Juni 2006
Der Alleinunterhalter
Ein traumhaft schöner Sommerabend war das eigentlich. Wir saßen im schmucken Fährhaus in Munkmarsch auf Sylt, wo Alexandro Pape ganz groß aufkocht. Herrlicher Blick über das Wattenmeer, großes Menü, feine Weine. Nur war er leider auch da, er, der Alleinunterhalter. Mittendrin thronte er. Bei ihm seine arme Gattin, die dieselbe Platte wahrscheinlich häufiger ertragen muss und ein älteres Ehepaar, das sich nicht wehren konnte, wohl die Schwiegereltern des Alleinunterhalters. Triefend vor Selbstzufriedenheit und mit sonorer, sehr lauter Stimme beschallte er das Restaurant und zwang uns allen förmlich seine Message auf. Da konnte man gar nicht weghören, selbst wenn man wollte(und wir wollten gerne!). So erfuhren wir dann all die Dinge, die uns gar nicht interessierten. Dass er in der Schweiz lebt und dass es dort kein anständiges Brot gibt, wo er als nächstes hinfährt, warum er am Vorabend bei Johannes King im Sölring Hof sehr enttäuscht war und dass er jetzt an den Michelin schreiben wird, damit die Bewertung geändert wird, dass der Rotwein seines Tisches kurz vor seiner amerikanischen Ranch angebaut wird und so weiter. An den anderen Gästen, die meist betreten schwiegen, störte sich der Alleinunterhalter nicht. Wohl aber an der recht dezenten Hintergrundmusik, die ohnehin nicht gegen ihn ankam. So kam erst ein langatmiger Vortrag an seinem Tisch und natürlich auch für den Rest des Restaurants, dass Hintergrundmusik in einem Sternerestaurant nichts zu suchen habe. Schließlich sei man ja hier um in Ruhe zu genießen und sich zu unterhalten. Hatte der Kerl von Ruhe gesprochen? Er forderte doch tatsächlich die Restaurantchefin auf, die Musik zumindest deutlich leiser zu drehen. So konnten wir dann seinen Worten noch besser lauschen. Und erfuhren dann irgendwann auch, dass sein Bruder jetzt wohl im Puff sei. Aber das vornehm sein und vornehm tun zwei verschiedene Paar Schuhe sind, wussten wir auch vorher schon.
So ärgerlich das alles war, Alexandro Papes kreative Kreationen konnten voll überzeugen. Üppig bestückt die sehr umfangreiche Weinkarte. Klar, bei Bordeaux und Burgund fängt sie erst da an, wo die von Jörg Müller aufhört. Aber es gibt dafür jede Menge junger und auch preislich interessanter Weine aus allen Teilen der Welt. Mit goldgelber Farbe kam ein 2002 Meridio Merlot Bianco der Cantina Kopp von der Krone aus dem Tessin in unser Glas. Ein sehr kräftiger Wein mit verhaltener, blumiger Nase, massiver Holzeinsatz, sehr lang am Gaumen mit feinem Bitterton, insgesamt mehr Kraft als Finesse – 88/100. Als Rotwein entschieden wir uns für einen 1999 Côte Rotie La Landonne von Jean Michel Gerin. Der wirkte insgesamt noch sehr jung und kam mit sehr dichter, tintiger Farbe ins Glas. Er hatte den Blutgeschmack junger La Landonnes, wie ein halbrohes Steak, und war der Guigal-Variante nicht unähnlich, wenn auch nicht ganz so rustikal und vor allem auch deutlich preiswerter. Rauchig, mineralisch, etwas Teer, dunkle Früchte, aber auch zu lang gezogener, schwarzer Tee. Baute im Glas sehr schön aus und wurde weicher und gefälliger mit langem Abgang. War aber doch etwas im Zwischenstadium und schrie förmlich nach ein paar weiteren Jahren Lagerung. Das ist eben die Krux bei solchen Restaurant-Karten. Da kommen zwar immerhin beachtliche 92/100 ins Glas. In fünf Jahren aber, wenn der Wein reifer und wieder offener ist und sicher einen 94+/100 Genuß bringen könnte, gibt es ihn nicht mehr. Als Abschluß genehmigten wir uns noch einen 2004 Essinger Rossberg Gewürztraminer BA vom Weingut Frey aus der Pfalz. Traumhaft würzige Honignase, auch am Gaumen sehr würzig, erinnerte an eine Lebkuchenmischung, perfekt balanciert mit guter Säure – 93/100. Das auf Süßweine spezialisierte Weingut Frey ist (noch) relativ unbekannt und mit seinem hervorragenden Preis-/Leistungsverhältnis ein echter Geheimtipp.
