Juli 2009

Kleine 79er Verkostung

30 Jahre alt wurde Antonios, der mit seinem Partner und Küchenchef Christoph zusammen die derzeit in Düsseldorf sehr angesagte Weinbar&Restaurant D´Vine betreibt. Ein paar 79er aus seinem Geburtsjahr wollte er gemeinsam mit Freunden und Familie verkosten. Da ließ ich mich natürlich nicht zweimal bitten, auch wenn 79 inzwischen kein einfacher Weinjahrgang mehr ist.
Eine Traumnase ohne Alter hatte 1979 Talbot, sogar noch etwas Röstaromen, Zedernholz, feiner Schmelz, deutlich jünger wirkend als die sehr reife Farbe. Weniger schön der Gaumen, immer noch sperriges, trockenes Resttannin, sehr metallisch, als ob der Wein aus der Dose käme – 82/100. Da hatte 1979 Pontet Canet nicht nur die dichtere, jüngere Farbe. In der Nase wiederum viel Zedernholz, aber auch eine feine Süße, am Gaumen etwas austrocknend mit dem 79typischen Resttannin, doch auch weich und mild. Ließ sich sehr gut trinken und dürfte noch Potential für etliche Jahre haben – 85/100. Sehr anstrengend kam 1979 Pavie ins Glas. Viel Tannin, hohe Säure, aber wo war die Frucht? Baute dann aber erstaunlich gut im Glas aus und ließ sich ähnlich wie Pontet Canet gut trinken – 85/100. Leider konnte man das von 1979 Mouton Rothschild nicht sagen. Den sollte man zulassen und sich am schönen Etikett erfreuen. Der Inhalt der Flasche ist eher wässrig, dünn, fruchtlos und tanninig, eigentlich beschämend für solch einen großen Namen – 80/100. Ein ganz anderes Kaliber ist da schon 1979 Montrose. Auch der ist reif, hat aber immer noch eine dichte Farbe und besitzt Struktur, Rasse und Klasse, für einen Montrose klassischer Machart erstaunlich zugänglich und mit Potential für noch 10+ Jahre, den kann der gute Toni also auch noch zu seinem 40. trinken – 88/100. Bei 1979 Cheval Blanc wäre ich mir da nicht so sicher. Der hatte zwar auf niedrigem Niveau noch eine feinduftige Nase, am metallischen, gezehrten, säuerlichen Gaumen war aber weitgehend tote Hose – 81/100. Sogar bis zu Tonis 50. könnte es aber möglicherweise bei 1979 Margaux reichen, zumindest in Großflaschen. Immer noch sehr dichte Farbe ohne Alter, sehr feinduftige, eindrückliche Nase voller feiner Beerenfrucht, am Gaumen schlank, fast sehnig, aber auch mit jugendlicher, druckvoller Aromatik, die Kraft mit Seide umwickelt, sehr elegant, seidige Textur und mit sehr guter Länge - 93/100.
Sehr überzeugend danach auch ein 1979 Brunello di Montalcino Riserva von Argiano. Animalisch und mit etwas Brett die ausdrucksstarke Nase, immer noch rotbeerige Frucht, Zedernholz und etwas Tabak, am Gaumen kernig und druckvoll, recht komplex mit guter Struktur, noch lange nicht am Ende – 92/100.
Als Abschluss gab es dann noch einen 1979 Achaia Clauss Mavrodaphne Grande Reserve. Ziemlich süß mit Toffee und Karamell, rosinig, aber auch oxidativ. Diesen Stil muss man lieben – 89/100.
Nicht unterschlagen möchte ich auch drei Weine, die nicht zur eigentlichen Probe gehörten. Eigentlich wollten wir zu Anfang nur einen leichten, netten, fruchtigen Riesling trinken und hatten an eine restsüße Spätlese oder einen Kabinett gedacht. Stattdessen bekamen wir statt eines Möselchen einen kraftstrotzenden, fordernden Tropfen ins Glas, eine 2007 Graacher Himmelreich Spätlese feinherb von Molitor. Schiefer pur von der Nase bis zum langen Abgang, würzige Frucht, dezente Süße, knackige Säure und erstaunlich cremige Textur, die für einen solchen Wein doch eher heftigen 12% kaum spürbar. Aber das ist eben der Perfektionist Markus Molitor, bei dem man stets das Gefühl hat, dass er jede Traube einzeln überwacht, um sie dann im Augenblick optimaler Reife zu ernten. Ein großartiger Terrorwein, der noch am Anfang steht – 91+/100.
Eigentlich zu jung auch immer noch die nach der Probe getrunkene 1999 Wehlener Sonnenuhr Auslese von JJ Prüm, die allerdings schon enormen Trinkspaß bereitete. Faszinierendes Süße-/Säurespiel und diese legendäre, leichtfüßige, erfrischende und den Gaumen belebende Eleganz, traumhaft schön – 92+/100. Wird sicher innerhalb der nächsten 20-30 Jahre kontinuierlich zulegen. Eine erst kürzlich getrunkene 71er Auslese von Prüm war immer noch taufrisch. Und dann zeigten mir die D´Vine Boys noch eine Kiste mit namenlosen, kleinen Weinen, die sie aus einem alten Keller erworben hatten. Was ich davon wohl hielte? Da gibt es nur eins, Korken raus und probieren. Ein grausamer Jahrgang war 1974 in Deutschland mit tristem Sommer und verregnetem Herbst. Und genau aus diesem Jahr öffneten wir einen 1974 Rüdesheimer Bischofsberg Kiesling Kabinett von Franz Joseph Selbach. Der kam mit überraschend brilliantem, tiefem Goldgelb ins Glas, hatte eine feine Honignote in der Nase, immer noch eine gute Säure und stand wie eine Eins im Glas. Alles andere als – wie eigentlich erwartet – mausetot und immer noch gut trinkbar – 86/100.

