März 2006
Grosskampftag
Was macht man mit einem März-Sonntag, an dem der Winter einfach nicht weichen will und der nächste Berg zum Skilaufen einfach zu weit weg ist? Man feiert zum Beispiel seinen Geburtstag nach. Diese grandiose Idee hatte Franz Josef Schorn, Inhaber des gleichnamigen Düsseldorfer Restaurants. Der überredete seinen Freund Holger Berens(Berens am Kai), ein formidables 6-Gang-Menü zu kochen, und lud 14 Weinfreunde ein, die jeder eine schöne Magnum oder zwei entsprechende 1tel mitbringen sollten. Alle kamen, keiner ließ sich lumpen, und so wurde aus einem Sonntag-Nachmittag ein Wein-Großkampftag.
Wir starteten mit einer 1990 Wehlener Sonnenuhr Riesling Auslese Magnum aus der Kollektion Kerpen. Immer noch sehr frisch war dieser halbtrockene Wein mit der wunderbaren, typischen Eleganz der Wehlener Sonnenuhr, feine Frucht, kaum Süße, nur ganz dezente, erste Reife und schöne Länge am Gaumen – 91/100.
Für deutlich älter hielt ich den nachfolgenden 1990 Dom Perignon, eingeschenkt aus zwei identischen 1teln. Der wirkte schon so weit und reif, da musste ich an die Flaschenvariationen bei diesem sonst hochgelobten Champagner denken. Zwar sehr fein und elegant, um nicht zu sagen harmlos, aber eben nicht mit der Kraft und Ausdrucksstärke des 90ers. Da waren nicht mehr als 90/100 im Glas. Und da ich das alles nicht sehr spannend fand, ließ ich einen größeren Schluck im Glas und vergaß ihn dort. Und das war gut so. Nach einer Stunde hatte sich der Dom Perignon mit Luft und Temperatur im Glas sensationell entwickelt. Da war plötzlich Komplexität und Struktur, ein völlig anderer, deutlich besserer Wein. Klares Fazit, schön öfter erfolgreich ausprobiert, ein Jahrgangschampagner mit Ladehemmung gehört dekantiert und anschließend ab in größere Gläser. Da geht zwar ein Teil des Mousseux verloren, doch tun sich dafür ungeahnte Geschmackswelten auf. Wer eher auf das große Sprudelerlebnis setzt als auf geschmackliche Finesse, der sollte ohnehin von reiferen Jahrgangschampagnern wegbleiben und sich mit aktueller Krawallbrause im Supermarkt eindecken.
Als erster, trockener deutscher 100-Punkte-Wein(allerdings nicht Parker, sondern Wein-Plus) machte die 2002 Hochheimer Hölle Auslese trocken Goldkapsel von Künstler Furore. Wir tranken ihn aus zwei praktisch identischen 1ten. Der Wein machte einen schon sehr runden, reifen Eindruck, wirkte auf der anderen Seite aber auch etwas verschlossen. Verhaltene Nase, wenig Frucht, die mineralischen Komponenten überwiegen. Die Ansage des edlen Spenders, „jetzt trinken wir den 100 Punkte Wein“, hatte neugierig gemacht und hohe Erwartungen geweckt, und so suchte und suchte man im Glas. Klar, das ist kein schlechter, sogar ein sehr guter Wein. Kraftvoll, extraktreich, sehr mineralisch und mit guter Struktur, aber auch etwas harmlos und sehr zurückhaltend. Ging in dieser Probe eigentlich völlig unter und war mit 92/100 gut bedient.
Auf dem Punkt dann ein wunderbarer 1982 Les Forts de Latour mit den klassischen Aromen eines reifen Latour und toller Länge am Gaumen – 94/100. Medizinal ohne Ende kam danach mit sehr reifer Farbe ein 1964 Ausone ins Glas, Jod, Penicillin, aber auch feine Süße, Lakritz. Der medizinale Ton verschwand mit der Zeit mehr und mehr, der Ausone baute wunderbar im Glas aus, wurde gefälliger, weicher, runder mit schöner Länge am Gaumen – 93/100. Immer noch erstaunlich dicht und jung war 1985 Gruaud Larose aus der Magnum. Leder, Zedernholz, Tabak, schweißige Aromen, hat sicher noch eine längere Zukunft und war in dieser Magnum vom Reifepunkt noch ein paar Jahre entfernt – 92/100.
