nur von kurzer Dauer war. Kräftige Astringenz und ein deutlicher Bitterton am Gaumen zeigten ebenso wie die schon deutlich ins bräunliche gehende Farbe, dass der Zahn der Zeit an diesem Wein nagt – 91/100.
Der nächste Wein passte prima in die Bergwelt. Edelrustikal, wie ein von Armani gestylter Bergbauer, kam der 1990 Montrose daher. Sehr tiefe Farbe, Terroirnoten, Lakritz ohne Ende, am Gaumen unglaubliche Power, endloser Abgang, dazu die prachtvolle 90er Opulenz, ein Wahnsinnsstoff, der wieder aus seiner Schale herauskommt und sich langsam wider Richtung 100 Punkte bewegt – 98/100.
Höhepunkt des Abends war 1997 Harlan. Das ist für mich Cabernet in Perfektion und mit das größte, was in Kalifornien je erzeugt wurde. Dieser Wein hat so eine unglaubliche Kraft, so eine konzentrierte Frucht, ist so ein dickes Hammerteil, das den Gaumen voll fordert und zeigt, so paradox das klingen mag, gleichzeitig eine derartige Finesse und beinahe Leichtigkeit. Für mich ist das die Quadratur des Kreises. Ein junger-reifer Latour. Voll zugänglich und mit unendlichem Potential, da sind alle Einzelteile wie in einem großen Kunstwerk perfekt aufeinander abgestimmt, Harmonie auf allerhöchstem Niveau – 100/100.
Pünktlich zu unserem Harlan startete am gegenüberliegenden Ufer das große Seefeuerwerk. Da sage noch einer, die Eidgenossen verstünden nichts von Dramaturgie.