Juni 2005

Der "Bruno" von Montepeloso

Fabio Chiarelotto, der begnadete Montepeloso-Winzer, hatte mir kürzlich eine Flasche mitgegeben, die ich bitte mal probieren sollte. Es war ein reinsortiger 2002 Sangiovese. Eigentlich nicht mein Ding. Zuviel Schindluder wird in Italien mit dieser Rebsorte getrieben. Ich mache da meist einen großen Bogen drum. Umso mehr überraschte mich dieser Wein. Sattes, dichtes Dunkelrot mit etwas Purpur, in der Nase und am Gaumen intensive Beerenfrucht, Schwarzkirsche, Blaubeere, reife Brombeere mit feiner Fruchtsüße, getrocknete Kräuter und am Gaumen eine schöne mineralische Note. Die bei Sangioveses so häufig störende, kräftige Säure war reif und gut integriert. Dazu hatte der Wein eine für immerhin 14% Alkohol ganz erstaunliche Frische und Leichtigkeit und war einfach perfekt strukturiert. Mich erinnerte er an ganz große Brunello Riservas und würde jedem der dortigen Güter gut zu Gesicht stehen. Ein Riesenwein aus dem sonst doch eher durchschnittlichen 2002er Italienjahr - 94/100. Da er noch keinen Namen trägt, habe ich ihn für mich passend zu den anderen Weinen einfach "Bruno" getauft. Er reiht sich damit nahtlos ein in die traumhaft gut gelungene 2002er Palette von Montepeloso.
Der unermüdliche Fabio Chiarelotto baut derzeit nicht nur versuchsweise 8 autochtone, italienische Rebsorten an. Er bastelt auch an einer weiteren Verbesserung seines Flagschiffs Gabbro. Bei unserem Treffen ließ er mich eine Faßprobe eines Versuchscuvées mit Petit Verdot probieren. Einst war Petit Verdot fast eine Art Pflichtbestandteil großer Bordeaux. In kleinen Mengen der Cuvée zugesetzt, verlieh sie den Weinen eine kräftigere Farbe, mehr Tannin und mehr Struktur, fast wie eine Art natürliches Backpulver. Leider ist Petit Verdot eine sehr spät reifende Rebsorte, die in Bordeaux häufig dem Herbstregen zum Opfer fällt. Deshalb geriet Petit Verdot auch immer mehr in Vergessenheit. Inzwischen kehrt sich dieser Trend um. Immer mehr qualitätsbewußte Weingüter setzten auf Petit Verdot als Teil ihrer Cuvée, nicht nur in Bordeaux, sondern auch in Kalifornien. Fabios sehr überzeugendes Faßmuster zeigte deutlich, dass die wärmeren Gegenden wie Kalifornien und auch die Toskana hier deutlich im Vorteil sind, da der Petit Verdot dort fast immer voll ausreifen kann. Damit dürfte sich der Gabbro immer mehr zu einem klassischen Bordeaux-Blend entwickeln mit der Entwicklungsfähigkeit und Langlebigkeit, die leider heute den meisten italienischen Weinen fehlt.

Nette Zwillinge

Weine aus Zwillingsjahren waren gefragt bei dieser spontanen, kleinen Probe.
Zur Einstimmung gab es erst mal einen 2002 Kiedricher Gräfenberg Erstes Gewächs von Robert Weil. Welch ein Unterschied zum üppigen, präsenten 2003er, den ich in den letzten Wochen mehrfach verkosten durfte. Knackige Säure, glockenklare Rieslingfrucht, mineralisch, viel Kraft, noch sehr jung. Gehört im Gegensatz zum voll trinkbaren 2003er noch ein paar Jahre auf die Weide und hat gutes Alterungspotential, heute 89/100, in ein paar Jahren sind 2-3 mehr drin.