Einer der beiden Korken habe etwas komisch gerochen, meinte hinterher unser schedischer Freund. Trotzdem hatte er die beiden Flaschen 1996 Grand Merlot von Irvine in eine Karaffe dekantiert. So versaute die schlechte Flasche die gute, jammerschade. Da konnte man den großen Wein mit Bitterschokolade und Minze, der in guten Flaschen sicher ein gigantisches Potential hat, nur noch erahnen.
Nicht groß, aber doch wunderbar gereift und sehr schön zu trinken war aus der Magnum von der Rhone ein 1982 Vacqueyras, abgefüllt von der dortigen Kooperative. Das war zwar kein Riesenwein, hatte aber eine schöne Nase, faszinierende, vielschichtige Aromatik, relativ helle Farbe, zart, elegant, burgundisch, würzig 87/100. Mehrfach durfte ich in der letzten Zeit 1982 Cos d´Estournel trinken. Mal noch etwas verschlossen, mal schon verdammt reif. Diese Magnum aus perfektem Keller war noch so jung, dicht und etwas verschlossen, sehr junge Farbe, immer noch mit violett-Reflexen, erst ganz am Anfang ihrer Entwicklung – 95/100. Die nächste Magnum war ein 1985 Cheval Blanc, wieder mit dieser irren, unnachahmlichen Cheval Blanc-Nase, feinduftig, elegant mit rotbeeriger Frucht, aber auch leicht störenden, grünen Tönen, die am Gaumen immer stärker wurden – 94/100. Sicher keine ganz perfekte Flasche. Viel zu jung danach aus der Magnum 1995 l´Evangile. Vor drei Jahren war das ebenfalls aus der Magnum, ein erstaunlich reifer und gefälliger, wunderbar hedonistischer Trinkgenuss. Inzwischen hat er sich komplett verschlossen mit mundbeschlagenden, massiven Tanninen und lässt das grope Potential nur erhahnen – 92+/100.
Zum Hauptgang gab es aus der Doppelmagnum einen 2000 Brunello di Montalcino von Vasco Sassetti. Anstrengende Nase mit Brettamycose ohne Ende, schöne Frucht, aber auch ein gewöhnlicher, relativ dünner Stoff – 88/100.
Darf man meckern, wenn man 96/100 im Glas hat? Meckern sicher nicht, aber schon eine gewisse Wehmut erfinden. Klar ist die 1982 Pichon Comtesse de Lalande immer noch ein wunderbarer Wein mit viel Schmelz und Würze, aber die 100/100 Jahre sind wohl um.
Noch nie so gut getrunken wie an diesem Nachmittag habe ich 1983 Leoville las Cases. Die zu Anfang irritierende Brettamycose-Nase verflog sehr schnell, ein konzentrierter, immer noch jugendlich wirkender Wein mit schmelziger, süßer Frucht. Macht einfach unglaublichen Spaß und ist wohl trotz immer noch jung wirkender Farbe auch dem Genuss-Höhepunkt – 93/100.
Weiter ging es mit einem famosen 1990 Hermitage La Chapelle von Jaboulet-Ainé. Klar ist der noch meilenweit von der eigentlichen Trinkreife entfernt, aber er wirkte an diesem Abend so fein, so aromatisch und dabei so lang und so dicht. Nördliche Rhone vom Allerfeinsten, aber immer noch verdammt jung mit irrem Potential, jetzt in einem faszinierenden Zwischenhoch – 95/100. Bis zu den 100/100, für die er als möglicher Nachfolger des legendären 61ers durchaus das Potential hat, dürfte es bei der massiven Tanninstruktur aber noch gut 10 Jahre dauern.