Gute Wahl

Zwei Weine hatte ich Carmen Stappen, der charmanten und sehr weinkundigen Wirtin des Gasthaus Stappen zur Auswahl gegeben. Sie entschied sich für den preiswerteren der beiden und traf damit eine goldrichtige Entscheidung. Rasse und Klasse hatte der 2008 Mandelberg Riesling Alte Reben von Philipp Kuhn, der mit sehr maßvollen € 26.- auf der klug zusammengestellten und sehr gästefreundlich kalkulierten Karte stand. Frische, glockenklare Frucht, mineralisch, kräftig und lang am Gaumen, hoher Extrakt, feine Extraktsüße – 90/100. Kam gut klar mit allem, was da so auf den Teller kam, zum Beispiel mit einer sensationellen, asiatisch inspirierten Variation von Matjes. Steigern wollten wir uns danach noch und wählten einen 2006 Riesling Abtserde Großes Gewächs von Klaus Keller. Das war nichts, was man mal eben so wegschlabbern konnte. Das war ganz großes Weißweinkino, aber nicht in einer lauten, überfruchteten oder hoch alkoholischen Art. Eher mit leisen Tönen überzeugte dieser hochelegante, sehr mineralische, feine und trotzdem sehr nachdrückliche Tropfen. Da trampelte keine Elefantenherde über den Gaumen, eher verzauberte eine Fee auf subtile Art unsere Sinne. Ein grandioser Wein, bei dem alle Elemente harmonisch zusammen passten und der sehr lang am Gaumen blieb. Einen Schluck vom Kuhn hatte ich mir aufgehoben. Als ich den nach der Abtserde nachverkostete merkte ich, dass wir uns inzwischen in einer völlig anderen Dimension bewegt hatten. Konservativ mögen meine 94+/100 für die Abtserde sein. Aber er ist ja auch noch ganz am Anfang und wird sicher noch zulegen.

Boot mit Keller

Natürlich bin ich im See getaucht um nachzugucken, wo der Gregor bei seinem Boot den Weinkeller hat. Schließlich hat er am laufenden Bande bestens gekühlte Rieslinge hervorgezaubert, die bei hochsommerlichen Temperaturen auf dem Wasser einfach göttlich schmeckten. Da mussten doch mindestens drei Etagen Weinkeller unter dem Boot sein, aber ich fand den nicht. Egal, Hauptsache, Gregors Vorrat war unerschöpflich. Den Anfang machte eine frische, mineralische, aber für die große Lage auch etwas einfach gestrickte 2007 Wehlener Sonnenuhr Auslese von Dr. Loosen – 89/100. Wunderschön und fordernd der 2007 Riesling Loibenberg Smaragd von Alzinger, sehr präzise Frucht, Zitrus, weißer Pfirsich, gewaltige, salzige Mineralität, noch ein Weinbaby, das weiter zulegen kann – 91+/100. Und dann zauberte der Gregor einen meiner Lieblings-Rieslinge aus den unendlichen Tiefen seines Bootes, einen 2002 Idig GG von Christmann. Der präsentierte sich wieder in Bestform, ein spannungsgeladener, sehr mineralischer Riesling, bei dem einfach alles stimmte und alle Elemente harmonisch zusammenpassten, ein Weltklasseriesling – 96/100. Dagegen verblasste der anschließend getrunkene, etwas fülligere, aber längst nicht so präzise und mineralische 2003 Idig GG – 91/100. Ausgiebig im wohltemperierten Vierwaldstätter See schwimmen und dann ein Glas 1995 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Auslese #12 von Fritz Haag in die Hand gedrückt zu bekommen, das hat schon was. Trotz hohem Extrakt und Fülle diese spielerische Leichtigkeit und dieses feine Süße-/Säurespiel, relativ viel, aber nicht unangenehme Boytritis – 92/100. Etliche Seerundfahrten hätte aber die 2006 Wehlener Sonnenuhr von JJ Prüm noch gebraucht. Rassig und mineralisch zwar, aber hier passten die Einzelteile noch nicht richtig zusammen. Solche Weine zu trinken bevor sie nicht mindestens 4-5 Jahre alt sind ist eigentlich eine Sünde – 88+/100.

