November 2005
Kleine 55er Probe
Für die erste Flasche, einen 1945 Chapelle de la Trinité aus St. Emilion, hatte ich vor einer Weile bei Ebay Lehrgeld bezahlt. Die war als „top shoulder“ angeboten worden und tauchte dann aber eher als „low shoulder“ bei mir auf. Zwar für kleines Geld, aber trotzdem ärgerlich, insbesondere weil alte Chapelle de la Trinité ein echter Geheimtip sind. Der Wein hatte noch eine erstaunlich brilliante, intakte Farbe, aber das war´s auch. Kaum Bukett, nichtssagend und einfach alt am Gaumen. Wegschütten? Nein, wir haben einfach erst mal die Karaffe zur Seite gestellt.
Durchaus noch mit Genuß trinkbar, wenn auch kein großer Wein, war danach 1955 Pavie Macquin. Helle Farbe mit deutlichen Brauntönen, attraktive Mokkanase, am Gaumen dezente Süße, aber auch massive Säure – 83/100. Von der Farbe her war 1955 Giscours ähnlich, überzeugte aber durch mehr Kraft und eine intensivere Aromatik und eine gute Länge am Gaumen. Gut gereifter Cabernet mit leichten Bittertönen und auch deutlicher Säure, der sicher bald getrunken gehört – 88/100. Ganz seriöser Stoff war 1955 Domaine de Chevalier. In 1955 sicher Haut Brion überlegen und gleichauf mit La Mission für deutlich weniger Geld, aber leider sehr schwer zu finden. Dichte, deutlich jünger wirkende, brilliante Farbe mit dezentem Orangenrand, rauchige Nase, Teer, Graphit, später intensiv Cigarbox, aber auch rote Früchte. Am Gaumen weich, elegant und schmeichlerisch. Sicher noch Potential für 10+ Jahre – 96/100. Wenn ich einen dieser grandiosen, alten Domaine de Chevaliers im Glas habe, dann frage ich mich immer, warum auf diesem Gut mit seinem hervorragenden Terroir heute so rumgemurkst wird. Überzeugend war danach auch 1955 Gazin. Etwas heller in der Farbe, nicht so konzentriert, mehr Eleganz als Kraft, dafür mit verschwenderischen Mokka-Tönen, tapeziert den Gaumen mit seiner seidigen, druckvollen Aromatik – 93/100.
Ach ja, dann stand da ja noch die Karaffe mit dem nichtssagenden, zu alten Chapelle de la Trinité. Noch mal einen großen Schluck ins Glas. War da inzwischen David Copperfield zu Gange gewesen? Aus dem hässlichen Entlein war plötzlich ein stolzer Schwan geworden. Der Wein war in den 2 Stunden der Karaffe sensationell aufgeblüht und präsentierte sich als großer, reifer Bordeaux mit irren Kaffee- und Mokkatönen, sicher auf 93/100 Niveau. Gut eine halbe Stunde später fiel er wieder in sich zusammen. Wir hatten Glück gehabt und einfach den richtigen Zeitpunkt erwischt. Leider gibt es keine allgemein gültige Regel, wie man den richtigen Zeitpunkt für den Genuß eines älteren Weines herausfindet. Da hilft nur die richtige Mischung aus Geduld und Risikofreude, und natürlich eine Portion Glück.
Weinmesse Düsseldorf
Fast hätte ich sie übersehen, die 2. Düsseldorfer Weinmesse, das kleine, für Endverbraucher gedachte Gegenstück zur großen Prowein. Mit dem nagelneuen Interconti Hotel auf der Königsallee hatten sich die Veranstalter in diesem Jahr eine Top Location ausgesucht. Weitgehend namenlos aber die Liste der recht zahlreichen Aussteller. Bekannte Namen und herausragende Güter waren kaum darunter zu finden. Selbst schuld. Die beiden Räume waren hervorragend mit kauffreudigem Publikum gefüllt.
