März 2005
Der Monat fing schon gut an. Bei einem Abendessen im Dado hatte ich eine Magnum 1997 Newton Cabernet Sauvignon Le Puzzle vor mir stehen. Kraftvolle, alkoholische Nase, am Gaumen eher finessiger, massig Beerenfrüchte in Bitterschokolade, Kaffee, reife, cremige Frucht, am Gaumen weich und schmelzig mit langem Abgang, täuscht volle Trinkreife vor, hat aber sicher noch 10-15 Jahre Zukunft, in denen er allerdings nur anders, aber nicht besser werden kann, hoher Spaßfaktor! 95/100. Im Vergleich dazu tranken wir einen 2001 Merus, einen neuen kalifornischen Highflyer mit winziger Produktion. Trotz des gewaltigen Alkohols eher feine, noch etwas verschlossene, verhaltene Nase, aber am Gaumen geht es dann richtig ab, gewaltiges Fruchtkonzentrat nach dem Strickmuster kalifornischer Spitzenweingüter, Kraft ohne Ende, irgendwo müssen die 15,1% ja hin - 95/100.
Und wo wir gerade bei den großkalibrigen Kaliforniern sind, während der Powein konnte ich aus Ann Colgins über den grünen Klee gelobter 2001er Collection den 2001 Colgin Herb Lamb Vineyard trinken. Ganze 360 Kisten soll es von diesem sündhaft teuren Edelteil nur geben. Wie gut, dass ich deutlich mehr als nur den üblichen Probeschluck im Glas hatte. Kräuter ohne Ende, massig Holz, erstaunlich frische Nase, konzentrierte Frucht, intensive Süße, traumhaft balancierter, hedonistischer Stoff, viel zu jung - 95/100.
Für alle drei Weine gilt, wie im übrigen für fast alle modernen Kalifornier, diese Weine sollte man in Gesellschaft trinken und dringend dabei Maß halten. Ein oder zwei Gläser davon sind sensationell und bringen die hohen Punktzahlen ins Glas. Wer von so was eine ganze Flasche trinkt ist selber schuld. Da werden die Weine mit ihrem verdammt hohen Alkohol sehr anstrengend, die Freude lässt nach, Kopf und Zunge werden immer schwerer. Das ist wie wenn Sie sich eine ganze Flasche Parfüm auf einmal antun. Das richtige Maß macht´s.
Bordeaux 2002
Und dann gab es natürlich auch wieder die übliche Arrivage-Probe des neuen Bordeaux-Jahrgangs. Ich hatte aus 2002 Bordeaux nichts subskribiert und war gespannt, ob ich hier nicht doch einen Fehler gemacht hatte. Natürlich wird der neue Jahrgang von den Händlern immer über den Klee gelobt, schließlich soll er ja verkauft werden. Zwei Jahre nach der Ernte sind die neuen Weine zwar am Beginn der Fruchtphase, aber immer noch mit Vorsicht zu genießen. Füll- und Transportstress können das Gesamtbild immer noch trüben. Besser wäre eine solche Probe natürlich im Herbst nach der Füllung, aber dann sind die begehrtesten Weine natürlich schon weg. Hier meine ersten Eindrücke:
2002 Calon Ségur: dichte Farbe, total verschlossenes Nasenbild, am Gaumen bissiges Tannin, da wird extreme Geduld erforderlich sein – 88+/100
2002 Clos l´Abba: weich, offen, gefällig, Lakritz, Gewürze, Lebkuchen, feines Tannin, gute Säure, leicht dropsige Süße, ein Klasse-Wert und eine Top-Empfehlung zum frühen Genuß – 91/100
2002 Cos d´Estournel: dichte Farbe, erstaunlich offen, feines Tannin, schöner Wein, aber nicht sonderlich konzentriert – 92/100
2002 Ferrière – sehr enttäuschender Wein, ziemlich flach und ausdruckslos, Tannine ja, Frucht Fehlanzeige, bitter im Abgang – 85/100
2002 Giscours: dichte Farbe, Röstaromen, Kaffeetöne, gutes, reifes Tannin, Cassis, sehr mineralisch, ein nicht sehr konzentrierter, eleganter Gaumenschmeichler – 92/100
2002 Gruaud Larose: mitteldichte Farbe, verhaltene Nase, kräftige Tannine, maskulin wirkend, braucht viel Luft, dezente Röstaromen, (zu)wenig Frucht. Gruaud entwickelt sich häufig erst nach einigen Jahren in der Flasche richtig. Ich halte diesen Wein aber nicht für einen großen Wurf – 90/100.