Trinkreif und einfach geil ging es weiter mit einem 1991 Silver Oak Napa Valley. Auf diesem Gut wurde von Mitte der 80er bis Anfang der 90er einfach Traumstoff erzeugt. So auch dieser Wein mit verschwenderischer Cassis- und Johannisbeerefrucht ohne Ende, mit der feinen Dillnote, der süßen amerikanischen Eiche und den reifen Tanninen. Unkomplizierter Genuß auf hohem Niveau, immer noch jugendlich frisch – 94/100.
Dagegen wehrte sich der 1988 Gruaud Larose aus der Magnum, getrunken zu werden. Dichte, tintige Farbe, sehr jung, verschlossen, aber mit reichlich Potential. Dem würde ich noch gut 5-10 Jahre geben, dann wird er wie so viele der massiv unterschätzten 88er für eine sehr positive Überraschung sorgen und deutlich mehr als die heutigen 89/100 ins Glas bringen.
Überhaupt nicht aufregend fand ich 1986 Figeac aus der Magnum. Ein solider, immer noch recht junger, schöner, aber auch langweiliger Wein – 87/100.
Verdammt alt danach 1966 Calon Ségur aus einer nicht optimalen Magnum – 84/100. Nur das deutlich bessere Depot zeigte noch vergangene Größe.
Bei einem Genussmenschen wie Bernd Philippi erscheint kaum vorstellbar, dass er seine Weine so ausbaut, dass seine Nachfahren mehr davon haben als er selbst, doch der 1999 Philippi Pinot Noir RR zeigte das wieder sehr deutlich. Aus der Magnum wirkte der so extrem jung und verschlossen. Großer Wein mit irrem Potential, das man nur erahnen kann, die intensive Frucht hat den geballten Holzeinsatz gut weggesteckt, am Gaumen ist der Wein ungemein druckvoll, einfach noch mal 5+ Jahre vergessen – 93+/100.
Eigentlich bestand an diesem Nachmittag, aus dem inzwischen ein Abend auf dem Weg zur Nacht geworden war, keine Gefahr, dass irgend jemand zuwenig zu trinken bekommen würde. Und trotzdem kam mit einer Doppelmagnum 1990 Chasse Spleen noch mal Nachschub für alle zu kurz Gekommenen. Der machte in großen Schlucken aus der großen Flasche sehr viel Spaß, sehr fruchtig, terroirbetont, erdig, etwas rustikal mit schöner Länge am Gaumen, jetzt in der Genussphase, wo er aber sicher noch 10 Jahre bleiben dürfte – 91/100. Oder auch länger, wenn man die faszinierende Vorstellung des darauf folgenden 1961 Chasse Spleen aus der Magnum betrachtet. Auch der wirkte noch so jung und frisch mit delikater Frucht, aber auch Kaffee ohne Ende und Terroirnoten, noch lange nicht am Ende – 93/100.
Wie gut, dass Wein nicht lesen kann. „Past Maturity“ steht bei Robert Parker zum 1966 Hermitage La Chapelle von Jaboulet Ainé und der Weinwisser mahnte schon 1998 „austrinken“. Der Grund wird wohl darin gelegen haben, dass sich dieser Wein so säurearm und zugänglich präsentiert und damit den Eindruck absoluter Reife vermittelt. Das war an diesem Nachmittag im März 2006 nicht anders. Nur, wenn hier jemand schwächelte, dann waren das inzwischen wir, nicht aber dieser grandiose Tropfen. Sensationelle Nase, warme Frucht, feine Textur, sehr druckvolle Aromatik und tolle Länge am Gaumen, ein ganz, ganz großer Hermitage La Chapelle ohne das geringste Anzeichen von Schwäche, würde (und werde!!) ich in gut gelagerten Flaschen suchen – 96/100.Wohl dem, der damit in diesem Jahr seinen 40er feiern darf.
Die Gier nahm kein Ende, so kam aus Schorns riesiger Weinkarte noch ein 1985 Grgich Hills Cabernet Sauvignon auf den Tisch des Hauses. Ein perfekter Abschluß dieses vinologischen Großkampftages. Ein großer, sehr komplexer Wein mit toller Aromatik, sehr elegant und mit schöner Länge am Gaumen, macht es sicher noch etliche Jahre, von der Stilistik her eher Medoc als Kalifornien - 94/100.
Kork oder kein Kork?
