Mai 2009
Käsefondue
Ein Klassiker ist es inzwischen, unser jährliches Käsefondue. Vor 10 Jahren haben wir es zum ersten Mal zelebriert. Damals lehnte ich mich weit aus dem Fenster, als ich passend zum Käsefondue eine Großflasche Rotwein ankündigte. Die Finger habe ich mir wundtelefoniert und nur Kopfschütteln bei den Fachleuten geerntet. Rotwein zum Käsefondue, das ginge überhaupt nicht. Nichtssagende Weißweine vom Stile Chasselas wurden mir stattdessen ans Herz gelegt. Irgendwann hatte ich die Faxen dick und machte mir selbst einen Reim darauf. Die kurz entschlossene Wahl fiel auch einen 1993 Beringer Cabernet Sauvignon Private Reserve in der Doppelmagnum. Der passte nicht nur gut, sondern sehr gut. Das galt auch für die Doppelmagnums 1992 Newton Cabernet Sauvignon Unfiltered im Jahre 2001 und 1990 in 2002, für 1997 Saffredi in 2005, für den sizilianischen Sole dei Padri 2007 oder den 1992 Silver Oak Alexander Valley in 2008. Weniger gut ging 2003 der 1997 Monbousquet, der sich vom Käse platt machen ließ, während ein 1999 Quinault l´Enclos 2004 gut passte. Faustregel für alle, die einen Rotwein zum Käsefondue genießen wollen: der Wein sollte nicht zu alt sein, noch eine präsente, jugendliche Frucht haben und eine gute Statur. Ein 5-15 Jahre alter, guter Kalifornier dürfte fast immer gehen, Bordeaux nur in Ausnahmefällen, Burgund habe ich noch nicht versucht, kann ich mir aber nur schwer vorstellen, eher noch einen fruchtigen, jungen Pinot aus der Neuen Welt.
Zum 9. Käsefondue begrüßte uns unser Gastgeber mit einem 2007 Uhlen L von Heymann Löwenstein. Sattes Goldgelb, hohe Mineralität, saftige, nachhaltige Fülle, dabei ziemlich fett mit edler Rustikalität, da kam uns blind eigentlich nur die Pfalz in den Sinn. Ein faszinierendes Weinbaby, das sich sicher in 1-2 Jahren mit etwas weniger Babyspeck noch besser verkosten lässt – 93+/100. Traditionell und in Gedenken tranken wir danach wieder einen 50er, einen 1950 Marques de Riscal Reserva. Der hatte wieder eine reife, stark ins bräunliche gehende Farbe, war etwas medizinal mit malziger Süße und hatte eine gute, tragende Säure – 87/100. Diesmal nicht so grottig wie im Vorjahr(72/100) oder auf René Gabriels großer Rioja-Verkostung(80/100), aber ich habe diesen Wein vor Jahren auch schon mal deutlich besser mit 90/100 im Glas gehabt.
Dann kam zum Käse das „dicke Ding“, die Doppelmagnum. Einen 1997 Sonoma Cabernet Sauvignon Heritage Reserve von Schug hatte ich diesmal ausgesucht. Der in Assmannshausen geborene Walter Schug ist Pinot-Fan, doch sein eigentliches Talent ist der Cabernet. Bei Phelps schuf er mit Insignia, Eisele und Bacchus Cabernet-Legenden. Kein Wunder, dass auch sein eigener Cabernet von hoher Qualität gelang. Diesen 97er hatte ich schon mehrfach sehr gut im Glas, aber aus der Großflasche jetzt war das einfach ein Traum. Immer noch junges Purpur mit leichtem Wasserrand, traumhafte Frucht, reife Blaubeere und Brombeere, nicht überkonzentriert wie bei vielen 97ern aus Kalifornien und nur dezent süß, ein sehr harmonischer, eleganter und feiner Wein, einfach aus einem Guss mit der klassischen, Bordeaux-geprägten Handschrift der großen Kalifornier aus den 80ern. Sehr nachhaltig und trotzdem mit der Leichtigkeit und Finesse, die man bei vielen anderen 97ern vermisst. Ein Altmeister wie Schug braucht halt weder überreife Frucht noch überzogenen Alkohol als Geschmacksträger und schafft einen solch großen Wein auch mit für Kalifornien schon fast bescheidenen 13,5 % - 95/100.