2002 Lafite Rothschild: mit diesem Wein hatte ich Probleme. Ok, da war dichte Farbe, Kraft, Schmelz, gute Frucht, aber im Abgang war ein störender, kratziger, leicht säuerlicher Ton, als ob das Lesegut trotz aller Konzentration nicht voll ausgereift war. René Gabriel vergleicht ihn mit 1985. Da lehne ich dann dankend ab, den der hat mit noch nie gefallen – 92/100
2002 Latour: das war die Kraft und die Herrlichkeit. Gefiel mit von allen Premiers mit Abstand am besten, die große Cassis-Oper mit sehr reifer Frucht und ebenfalls mächtigen, aber sehr reifen Tanninen. Auf Latour scheint man derzeit einfach alles richtig zu machen. Bei diesem Wein konnte ich nicht wiederstehen und habe spontan gekauft – 97/100
2002 Leoville Barton: sensationelle Farbe, konzentrierte Frucht, ein sehr komplexer Wein, Röstaromen, Kaffeetöne, die große Holz-Oper, sehr lang am Gaumen, ein Kraftbündel, das sehr viel Geduld verlangt, sicher auf 2000er Niveau, den sollten Sie unbedingt in diesem oder nächstem Jahr in seiner Fruchtphase probieren, denn die 96/100 erreicht er dann erst wieder nach 2015
2002 Leoville Poyferré: immer wieder gegen Barton-verkostet, dem er in dieser Probe einfach das Wasser nicht reichen konnte, lies sehr wenig raus, sehr sichte Farbe, bissige Tannine, gewaltige Astringenz. Eigentlich muß ein solcher Wein in der jetzigen Pase mehr bringen – 90+/100
2002 Lynch Bages: erstaunlich offen und gefällig mit schöner Frucht, sexy und gefällig, bis auf die zu Anfang störende Brettamycose-Nase ein herrlich unkomplizierter Genuß, sicher ein früh trinkreifer Wein – 91/100
2002 La Mission Haut Brion: in der Arrivage.Probe total verschlossen, aber auch etwas dünn und enttäuschend wirkend, ein kleiner La Mission, der sehr viel Geduld erfordert und bei dem ich mir nicht sicher bin, ober er die 90/100 je erreicht oder gar überschreitet
2002 Montrose: tiefe Farbe, verschlossene Nase, am Gaumen ist gute Frucht und viel Konzentration, aber auch viel Tannin und Astringenz, ein Langstreckenläufer mit ungewisser Zukunft – 90/100
2002 Mouton Rothschild: erstaunlich offen mit weicher, cremiger Frucht, feine Röstaromen, braucht sicher noch, erstaunlich lang am Gaumen, wird mal ein etwas größerer 93er mit feineren Tanninen – 93/100
2002 Palmer: schöner, eleganter Wein ohne Tiefgang – 91/100
2002 Péby Faugères: sehr konzentriert, sogar überkonzentriert wirkend, massiver Holzeinsatz, aber dafür zuwenig Frucht, wirkt unharmonisch. Da wollte jemand mit Gewalt aus einem eher mittelmäßigen Wein etwas Großes machen – 88/100
2002 Pichon Baron de Longueville: kraftvoll, üppig, tolle Frucht, sehr lang am Gaumen, trotz aller Kraft viel Schmelz, sehr reifes Tannin, großer Wein und ein unbedingter Kauftip – 95/100
2002 Pichon Comtesse de Lalande: geschmeidig, Merlot-betont, saftig, lecker, aber nicht groß, wird früh reif und trinkbar sein – 91/100
2002 Smith Haut Lafite: dichte Farbe, erstaunlich zugänglich, wirkt schon trinkreif, tolle, druckvolle Aromatik, reife Frucht, schöne Mineralität, Röstaromen, bleibt lange am Gaumen, modern vinifizierter, sehr leckerer Wein, ziehe ich dem erheblich teureren La Mission deutlich vor – 93/100
Insgesamt gefiel mir 2002 im Rahmen dieses kleinen, verkosteten Ausschnitts deutlich besser als 2001, mehr Frucht, reifere Tannine. Das merkte man schon vor einiger Zeit bei Lufthansas Cityline, wo mit dem dort ausgeschenkten 2002 Dourthe No. 1 eine deutliche Qualitätssteigerung gegenüber 2001 spürbar wurde. Kein großer Jahrgang, aber richtig schlechte Weine werden in Bordeaux ja ohnehin keine mehr gemacht. Dazu hat man in der Vinifikation einfach zu große Fortschritte gemacht, und natürlich stehen inzwischen überall für den Notfall die entsprechenden Maschinen im Keller.