Nicht immer ist ein Korkton sofort als solcher zu identifizieren. Oft beginnt er unterschwellig, ein etwas dumpfer Ton überlagert die Frucht. Man ahnt, dass da etwas nicht stimmt, kann es aber noch nicht genau zuordnen. Schließlich kann es auch ein Kellerton sein, der mit der Zeit weggeht. Sehr schwierig also, wenn man einen solchen Wein mit dem ersten Probeschluck absegnen und dann im Restaurant nach dem Gebrauchtwagenmotto „gekauft wie besichtigt“ in Besitz nehmen soll. Ich ziehe es eigentlich vor, einem nicht eindeutigeg korkigen Wein eine Chance zu geben. Oft verschwinden Fehltöne mit etwas Luft und der vermeintlich fehlerhafte Wein entpuppt sich als großartig. Und wenn nicht?
Diese Situation hatte ich kürzlich im Le Chat-Botté, dem hochdekorierten Restaurant des Genfer Hotels Beau-Rivage. Auf der sensationellen Weinkarte, die bis weit in die 20er zurückreicht, war uns ein preislich recht interessanter 1985 Grand Puy Lacoste aufgefallen. Ein Jahrgang dieses von mir sehr hochgeschätzten Weines, der mir bisher seltsamerweise noch nie untergekommen war. Dichte, immer noch jugendlich wirkende Farbe, aber wo war die delikate Frucht, die sonst die GPL´s auszeichnet? Stattdessen erdige, dumpfe Aromen, Waldboden, etwas muffig – eine fehlerhafte Flasche, oder einfach auf dem Weg ins vinologische Niemandsland, wie so viele 85er, die einfach ihre Frucht und ihren Charme verlieren und, obwohl immer noch trinkbar, vor sich hindümpeln? Wir gaben dem Wein eine Chance. Doch der alles überlagernde Fehlton wurde mit der Zeit immer stärker, es war eindeutig Kork. Der Sommelier brachte eine zweite Flasche. Die zeigte, diesmal nicht dekantiert, zu Anfang die feine Johannisbeerfrucht von Grand Puy Lacoste. Doch leider hielt dieser Zustand nicht lange an. Auch hier traten die eher dumpfen Aromen immer stärker in den Vordergrund. Diese Flasche war nicht korkig, aber sie zeigte, dass der 85er Grand Puy Lacoste zumindest in Normalflaschen seine beste Zeit schon hinter sich hat. Wie bei vielen 85er Bordeaux ist die schöne Farbe alles, was noch von besseren Zeiten geblieben ist – 88/100 mit deutlich fallender Tendenz.
Bestätigt wurde dies übrigens vom sehr kompetenten, engagierten Sommelier des Hauses, der aus der Erfahrung der letzten Monate von zahllosen 85er Bordeaux berichtete, die einfach einen müden Eindruck machten.
Gestartet waren wir in diesen Abend zu einem grandiosen Menü, dass die 17 GaultMillau-Punkte des Hauses voll wert war, mit dem Weißwein von Clos Mogador. Ich bin eigentlich kein großer Fan spanischer Weißweine, aber der 2003 Nelin war schon beeindruckend. Brilliantes, reif wirkendes Goldgelb, aber am Gaumen eine erstaunliche Frische. Ein Wein, der eine gewisse Temperatur und Luft brauchte und Dekantieren sicher vertragen hätte. In der Nase Zitronentöne, Biskuit, aber auch Dörrfrüchte und getrocknete Kräuter. Entwickelte am Gaumen sehr gute Länge und Komplexität mit schöner Mineralik. Man spürt förmlich die Sommerhitze eines felsigen Weinberges mit Reben, die sich ihre Nahrung und Feuchtigkeit in großer Tiefe suchen – 91/100. Passt sehr gut auch zu kräftigeren Vorspeisen und Fischgerichten.