Sechs Mann und eine Flasche

Als Riviera der Schweiz bezeichnet man das Nordufer des Vierwaldstätter Sees. Hier liegt direkt am Wasser das Parkhotel Vitznau, ein imposantes Grand Hotel mit leider ungewisser Zukunft. Verkauft ist das Hotel, das zumindest äußerlich etwas von einem Märchenschloss hat. Verkauft angeblich an den Besitzer der Wiener Coburg. Letzterer hat gerade erst sein spektakuläres Restaurant in der Coburg nach dem Weggang des Küchenchefs nicht minder spektakulär geschlossen. Was dann mit dem Parkhotel Vitznau passiert, darüber darf hemmungslos spekuliert werden. In jedem Fall schließt es wohl erst mal im Oktober für ein oder zwei Jahre und soll in dieser Zeit umgebaut werden. Gerade in schwierigen Zeiten wie diesen werden sich die Konkurrenten am See, allen voran der größte Konkurrent um die Rolle des Platzhirsches, das Parkhotel Weggis, über diese Aktion Stammgästevergraulen sicher freuen.
Auch für uns war das dann wohl für einige Zeit erst mal der letzte Apero draußen am See vor dem Hotel mit dieser fantastischen Kulisse aus Bergen und Wasser. Ohnehin gestaltete sich diese Aktion diesmal recht schwierig. Dabei wollten wir nur eine Flasche 2004 Schloss Böckelheimer Felsenberg Spätlese von Dönnhoff aus der immer noch imposanten Karte haben. Bis die Flasche endlich nach geraumer Zeit auf unserem Tisch stand – wir hatten uns eigentlich schon entschieden, wieder zu gehen – waren gut sechs Leute beschäftigt. Wie schön, dass sich wenigstens der Wein sich von dieser Posse nicht beeindrucken ließ. Das war wie im Vorjahr an gleicher Stelle ein sehr extraktreicher, mineralischer, animierender Riesling mit knackiger Säure und gut balancierter Süße – 92/100.

Harlan und das Rosenfest

Was Harlan mit dem Rosenfest in Weggis zu tun hat ? Ganz einfach. Vor ein paar Jahren waren wir im Parkhotel Weggis zu Gast. Im Glas vor uns funkelte ein 1997 Harlan. Und passend dazu startete für uns unerwartet am See ein großes Feuerwerk. Das wurde zwar nicht zu Ehren unseres Harlan veranstaltet, war aber eine wunderbare Begleitung, Feuerwerk innerhalb und außerhalb des Glases. So gut gefiel uns diese Kombination, dass wir jetzt daraus ein festes Ritual gemacht haben. Jedes Jahr treffen wir uns zum Rosenfest im Weggis im Kreise netter Weinfreunde und trinken pünktlich zum Feuerwerk einen Harlan.
Zusammengestellt hatte das Weinprogramm diesen Jahres aus ein paar mitgebrachten Flaschen und aus Pretiosen der sehr umfangreichen Weggis-Karte Sommelier Wolfgang Kneidinger. Da ist erst mal ein ganz dickes Lob fällig. Nicht nur die Zusammenstellung der Weine war großartig. Wolfgang Kneidinger überzeugte mit umfassendem Fachwissen, perfekter Weinkultur und großem Einsatz. Für unsere Runde entsprach er voll dem Idealbild eines Top-Sommeliers, wie wir ihn gerne auch in anderen Top-Häusern sehen würden.
Startpunkt war ein schlichtweg außerirdischer 2001 Riesling M Reserve von F.X. Pichler. Das war ein gewaltiges, geiles Geschoß, das am Gaumen richtig knallte. Reife, würzige, gelbe Früchte, sehr kräuterig, unerhörte Mineralität und hohe Extraktsüße, ein spannender, sehr vielschichtiger Wein, der den Gaumen voll auskleidete. Da war eine cremige Textur und gleichzeitig eine perfekte Struktur und eine unglaubliche Länge am Gaumen – 97/100. Ebenfalls sehr spannend, aber nicht auf diesem Niveau der nachfolgende 2005 Castello Luigi Bianco. Der hatte in der Nase Backwaren ohne Ende, Biskuitrolle, Hefeteilchen, frischen Blätterteig, aber auch weiße Schokolade, am Gaumen weich und füllig, ohne gewöhnlich zu wirken und dabei sehr fein und nachhaltig – 93/100.
Noch nie so gut wie an diesem Abend hatte ich 1989 Beaucastel im Glas. Ein wilder, verrückter Wein mit geradezu explosiver Aromatik, Eisen, Blut, Steak vom Holzkohlengrill, Teer, Leder, animalische Noten und natürlich reife Frucht, auch am Gaumen unglaublich komplex und lang – 97/100. Der 1989 Les Cailloux Cuvée Centenaire kam da nicht ansatzweise mit und wirkte in der ersten Anmutung auf sehr hohem Niveau wie eine zahmere, weichgespülte Version des Beaucastel, etwas zurückhaltende Nase mit feiner Himbeer- und Erdbeerfrucht, am Gaumen sehr kraftvoll und noch sehr jung wirkend mit viel Säure und massivem Tanningerüst, sehr gute Länge – 94/100. Die dichteste, jüngste Farbe der drei Weine hatte ein 1985 Barolo Granbussia von Aldo Conterno. Ich bin ja kein großer Barolo-Fan, aber was sich da in der Nase und am Gaumen abspielte, war schlichtweg umwerfend. Reife, dunkle Früchte, schwarze Kirschen, viel schwarzer Pfeffer, Teer, Tabak, erdig und mineralisch, sehr kraftvoll am Gaumen mit toller Länge – 96/100.