Zu großer Hektik besteht aber kein Anlaß. Überall gibt es noch größere Bestände von 1998, 1999 und 2001. Dazu steht mit 2004 ein mengenmäßig riesiger Jahrgang vor der Tür. Das spricht für eher fallende, zumindest stabile Preise
Bei einer spontanen, kleinen Probe im Berens am Kai habe ich ein paar interessante Weine verkostet. 1985 Clos de la Coulée de Serrant war ein stoffiger, fülliger Wein mit kräftiger, aber reifer Säure, schöner Mineralität, in der Nase reife Zitrone und ein Schuß Feuerstein, noch ganz am Anfang und sicher noch 10+ Jahre lagerfähig – 91/100. 1985 war der erste Jahrgang nach vollständiger Umstellung des Weingutes auf biodynamische Prinzipien.
Erschreckt bin ich immer wieder, wie schnell die Garagenweine aus dem Bordelais altern. Da ist leider Le Pin keine Ausnahme. 1994 Le Pin hatte eine feine, rotbeerige Frucht, zeigt zwar noch kein Alter, ist aber deutlich schlanker als vor 4 Jahren und hat große Teile seines Sex Appeals verloren - 93/100. 1995 Le Pin hatte in der Nase Cassis pur, Kaffee, Röstaromen, geiler, voll trinkreifer Wein, aber auch "tanninfrei", weich, schlabberig und ohne Rückrat, sollte in den nächsten 3-5 Jahren ausgetrunken werden - 95/100.
Begeistert hat uns auch 2000 Pingus. Ein würziger, dichter, üppiger Wein, der jetzt einfach Spaß macht – 94/100. Allerdings glaube ich nicht, dass er gut altert, und besser wird er sowieso nicht, im besten Fall anders.
Auch zwei Weine aus dem weinmäßig extrem schwierigen Geburtsjahr von Franz Josef Schorn hatten wir dabei. Ein 1951 Marques de Riscal war schlicht und einfach platt und total madeirisiert. Die große Überraschung des Abends war aber ein 1951 Clos des Lambrays von Cosson. Klar, der Wein hatte eine helle Farbe, aber das haben viele junge Burgunder auch. Aber was für eine sensationelle Aromatik, der Wein wurde im Glas immer besser, Finesse pur, irre frisch wirkende Pinot-Nase, am Gaumen totale Harmonie und gute Länge, geht locker als deutlich jüngerer Wein durch – 92/100. Alte Clos des Lambrays sind einfach eine Bank.
Ostern auf Sylt heißt nicht nur eine knallvolle Insel und ebenso volle Restaurants. Es heißt auch interessante Leute und viele Gelegenheiten, mit neuen und alten Weinfreunden zu reden und zu trinken. Mein Sylter Osterwochenende begann in der legendären Sansibar. Ein Besuch beim sympathischen Michael Hamann, der nicht nur ein profundes Weinwissen besitzt, sondern auch über einen legendären Keller gebietet, ist immer ein Erlebnis.