Überraschend schön hat sich 1989 Ridge Monte Bello entwickelt. Robert Parker hatte ihn vor 12 Jahren völlig abgeschrieben und mit lausigen 75/100 bedacht. Inzwischen ist aber aus dem hässlichen Entlein ein beachtenswerter Wein geworden. Relativ helle, reife Farbe mit Orangenrand, feine Kirsch- und Johannisbeerfrucht, Zedernholz, etwas Minze. Ein reifer, sehr eleganter Monte Bello, der sich auf diesem Niveau noch ein etliche Jahre halten dürfte – 91/100.
Monte Bellos variieren natürlich je nach Qualität des Jahrgangs, tragen aber immer dieselbe Handschrift. Deutlich wurde das am 1990 Ridge Monte Bello. Die rustikalere, dickere, üppigere Variante mit satter, dichter Farbe. Vollreife Kirschfrucht, aber auch etwas Pflaume, jünger wirkend, sehr aromatisch und mit ähnlicher Stilistik wie 89. Auch dieser Wein, den ich aus früheren Begegnungen sehr zugenagelt kenne, hat etliche Zeit gebraucht, um sich zu öffnen. Das Warten hat gelohnt – 93/100.

Sensationell präsentierten sich die beiden Caymus Special Selection. Sie gehören wohl zu der Kategorie kalifornischer Weine, die mangels sofortiger Zugänglichkeit nicht verstanden wurden. Pauillac vom Allerfeinsten war 1986 Caymus Special Selection. Tolle Beerenfrucht, irre Struktur und feine Süße. Ein konzentrierter, sehr gut strukturierter Wein mit großer Länge am Gaumen. Bordeaux kann das nicht besser – 96/100. Auf ähnlichem Niveau, vielleicht einen Tick reifer, der ebenfalls sehr überzeugende 1987 Caymus Special Selection – 95/100. Beide Weine sind in gut gelagerten Flaschen eine unbedingte Suche wert.

Verdammt jung ging es weiter. 1995 Latour ist ein großer, konzentrierter Wein. Feine rotbeerige Frucht und mundbeschlagene Tannine ohne Ende. Die Fruchtphase hat er definitiv hinter sich. Jetzt helfen nur noch 10+ Jahre Geduld. Dann sind sicher 95+/100 drin. Derzeit können nur eingefleischte Jungweintrinker und Weinmasochisten an so etwas Spaß haben. Deutlich mehr lässt da schon 1996 Latour raus. Der hat nicht nur die deutlich reifere, sattere Frucht, auch das Tannin ist reifer. In seiner verschwenderischen Art hat er schon etwas kalifornisches an sich und zeigt gewisse Parallelen zu Harlan. Natürlich ist auch das noch ein Weinbaby, aber wenn Sie eine Kiste 96er Latour im Keller haben, sollten Sie sich mal eine Flasche gönnen, bevor er sich vielleicht wieder verschließt. Heute, rechtzeitig dekantiert(2-3 Stunden) und aus großen Gläsern(Vinum Extrem Bordeaux oder Sommelier Bordeaux Pokal) getrunken sicher schon ein 97/100 Erlebnis, und das noch mit deutlichem Potential für mehr! Ein ganz großer Latour auf dem Weg zur Weinlegende.