Mit einem 1954 Marques de Riscal Reserva tauchten wir noch mal in die Weingeschichte ein. Der war trotz ebenfalls bräunlicher, aber brillianter Farbe deutlich fruchtiger, dichter und süßer als der 80er – 91/100. Deutlich jünger wurde es danach mit einem 1995 Mouton Rothschild aus der Magnum. Ein sehr gut strukturierter Wein, der trotz immer noch strammem Tanningerüst erstaunlich offen wirkte mit feiner, weicher Frucht, mit Bleistift und Leder und mit viel Länge am Gaumen – 95/100.
Ein gewaltiges Feuerwerk brannte unser Gastgeber danach noch ab. Prächtig ein 1996 La Turque von Guigal, der sich sehr offen und von seiner besten Seite zeigte. Sehr würzig, schwarzer Pfeffer, süße, dunkle Früchte, unerhörte Mineralität,, etwas Teer, gebratener Speck und großartige Länge. So ein La Turque im richtigen Stadium genossen ist mit dieser Geschmacksexplosion am Gaumen ein gewaltiges Erlebnis – 96/100. Da wäre der nachfolgende 1978 Mondavi Reserve fast unter die Räder gekommen. Dabei war das wieder ein sehr feiner, eleganter Top-Bordeaux aus Kalifornien, minzig, Eukalyptus, Leder, etwas Lakritz, wunderbare Süße, druckvolle Aromatik am Gaumen und auch hier einee wunderbare Länge – 94/100. Wir hatten noch nicht fertig gestaunt, da stand schon der nächste Knaller vor uns, 1983 Palmer. Dieser legitime Nachfolger des legendären 61ers zeigte aus dieser Flasche schon unglaublich viel. Klar ist der noch dicht und besitzt immer noch ein gewaltiges Tanningerüst, aber da ist auch schon wieder süße Frucht, viel Zedernholz, eine druckvolle Aromatik, bei aller Kraft auch burgundische Konturen. Gut und gerne 96/100 hatten wir da im Glas. Ein Traumstoff, der je nach Lagerung in 5-10 Jahren auf dem Höhepunkt auch mal im richtigen Moment auf die 100/100 zusteuern könnte und noch gut 20 Jahre für Furore sorgen wird.
Am frühen Nachmittag hatten wir begonnen. Draußen war es inzwischen finster und tiefer Abend. Doch unser Gastgeber ließ nicht locker. Ein sehr feiner 1989 Mouton Rothschild, immer noch mit viel Röstaromatik, mit Minze, Leder und Zedernholz kam ins Glas – 92/100. Und dann noch als Abschluss ein echter Gaumenschocker, der sehr konzentrierte, immer noch ziemlich zugenagelte 1988 Margaux, bei dem man das, was da in 10 Jahren mal abgeht, nur erahnen kann – 88+/100.
Grosse Küche - Grosse Weine
Die Teller hätte ich wieder mitessen können an diesem Abend im Berens am Kai im Düsseldorfer Medienhafen. Große Klasse, was Holger Berens da für uns zauberte. Als ersten Wein wählten wir aus der reichlich bestückten Karte einen 2006 Chardonnay von Huber. Ein guter Essensbegleiter, sehr ausgewogen, fein, mit dezenter Röstaromatik, nussig, eher etwas auf der leichteren Seite – 90/100. Da war natürlich der 2006 Meursault Perrières von Lucien le Moine schon ein anderes Kaliber. Offen, hedonistisch, voll da, ein Wein, der einen anspringt, mineralisch mit feinem süßem Schmelz, kleidet den Gaumen voll aus. Wirkt aber bei aller Klasse auch etwas gemacht und auf frühe Trinkreife getrimmt. Ich bezweifle, das so etwas gut altert – 94/100. Und dann machte sich ein Kampfstier aus Toro an unseren Gaumen ran, der mächtige, kräftige, körperreiche 2001 Pago de la Jara von Remelluri – 93/100. Spannend auch ein 2005 Cuvée Théodore von der Domaine Avela aus dem Languedoc. Ehr süße Nase, Weihnachtsgewürz, Zimt, Anis, auch am Gaumen recht süß und etwas bonbonhaft und strukturlos, wird im Glas immer süßer und offensichlicher, die reife Erdbeere verrät dabei den kräftigen Grenache-Anteil dieser Cuvée. Ein Wein, der spielend mit jeder Form von Schoko- und Fruchtdesserts zurecht kommt und mit etwas Alter sicher auch noch an Komplexität zulegt – 91+/100. Höhepunkt des Abends und perfekter Schlusspunkt war dann ein 1985 Richebourg von Jean Gros. Einfach ein perfekt gereifter, großartiger, immer noch kräftiger, sehr nachhaltiger und komplexer Burgunder traditioneller Machart, schlichtweg Burgund zum Niederknien – 95/100.
