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März 2009

D A S   R Ö S S L I   U N D   D E R   D O M I N U S 

Mit dem Rössli hat Bad Ragaz ein ganz besonders Schmuckstück. Zum puristisch gestylten Restaurant, in dem sich mit Ueli Kellenbergers Küche hervorragend speisen lässt, sind jetzt sehr gelungene, völlig neu gestaltete Zimmer gekommen, die aus dem Rössli ein sehens- und vor allem natürlich auch schlafenswertes Boutiquehotel machen. Grandios nach wie vor die mit viel Liebe und Kenntnis zusammengestellte Weinkarte. Kein Wunder, dass das Rössli die Cantina der Gantenbeins und vieler anderer Winzer aus der Region ist. Und aus eben dieser Karte gönnten wir uns zum späten, schnellen Mittagsmahl eine halbe Flasche 1998 Ridge Monte Bello. Der hat sich sehr gut entwickelt und ist jetzt voll trinkreif. Immer noch tiefes Dunkelrot, in der Nase reife Kirschfrucht und Waldbeeren, etwas Portwein , Trüffel und vor allem Minze. Der reife Gaumen kommt mit der wunderbaren Nase nicht voll mit – 91/100. Als mittäglicher Schluck Wein genau richtig. Im Focus hatten wir aber auf der formidablen Karte für spätere Stunden einen ganz anderen Wein.

Als wir weit nach Mitternacht von der Gantenbein-Probe ins Hotel kamen, waren wir verdammt gut drauf und in bester Stimmung. Blau waren wir nicht, eher so wie das Etikett der Gantenbein-Pinots, also hellblau. Natürlich öffnete der Zimmerschlüssel problemlos die Tür des dunkel daliegenden Rössli. Doch der Gregor hatte mehr vor. Er läutete solange an der Glocke, bis der schlaftrunkene Wirt im Jogginganzug vor uns stand. Das anschließende Gespräch zwischen Gregor und dem Wirt war sensationell. Nur ein Wort sagte Gregor: Dominus. Der Wirt sagte darauf gar nichts, drehte sich nur wortlos um und verschwand. Als er wiederkam, hatte er zwei verdeckte Flaschen bei sich. Eine davon, nicht schwer zu erraten, war 1994 Dominus. Die andere war harte Kost. Wie eine Faßprobe, nur eben nicht auf einem Weingut, sondern direkt beim Küfer. Als ob wir an einem Stück Eiche lutschten. Hammerharte, bissige Kost, astringierende Tannine satt, Frucht weitgehend Fehlanzeige. Es handelte sich um einen 1994 Magaux, der ratlos machte. Aber der war schon 2007 auf René Gabriels großer Margaux-Probe sperrig, ungenerös, tanninlastig, bestätigte in bravouröser Form alle meine Vorurteile gegenüber dem Jahrgang 1994. Damals habe noch 88/100 gegeben. In dieser Nacht war der Margaux praktisch untrinkbar. Da war der Dominus schon ein ganz anderes Kaliber. Leicht animalisch in der Nase. Da war nicht nur der Ledersattel, sondern auch das zugehörige Pferd samt Stall, in der Machart Bordeaux pur, aber endlich auch mal mit einem Schuss Hedonismus, erstaunlich süß für einen Dominus, der machte wirklich große Freude – 97/100.
Eigentlich gehörten wir jetzt langsam ins Bett. Doch plötzlich stand da eine große Käseplatte und daneben ein dritter Wein, ein 1991 Hermitage von Chave. „Mature“ steht da auf Parkers Website und „89/100“. Da kann es sich nur um ein grobes Missverständnis und um einen Zahlendreher bei den Punkten handeln. Gut, wir waren jetzt keine professionelle Verkosterrunde mehr, aber das wir hier noch ein ziemlich junges, geiles Charakterteil von der nördlichen Rhone vor uns stehen hatten, das war uns sofort klar. Ein gewaltiger, fordender, maskuliner Wein, immer noch mt deutlichem Tanningerüst und sicher jede Suche wert – 95+/100.
Klar war das, was wir da trieben, Unvernunft pur, aber wie beginnt so treffend eines meiner Lieblingslieder: Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da, die Nacht ist dass etwas passiert....