Als kleines Zwischenspiel waren nach diesem Powerflight zwei Burgunder angesagt. Absolut faszinierend ein 1989 Chapelle Chambertin von Ponsot. Sehr feine Himbeerfrucht, am Gaumen sehr komplex, vielschichtig und lang, ein großer Burgunder mit Rasse und Klasse, der erst am Anfang eines längeren Trinkfensters steht – 95/100. Verdammt alt und gebrechlich dagegen ein 1973 Grands Echezeaux von DRC. Würde sich perfekt als Maggi-Hauswein machen, denn danach roch und schmeckte er, dazu ziemlich dünn, muss man nicht trinken. Während der 89er Ponsot aus einem großen Jahrgang mit langlebigen stammte, war der Grands Echezeaux eben nur aus einem fürchterlichen Jahrgang, der dazu noch von Überproduktion gekennzeichnet war.
Plötzlich machten zwei Gläser von einem der Nachbartische die Runde. Ein großer Wein war mal 1974 Beaulieu Private Reserve George de Latour, doch inzwischen ist er deutlich in die Jahre gekommen. Immer noch ein sehr feiner, eleganter Wein mit guter Kirschfrucht, sehr minzig, aber eben auch mit deutlichen Reifetönen, trotzdem noch gut zu trinken und die Faszination eines gut gereiften Kaliforniers ausstrahlend – 91/100. Kraftvoller und jünger wirkend im anderen Glas ein 1974 Mondavi Reserve, der aber deutlich weiter war, als meine eigenen Flaschen – 93/100.
Das Feuerwerk war angesagt und wir marschierten mit unserem Glas nach draußen Und im Glas mit dabei ein 2004 Harlan. Ein guter Harlan war das, ein sehr guter sogar, aber kein 1994er, 97er oder 2001er. Klingt da Enttäuschung mit ? Natürlich. Wahrscheinlich erwarte ich inzwischen zuviel von Harlan nach den vielen, außerweltlichen Giganten, die hier erzeugt wurden. Sehr dichte, undurchdringliche Farbe. Reife Brombeeren, Veilchen, Lakritz, hohe Mineralität, sehr gutes Gerüst mächtiger, aber reifer Tannine, für die gewaltige Kraft dieses Weines, dieses Konzentrat aus einem viel zu heißen Kalifornien-Jahr erstaunlich elegant wirkend, da wirkt nichts überzogen, überreif oder überladen, wie man es in Kalifornien zu gerne findet, kann und wird noch zulegen – 95+/100.
Zurück im Restaurant standen die nächsten drei Granaten auf dem Tisch. Im ersten Glas wieder dieser verrückte 2000 Lamarein aus Südtirol. Was für ein irres Weinspektakel, so dicht, so komplex, so fordernd und auch ein stückweit erschlagend. Wie ein Harlan von Red Bull, verleiht einfach Flügel – 98/100. Und dann war da noch dieses giftige, tintige, konzentrierte Teil aus der Harlanschen Bond Schmiede, der 2004 Vecina. Unter der satten Frucht lauern da massive Tannine und eine kräftige Säure. Für mich ist der Vecina so eine Art Ausone Kaliforniens, weglegen, vergessen und in 10 Jahren wieder rausholen, es sei denn Ihr Gaumen braucht einen Domina-Hausbesuch – 93+/100. Sehr konzentriert, jung und bissig auch der 2004 Shafer Hillside Select. Aber bei dem merkt man schon, dass da eine gewaltige, hedonistische Geschmackslawine anrollt. Dann werden aus den heutigen, etwas anstrengenden 94/100 auch wollüstige 97/100.
Jeden dieser Weine fand ich für sich durchaus spannend und ich habe versucht, sie einigermaßen gerecht zu bewerten. Zusammen waren dieses Quartett aber nur eines, erschlagend und „way too much“. Das mag mal interessant zu probieren sein, aber wer zuviel von diesen hoch gezüchteten, alkoholreichen Boliden in sich reinschüttet, ist nahe beim Komasaufen für Erwachsene.
Ach ja, beim Hinausgehen bekam ich noch ein Glas in die Hand gedrückt, 1995 Bryant Family Vineyard. Der war noch so jung, so konzentriert, so dicht. Nicht weit vom legendären 94er entfernt, wäre ein guter Herausforderer für die 2004er gewesen und hätte sie alle in den Senkel gestellt. Sicher ein 97/100 Wein.