Alt, rar und wunderbar
Bacchus hatten wir an diesem Abend voll auf unserer Seite. Schieres Weinglück bei jeder Flasche, einfach große Freude bei jedem Schluck. Alte Weine können ein Traum sein, müssen es aber nicht. Da gehört natürlich etwas Glück dazu und vor allem eine perfekte Herkunft der Flaschen. Wenn dann aber alles zusammenpasst, dann wird daraus so ein Abend wie dieser.
Noch fast taufrisch mit guter Säure und ohne jeden Anflug von Firne präsentierte sich die 1971 Wehlener Sonnenuhr Auslese von JJ Prüm. Eine sehr komplexe, harmonische Auslese mit viel gelben Früchten, die eigentlich dekantiert gehört hätte. Baute enorm im Glas aus und zeigte erst nach 2 Stunden im Glas mit wunderbaren Honignoten, was sie wirklich alles drauf hatte – 94/100. Beeindruckend danach auch der deutlich jünger wirkende 1952 Ausone in einer perfekten Vandermeulen Flasche. Von denen habe ich schon sehr gute getrunken, aber auch ziemlich grottige mit viel flüchtiger Säure. Hier hatten wir eines der Top-Exemplare auf dem Tisch, Ausone in seiner besten, klassischen Form. Sehr dichte Farbe, eine gewaltige Statur und immer noch fast unbändige Kraft, ein rustikaler, an ältere Lafleurs erinnernder Brocken mit dem großen Kräutergarten und viel Lakritz im endlosen Abgang – 95/100. Beinahe 90 Jahre alt und immer noch voll da ein 1920 Mouton d´Armailhacq. Reif mit bereits hellerer Farbe, sehr weich und schmeichelnd am Gaumen mit schöner Süße, aber nicht alt im Sinne von abbauend wirkend. Wäre auch als großer Burgunder durchgegangen – 93/100. Jetzt kommt ein „Helm ab zum Gebet“- Wein, meinte Franz Josef Schorn, als er uns den 1949 l´Arrosée in einer belgischen Händlerabfüllung kredenzte. Über 10 Jahre war ich auf der Suche nach diesem wohl besten l´Arrosée aller Zeiten gewesen, den ich 1998 schon einmal überragend im Glas hatte. Vor ein paar Monaten wurde ich in Belgien fündig, und wir genossen jetzt diese Neuerwerbung, diese traumhafte Aromenbombe, die wie ein 61er l´Arrosée mit Turbolader wirkte – 97/100. Weiter ging es danach mit einem großen Pott voll Kaffee, einem immer noch sehr kraftvollen, dichten und ebenfalls jünger wirkenden Burgunder, einem 1937 Clos de la Roche Marchand von Etienne Jodelle, der den Ausnahmestatus dieses herausragenden Jahrgangs für das Burgund voll unterstrich – 96/100.
Waren Steigerungen an diesem Abend überhaupt noch möglich? Aber ja. Wir bekamen als nächstes einen Wein ins Glas, der das Beste ist, was ich je von Beaucastel getrunken habe, alle Hommage à Jacques Perrin eingeschlossen. 1970 Chateauneuf-du-Pape und Domaine de Beaucastel auf dem Etikett dieses Ausnahme-Chateauneufs. Ein großartiger, fleischiger Wein, den man schier kauen konnte, blieb ewig am Gaumen und machte mit seiner aromatischen Dichte und Komplexität einfach sprachlos. Da blieb für uns alle in dieser feinen Runde nur eine mögliche Bewertung: 100/100.