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E N T W A R N U N G 

Hin und weg war ich von den ersten Flaschen 1999 Newton Grand Vin. Was für eine großartige Vermählung von kalifornischer Frucht und bordelaiser Struktur. Da kamen locker begeisternde 95/100 ins Glas. Schnell waren die 2002 gekauften, ersten 12 Flaschen weg und – eigentlich ein typischer Anfängerfehler – ich kaufte nach, nur diesmal direkt 24 Flaschen. Irgendwann wird aber auch der schönste Wein langweilig, wenn man zuviel davon im Keller hat. So geriet der Newton bei mir etwas in Vergessenheit, zumal dieser „große Bordeaux“ ab 2005 etwas üppiger und breiter wurde. Groß dann der Schreck, als eine Flasche im Januar diesen Jahres dumpfe Töne zeigte. Was war los, war der Lack ab, der Newton schon auf dem Weg ins Jenseits? Der Grand Vin schien durch ein etwas diffuses, breites, alkoholisches Stadium zu laufen, in dem er wenig Spaß machte - 87/100. Auch eine zweite Flasche zeigte dieses Ergebnis, und 14 Flaschen lagen davon noch im Keller! Was nun? Verschenken, verkochen oder auf die Auktion? Ich habe lieber noch eine dritte Flasche geöffnet. Die wurde erst mal in der geöffneten Flasche mit einem Spezialgerät beatmet. Danach erfolgte ausgiebiges Triple Decanting. Alles, um den Newton künstlich noch etwas älter zu machen. Schließlich wollte ich wissen, ob es Licht am Ende des Tunnels gab. Das Ergebnis war wohltuend. Ein reiferer Wein im zweiten Kalifornier-Stadium, mit verschwenderischer Süße sowie viel Minze und Eukalypts – 94/100. Noch mal Glück gehabt, die Flaschen bleiben in meinem Keller und ich lasse mir viel Zeit damit. Trotzdem habe ich daraus gelernt. Nie wieder zuviel kaufen und ja nie mehr in Euphorie Massen nachkaufen. Da legt man sich auf Dauer nur Langeweile und potentielle Zeitbomben in den Keller.



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N A C H S P I E L Z E I T   U N D   V E R L Ä N G E R U N G 

Was trinkt man noch nach einer solch grandiosen Lafleur-Probe? Ein Wein geht immer, ein großer, restsüßer deutscher Riesling. Zumal wir den Chef des Hauses noch zu einem famosen Kaiserschmarrn überreden konnten. Die noch sehr junge, aber schon erstaunlich gut trinkbare 2005 Wehlener Sonnenuhr Auslese von Joh. Jos. Prüm mit ihrem faszinierenden Süße-/Säurespiel, der hohen Extraktdichte und dieser faszinierenden Leichtigkeit (93/100) überstand beides, sowohl die Lafleurs als auch den Kaiserschmarrn. Ach ja, da der Chef, der sich noch zu uns gesellt, Burgunderfreak war, genehmigten wir uns noch einen 2003 Gevrey Chambertin von Armand Rousseau. Der war erstaunlich fein und geradezu samtig mit schöner Erdbeernote, wenig Säure und kaum spürbaren, reifen Tanninen – 93/100.

Und was kommt nach der Nachspielzeit? Die Verlängerung. So zog es den Gregor und damit auch mich am Abend noch ins Rössli nach Stanstad, wo nicht nur eine Reihe der üblichen Verdächtigen auf uns warteten, sondern auch bereits die ersten dekantierten Weine. Den Anfang machte ein kerniger 1982 Talbot, animalisch, altes Sattelleder, Trüffel, Zedernholz, eher verhaltene Frucht, in dieser Flasche schon ziemlich reif – 92/100. Blind schob ich den 2000 Troplong Mondot in die neue Welt. Unglaublich, wie dieses konzentrierte, fruchtige, rabenschwarze Hammerteil zugelegt hat – 95/100. Deutlich weicher, zugänglicher, hedonistischer ein gelungener 2001 Tignanello – 93/100. Gefiel mir um Längen besser als der süße, üppige, aber ziemlich strukturlose 2001 Saffredi – 88/100. Zwischendurch kam dann noch ein ganz gefälliger, netter 1999 Lynch Bages ins Glas. Aber was war mit dem 1996 Vega Sicilia Valbuena 5° los? Säure und Essig ohne Ende, völlig untrinkbar. Meine Probleme hatte ich auch mit 1994 Vega Sicilia Unico. Der war so süß, so üppig, 7 Stück Zucker zuviel. Ich mochte nicht glauben, dass das wirklich ein Unico war. Ob es vielleicht auch an meinem langsam total ermatteten Gaumen lag? Der bekam plötzlich noch einen Weckruf, und was für einen! 2000 Lagrein Lamarein von Josephus Mayer, dieses unglaubliche Geschoß aus Südtirol. Rabenschwarz, superkonzentriert, Lakritz ohne Ende, das Ricola von Lafleur, nur mit noch mehr Süße, viel Veilchen und einfach eine dekadent süße, irrsinnige Aromatik, der schiere Wahnsinn – 98/100.