Sehr gut gefallen hat es uns im Fährhaus. Wir werden wiederkommen, hoffentlich ohne Alleinunterhalter. Sollte der dann allerdings beim nächsten Mal im Duett mit der parfümierten Bauernnutte auftreten, das wäre schon der Gau.
Bordornia - die Zukunft von Bordeaux?
Das Wetter wird auch in Europa und speziell in Bordeaux immer wärmer. Da werden Jahrgänge wie 2003 nicht die Ausnahme, sondern mit der Zeit wohl eher die Regel werden. Kein Wunder, dass derzeit Heerscharen französischer Winzer Kalifornien bereisen und herauszufinden versuchen, wie man in heißem Klima große Rotweine erzeugt. Nur kommen sie da wohl 20 Jahre zu spät. Bis in die 80er gab es in Napa große, lagerfähige Gewächse mit akzeptablen Alkoholgraden, jetzt kaum noch. Nicht nur, dass auch in Napa das Wetter wärmer wird. Der seit Anfang der Neunziger herrschende Trend zu möglichst reifer, fast überreifer Frucht und zu Weinen, die sofort nach Auslieferung ohne Lagerung voll da und zum sofortigen Genuß geeignet sind, kann eigentlich kein Vorbild für Bordeaux sein. Von den sehr hohen Alkoholgraden ganz zu schweigen.
2003 Bellevue Mondotte zeigt eine Richtung, in die sich Bordeaux möglicherweise entwickeln könnte. Dieser Garagenwein aus dem Hause Pavie mit mal gerade 4000 Flaschen pro Jahr hat immerhin stolze 98 Parker-Punkte bekommen. Da musste ich einfach mal meine Nase reinhalten. Also beim umtriebigen C&D Weinhandel zum nicht gerade Geschenkt-Preis von € 145.- pro Flasche geordert und probiert. So schmeckt also ein „Bordornia“, happige14.5% Alkohol, üppiges Fruchtkonzentrat mit viel Tiefgang und guter Struktur, derzeit in voll zugänglicher Fruchtphase, moderner, internationaler Stil auf sehr hohem Niveau, zeigt trotz irrer Konzentration immer noch Frische und Spannung und wird nie langweilig, macht dabei einfach unglaublichen Spaß und hat mit klassischem Bordeaux überhaupt nichts mehr zu tun, gibt aber einen guten Ausblick auf das, was von den Top-Gütern im Rahmen der Klimaveränderung in wärmeren Jahren zu erwarten ist - 96/100.
Überraschungen
Mit einer 2003 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Spätlese #7 von Fritz Haag empfing uns der Hausherr. Blind hätte ich den nie erkannt. Ziemlich süß, wenig Säure, eher Traubensaft als Wein, dazu satte, reife Birne, trinkt sich wie Limonade und ist einen deutlichen Tick zu süß. Könnte in 3-5 Jahren besser sein – 87/100. Da hat eindeutig das für Weißweine schwierige Sonnenjahr 2003 ins Handwerk gepfuscht. Ganz anders beim zweiten Wein, der von diesem Ausnahmesommer extrem profitiert hatte. Der 2003 Soleil Blauburgunder der WG Birmensdorf aus dem Schweizer Kanton Aargau war eine der Überraschungen des Abends. Ein satter, fülliger Wein mit reifer Kirsche und Blaubeere, wie aus einem Guß, harmonisch, perfekt strukturiert, der viele Alkohol(14,5%) ist gut eingebunden. Ein großer, spannender Wurf, der eine gewisse Exotik nicht verleugnen kann – 92/100.