Zielsicher hatte aber Martin Kössler von K&U mit dieser Messe wieder auf das richtige Pferd gesetzt. Dort konnte ich unter anderem die komplette 2004er Palette von Heymann Löwenstein probieren. Das ist schon gigantisch, was da 2004 auf die Flasche gekommen ist. Durch das straffe Säuregerüst viel präziser definiert als 2003 und mit wunderbarer Frucht. Dabei unterscheiden sich die einzelnen Lagen in 2004 deutlich. Ich möchte mir nicht anmaßen, auf Grund kleiner Probeschlücke aus nicht optimalen Gläsern hier exakte Bewertungen vornehmen zu wollen. Kaufen werde ich in jedem Fall die Schieferterassen mit ihrem überragenden Preis-/Genussverhältnis. Von den Lagen gefiel mir Kirchberg am besten, Röttgen wirkte noch etwas verschlossen, hat aber gewaltiges Potential. Die kommen beide in meinen Keller. Unbedingt zuschlagen werde ich auch beim Uhlen „L“, der in 2004 ganz groß geworden ist und mir von den drei Uhlens am besten gefiel. Unter den Roten von K&U fand ich noch einen Preis-/Leistungssieger. Der 2001 Counterpoint von Laurel Glen bietet für 22 € unglaublich viel Wein mit satter, saftiger Frucht und hervorragender Struktur, sicher im 90-91/100 Bereich. Soviel Kalifornien hat es für dieses Geld schon lange nicht mehr gegeben.
Und wo wir schon beim Thema Preis-/Leistungssieger sind. Beim heiß umlagerten Stand der Senfmühle Monschau bekam ich ein Glas 2004 Fum Allerhinnerschde. Ein blitzsauberer, knackiger, feinherber Riesling aus dem Rheingau vom Weingut Fendel, der auch nach der Verkostung der sensationellen Senfsorten noch bestehen konnte. Allein der Name ist die € 6.95 schon wert. Kommt auch in meinen Keller.
Neuseeland besteht nicht nur aus Cloudy Bay. Da gibt es inzwischen auch reichlich kleine, engagierte Weinbaubetriebe und passend dazu die deutschen Gesinnungstäter für den Vertrieb. Mir bis dato unbekannt war Kiwi Weine aus München, die unter anderem mit Kathy Lynskey und Spy Valley ein paar spannende Weine im Programm haben.
Fast am Ausgang traf ich dann noch einen alten Bekannten wieder, Bernd Busch vom LaCave in Düsseldorf. Bei ihm gab es noch einen guten Schluck vom 2002 Chateau Belá. Er verfügt noch über Restbestände dieses großartigen und dabei doch so preiswerten Rieslings(siehe Beschreibung in WeinMomente Oktober) aus 2002 und wird demnächst 2003 importieren(0211-396089). Ich habe mich noch mal eingedeckt und gleich an Ort und Stelle eine Flasche für das Abendessen mitgenommen. Ins Auge fiel mir aus seinem Sortiment älterer Weine ein 1977 Gran Coronas Black Label von Miguel Torres. Der wurde dann ebenfalls noch am gleichen Abend seiner Bestimmung zugeführt. Dunkle Farbe mit leichtem Wasserrand, pointierte Süße, erinnerte in der Aromatik an Amaretto, burgundische Eleganz und Fülle, ein vollreifer, samtig-weicher Wein zum Träumen – 92/100. Jetzt voll auf dem Höhepunkt. Ich würde den Wein nicht mehr dekantieren und auch keine zu großen Gläser wählen.
Höhen und Tiefen
Das geniale Menü meines Freundes Bernd Wirtz kannte nur Höhepunkte, bei den begleitenden Weinen sah es etwas anders aus. Wir starteten mit einem 2004 Monziger Halenberg Ley Großes Gewächs von Emmerich Schönleber. Viel zu jung war dieser potentiell sehr große Wein. Zwar hatten wir ihn dekantiert, doch zeigte er erst ansatzweise, was da in den nächsten Jahren noch kommt. Heute ein frischer, knackiger Riesling mit Zitrusaromen, Limette, dezentem Minzton, reife, aber sehr präsente Säure, feiner Schiferton. Ein rassiger, derzeit eher schlank und finessig wirkender Wein, jetzt schon gut trinkbar, legt aber über die nächsten Jahre sicher kontinuierlich zu – 93+/100.
Erstaunlich weich, reif und weit war 1994 Latour. Für mich war es die erste Begegnung mit diesem, in der Literatur sehr kontrovers beurteiltem Wein. Blind wäre ich auf alles gekommen, nur nicht Latour. Dunkle Früchte, Trüffel, altes Sattelleder, die leicht schweißige Note des mit 27% für Latour ungewöhnlich hohen Merlot-Anteils, dazu kam die Latour-typische, leicht bittere Walnuß-Aromatik. Das war für mich eher Comtesse als Latour. Insgesamt ein sehr schön zu trinkender Wein mit viel Kraft und langem Abgang. Da halte ich 93/100 für gerechtfertigt. In Parkers neuem Bordeaux-Buch taucht der 94er Latour gar nicht mehr auf, bei René Gabriel gibt es nur 15/20 Punkte. Da müsste der Latour eigentlich recht billig im Handel oder bei Ebay zu bekommen sein.