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I M   W E I N S C H R A N K 

Quasi mitten im Weinschrank sitzt man in einem attraktiven Extraraum des Restaurant Caliga im Düsseldorfer Interconti. Nur wird man halt dankenswerterweise nicht gleich mit runtergekühlt. Stattdessen ist der große Tisch, der zu Proben und Verköstigungen geradezu einlädt, von gläsernen Weinschränken umgeben. Hier traf ich meinen Freund René Gabriel, der mit deutschen Geschäftspartnern zusammen saß. Da es sich bei denen um Interconti-Stammgäste handelte, durften wir eigene Weine mitbringen.
Erstaunlich schön der erste Wein, eine 1959 Niersteiner Oelberg Riesling feine Auslese vom Weingut Gustav Essert. Mit Sicherheit war das früher mal eine schwer zu genießende, süße Plörre. Ganze Generationen von angehenden Weintrinkern sind in den 60ern und 70ern von ihren Eltern mit solcher Brühe terrorisiert worden und erlebten einen traumatischen Süße-Schock. So entstand dann in Deutschland die ebenso überzogene Trocken-Welle, die jede Form von Restsüße in Weinen verteufelte und kategorisch ablehnte. Jetzt im zarten Alter von 50 Jahren zeigte sich dieser Rheinhessen-Senior sehr zivil und war recht angenehm zu trinken. Reif und weich am Gaumen mit immer noch guter, aber nicht aufdringlicher Restsüße, kaum noch Säure, in der Nase ein dezenter Petrolton, dazu reichlich Bienenwachs und der dazugehörige Bienenhonig – 89/100. Wenn Sie im Keller Ihrer Eltern oder Großeltern solche Relikte vergangener Zeiten finden, kann ich nur zu einem Selbstversuch raten. Kann durchaus spannend werden.
Sehr ungewöhnlich danach ein 1995 Goldwändler Sonderabfüllung vom Weingut Goldwand der Familie Wetzel aus dem Schweizerischen Ennetbaden. Würden Sie so etwas freiwillig aufmachen? Ich weiß nicht mehr, wie ich überhaupt in den Besitz dieser Flasche gelangt bin, habe sie aber genau für eine Gelegenheit wie diese aufgehoben. Nicht sehr dicht die Farbe, die schon einen leichten Braunrand zeigte. Pinot-artig der Auftritt dieses Weines mit einer süßen Nase und viel reifer Himbeere. Erinnerte etwas an die Gantenbeinprobe des letzten Wochenendes. Auch am Gaumen leicht süß wirkend mit cremiger Textur, wobei wir uns nicht sicher waren, ob das wirklich Restsüße war, oder nur Extraktsüße dieses 13%igen Weines. Die gute Säure ließ ihn noch erstaunlich frisch wirken – 87/100.
Gleich drei Pleiten mussten wir danach ertragen. Nur noch Essig ein 1953 Lagrange, korkig ein 1947 Gaffelière-Naudes, dessen schöne Farbe so vielversprechend war, und untrinkbar ein nicht näher identifizierbarer, alter Lafite Rothschild.
Um so schöner dafür ein 1947 Corton in einer nicht näher identifizierbaren, belgischen Händlerabfüllung. Einfach zum Niederknien dieses fette, süße Teil. In der Nase Pumpernickel, Malaga, Mokka und alter Balsamico, am Gaumen burgundische Pracht und Fülle mit schöner Süße und einer gut eingebundenen Säure, die diesem Senior noch eine erstaunliche Frische verlieh – 96/100. Belgische Händlerabfüllungen aus früheren Jahren sind meist eine Bank. Den Belgiern ging es nicht um hochtrabende Namen und komplizierte, intellektuelle Gewächse, hier zählte nur der pralle Genuss. Schließlich gingen sie ja nicht, wie die Engländer, mit der Wärmflasche ins Bett, sondern tranken schöne, lustvolle Weine, damit sie sich die Wärmflasche ersparen konnten.