Jugendsünde?

Frankreichfest war angesagt in Düsseldorf. Dicht gedrängt schoben sich die Menschenmassen auf der Rheinpromenade an den vielfältigen Ständen entlang. Weinmäßig wurde hier nicht viel geboten. Auch die angebotenen, sogenannten Winzerchampagner erinnerten mich eher an René Gabriels Worte, er möge keinen Wein aus unreifen Trauben. Nicht, dass es keine guten Winzerchampagner gäbe – es gibt sogar sehr gute – aber die waren nicht vertreten. So zogen wir dann im Laufe des Abends weiter ins Berens am Kai, wo der Hausherr trotz seines halbrunden Geburtstages wie praktisch jeden Tag der letzten 17 Jahre persönlich am Herd stand. Eine weise Entscheidung, denn kaum hatten wir Platz genommen, da öffneten sich die Schleusen des Himmels. Drinnen tranken wir erst mal ein schönes Glas „richtigen“ Champagners. Dann kam eine 2004 Hochheimer Hölle trocken Goldkapsel von Künstler auf den Tisch. Ein faszinierender, noch sehr jugendlicher Weingigant, der gerade erst anfängt, trinkreif zu werden. Sehr extraktreich mit reifen gelben Früchten und deutlicher Extraktsüße, hohe Mineralität, sehr tiefgründig und komplex mit fantastischer Länge am Gaumen, bei aller cremiger Textur sehr präzise strukturiert mit deutlicher, aber reifer Säure. Ein Monument, das dekantiert und in große Gläser gehört. Macht jetzt schon unglaublichen Spaß, aber da kommt in ein paar Jahren noch mehr – 95+/100. Ein solcher Wein zeigt nachdrücklich, warum ein großer Riesling spielend mit jedem Weißwein dieser Erde mit kann. Eine derart unerhörte Geschmacksdichte mit „nur“ 13% Alkohol, dafür müssen andere den Alkohol als Geschmacksträger deutlich höher ausreizen. Gut 10-15 Alterungspotential dürfte dieser Wein theoretisch haben. Theoretisch? Ja leider, den ich würde mir diese Hölle bei aller Begeisterung nicht in den Keller legen. Kaum glauben konnte ich, dass bei diesem großen Wein stand eines anständigen, hochwertigen Korkens ein Kunststoffstöpsel als Verschluss diente. Über Schraubverschluss könnte man ja noch diskutieren, aber nicht über so ein Kunststoffmachwerk. Bei einem Wein, der für längere Lagerung bestimmt ist, halte ich das für einen schlechten Scherz. Hoffentlich nur eine Jugendsünde Künstlers.
Aus eigenen Beständen hatte ich aus dem Jahrgang des Geburtstagskindes eine 1964 Gruaud Larose Doppelmagnum mitgebracht. Schon sehr gereift kam dieser Wein ins Glas, auch in der Farbe. Doch dann legte er enorm zu und wurde minziger und druckvoller am Gaumen, die ersten Alterstöne verschwanden. Einfach perfekt gereifter Cabernet, der sich unverschämt gut trank. Hier spielte die Großflasche ihre Stärken voll aus und der berühmte Großflaschenbonus war voll spür- und trinkbar. Machte soviel Spaß, dass sich nicht nur unsere Gläser immer schnell leerten, sondern letztlich auch die Doppelmagnum. Bei verhaltenen 88/100 war ich noch beim ersten Schluck, kam dann schnell auf 90 und pendelte mich später bei 92/100 ein.
Nicht viel versprochen hatte ich mir von einem 1964 Chateauneuf-du-Pape eines Negociants namens Jodelle. Den hatte ich nur als eiserne Reserve mitgenommen für den Fall, dass der Gruaud gepatzt hätte. Erworben hatte ich die Flasche vor ein paar Monaten als Beifang in einem Hermitage la Chapelle Lot. Und jetzt weiß ich, dass stattdessen wohl der Hermitage la Chapelle der eigentliche Beifang war, denn dieser Chateauneuf war einfach grandios. Sehr helle, aber klare und brilliante Farbe ohne Brauntöne. Passte farblich perfekt zur faszinierenden, reife, schmelzigen Erdbeernase dieses Weines. Pure Dekadenz war das, was sich da in der Nase und am Gaumen abspielte, allerdings auf sehr feinem, elegantem Niveau. Burgundische Pracht und Fülle waren da im Glas mit betörender, feiner Süße. Voll auf dem Punkt war dieser Chateauneuf. Den statt aus unserer 1tel aus der Doppelmagnum, das wäre es gewesen – 95/100.

Wie lange noch?

Silberhochzeit hatten wir jetzt, der 1975 Latour und ich. Vor 25 Jahren, am 1.4.1984 habe ich bei Weinland in Dortmund hoffnungsvoll diese OHK erstanden. Vier Versuche hat es, neben den Flaschen, die ich anderswo trinken durfte, gegeben, alle mehr oder weniger enttäuschend. Der letzte Versuch datierte aus 2007. Gestern Abend war Flasche #5 dran. Perfekter Füllstand, was kein Wunder ist, schließlich liegt der Wein bei konstant 11 Grad mit optimaler Luftfeuchtigkeit. Übrigens nicht in meinem Weinkeller, sondern in einem seinerzeit gekauften Eurocave. Falls Sie wissen wollten, wie lange ein Wein in einem hochwertigen Klimaschrank lagern kann, haben Sie hier die Antwort. 25 Jahre liegt der Latour dort und könnte locker auch die 50 voll machen. Absolut gleichwertig mit der Lagerung in einem perfekten Weinkeller. Zurück zum Latour. Perfekt die brilliante, rubinrote, altersfreie Farbe. Einfach schön anzuschauen, vielleicht hätte ich es dabei bewenden lassen sollen. Lässt einfach nichts raus, dieser Latour und verhält sich wie eine moderne Variante des in seinen ersten 50 Jahren völlig untrinkbaren 28ers. Gut, da ist etwas Schwarze Johannisbeere in der Nase, eine deutlich, puristische Mineralität, so, als ob man an einem Felsen leckt. Am Gaumen einfach nur streng mit immer noch massiven, astringierenden Tanninen und einer intensiven Bitternote. Nein, Spaß machte dieser Latour wirklich nicht. Aus wärmeren Kellern mag da inzwischen mehr kommen. Potential für 92+/100 hat dieser Wein sicher, aber bis dahin ist bei meinen Flaschen noch ein weiter Weg. Zumindest die nächsten fünf Jahre mache ich um meine Flaschen erst mal wieder einen Bogen.