Wie schön, dass der Abend zwar jünger, aber auf ähnlichem Niveau weiterging. 1978 La Mission zeigte endlich mal richtig, was in ihm steckt. Dieser ewige Potential-Sieger scheint langsam reif zu werden, ohne allerdings etwas von seiner unbändigen Kraft einzubüßen. Ein sehr dichter, kraftvoller, druckvoll-erdiger, mineralischer Klassiker, immer noch jung, exotisch mit reichlich Eukalyptus und Tabak, so eine Art Heitz Martha´s Vineyard aus Pessac – 97/100. In Bestform dann zum Abschluss auch 1982 l´Evangile, der in diesem großen Jahr zumindest in Pomerol so ziemlich alle Weine hinter sich lässt. Ein druckvoller, kräftiger Power-Merlot, hedonistisch schön und animierend mit süchtig machender Nase, am Gaumen trotz immer noch jugendlicher Kraft auch schon mit süßem Schmelz und kräuteriger Würze, ein gewaltiger Wein und in sich eine große Persönlichkeit, der perfekte Schlusspunkt dieses, in dieser Form wohl kaum wiederholbaren Ausnahmeabends – 98/100.
Frohe Pfingsten I
Ausgerechnet am langen Pfingstwochenende war ich als Strohwitwer alleine in Düsseldorf. Wie schön, wenn man dann gute Freunde hat und seinen Wein nicht alleine zuhause trinken muss. In netter Runde fanden wir uns bei sommerlichen Temperaturen auf der Terrasse des Restaurant Schorn zu einer spontanen Best Bottle ein. Den Anfang machte eine 1959 Bernkasteler Badstube und Schwanen Spätlese von Bergweiler-Prüm Erben. Kräftiges Goldgelb, reife, füllige Nase mit nur wenig Petrol, am Gaumen immer noch gute Frucht und Säure, dezente Süße, sehr harmonisch wirkend und noch längst nicht alt, für eine 50jährige Spätlese höchst erstaunlich – 90/100. Ein noch tieferes Goldgelb hatte danach ein 1975 Le Montrachet von der zu Bouchard gehörenden Domaine du Chateau de Beaune. Traumhaft schmelzige Nase mit gerösteten Haselnüssen und Mandeln, am Gaumen immer noch kraftvoll, sehr komplex mit markanter Säure und toller Länge, wird mit der Zeit runder, weicher, bleibt aber frisch und intensiv mit feiner Bitternote im langen Abgang – 95/100. Auch der dritte Weißwein, ein 1991 Au Bon Climat Chardonnay Reserve Bien Nacido konnte voll überzeugen. Wiederum mit kräftigem Goldgelb, die junge Nase noch geprägt von deutlicher Röstaromatik mit Mokka und Kaffee, aber auch reifer, exotischer Frucht, am Gaumen kräftig, sehr würzig mit guter Säure und immer noch erstaunlich frisch, geht locker auch als deutlich jüngerer Meursault durch – 93/100.
Spektakulär dann eine 1988 Wehlener Sonnenuhr Auslese Lange Goldkapsel von JJ Prüm. Gewaltiger Extrakt, explosive Aromatik, exotische Früchte, Honignoten, großer Kräutergarten, Kaffee, durch die Säure gut balancierte Süße, ein animierender, unglaublich vielschichtiger Wein – 95/100.
Nicht mehr voll auf der Höhe war der erste Rotwein, ein 1974 Shiraz Fleur du Cap von Bergkelder aus Südafrika. Deutliche Brauntöne, sehr kräuterig, Kaffee, oxidativ, Liebstöckel, korinthige Süße, leicht gezehrt – 82/100. Als jugendliches Gegenstück dazu im anderen Glas ein 2001 Roda I Reserva. Dichtes Schwarzpurpur, kräftig, alkoholisch, sehr süße, konzentrierte, dunkle Frucht, mineralisch, Bittermandeln, Kaffee, aber auch etwas eindimensional mit wenig Finesse, ein moderner, etwas gemacht wirkender Wein – 92/100.