Zweimal Pomerol aus 71 war danach angesagt. Mit einem deutlichen Paraffin-Stinker in der Nase, einem ziemlich ekelhaften Fehltton, startete der 1971 Vieux Chateau Certan. Darunter verbarg sich ein sehr feiner, wunderbar gereifter Wein, der mit seiner delikaten, himbeerigen Frucht an einen gereiften Richebourg erinnerte. Mit der Zeit verschwand auch der störende Ton in der Nase, die ebenfalls wunderschön mit viel süßer Himbeere wurde – 93/100. Ein rustikaler, kerniger Brocken und ein Terroirwein im besten Sinne, der an die großen Lafleurs erinnerte, war im anderen Glas 1971 Trotanoy. René Gabriel hatte ihn einst im Gegensatz zu seinen Kollegen mit der Traumnote 20/20 bewertet. Aus dieser Flasche hier wurde klar, warum. Das war so ein druckvoller, am Gaumen fast brachialer Wein alter Schule, ein echter Charakterdarsteller. Sehr mineralische Nase, Zigarrenkiste, Leder, immer neue Facetten aufzeigend. Unglaublich, wie dieses konzentrierte Teil mit seiner immer noch undurchdringlichen, dichten Farbe aufdrehte. Wir hatten ihn à point dekantiert, 2-3 Stunden hätten ihm aber sicher noch deutlich besser getan. Ein schier unsterblicher Wein für die nächsten 20-30 Jahre – 97/100.
Absolute Perfektion ins Glas und 100/100 ohne Wenn und Aber brachte dann ein 1986 Penfolds Grange. Mit der überladenen, aufdringlichen Brühe, die sich da heute oft in Grange-Flaschen befindet, hat dieser distinguierte, noble, feine Wein nichts zu tun. Einer der besten Grange, die je produziert wurden und die Essenz der Schubert-Ära. Einfach puristisch schön und mit der feinen Himbeere an größte Burgunder erinnernd, dazu Cassis mit einem Schuss Rosmarin, kräuterige Würze, irre Mineralität und eine unglaubliche Länge am Gaumen. Blieb da bei so fein, so geradlinig, so balanciert und harmonisch, ein unglaubliches Weinerlebnis.
Eigentlich müsste man den noch viel zu jungen 2004 Ridge Monte Bello, den wir danach tranken, den kalifornischen Kollegen von Winemaker Paul Draper um die Ohren hauen. Während die mit überreifer Frucht und wahnwitzigen Alkoholgraden um die Punkte der „Spucker“ buhlen, zeigt Paul Draper auch mit dem 2004er wieder deutlich, dass großer Wein auch mit 13% Alkohol machbar ist. Der 2004er ist so fein mit so puristisch schöner, klarer Frucht, reife Kirsche, Zedernholz, Leder, viel Mineralität und aromatisch sicher kein Leichtgewicht. Aber bei aller fruchtigen, kirschigen Saftigkeit, die sich auch am Gaumen fortsetzt bleibt der Eindruck eines sehr harmonischen, absolut stimmigen Weines. Länge und aromatischer Druck ergeben sich hier nicht aus schnapsigen Alkoholgraden, sondern aus einem perfekt orchestrierten Ganzen, wie es eben nur Könner vom Schlage eines Paul Draper hinbekommen. Locker 92/100 waren da heute schon im Glas. Das Potential für 94-95/100 hat dieser Ridge Monte Bello ebenso wie eine Lebenserwartung von 20-30 Jahren. Eigentlich fallen mir derzeit nur zwei weitere, große Namen ein, die für eine ähnliche Weinphilosophie stehen.: Randy Dunn und Philip Togni. Deutlich zuwenig für eine Region wie Kalifornien, vor deren alkoholischen Monstren mir immer mehr graut.
Und da waren dann noch zwei weitere Weine, die nicht unerwähnt bleiben sollten. Zwei Flaschen 1998 Pape Clement hatte René Gabriel mitgebracht. Der zeigte sich erstaunlich weich, zugänglich und offen, was allerdings derzeit für viele 98er gilt. Pflaumige Frucht, leicht animalische, stallige Nase, Tabak, mineralisch, präsente, aber sehr weiche Tannine, jetzt in einer schönen Trinkphase – 91/100.
Und dann war da noch der Abschluss unserer Verkostung, der uns eigentlich wieder an den Anfang zurückführte, und von dem eine Flasche nicht ausreichte. Die 2003 Graacher Himmelreich Auslese von Joh. Jos. Prüm zeigte eindrucksvoll, warum gut gemachte, restsüße Weine eine klare Daseinsberechtigung haben. So fein, so elegant und filgran, gleichzeitig aber mit einer unglaublichen Extraktdichte, leicht süß mit perfekt balancierender Säure, dabei erfrischend und animierend am Gaumen mit gnadenlos niedrigem Alkoholgrad, einfach die Leichtigkeit des Seins in ihrer schönsten Form – 93/100.