Alter Burgunder aus der halben Flasche

Mit kräftigem Goldgelb, aber auch mit irritierenden Alterstönen und leicht diffus wirkender Restsüße kam der 1976 Riesling Hugel Vendage Tardive Reserve Personelle ins Glas. Doch das gab sich rasch. Der vermeintliche Greis baute enorm im Glas aus und wurde zunehmend vitaler. Zeigte an frisch gepressten Orangensaft erinnernde, pikante Frucht, dazu eine markante, aber angenehme Bitternote, auch im Abgang, gewaltige Statur und gute Länge – 87/100. Perfekt zeigte er sich danach als Essensbegleiter zu frech gewürzten Vorspeisen, wie sie uns Yves Deval-Block an diesem lauen Sommerabend auf der Terrasse des Dado kredenzte. In dieser Kombination kamen da locker noch mal drei Punkte zu. Als Hochrisikoteil müsste man eigentlich unsere nächste Flasche bezeichnen, einen 1966 Corbin aus Montagne St. Emilion, als eigentlich ungewollten Beifang in einer Auktion mit miserablem Füllstand von lms erworben. Doch der Wein hatte immer noch eine gute Farbe mit leichtem Orangenrand, zeigte in der Nase einen großen, herbstlichen Waldspaziergang und war auch am Gaumen noch erstaunlich lebendig, ließ sich insgesamt noch gut trinken – 84/100. Früher habe ich solche Flaschen schon mal sofort entsorgt. Inzwischen bekommen auch solche Flaschen, in denen man eigentlich nichts Trinkbares mehr vermutet, zumindest eine Chance. Weiter ging es mit einem 1947 Cormey-Figeac in einer belgischen Händlerabfüllung. Ein reifer Wein zwar, auch in der Farbe, aber alles andere als alt und immer noch erstaunlich kraftvoll. Leicht medizinal in der Nase, baute sehr schön im Glas aus und entwickelte Bitterschokolade ohne Ende – 92/100. Keine Chance hatte dieser schöne 47er aber gegen den nachfolgenden Wein, einen 1929 Pommard St. Jean von Morin aus der halben(!) Flasche. 5 cm Schwund sind normalerweise bei einem älteren Burgunder nicht viel und völlig unkritisch, doch bei einer halben Flasche ist das eine ganze Menge und entspricht eher 8 cm bei einer 1tel. Doch diese halbe Flasche war schier unglaublich. Von der Farbe her war der Inhalt sehr reif, aber was für ein faszinierender, unkaputtbarer Wein mit verschwenderischer, burgundischer Aromatik und Fülle, sehr elegant mit feiner Süße und mit einer ordentlichen Portion Kaffee – 94/100. Ohne Risiko dann die letzte Flasche dieses Abends, großer Jahrgang, große Lage, perfekter Zustand. Der 1959 Chambertin von Giraux wurde allen Erwartungen gerecht. Ein echter, reifer Parade-Burgunder, traumhafte Nase, verschwenderische Pracht und Fülle, kleidete den Gaumen voll aus und hörte im Abgang kaum auf mit wunderbarer Süße – 96/100.

Schmeckt das erste Flaschendrittel besser?

Aus eigenen, perfekt gelagerten Beständen wollte ich es noch einmal wissen. Ist beim 1993 Mouton Rothschild wirklich der Lack ab? Recht schön noch der Anfang, immer noch mit von dezenter Röstaromatik geprägter Nase mit altem Sattelleder und der Mouton-typischen Bleistiftnote, aber nicht mehr die gewohnte Dramatik, schon gar nicht am Gaumen. Trotzdem kamen da noch gut und gerne 91/100 ins Glas. Zur Flaschenmitte hin wurde das alles schon deutlich dünner, der Mouton baute merklich ab und rutschte unter die 90/100. Richtiggehend dünn und auch leicht gezehrt wirkend das letzte Drittel der Flasche, da kamen noch gerade mal 87/100 ins Glas. Natürlich hatte das nichts damit zu tun, ob der Wein oben oder unten in der Flasche besser schmeckt, sondern einzig und allein damit, wie er sich mit Zeit und Luft entwickelt. Da bleiben dann jetzt eigentlich nur noch zwei Möglichkeiten für meine letzten Flaschen. Entweder undekantiert im Rahmen einer Probe trinken. Da bekommen dann alle das, was ich hier als erstes Glas hatte. Oder aber 10 Jahre weglegen und auf ein Wunder hoffen.

Casa Mattoni

Fast undercover läuft dieses schmucke Restaurant im Düsseldorfer Ortsteil Oberkassel. In den wenigsten Führern taucht die Casa Mattoni auf, und doch ist sie stets gut besucht. Grandios und sehr umfassend die natürlich auf Italien fixierte Weinkarte. Sehr gut und flexibel die Küche. Aber wahrscheinlich ist es die sehr persönliche Führung durch Alvio Tesan, die der Casa Mattoni eine treue Stammkundschaft beschert. Wenig Restaurants gibt es zudem, die in Düsseldorf am Sonntag Abend geöffnet haben. Als ob alle Leute immer nur zuhause Tatort gucken wollten. Ich hatte überraschenden Besuch aus Sylt bekommen, und da bot sich der kurze Spaziergang in die Casa Mattoni natürlich an. Angeblich ist ja der Sommer in diesem Jahr so schlimm und so feucht, aber wir konnten auch an diesem Abend bei sehr milden Temperaturen draußen auf der Terrasse die kulinarischen Freuden des Hauses genießen. Als ersten Wein wählten wir einen 2008 St.Valentin Sauvignon Blanc von der Kellerei St. Michael aus Südtirol. Sicher kein schlechter Wein und natürlich als junger 2008er noch sehr frisch. In der Nase feine Holunderfrucht und Cassis, am Gaumen muskulös, um nicht zu sagen fett mit deutlicher Extraktsüße. Aber muss ein Sauvignon Blanc, der ja nun mal eher als Sommerwein gedacht ist, denn zum Aufwärmen am Kamin, unbedingt 14% Alkohol haben? So waren von uns, die wir diesen Wein vor allem wegen des hohen, deutlich spürbaren Alkoholgehaltes etwas zwiespältig sahen, mehr als 87/100 nicht zu bekommen. Nicht gerade schmächtig ging es weiter, wobei ich beim nachfolgenden Wein eigentlich auch nichts anderes erwartet hatte. Ein fettes, üppiges Teil war der 2006 Jerman Were Dreams, mit nussigem Schmelz und wenig Säure. Massig Holz und Vanille, die tropischen Früchte eher getrockneter Natur. Vollbusig könnte man so einen Wein nennen – heißt der Winemaker zufällig Rubens? Könnte auch aus Kalifornien stammen. Wer eine dicke, geile, durchaus hedonistische Weinsau sucht, hier ist sie. 90/100 von mir, Fans dieser Stilrichtung geben sicher bis zu 5 mehr. Und gefällig, hedonistisch ging es weiter. Auf Empfehlung des Hausherrn kam ein 2006 Brancaia Il Blu auf den Tisch. Eine wunderschöne Cuvée aus Merlot, Cabernet Sauvignon und Petit Verdot mit tiefdunkler Farbe zum hemmungslosen Jetzttrinken, mit reifer, schmelziger Frucht und cremiger, weicher Textur. Natürlich ist der modern, wirkt etwas poliert und wird sicher nicht gut altern. Jetzt aber macht er gewaltigen Spaß – 92/100. Etwas komplexer wurde es dann an diesem Abend doch noch. Fürchterlich der erste Schluck des 2001 Falletto Barbaresco von Bruno Giacosa, der an ein rostiges, altes Eisengitter erinnerte und alle meine Vorurteile gegenüber Barbaresco bestätigte. Doch nach dem Dekantieren war dieser Wein wie verwandelt, zwar immer noch mit viel Biß und kräftiger Säure, fordernd am Gaumen, aber auch groß, füllig, komplex und lang. Mit jedem Schluck wurde dieser spannende Wein besser und wir kamen uns näher – 94/100.