Erstaunt war ich zum Ende des Menüs über einen 1998 Chateauneuf-du-Pape Clos des Papes. Konnte der schon so reif sein? Ein sehr reif, weich und burgundisch wirkender Chateauneuf, aromatisch, würzig, pfeffrig, aber auch etwas schlabberig, sicher nicht der beste Jahrgang dieses Gutes – 89/100. Krasses Gegenstück dazu war ein deutlich preiswerterer 2001 Domaine de la Soumade Rasteau, von dem wir noch einen Schluck probierten. Der strotze vor Kraft und Alkohol, dazu konzentrierte Frucht und massig Lakritz. Kam der Clos des Papes eher auf leisen Sohlen dahergeschlichen, so polterte der Rasteau durch den Saal. Ungestüm, aber auch etwas ungehobelt und sicher erst ganz am Anfang seiner Entwicklung – 87+/100.
Klug gewählt
Sehr klug und generös zusammengestellt war eine Probe, zu der mich mein Weinfreund Horst Wittgen eingeladen hatte. Der Start in einen schönen Weinabend erfolgte mit 1990 Dom Perignon. Der war deutlich frischer und nachhaltiger als zwei Wochen vorher bei Franz Josef Schorn – 95/100.
Im ersten Weißweinflight standen sich als ungewöhnliche Kombination ein trockener und ein restsüßer Wein gegenüber. Unschwer zu erkennen für Idig-Fans war der 2003 Königsbacher Idig von Christmann aus der Pfalz. Überrascht hat mich allerdings der Jahrgang. Den hatte ich aus dem letzten Jahr dicker, säureärmer und süßer in Erinnerung. Vor uns stand jedoch ein erstaunlich feiner, mineralischer Wein mit sehr kräuteriger Note, Salbei etwas Anis, reife Frucht – 92/100. Wahrscheinlich war es aber auch dem Kunstgriff des Gastgebers zuzuschreiben, der dem Idig einen restsüßen Wein gegenüberstellte und ihn so trockener und mit höherer Strahlkraft erscheinen ließ. Die 2003 Gantenbein Riesling Auslese war einfach pralle Lust am Leben und wirkte genauso sympathisch wie der Winzer selbst. Feines Süße-/Säurespiel, hoher Extrakt, macht einfach unglaublich viel Spaß – 93/100.
Im zweiten Weißweinflight stand zweimal Peter Michael vor uns. Der 2001 Peter Michael Chardonnay Mon Plaisir kam sehr vanillig mit cremiger, exotischer Frucht und beachtlicher Länge auf den Tisch und wirkte durch die gute Säure recht frisch und harmonisch. So weit so gut. Doch da unsere Runde nicht so groß war, gab es noch ein zweites Glas. Und da hörte das Plaisir plötzlich auf, der Wein wurde dick und sättigend – 91/100. Ganz anders der 2001 Peter Michael Chardonnay Belle Côte, ein sehr würziger, kräftiger, nachhaltiger Wein, der in Richtung eines großen Meursault ging und auch beim zweiten Glas noch viel „Plaisir“ erzeugte – 94/100.
Ein mächtiger, üppiger Wein mit schon fast Amarone-ähnlicher Aromatik war 2000 Montepeloso Gabbro. Rabenschwarze Farbe, mehr Kraft als Finesse, dunkle Früchte, Lakritz, noch etwas unfertig und verschlossen wirkend, aber mit Riesenpotential 94+/100. Da wirkte der 2000 Harlan im direkten Vergleich fast filigran gegen. Kein großer, aber ein sehr schöner, harmonischer Harlan mit feinem Schmelz. Da muß man auf nichts mehr warten. Der zeigt heute schon alles, was er hat – 94/100.
Hocharomatisch, voll auf dem Punkt und mit toller Länge am Gaumen war 1990 Bruno Giacosa Barolo Falletto di Serralunga. Mit seiner hellen Farbe hätte er auch als Rioja aus den 30ern durchgehen können. Ein klassischer, großer Barolo alter Machart – 93/100.
Sehr gut gefallen hat mir 1990 Pape Clement. Das ist zwar auf der einen Seite ein sehr kräftiger, dichter Wein mit plaumig-mineralischem Bouquet und feinen Lakritz- und Schokotönen. Auf der anderen Seite wirkt er aber auch sehr harmonisch und fein konturiert. Erst ganz am Anfang einer langen Genussreife – 94/100.