Immer noch frisch mit noch spürbaren Tanninen und guter Säure, der nächste Wein, ein 2000 Cabernet Franc Comtesse Eldegarde von Nicolas Bonnet, ebenfalls aus der Schweiz, aus dem Raum Genf. Junge Farbe mit deutlichem Purpur, reife, blaubeerige Frucht, massig Brombeere, sehr balanciert, perfekte Symmetrie, erst ganz am Anfang – 93/100
Mit den alten, klassischen YGAYs nicht mithalten kann der 1994 YGAY Gran Reserva Especial von Marques de Murrieta. Ein heißer Wein, man spürt förmllich die gnadenlose Sonne. Lederiges, erdiges Bouquet, am Gaumen kräftige Säure, aber auch leicht oxidative Noten – 90/100. Einen etwas zwiespätligen Eindruck machte 1983 Palmer, so als ob man ihn unsanft geweckt hätte. Auf der einen Seite wirkte er erstaunlich zugänglich, auf der anderen Seite war da immer noch ein strammes Tanningerüst. Zedernholaromen, feine Süße, sehr lang am Gaumen, aber auch mit einer gewissen Strenge. Wer diesen Wein in voller Blüte erleben möchte, sollte sich noch mindestens 5 Jahre gedulden – 95+/100. Noch deutlich weiter zurück der 1982 Leoville las Cases. Immerhin lässt dieser Riese, an dem man in den letzten 15 Jahren schier verzweifeln konnte, wenigstens ansatzweise seine zukünftige Klasse aufblitzen. Wunderbares, fruchtiges Bouquet, am Gaumen kompakt, dichtes, forderndes Tannin, ein irres Konzentrat, das nach 10+ Jahren weiterer Lagerung schreit – 94++/100. Sehr weit entwickelt hingegen schien, zumindest in dieser Flasche, 1989 Pichon Baron. Dabei zeigte dieser Wein, der durchaus noch über reichlich kräftige, aber sehr reife Tannine verfügt, an diesem Abend eine sehr eigenwillige Aromatik. Hustensaft, Amaronetöne, Lakritz, überreife Trauben, Fruchtkompot, dezente Minzet. Das kann es eigentlich noch nicht gewesen sein. Wie viele andere 89er auch befindet sich der Pichon Baron wohl in einer Art Übergangssadium, da kommt in ein paar Jahren noch deutlich mehr – 91+/100. Enttäuschend der 1996 Beringer Rhinehouse Select. Ein recht schöner, reifer Wein mit wenig Ausdruckskraft. Den kenne ich aus anderen Jahren deutlich besser. Hier fehlen einfach Frucht und Schmelz – 89/100.
Noch ganz am Anfang der großartige 1989 Lynch Bages. Kräftiges Tanningerüst, jung mit dichter Farbe, lässt seine Muskeln spielen, pflaumige Frucht, Zedernholtöne, toller Stoff mit großartiger, langer Zukunft – 94+/100. Leider nicht mehr ganz billig.
Danach hatten wir wieder zweimal Beringer im Glas. Weniger überzeugend der 1994 Beringer Cabernet Sauvignon Chabot Vineyard, den wir erst vor ein paar Monaten auf 95/100-Niveau genossen hatten. Diese Flasche schien nicht in Ordnung sein, den dieser feine, elegante Wein mit seiner Bordeaux-nahen Stilistik sang einfach nicht. Er wirkte stumpf und verschlossen. Ein schleichender Kork? – 91/100. Voll auf dem Punkt hingegen der 1994 Beringer Cabernet Sauvignon Private Reserve. Minze, Eukalyptus, feine Süße und toller Schmelz, sehr weit und reif, gehört in den nächsten Jahren getrunken – 95/100.
Sehr gut danach auch 1991 Pesquera Janus, ein Wein aus einer Zeit, in der bei Pesquera noch große Weine gemacht wurden. Ein prachtvoller Wein mit üppiger Frucht und feiner Süße, dicht, komplex und lang, kann eine gewisse Bordeaux.Stilistik nicht verleugnen, wirkt insgesamt sehr reif, aber das ist schon etliche Jahre der Fall, also ist wohl keine Eile geboten – 94/100.
Den Abschluss unserer kleinen Probe bildete ein 1991 Chateau St. Jean Auberge. Ein sehr feiner, eleganter Wein, der auch aus Bordeaux stammen könnte. Hat mit heutigen Kaliforniern nichts mehr zu tun – 92/100.
Schweizer Überraschungen
Mit dem Fahrrad in die Provence...