Das hat geknallt

Ein mächtiges Gewitter entlud sich über uns mit sintflutartigen Regengüssen und dazu mit viel Blitz und Donner. Doch auch in unseren Gläsern knallte es. Aber zuerst mussten zwei Enttäuschungen verdaut werden. Einen üblen Kork hatte die gerade erst erworbene 2002 Niederhäuser Hermannshöhle Spätlese trocken von Dönnhoff. Das gewaltige Potential dieses Riesen ließ sich erahnen, aber mehr auch nicht. Nicht zurecht kamen wir auch mit der 2007 Bernkasteler Lay QbA trocken von Dr. Loosen. Keinen deutlich erkennbaren Fehler hatte dieser Wein, aber er wirkte ziemlich frucht- und freudlos, dazu leicht seifig und gewöhnlich am Gaumen – 78/100. Also gleich rüber in die Rote Liga. Da machte ein prächtiger 2002 Blauer Spätburgunder SJ von Johner den Anfang, sehr frisch mit schöner, schwarzkirschiger Frucht, feinem Schmelz und guter Länge am Gaumen, einfach ein gelungener „macht gute Laune“-Wein – 92/100. Meine vorletzte Flasche des 1997 Palazzi von Tenuta di Trinoro musste danach dran glauben. Der hatte sich hervorragend gemacht und stand mit tiefdunkler, sehr dichter Farbe wie eine Eins im Glas, ein gewaltiges Konzentrat mit reichlich Bitterschokolade und hohem Hedonismusfaktor – 94/100. Weiter ging es mit einem 1984 Silver Oak Napa Valley, sehr fein, eher etwas schlank und sehr elegant mit der typischen Dillnote, noch lange nicht am Ende – 92/100. Gewaltig dann ein 1947 Echezeaux von Selot, unglaublich, wie da die Post abging, burgundische Pracht und Fülle mit intensiver Süße, mit Karamell, dunklem Toffee und viel Kaffee, trank sich einfach außerordentlich gut und wirkte bei aller üppiger Fülle am Gaumen seidig elegant, ganz konservative 97/100 für ein großartiges Burgundererlebnis. Aus der halben(!) Flasche kam dann noch ein 1943 Imperial Reserva von CVNE dran, ein fast zeitlos gereifter Rioja, Sehr weich und elegant mit feiner Süße, dabei kein Zeichen von Alter oder Müdigkeit, einfach nur schön – 90/100.