Parallel dazu tranken wir einen 1994 Ridge Monte Bello. Das war natürlich schon eine andere Liga. Cassis pur, leicht animalische Töne, sehr konzentriert, noch so jugendlich und erst ganz am Anfang. Trotz der intensiven Frucht mit großartiger Struktur, eine ideale Kreuzung aus Bordeaux und Kalifornien mit Potential für sicher 20+ Jahre, noch dazu mit dem für ein solches Hammerteil niedrigen Alkohol von nur 12.7% – 95/100. Ich habe diesen Wein schon weit über 20mal getrunken und nie schlechter bewertet.
Was haben wir uns 1997 über den 1994 Philip Togni Cabernet Sauvignon gewundert, ein rabenschwarzes Konzentrat mit einer ekelhaft schweißigen Note wie die Schuhe eines Marathonläufers. Ich hatte kurz darauf Philip Togni kennengelernt, der mich wüst beschimpfte, weil ich seinen Wein in solch jugendlichem Stadium geöffnet hatte. Seine Weine seien so gemacht, wie früher Bordeaux, und denen müsste man mindestens 10 Jahre geben. Ganz und gar unkalifornisch, dieser Mensch, kantig und eigenständig wie sein Wein. Jetzt stand der 94er wieder vor uns, inzwischen 11 Jahre alt. Aus dem damals untrinkbaren Monstrum war ein großer Wein in klassischer Bordeaux-Stilistik geworden, schwarze Johannisbeere, Zedernholzaromen, dezente, karamellige Süße und tolle Länge am Gaumen, immer noch sehr kraftvoll, aber inzwischen etwas zivilisierter, dürfte sehr gut altern – 95/100. Wäre vielleicht noch nachzutragen, dass wir 1998 nach einer erneuten Begegnung mit diesem damals untrinkbaren Monstrum am nächsten Tag im leeren Glas genau die karamellige Süße fanden, die der Wein heute zeigt.
Deutlich unzugänglicher wirkte der parallel dazu getrunkene 1990 Angelus. Ebenfalls ein gewaltiger Wein, den ich in den letzten Jahren schon deutlich offener erlebt habe. Klar, da war üppige, konzentrierte Frucht, sogar eine feine Süße, dazu ledrige Töne, Korinthen, ein etwas rustikaler Kraftbolzen, der am Gaumen durch das mächtige Tanningerüst immer noch astringierend wirkte, wurde im Glas mit der Zeit etwas gefälliger. Gewaltiges Potential, das sich je nach Flasche jetzt schon, oder wie hier erst in 5+ Jahren voll entfaltet. Wir hatten heute 93+/100 im Glas, in Topform sind bei diesem Wein auch 96/100 drin.
Dann kamen die Tiefen, mit denen ich mich nicht lange aufhalten möchte. Ein 1936 Clarete Fino der Bodegas Bilbainas aus diesem insgesamt schlimmen Weinjahr wirkte von der Kakao-Nase her noch interessant, bestand am Gaumen aber nur aus Säure. Bitterschokolade gefüllt mit reinem Essig, pfui Teufel. Besser, aber auch nicht groß aus dem fantastischen Rioja-Jahr 1942 war der 1942 Vina Albina Vieja Reserva Bodegas Riojanas. Ein sehr terroirbetonter, erdiger Wein mit kräftiger Säure, auch ohne den sich bei dieser Flasche mit der Zeit immer stärker entwickelnden Korkton waren da nicht mehr als 84/100 drin. Versöhnt wurden wir dann von einem großartigen 1966 Vina Real Reserva Especial von CVNE, dicht, kräftig, lang mit feiner Süße und Potential für sicher noch 1-2 Jahrzehnte – 94/100. Mein Tischnachbar schaute gedankenverloren ins Glas und murmelte: Dunkle Augen, große Brüste.... Auch eine Art der Weinbeschreibung.