Da war Demut angesagt

Zu meinen größten, beeindruckensten Weinerlebnissen gehört das Trinken gut gereifter, alter Weine. So einen über hundert Jahre alten, lebendigen Zeitzeugen vor sich im Glas zu haben, das ist einfach der Gipfel dessen, was ich mir als Weintrinker überhaupt vorstellen kann. Natürlich werden diese Wein-Methusalems immer seltener und immer teurer. Immer öfter kommen sie leider als Fakes daher, als mehr oder weniger gut gefälschte Flaschen.
Umso dankbarer war ich, als ich im Juni diesen Jahres aus dem Keller eines Weinfreundes ein paar perfekt gelagerte Raritäten einwandfreier Herkunft trinken durfte.
Der Gastgeber, ein sehr bescheiden auftretender, profunder Weinkenner, bat mich, die Probe nicht ausführlich darzustellen. Also finden sich Weine wie der 1727 Rüdesheimer Apostelwein aus dem Bremer Ratskeller, der 1811 Yquem, 1861 Lafite-Rothschild oder 1900 Brown-Cantenac jetzt „nur“ mit ausführlicherer Beschreibung als Ergänzung meiner Jahrgangsbeschreibungen. Einfach mal unter 1727, 1811, 1845, 1861, 1900, 1915, 1945, 1947 und 1959 nachschauen. Es lohnt sich.
Stellvertretend sei hier nur ein Wein beschrieben, den ich keinem festen Jahrgang zuordnen kann. Auf der Flasche des 182x Yquem, einer französischen Händlerabfüllung, ließ sich die letzte Ziffer nicht mehr lesen. Ins bräunliche gehende, kräftige Farbe, aber immer noch brilliant, absolut klar und intakt, wie ein gut gezogener, schwarzer Tee. Traumhaft cremige Textur, reifer Yquem vom Allerfeinsten, endlos lang am Gaumen, feine Bitternote, kleidet den ganzen Gaumen aus und ist dabei so fein, so elegant. Worte können diesem Irrsinnsstoff kaum gerecht werden. Vom reinen Trinkgenuß lag dieses Weinmonument noch einen Tick über dem legendären 1811er.
Ich habe ein paar Tage gebraucht, um diese Probe richtig zu verarbeiten. Solche Weine spült man nicht einfach runter und geht dann zur Tagesordnung über. Moderne 100 Punkte Weine kann man – das nötige Kleingeld vorausgesetzt – kistenweise trinken und dabei versuchen, sich vorstellen, wie sie mal schmecken, wenn sie wirklich reif sind. Große, uralte Weine aus einwandfreier Herkunft und entsprechender Lagerung sind aber einmalige, kaum zu wiederholende Erlebnisse. Ich denke dabei häufig an die Menschen, die damals gelebt haben, ihre Hoffnungen, Pläne und Sehnsüchte. An das was sie da ohne die Segnungen und Manipulationsmöglichkeiten der modernen Kellertechnik Großes geschaffen haben. Wenn man das, was damals mit Hilfe der Natur, mit der wir heute so rücksichtslos umgehen, geschaffen wurde, trinken darf, dann ist schon eine gehörige Portin Demut angebracht.

Nachverkostet: 1990 Gruaud Larose

Bass erstaunt war ich, als ich kürzlich auf Robert Parkers Website eine ziemlich euphorische Neubewertung von 1990 Gruaud Larose fand. Parker hatte anlässlich eines Essens im Brüsseler Comme Chez Soi einem „fully mature, gorgeously opulent, full-bodied 1990 Gruaud Larose“ 95 Punkte gegeben.
Für mich war das immer ein sehr enttäuschender Wein, insbesondere angesichts des sonst hervorragenden Jahrgangs. Ich fand ihn immer etwas plump, erstaunlich reif und strukturlos und konnte mich bei diversen Begegnungen nie zu mehr als 86-87/100 hinreißen lassen. Sollte sich da in den letzten Jahren ein kleines Weinwunder ereignet haben?
Also bei Jörg Müller auf Sylt eine Flasche bestellt, seit der Subskription dort perfekt gelagert. Der kenntnisreiche Sommelier Andreas Bartel schüttelte ob meiner Wahl nur den Kopf. Er hatte den 90er Gruaud vor einem Jahr an anderer Stelle getrunken und konnte und wollte ihn nicht empfehlen. Egal, ich wollte es selber wissen.
Schon die Farbe, sehr reif mit deutlichem Orangenrand. Und dann dieser deutliche Essigstich, die hohe flüchtige Säure. Also dem Wein mehr Zeit gegeben. Tatsächlich entwickelt er sich im Glas, wurde reifer, milder, zugänglicher mit pflaumiger Frucht. Die störende Säure allerdings blieb ebenso wie der Eindruck eines verdammt reifen, strukturlosen Weines. Mehr als sehr wohlmeinende 87/100 waren da auch diesmal nicht drin. Bei Gruaud Larose, einem von mir sonst sehr geschätzten Weingut, hat man mit schlampiger Arbeit in Weinberg und Keller den großen Jahrgang 1990 schlicht und einfach vergeigt.
Wir gut, dass so ein Abend in netter Runde nicht nur aus einem Wein besteht. Auf der Karte entdeckten wir zu einem freundschaftlichen Kurs einen 1959 La Tour Haut Brion in einer perfekten R&U Abfüllung. Neben Gruaud genossen, war das der mit Abstand jüngere, bessere und zukunftsträchtigere Wein. Sehr dichte Farbe mit leichtem Orangenrand. Tabak, Kaffee, Teer, Leder, am Gaumen immer noch deutliche Säure und Tannine. Ein faszinierender, hocharomatischer Langstreckenläufer, der erst in 5+ Jahren seinen Höhepunkt erreichen und dann noch 20+ Jahre großen Spaß machen dürfte – 95+/100. Ein Powerhouse von Wein und eine echte Alternative zu La Mission und Haut Brion in diesem großen Jahr zu einem Bruchteil des Preises.
Erwähnung verdienen auch die beiden Weißweine des Abends. Schon erstaunlich, wie viel Struktur Gunter Künstler in die 2003 Hochheimer Hölle Riesling Auslese trocken gebracht hat. Nach dem Dekantieren brauchte der Wein aus Künstlers Paradelage noch gut eine Stunde, um sich einigermaßen zu öffnen. Wirkte er zu Anfang doch etwas leicht barock geraten mit üppiger, reifer gelber Frucht, so traten mit der Zeit doch immer mehr die feine Mineralik und eine zunehmende Eleganz in den Vordergrund, sowie eine kräuterige Würze. Für den sonst auf den meisten deutschen Weingütern zu breit geratenen Jahrgang sehr gute Säure. Dürfte zu den langlebigsten trockenen Weißweinen aus 2003 gehören und sicher noch 2-3 Jahre bis zur Reife benötigen – 92+/100. Unbedingt dekantieren!
In den Schatten gestellt wurde die Hölle an diesem Abend von der 2001 Würzburger Innere Leiste Riesling Spätlese trocken vom Weingut am Stein. Klar, der Wein war zwei Jahre älter und bereits deutlich besser entwickelt. Ein Traum-Riesling, der mit sympathischen 12,5% Alkohol mehr Power und Extrakt bringt, als viele seiner über-alkoholischen Brüder. In der Nase reifes Steinobst, weißer Pfirsich, sehr gute, reife, knackige Säure, kleidet den Gaumen voll aus und hat tollen, langen Abgang. Dazu die feine Mineralik der Muschelkalkböden – viel besser geht trockener Riesling nicht – 94/100.