Hier hatte ich plötzlich drei sehr unterschiedliche Weißweine auf dem Tisch. Sehr schön war der 2001 Ramey Chardonnay Hyde Vineyard, ein für 14,5% Alkohol erstaunlich eleganter Wein. Etwas verhaltene Nase mit gelben Früchten, am Gaumen sehr nachhaltig mit Honigmelone, schöner Mineralität und gut eingebundener, aber deutlicher Holznote – 91/100(ich war hier geizig, am Tisch wurde er teilweise deutlich höher bewertet). Sensationell die 2003 Grüner Veltliner Vinothekabfüllung von Knoll, würzige Nase mit viel weißem Pfeffer, mit Temperatur kam dazu üppige, cremige Steinobstfrucht und Marille. Für das Jahr erstaunlich gut proportioniert mit rassiger Säure und der typischen, hohen Mineralität. Erstaunlich ist immer wieder, wie Knoll bei aller Kraft diese spielerische Leichtigkeit und Eleganz hinbekommt. Da ist er schon eine Art Haag des Grünen Veltliners – 96/100. Völlig aus der Art schlug der 1996 Marcassin Marcassin Vineyard. Blind wäre ich da nie auf einen kalifornischen Chardonnay gekommen. Irre mineralische Burgund Stilistik mit Lakritz und vor allem Anis. Von der Art her ein ganz großer Corton Charlemagne. So perfekt strukturiert, so unglaublich lang am Gaumen, das ist schon absolute Weltklasse – 97/100. Aber Vorsicht, das ist schon Wein für Fortgeschrittene. Der springt nicht aus dem Glas und macht spontan an, den muss man sich erarbeiten, erriechen und erschmecken. Bevor Sie damit jemandem eine Freude machen wollen und dann ein unerwartetes „Schatzi, kann ich nicht lieber etwas Leckeres haben“ ernten, sollten Sie diesen Wein in lieber eine Probe stellen. Marcassin ist so rar, das trinkt man nicht alleine oder zu zweit, das gehört mit Gleichgesinnten geteilt.
Ob der Unterschied zwischen Österreichern und Deutschen darin besteht, dass uns das Zweigelt-Gen fehlt? Jedenfalls konnten wir zu mehreren mit dem hochgelobten 2000 Salzberg des Weinguts Heinrich nicht viel anfangen. Da gefiel uns dann 1989 Gazin, einer der Vins de Plaisir der großen Petrus-Probe auch in der 1tel schon deutlich besser. Ein derzeit traumhaft schön trinkbarer, druckvoller Merlot mit soviel Schokolade drin, dass man ihn auch als Dessert nehmen kann – 94/100.
Am nächsten Abend bei Jörg Müller, der wieder grandios aufkochte, erfolgte ein perfekter Start mit der 2002 Niederhäuser Hermannshöhle Spätlese trocken von Dönnhoff. In einem normalen Haus wäre dieser Riesenwein wohl in einem zu kleinen Glas verkümmert. Hier wurde er, dem überaus professionellen Weinservice des Hauses entsprechend, rechtzeitig dekantiert und in großvolumigen Gläsern serviert. Kräftiges, brilliantes Gelb, traumhaftes Bouquet mit reifem Pfirsich, vor allem aber einer unerhörten Mineralität, auch am Gaumen mineralische Noten pur, wie eine flüssige Gesteinsprobe, tolle Länge, ein präzise definierter Weltklassewein, so vielschichtig und komplex, dabei noch sehr jung mit großer Zukunft – 97/100. Neugierig war ich auch auf 1989 Trotanoy, der ja auf der Petrus-Probe aus der Impi leider korkte. Sicher kein reifer Schmeichler, sehr verhaltene Nase, am Gaumen sehr kräftig, Bitterschokolade mit 80% Kakao, pflaumig, erdig und lang, im Abgang leichte Bitternoten, sicher noch Zukunft – 92/100. Eine relativ helle Farbe hatte 1985 Talbot, der damals bei allen Cordier-Weinen übliche „Cordier-Stinker“(Brettamycose) pur, darunter feine, rotbeerige Frucht, aber auch schon leicht gezehrt wirkend, hat wie viele 85er seinen Höhepunkt schon hinter länger hinter sich, aus Müllers hervorragendem Keller immer noch erstaunlich schön auf 87/100 Niveau, ich kenne ihn auch deutlich schlechter. Grandios dann wieder der letzte Wein, 1989 Le Gay. So jung, würzig und kräuterig mit sehr dichter, junger Farbe. Erst ganz am Anfang der Genussreife, wirkte noch etwas dichter und kräftiger als auf der Petrus-Probe, immer noch kräftiges Tannin – 95/100.