Überraschend dann ein erstaunlich komplexer 1978 Trefethen Cabernet Sauvignon. Das Gut gehört heute wie damals sicher nicht zur Spitze des kalifornischen Weinbaus, aber in 1978 ist hier ein sehr guter Wein mit beachtlichem Alterungspotential entstanden. Reif zwar schon die Farbe mit ersten Brauntönen, am Gaumen aber immer noch altersfrei, sehr extraktreich mit etwas Minze und Eukalyptus, harmonisch und elegant im Stile eines gut gereiften Bordeaux und lang im Abgang – 93/100.
Spontan war ich beim nächsten Wein bei 82 Cos, doch das war er nicht, sondern 1986 Cos d´Estournel. Alte Ledertasche mit einem Hauch Minze, etwas verstaubte Eleganz, edle Rustikalität, hat reichlich Kraft und Struktur, aber wo ist die Frucht geblieben? Vielleicht eine zu warm gelagerte, vorgereifte Flasche – 94/100. Deutlich älter wirkte auch der 1986 Tertre Roteboeuf, der eher als guter 66er durchging. Fein, elegant, klassisch-reifer Bordeaux, voll auf dem Punkt mit viel Lakritz im Abgang – 92/100.
Weiter ging es mit noch zwei Klassikern aus Kalifornien. 1985 Shafer Hillside Select hatte noch eine dichte Farbe mit dezenten Brauntönen, Schwarze Johannisbeere in der Nase, Tabak und Minze, am Gaumen hoher Extrakt, tolle Struktur und prägnante Säure, sehr komplex mit Zedernholz und Eukalyptus – 95/100. Sicher in seiner Jugend lange ein unnahbarer Brocken und mit einer anderen, klassischeren Stilistik als die heutigen Hillsides. Im anderen Glas für mich der Höhepunkt des Abends, ein 1982 Heitz Martha´s Vineyard. Der erschloss sich allerdings nicht sofort. Da war erst mal die an Figeac und an den 85 Martha´s erinnernde, kork-ähnliche, anstrengende Nase. Nur verschwand sie hier halt schnell und machte Platz für reichlich Minze und Eukalyptus. Was für ein irres Konzentrat mit immer noch sehr dichter Farbe, Heitz Martha´s pur, ein kerniger, traumhafter Charakterstoff – 97/100. Wie schön, wenn man weiß, dass man davon noch eine Magnum(!) im Keller hat.
Sehr positiv überrascht war ich danach von einem erstaunlich dichten, kräftigen 1997 Leoville las Cases, der im Gegensatz zu vielen anderen 97ern immer noch eine schöne Beerenfrucht besaß und eine gute Tanninstruktur, die diesen Wein noch etliche Jahre gut altern lässt – 92/100.
Eine Risikoflasche war 1953 Lascombes mit einem Füllstand, der irgendwo zwischen ms und lms lag. Doch dem Wein war das egal. Der präsentierte sich tadellos als weicher, reifer, eleganter Traumstoff, sehr süß, kräuterig, würzig und lang am Gaumen – 93/100.
Eher zwiespältig ein 1955 Aloxe Corton Le Cep. Der war sehr reif und schon deutlich über den Trinkhöhepunkt, immer noch mit feiner Süße zwar und auch noch trinkbar, aber eben auch mit Maggi ohne Ende – 85/100.
Fast etwas zuviel des Guten war dann zum Schluss der Rotweinserie ein 2003 Clos Erasmus. Immerhin hat dieser Wein ja bei Parker 99/100. Zwar nicht von Parker selbst, sondern von Jay Miller, der seit einiger Zeit den Spanien-Part des Wine Advocate übernommen hat und das Punkte-Füllhorn reichlich über alles ausschüttet, was nur irgendwie dick genug ist. Aber immerhin. In der Nase hatte dieses Edelteil reife Kirsche und viel Kirschwasser, sehr süß wirkend, am Gaumen ebenfalls sehr süß, üppig, opulent, schokoladig und alkoholisch, wie eine flüssige Schwarzwälder Kirschtorte mit zwei Kirschwasser extra. Trotzdem hat dieses dicke Teil, dessen Mineralität in der schieren Opulenz völlig unterging, einen gewissen Reiz, den man durchaus mit 95/100 bewerten kann. Das gilt allerdings nur für das erste Glas. Eine halbe, geschweige denn eine ganze Flasche möchte ich davon nicht trinken müssen. Ich habe auch große Zweifel, dass dieser Wein gut altert.