Boliden-Rennen

Formel 1 war an diesem Wochenende mal wieder angesagt. Doch bei uns kamen ein paar ganz andere Boliden zum Einsatz. Statt filigran wollten wir an diesem Abend mal in der oberen Hubraumklasse trinken. Den Anfang machte ein 1996 Contra Costa County Zinfandel Duarte Vinyard von Helen Turley. Mächtige, komplexe Nase, wie eine Mischung aus Côte Rotie und Barolo, altes Eisengitter, blutiges Steak, Teer, Lakritz, Pfeffer, würzig, sehr alkoholisch wirkend und schon als Nase zu Kopf steigend, am süßen, ebenfalls mächtigen Gaumen kommt dazu warme Coca Cola. Ein Chamäleon-Wein, der sich laufend wandelt. Zwischendurch wirkt er auch mal wie ein reifer Caberner, dann kommt wieder der Barolo durch, dabei sehr kraftvoll am Gaumen und trotz des (viel zu hohen) Alkohols bestimmt nicht langweilig. Ach ja, habe ich vergessen, von Frucht zu sprechen? Doch da ist eine feine, rotbeerige Frucht, die zwischendurch hervorlugt, geht Richtung Waldhimbeere, wobei die Betonung auf Wald liegt. Ein verrückter Wein, wer den alleine trinkt, ist anschließend nicht nur sternhagelvoll, er hat auch eine Weinreise rund um den Globus gemacht – 92/100. Beim zweiten im Bunde, dem 1995 Howell Mountain Black Sears Vinyard Zinfandel, ebenfalls von Helen Turley, war nicht nur die Farbe trotz erster Reifetöne deutlich dichter. Auch in der Nase und am Gaumen war dieses Tier von Wein noch eine ganze Ecke dichter, kräftiger und kerniger. Als Frucht gab es in Rum eingelegte Dörrpflaumen, aber insgesamt eher Rumtopf ohne Topf, ein alkoholisches Monstrum (16,1% stand auf der Flasche, gefühlt waren es noch mehr) mit unglaublicher, vom Alkohol getragener Menge, aber da waren auch balsamische Noten, deutliche Amarone-Anklänge, trockener Portwein ohne Süße. War der erste Wein eine Weinweltreise, so war das hier jetzt die große Rundreise durch die Mächte der Finsternis, da kommt keine Geisterbahn auf dem Oktoberfest mit – 94/100. Auch kein Kind von Traurigkeit und in Sachen Alkohol und Dichte durchaus mithaltend der 1997 Tenuta di Trinoro. Deutlich jünger die sehr dichte Farbe, reichlich dunkle Früchte und bei aller Kraft eine bemerkenswerte Frische – 93/100. Dürfte noch einige Jahre vor sich haben. Das gilt übrigens auch für die beiden Zinfandels, die ich noch lange nicht abschreiben würde. Ein unglaublicher Kraftbolzen auch 1997 Shafer Hillside Select. Dichte, dunkle Frucht, immer noch mächtige Tannine, aber der jugendliche Schmelz der früheren Jahre ist nicht mehr da. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Wein im Stile eines Bordeaux nach der heftigen Frucht- und Jungweinphase jetzt nur eine Pause einlegt – 94/100. Eindeutiger Sieger für mich und alle anderen am Tisch in unserem Boliden-Rennen der 1997 Phelps Insignia. Ein sehr druckvoller Traumstoff, der es in Punkto Kraft sicher mit den anderen Wein aufnehmen konnte. Aber hier kam das alles deutlich besser verpackt rüber, sehr viel eleganter, finessiger. Dazu kam eine immer noch frische Frucht, Cassis pur, und ein feiner, süßer und süchtig machender, leicht schokoladiger Schmelz, der an die Glanzzeiten der 82er Comtesse erinnerte – 97/100.

Nomen est Omen

Wie im Engelgarten fühlten wir uns an diesem sonnigen Sonntagmittag im lauschigen Garten des Meerbuscher Restaurants Regalido, wo wir uns hemmungslos mehrgängig verwöhnen ließen. Vor uns dabei ein 2005 Engelgarten von Marcel Deiss aus dem Elsass, eine spannende, vom Riesling dominierte Cuvée aus fünf Rebsorten, Riesling, Pinot Gris, Pinot Noir, Muscat und Beurot. Ein sehr feinduftiger, eleganter, aber am Gaumen auch sehr komplexer, vielschichtiger Wein mit schöner Länge am Gaumen. Reife Zitrusfrüchte, Orangenschalen und ein markanter Muskatton, dazu eine deutliche Restsüße ließen diesen Wein mit einigen Gängen eine perfekte Marriage eingehen, zu anderen wirkte er geradezu aufdringlich. Also sicher kein Wein, der ein ganzes Menü begleiten kann. Besser gehört er glasweise offen ausgeschenkt, oder, noch besser solo auf einer sommerlichen Terasse genossen. Der Engelgarten ist ein wunderbarer Solist, der eigentlich als Essensbegleiter viel zu schade ist – 90/100.

Das ist er also - der 2006 Ornellaia

Eigentlich wollte ich nur auf die Schnelle einen Salat und einen Fisch essen, begleitet von reichlich Aqua Panna. Doch mein Freund Michelangelo Saitta sah das anders. Ehe ich mich versah, stand ein Glas 2003 Doix von Mas Doix aus dem Priorat vor mir. Ein wunderbarer Fruchtcocktail dunkler Früchte in der Nase und am Gaumen, Blaubeere, Brombeere und Schwarze Johannisbeere, recht süß, aber nicht aufdringlich, sondern recht präzise, wozu die gute Säurestruktur dieses Weines ihren Teil beitrug. Sehr minralisch, aber nicht sonderlich komplex, einfach wunderschön zu trinken – 93/100. Da nahm ich dann gerne auch noch ein zweites Glas von. Anders dagegen beim 2001 Luce, da war mir ein Glas schon zu viel. War das eine Schaufensterflasche? Schon sehr reife Farbe mit deutlichen Brauntönen, kaum noch Frucht, sehr ledrig, aber auch senil und schon reichlich gezehrt – 84/100. Frisch und fruchtig, dabei trotz der Tannine sehr gefällig und lecker der nicht sonderlich komplexe 2005 Luce – 88/100. Und dann kam der hoch gelobte 2006 Ornellaia. Sattes, dichtes Kirschrot, massives, feinkörniges und reifes Tannin, ein gewaltiges, jugendliches Fruchtkonzentrat, sehr präzise Konturen, hohe Mineralität und natürlich immer noch ein Weinbaby, das sicher 5 Jahre weggelegt gehört. Ach ja, dann entdeckte ich noch die Zahl 15 auf dem Etikett, ganz schön heftig, Ornellaia auf dem Weg zum Monster, passt in jede Probe mit kalifornischen Kultweinen – 93+/100. Ich bin mir nicht so sicher, ob dieser 2006er die Klasse des traumhaft schönen 2004ers erreicht.