Sehr gerne bin ich auch in Hardy´s Weinstuben. Da habe ich schon manchen tollen Wein auf der Raritätenkarte gefunden. Auf den 1994 Canon, an den ich mich diesmal heranwagte, trifft leider nur der Spruch „nicht schön, aber selten“ zu. Ein rustikaler, staubtrockener Kraftbolzen ohne jede Frucht, am Gaumen austrocknend mit deutlichem Bitterton im Abgang. Ideale Einstimmung auf einen alkoholfreien Tag – 80/100. Faszinierend an La Mission ist immer, wie die selbst in schwachen Jahren diese sensationelle Nase hinbekommen. Der 1992 La Mission ist da keine Ausnahme. Umso größer ist natürlich die Enttäuschung, wenn man den Wein trinkt. Der ist beileibe nicht schlecht, aber eben doch ein kleinerer, im Abgang etwas spitzer Wein aus einem schwachen Jahr 88/100. Ganz gefällig und voll trinkreif war der 1999 Mont Redon Chateauneuf-du-Pape, reife Kirschfrucht, etwas Tabak und Leder, am Gaumen Veilchen und Lakritz, eigentlich ein recht schöner Wein auf 88/100 Niveau, aber immer noch deutlich von der alten Klasse entfernt. Mont Redon hat früher mal richtig große Weine erzeugt, aber das ist leider lange her.
Der Monat endete mit einer kulinarischen Probe in kleinem Kreise. Wir starteten mit einem 1996 Kongsgaard Chardonnay. Noch kein bisschen Schwäche zeigte dieser große kalifornische Chardonnay, den ich seit 1999 über sechs mal getrunken habe. Kräftige goldgelbe Farbe, in der Nase wohl definierte, reife, exotische Früchte, dazu eine kräftige, aber gut eingebundene Holznote. Nicht mehr ganz so üppig wie in früheren Jahren. Am Gaumen erstaunlich elegant und schlank, sehr lang im Abgang mit ganz dezenter Süße – 95/100.
Erst kürzlich las ich im Wine Spectator, wie sich Kalifornien Experte James Laube über die 80er Jahre als die Phase der säurereichen, harten Weine in Kalifornien ausließ. Dann sind wir wohl jetzt in der Phase der mangelnden Geduld. Viele dieser völlig zu Unrecht kritisierten 80er Kalifornier haben sich inzwischen prächtig entwickelt. Das war eben noch die Zeit, als in Kalifornien handwerklich saubere Weine in klassischer Bordeaux-Stilistik mit erfreulich niedrigen Alkoholwerten produziert wurden. Zwei dieser Prachtexemplare hatten wir an diesem Abend im Glas. 1985 Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve zeigte in brillianten Farbe noch kein Alter, in der Nase wunderbare Kirschfrucht, Leder, am Gaumen weiches Tannin, dabei seidig, elegant und mit schöner Länge am Gaumen, entwickelte mit der Zeit leichten Minzton. Ein großer Wein, der noch lange nicht am Ende ist und sich noch gut 10+ Jahre weiterentwickeln dürfte – 95/100. Ungewöhnlich der 1985 Beaulieu Private Reserve George de Latour. Sensationell dichte Farbe, reife Cabernet Nase, überreife Banane, Kaffeetöne, am Gaumen weich, vollreif, kaum noch spürbares Tannin, aber viel Säure, entwickelte mit der Zeit malzige Süße, die an große Riojas erinnerte. Sicher ein Wein, der jetzt getrunken gehört. Wenn Sie davon eine Kiste haben, heben Sie trotzdem 1-2 Flaschen für 10 Jahre auf, da könnte noch etwas spannendes draus werden – 91/100.