Nach dieser Gaumen-Attacke tat eine Erfrischung richtig gut. Die gab es in Form einer 1990 Wehlener Sonnenuhr Auslese von JJ Prüm. Die machte gleich wieder hellwach. Was für eine extraktreiche, große Auslese mit frischer Frucht, knackiger Säure, hoher Mineralität und immer noch jugendlicher Finesse. Ganz im Gegensatz zu uns, die wir inzwischen reichlich bettschwer waren, stand die erst ganz am Anfang einer langen Entwicklung. – 91+/100.
Frohe Pfingsten II
Auch am Abend des Pfingstsonntag war ich bestens versorgt. Mein Freund Bernd kochte für mich und eine sehr kleine, feine Runde. Elitär das selbstgestellte Thema, große Bordeaux aus 1982 und 2000 vom selben Chateau. Ohne, dass wir uns abgestimmt hatten, wurde daraus eine kleine Traumprobe, mit der man auch Ostern, Weihnachten, Geburtstag oder alle drei zusammen hätte feiern können. Zur Begrüßung bekam ich ein Glas in die Hand, bei dem mir schlagartig klar wurde, wie wichtig die Auswahl eines Wein-Mitbringsels ist. Wie blamabel, wenn man etwas verschenkt, das hin ist, nicht schmeckt oder sonst irgendwie entsorgt gehört. Dann hätte ich jetzt hier gestanden mit zitternden Händen und Schrott im Glas. Denn der Wein hier, das war mir klar, der war von mir. Ein 1949 Coteaux du Layon von Moulin Touchais, kräftiges, schon ins Güldene gehendes Goldgelb, dezente Restsüße, cremige Textur mit immer noch guter Frucht, reife Ananas, Honigmelone, Honigtöne, getrocknete Kräuter und etwas Karamell, recht komplex und lang, baute im Glas nicht ab, sondern mit steigender Temperatur noch aus – 93/100. Also, wenn Sie einem Weinfreund etwas mitbringen, dann nur etwas, was Sie im Zweifelsfall gerne ohne hochroten Kopf mittrinken würden.
Und dann kam als weiterer Begrüßungsschluck die 2007 Abtserde GG von Klaus Keller ins Glas. Was für ein gewaltiges Teil mit geradezu explosiver, mineralischer Aromatik. Parker hat in diesem Zusammenhang mal von „liquid rocks“ gesprochen. Das trifft auf diese intensive Mineralität genau zu. Dazu kommt eine frische, präzise Frucht und eine sehr noble, elegante Statur. Kein Hammer wie Hubacker oder G-Max, eher Eleganz pur mit erstem, jugendlichem Schmelz und großartiger Länge, kann sicher noch zulegen – 95+/100.
Und schon waren die ersten beiden Roten im Glas. Einfach herrlich die Nase im ersten Glas, das war Margaux pur. Einen dichten Farbkern mit ersten Orangentönen am Rand hatte dieser 1982 Margaux. Eine perfekte, nie gereiste Flasche, 1987 beim Mövenpick-Vorläufer Weinland für schlappe € 70 erworben und seit der Lieferung nie mehr bewegt. So eine feinduftige, elegante Nase mit dezenter Trüffelnote, Waldboden nach einem Regenguß, feine Beerenfrüchte, erdige Noten, am Gaumen diese unnachahmliche Mischung aus Eleganz und Kraft, die klassische Eisenfaust im Samthandschuh, totale Harmonie, stimmig von vorne bis hinten – 98/100. Im anderen Glas 2000 Margaux. Junge Farbe – was auch sonst – die Nase geprägt von jugendlicher Röstaromatik. Kaffee, Mokka, auch Schokolade, rauchig, wird mit der Zeit fruchtiger mit feiner, schwarzer Johannisbeere und etwas Tabak, am Gaumen zupackend mit massivem Tanningerüst, baut mit zunehmender Luft im Glas aus, wird auch hier fruchtiger und zeigt erste, feine Süße. Wird in den nächsten Jahren weiter zugehen und sich ab 2015-2020 stückweit wieder öffnen – 97+/100.