Eneo at the Beach

Sie finden Magnums zwar schön, aber für Ihren Durst zu groß, sind fasziniert von Doppelmagnums und schütteln bei einer Jeroboam den Kopf, weil Sie sich einfach nicht vorstellen können, wie man so ein großes Teil leer bekommt? Dann haben Sie eigentlich nur ein Problem: zuwenig Freunde!

Friesen Open war im Juni wieder angesagt. Beach Ball vom Feinsten am Kampener Strand an der Buhne 16. Ich hatte vor Jahren einmal damit begonnen, dieses schöne Turnier jeweils mit einer Imperiale Wein zu sponsern. So schleppte ich auch in diesem Frühsommer wieder eine 2001 Eneo Imperiale mit an den Strand. 20 durstige Kehlen sorgten nach Ende des Turniers dafür, dass dieser hedonistische Traumstoff ruck zuck geleert war. Fasziniert bin ich immer wieder davon, um wieviel besser Wein aus den großen Formaten schmeckt. Die Weine sind daraus früher trinkreif und halten länger. Das Trinkfenster ist einfach größer. Darüber hinaus hat so eine große Flasche einfach was.
Zurück zum Eneo, diesem faszinierenden Wein von Fabio Chiarelotto, dem sympathischen Inhaber von Montepeloso aus der Maremma. Sangiovese mit einem Schuß Merlot ergibt in 2001 einen schon sehr gut trinkbaren Wein mit satter, jugendlicher Farbe, mit Cassis und reifer Brombeere, toller Fruchtsüße, viel Schmelz, Mineralik, Kakao und Bitterschokolade. Eneo aus der Imperiale ist pralle Lebensfreude auf 92/100 Niveau. Viele meiner friesischen Freunde sind eigentlich Bier- und keine Weintrinker. Doch der Eneo hat sie bisher alle bekehrt. Dieter Berens, einer der Gründer der legendären Buhne 16, brachte es auf den Punkt: ein Schluck Eneo ist wie drei Pralinen auf einmal.