Die Klasse älterer BV´s zeigte der 1978 Beaulieu Private Reserve George de Latour. Durchaus noch junge Farbe. Klassische, junge Bordeaux-Nase mit feiner Minze, Tee, am Gaumen kräftige Säure, aber auch Süße, ewig lang im Abgang, ein Riesenwein, der mit der Zeit deutliche Ruccola-Töne entwickelte. Sicher reif und auf dem Punkt, in dieser perfekten Flasche locker 95/100 wert.
Groß auch der 1992 Ferrari-Carano Reserve. Ein Weinstil, der heute so in Kalifornien leider keine Zukunft mehr hat. Reife Johannisbeere, schöne Mineralik, dezente Holznote. Am Gaumen leichte Tannine, feines Süße/Säurespiel, insgesamt sehr elegant und finessig. Da ist überhaupt nichts plumpes, aufdringliches, stattdessen rote Eleganz pur. Wenn Wilhelm Haag in Kalifornien Weine machen würde, das wäre sein Stil – 93/100.
Ich war mir ziemlich sicher, das im Glas vor mir musste der erst vor wenigen Tagen getrunkene, großartige 89er GPL sein. War es aber nicht, sondern 1982 Grand Puy Lacoste. Der Finessenmeister aus Pauillac präsentierte sich wieder erstaunlich jung mit rauchiger, fruchtiger Nase, reifer Johannisbeere, am Gaumen der perfekte Spagat zwischen seidiger Eleganz und Kraft, ein Wein zum Kauen mit dezenter Süße und unendlichem Abgang. Ein Top 82er, der alles hat, außer einem berühmten Namen. Deshalb sind GPL´s eigentlich immer ein guter Kauf – 96/100.
Was habe ich mit 1993 Mouton Rothschild schon viel Spaß gehabt. Das ist der würdige Nachfolger des 85er Mouton, die große Röstaromen-Oper, ein geiler, offener Saft, an dem ich stundenlang riechen könnte, nach einer kurzen Phase, in der er etwas verschlossen wirkte endlich wieder voll da. Nur am Gaumen etwas kurz – 93/100. Schöner wird dieser Wein sicher nicht mehr. Ich befürchte, dass er in ein paar Jahren das Schicksal des ähnlich offenen, zugänglichen 85ers erleidet und seine offene Opulenz verliert. Als vorher trinken.
Auch zwei große Australier hatten wir an diesem Abend im Glas. Spätestens da merkte ich, dass ich zum Weinjournalisten nicht geboren bin. Die Parkers und Gabriels dieser Welt müssen(oder besser gesagt: müssten!) quasi alle Weine unparteiisch von höherer Warte aus beurteilen. Ich habe da ganz offen gesagt mit Australien inzwischen meine Probleme. Viele dieser Weine sind mir zu marmeladig, zu dick. Nichts gegen Süße, die ist speziell in älteren Weinen sehr faszinierend. Aber was hier ins Glas kommt, erinnert mich häufig an drei Zentimeter dick Nutella aufs Brot.
1994 Jim Barry The Armagh hatte eine pfeffrig-würzige Nase, war süß, portig, Erdbeerkonfitüre, ein Wein, den man so auf ´s Brötchen schmieren könnte, tat mit seiner irren noch jugendlichen Süße fast weh am Gaumen. Fans werden so was sicher mit 95+/100 bewerten.
Mir gefiel im Vergleich der 1994 Penfolds Cabernet Sauvignon Bin 707 deutlich besser, da er etwas mehr Struktur besaß. Aber auch hier war sehr üppige, süße Frucht, Blaubeere, Cassis, irre Süße auch am Gaumen, sehr intensiv, mir zu dick, wirkte immer noch recht jung und fast altersfrei, andererseits sind die Tannine kaum spürbar. Ich kann mich noch gut an die ersten 1997 getrunkenen Flaschen dieses Weines erinnern, schwarz wie Ägyptens Nächte, kräftiges, forderndes Tannin. Seitdem hat der 707 deutlich an Kontur verloren. Er ist breiter und leider auch langweiliger, eindimensionaler geworden – 92/100(auch hier gilt: für Fans mehr).