Und plötzlich hatte ich dann eine „alte Bekannte“ vor mir im Glas, die 1982 Pichon Comtesse de Lalande, natürlich mit der Jahrgangsangabe in der richtigen, der dicken Schrift. Nicht aus meinem Keller, aber anscheinend auch aus bester Lagerung. Das war noch mal die Comtesse, wie ich sie aus vergangenen Jahren kenne, traumhaft schön mit allem Schmelz dieser Erde, ein süchtig machender Wein zum beidhändig trinken, ohne Ecken und Kanten, aber nicht simpel, sondern sehr komplex, kräftig und süß, so eine Art noble, distinguierte und trotzdem hemmungslose Opulenz, für die 100/100, die ich bei diesem Wein früher so regelmäßig im Glas hatte, fehlte inzwischen vielleicht der letzte Kick – 99/100. Da sitze ich Glücklicher in dieser feinen Runde, die nur aus drei(!) Personen besteht, muss nicht wie bei großen Proben dieses Elixier mit 14 weiteren Personen teilen, sondern habe eine Drittel Flasche jedes Weines ganz für mich alleine. Das Leben kann so schön sein.Dabei hätte ich von der 2000 Pichon Comtesse de Lalande durchaus noch etwas abgegeben. Die konnte mit 82 überhaupt nicht mit. Wirkte auf hohem Niveau jung, vanillig, oberflächlich, etwas hohl, dünn und eindimensional. Mit der Zeit tat sich da noch etwas im Glas, die Comtesse baute etwas aus, aber dieser Wein, der die Größe von 82 eh nie erreichen wird, befand sich wohl in einem etwas schwierigen Stadium. In 10 Jahren kommen da statt der heutigen 90/100 wohl wieder die 94/100 aus den Arrivage-Proben ins Glas.
Ehrfürchtige Stille, als die letzte Paarung vor uns stand. 1982 Latour ist(inzwischen) und bleibt(noch lange) einer der größten Weine unserer Zeit, und vor uns hatten wir ein perfektes Exemplar. Irre Nase mit der kompletten Palette der Medoc –Aromen, von der reifen Johannisbeer- und Brombeerfrucht über Leder, Tabak, Zedernholz, Lakritz, Teer bis hin zur bei großen Latours immer sehr prägnanten, leicht bitteren Walnuss, sehr komplex, vielschichtig und einfach faszinierend. Am Gaumen immer noch mächtige Tannine, die guten Flaschen sicher noch 30+ Jahre Entwicklung garantieren. Dazu eine ungeheure, aromatische Dichte, da ist jetzt nicht der Gaumen als Aromen-sezierendes Messinstrument gefragt, hier sind angesichts eines solchen Monuments eher so etwas wie Andacht und Demut angesagt, oder einfach nur ein schieres Glücksgefühl. Können Sie sich einen Gladiator vorstellen, wie er perfekt das Ballett von Nurejew aufs Parkett bringt? Ein unfassbarer, großartiger Wein mit endlosem Abgang – 100/100. Ja, und dann war da noch 2000 Latour. Wird der jemals diese Klasse erreichen? Vor 2 Jahren auf Chateau Latour war das ein Wein, der alles im Überfluss hatte. Da waren massig Substanz, Kraft, Frucht und Fülle. Dazu ein perfektes Tanningerüst. Ein Riese mit unglaublicher Komplexität und endlosem Abgang. Dabei nicht fett, sondern sehr klar und pur wirkend. Ein Monument, das damals schon sehr viel zeigte und für mich deutlich eher als der überschätzte 2003er das Zeug zum 100 Punkte Wein hatte - 98+/100. Und heute? Da saßen wir ähnlich ratlos vor dem 2000 wie vor uns sicher seinerzeit viele Weinfreunde nach der Fruchtphase vor dem lange verschlossenen 82er. Gewaltige Astringenz, tiefe, undurchdringliche Farbe, die Fruchtphase weitgehend vorbei, immer noch ein faszinierender Wein mit gewaltiger Ausstrahlung, der sein riesengroßes Potential erahnen lässt, aber die große Freude der ersten Jahre ist erst mal vorbei. Gut 15-20 Jahre Warten sind da wohl angesagt. Wohl dem, der die mit dem 82er überbrücken kann.
Und Frohe Pfingsten III ? Das war dann schon der 1. Juni, und der taucht schon bald in den ersten WeinMomenten Juni auf.