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F A R E W E L L   I M   D O C T O R H A U S 

Eine ganze Menge Vorteile hat dieses Doctorhaus. Eine gute Küche, einen gut gefüllten Weinkeller und eine perfekte Lage. Nicht weit vom Flughafen entfernt in Wallisen lässt sich hier die Zeit bis zum Abflug perfekt überbrücken. Nicht schlecht die im Internet einsehbare Weinkarte. Nur ist die leider nicht unbedingt aktuell. Wir hatten es unter anderem auf einen 2001 Masseto abgesehen, und den gab es natürlich nicht mehr. Und noch etwas sollte man wissen, speziell im Hinblick auf die etwas älteren Gewächse. Das Doctorhaus hat einen sogenannten Restaurantkeller, d.h. die Weine werden hier zu Trinktemperaturen von 16-18 Grad gelagert und reifen entsprechend schneller. Ich hatte mir so etwas schon bei unseren ersten Weinen gedacht. 1989 Pontet Canet und 1988 Pontet Canet hatten eher die schon verdammt reife Farbe einer Dachbodenlagerung. Der 89er besaß dazu eine etwas unsaubere Nase mit ersten oxidativen Tönen, viel kaltem Rauch und einer großen Ladung Pappkarton. Am Gaumen wirkte er vor allem durch die hohe Säure frischer mit immer noch schöner Frucht, aber auch etwas eindimensional – 90/100 Ich kenne diesen Wein deutlich besser. Eine Klasse besser der 88er. Schöne, fruchtige Nase mit viel reifer, schwarzer Johannisbeere. Wirkte zwar am Gaumen etwas reifer als 89, war aber der harmonischere, vielschichtigere Wein mit feiner Süße, der sich deutlich schöner trank – 93/100. Weiter ging es mit 1988 Leoville las Cases, einem großartigen, klassischen Vertreter dieses Chateaus. Sehr präzise Frucht, viel Zedernholz, Finesse und Kraft ideal gepaart, am Gaumen tolle Struktur, irre Komplexität und Länge, immer noch gewaltiges Potential für sicher 20+ Jahre – 96/100. Dürfte mit Sicherheit noch einigermaßen preiswert auf Auktionen zu finden sein und ist ein unbedingter Kauftipp. Das gilt leider nur eingeschränkt für den hochgelobten, gesuchten und entsprechend teuren 1990 Figeac. Auch das aber ein sehr überzeugender, großer Wein. Wiederum diese erstaunlich reife Farbe der zu warmen Lagerung, in der Nase viel Kaffee und Mokka, aber auch leicht medizinale Töne, später immer mehr Lakritz, am Gaumen neben etwas Strenge auch schöne Süße, viel aromatischer Druck, burgundische Fülle und eine gute Länge – 95/100. Der 1990 Dominus hatte die wärmere Lagerung sehr gut weggesteckt und präsentierte sich jetzt auf dem Punkt. Wo sonst Tannin und Strenge herrschten, war da jetzt ein sehr verschwenderischer, wunderbarer Wein, zwar mit klassischer Bordeaux-Struktur, aber sehr generös, samtig weich am Gaumen mit schöner Süße, voll auf dem Punkt, absolutes 1er Cru Niveau – 97/100. Völlig anders, aber auf gleichem Niveau dann der als Alternative zum 2001er getrunkene 2004 Masseto. Jugendliches, sehr dichtes Schwarzpurpur, ein unglaubliches, sehr mineralisches Konzentrat, druckvoll und fordernd am Gaumen mit geradezu explosiver Aromatik, und doch eine deutliche Frische, ja geradezu Leichtigeit zeigend, macht im jetzigen Stadium durch die reifen, weichen Tannine schon unglaublichen Spass und kann nur anders, aber nicht besser werden – 97/100. Perfekter Begleiter unseres als Abschluss genossenen Kaiserschmarrn war ein 1997 Suduiraud, der sich schon recht zugänglich zeigte. Goldgelbe Farbe, süße, cremige Frucht, reife Aprikose, aber auch viel Honig, durch die gute Säure nicht klebrig, sondern recht elegant wirkend mit langem Abgang – 92/100.



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