Schade, dass 1985 Mouton Rothschild entgültig ins tragende Fach gewechselt ist. Was war das noch vor ein paar Jahren für ein traumhaft-hedonistischer Weingenuß. Doch statt Zauberflöte wird jetzt Bruckner gespielt. Kraft, Farbe, Länge – alles noch da, nur halt der Schmelz nicht mehr – 90/100. Korkig leider der 1985 Beaulieu Private Reserve George de Latour, dessen dichte Fabre eigentlich neugierig gemacht hatte.
Noch ganz am Anfang einer sicherlich sehr langen Genussreife 1990 Margaux. Das ist die modernere Variante der berühmten Eisenfaust im Samthandschuh, durch die sich große Margaux früherer Jahre auszeichneten. Immer noch recht verschlossen, lässt seine Größe aber erahnen, sehr fruchtig, intensiv, dicht und lang. Bei aller Kraft aber elegant und fein strukturiert. Da sind heute schon 96+/100 im Glas, das Potential für 98-100 hat er.
Von allen alten Heitz dürfte er nach wie vor der jüngste sein, der 1976 Heitz Martha´s Vineyard. Superdichte Farbe, Eukalyptus ohne Ende, kräuterig, baut toll im Glas aus und hört am Gaumen überhaupt nicht mehr auf. Ein Riese mit sicher noch 20 Jahren Potential – 97/100. Das werden die neueren, auf Ex und Hopp getrimmten Edelkalifornier nicht mehr hinkriegen.
Faszinierend auch wieder 1986 Silver Oak Alexander Valley. Dieses Gut hat in den 80ern und bis 1992 grandiose Weine mit gutem Alterungspotential gemacht. So auch dieser Wein, den ich über die Jahre sicher mehr als ein Dutzend mal getrunken habe. Delikate, feine Johannisbeere, so frisch mit der Silver Oak-typischen Dillnote, mineralisch, die Süße der amerikanischen Eiche, ein spannender Wein, der immer wieder Lust auf einen weiteren Schluck macht - 93/100.
Noch nie so gut getrunken habe ich den 1996 Chateau St. Jean Cabernet Sauvignon Sonoma County Cinq Cepages. Der hatte so eine verschwenderische Süße, jede Menge Nougat, Marzipan, ein ganzer Süßwarenladen, dabei nicht plump, sondern kraftvoll und gut strukturiert. Dürfte jetzt auf dem Höhepunkt sein – 95/100.
Sicher noch ein Trinkfenster von gut 20 Jahren hat der 1942 Marques de Murrietta Castillo YGAY, von dem wir ein besonders gutes Exemplar auf dem Tisch hatten. Oft hatte speziell bei diesem Jahrgang eine etwas zu kräftige Säure den Gesamteindruck gestört. Bei dieser Flasche war das nicht der Fall. Das war alter Rioja vom Feinsten, kraftvoll, schmelzig, deutlich jünger wirkend mit feiner Süße und absolut stimmig – 95/100.
Den Abschluss dieser schönen Probe bildete 1987 Guigal La Mouline, ein sehr reifer, klassischer La Mouline mit burgundischer Kraft und Fülle – 93/100.
Prowein 2006
Viel Spannendes ist rund um die Prowein passiert. Mehr dazu hier.
...und dann gab noch
...einen neuen spanischen Wein von Vinedos de Paganos, den 2001 El Puntido, ein Rioja aus 100% Tempranillo. Üppige, cremige Frucht, Kirsche, reife dunkle Früchte, Cassis ohne Ende, schöne Mineralität, Röstaromen, etwas Schokolade und viel Espresso, reifes, süßes Tannin, wirkt insgesamt etwas glatt, gemacht und poliert, im Gegensatz zu den Numathias dieser Welt ein eher internationaler, gefälliger Stil, dazu reichlich dick, das erste Glas ist noch ganz schön, doch mit der Zeit wird der Wein langweilig, da fehlt einfach die Spannung, Fans von Weinen aus der neuen Welt sollten diesen Wein trotzdem mal probieren. Der Winespectator hat ihm 95/100 gegeben, was ich aus deren Sicht nachvollziehen kann. Bei mir sind es - 91/100