...und da dann schöne Rieslinge trinken? Nur gut 10 Kilometer sind es von Düsseldorf nach Meerbusch ins Restaurant Regalido. Hier kocht Tobias Hammes sinnlich, aromatisch und auf sehr hohem Niveau. Der Michelin hat den Weg nach Strümp noch nicht gefunden. Das kann aber nicht mehr lange dauern. Deshalb sollte man die Zeit bis dahin nutzen. Dort auf der schönen Terrasse oder im kleinen, malerischen Innenhof zu sitzen, ein mehrgängiges Menü zu genießen, das hat einfach etwas und erinnert an provencalische Ferienfreuden.
Intelligent zusammengestellt und sehr gastfreundlich kalkuliert die Weinkarte des Regalido. Mâitre- Sommelier Thomas Bergk, der mit seiner charmanten Gattin den perfekten Service gewährleistet, ist sehr kenntnisreich und findet zu jedem Gericht einen passenden, bezahlbaren Tropfen.
Zwei Rieslinge ließen wir uns bei unserem sonntäglichen Radausflug munden. Der 2005 Hochheimer Stielweg Alte Reben Riesling QbA von Künstler war noch sehr jung mit primären Apfelaromen und reifer Birne, noch leicht moussierend. Machte auch jetzt in dieser frühen Phase, in der die 5,5g Restsüße noch deutlich spürbar und nicht richtig integriert sind, viel Spaß auf 88/100 Niveau. In 2-3 Jahren, wenn die Einzelteile besser zusammenpassen, ist da noch mehr drin. Erstaunlich reif mit ganz dezentem Firneton und viel Nektarine wirkte die 1998 Zeltinger Sonnenuhr Riesling Spätlese trocken von JJ Prüm. Am Gaumen deutlich frischer mit Mandarine und vor allem Pink Grapefruit und feinem Bitterton – 90/100.
Runter von der Karte
Wer kennt sie nicht, die überteuerten Bordeaux-Ikonen auf Deutschlands Weinkarten. Entweder zu jung und nicht nur unbezahlbar, sondern auch untrinkbar, oder aber aus unmöglichen Jahren und trotzdem unbezahlbar. Hauptsache, Mouton und Margaux stehen auf der Karte. Kein Wunder, dass sich da Weinfreunde bei Jörg Müller auf Sylt verwundert die Augen reiben, wenn sie die Karte studieren. Hier kommen Bordeaux erst auf die Karte, wenn sie trinkbar sind und fliegen gnadenlos wieder runter, wenn sie es nicht mehr sind. Zwei der Kandidaten aus letzterer Kategorie habe ich kürzlich mit Jörg Müller probieren dürfen. 1992 Margaux hatte grüne, vegetale Noten, Gemüse statt Beerenfrüchte, die unreifen Tannine haben diesen Wein eingehöt, da kommt nichts mehr – 82/100. 1981 La Mission Haut Brion hatte gegenüber dem 11 Jahre jüngeren Margaux die deutlich dichtere, jüngere Farbe und startete sehr vielversprechend, baute aber nach einiger Zeit auch rapide ab. Zu mehreren undekantiert rasch getrunken ist das immer noch ein kleiner, feiner, reifer La Mission auf 86/100 Niveau. In Großflaschen dürfte er noch etwas mehr bringen.
Sehr bald getrunken gehört sicher auch der vorher zum Essen genossene 1990 Sammarco. Mitte der 90er war das noch ein feiner, fruchtiger, eleganter Wein, der mit den großen Sammarcos der 80er allerdings nicht mitkonnte. Inzwischen ist das zwar immer noch ein guter Wein, aber der Lack ist entgültig ab, wenig Frucht, der letzte Schluck war einfach nur bitter – 86/100. So war an diesem Tag der erste Wein auch der beste, ein 2004 Bacharacher Hahn Großes Gewächs von Toni Jost. Ein sehr stoffiger, extraktreicher Riesling mit reifen, gelben Früchten, Ananas, Zitrusfrüchte. Feiner Schieferton, bei aller Kraft sehr elegant, tolle Länge am Gaumen – 93/100.
Und nachzutragen hätte ich auch noch einen sehr preiswerten, feinen Wein, den wir in Hardys Weinstuben tranken. 2005 Sauvignon Blanc d´A von der Domaine Astruc ist ein feiner, leckerer Sommerwein, der nach reifer Melone duftet. Frisch, spritzig und elegant mit sympathischen 12,5 % Alkohol – 87/100. Da lasse ich gerne etliche der nicht nur preislich überzogenen Sauvignon Blanc Machwerke aus Neuer und Alter Welt für stehen.