Die fliegenden Lurtons
In Bordeaux ist sie eine Institution, die Familie Lurton. Vater André Lurton kontrolliert vom Stammsitz La Louvière aus eine ganze Reihe Bordelaiser Güter. Seine Söhne Jean und Francois Lurton sind noch einen Schritt weiter gegangen. Als Flying Winemakers haben sie sich international engagiert und produzieren Weine auf mehreren Kontinenten. Zwei ihrer Top Weine habe ich kürzlich in einem neuen Düsseldorfer Weinladen erworben. Auf gut 800 qm Verkaufsfläche hat im Stadtteil Oberkassel Lust4wine gestartet, mit großem Sortiment und noch größeren Ambitionen.
Der 2001 Campo Eliseo aus Toro, bei dem auch Starönologe Michel Rolland mit im Boot sitzt, besteht aus 100% Tinto de Toro(Tempranillo) von alten Rebstöcken und wird 16 Monate in französischer Eiche ausgebaut. Ein würzig-dichter Powerwein im Numathia-Stil, tintig, dickflüssig mit rauchiger Nase, üppiger dunkelbeeriger Frucht, Lakritz, etwas Bitterschokolade, getoastetem Holz. Voll trinkbar mit weichen Tanninen, saftig, fleischig und lang mit deutlicher Fruchtsüße. Voll trinkbar, ein modern gemachter Spaßwein für die Generation ungeduldiger Weintrinker. Kann sicher bis zu 10 Jahre altern, muss es aber nicht, denn er wird höchstens anders, nicht besser – 93/100.
Aus ähnlichem Holz geschnitzt war der 2002 Chacayes aus Argentinien. Diese Prestige Cuvée der Bodega Lurton besteht aus 85% Malbec und 15% Cabernet Sauvignon von gut 1000 Meter hoch gelegenen Weinbergen am Fuße der Anden in Mendoza. Auch dieses ein unkomplizierter, zugänglicher Wein, der spontan anmacht. Prägnante Sauerkirschnase, auch am Gaumen reife, pflaumige Frucht, wieder ein würziger, üppiger, saftiger Stil. Weiche Tannine, baut sehr gut im Glas aus. Durch den Cabernet Sauvignon wirkt der Wein deutlich eleganter als viele reinsortige Malbecs. Auch dieser Wein ist praktisch reif in die Flaschegekommen und dürfte sich 10 Jahre gut halten – 92/100.
Beide Weine, obwohl aus unterschiedlichen Erdteilen und unterschiedlichen Rebsorten tragen eine ähnliche Handschrift. Vor allem verkörpern sie einen neuen, internationalen Weintrend. Weine, die jung schon reif auf den Markt kommen und sich dann etliche Jahre so halten. Kaufen und saufen, ohne über den richtigen Trinkzeitpunkt nachdenken zu müssen, ohne die Gefahr, eine Flasche zur Unzeit im Stadium der Verschlossenheit zu öffnen. Sicher ein Traum für die Gastronomie und für Leute ohne Keller. Bei allem Spaß aber, den diese Gewächse machen, wenn sich dieser Stil weltweit durchsetzt, wenn sich das Lagern von Weinen auf bloße, kurzfristige Vorratshaltung reduziert, dann wird die Weinwelt deutlich ärmer.
Höhen und Tiefen - die Zweite
In gleicher Besetzung trafen wir uns eine Woche später noch einmal. Diesmal wurden wir ver- und gestärkt durch eine charmante Gastköchin aus Spanien, die uns prächtig bekochte.
Schon der Einstieg war eine große Überraschung. Ein 1943 Imperial Gran Reserva von CVNE aus der halben(!) Flasche entpuppte sich als weitaus besser als nur „noch trinkbar“. Immer noch mit erstaunlich gesunder Farbe, zwar leichter Orangenrand, aber dichter Kern. Sehr weich und elegant mit feiner Süße, dabei kein Zeichen von Alter oder Müdigkeit, einfach schön – 90/100. Klar, das ist keine Fruchtbombe und kein Hammerwein für Potentialtrinker. Aber diese perfekte Harmonie eines gut gereiften Weines, diese fein aufeinander abgestimmten, leisen Töne, das hat was. Davon eine 24er Kiste, das wär´s.
Darüber hätten wir fast den vom Hausherrn bereitgestellten Weißwein vergessen, was nicht weiter schlimm gewesen wäre. Den 2003 Riesling Morstein Großes Gewächs vom Weingut Klaus Keller aus Rheinhessen habe ich deutlich größer in Erinnerung und vor allem rassiger. Leider scheint er aber den Weg vieler 2003er zu gehen, die deutlich schneller reifen, als man sie trinken kann. Mir war der Wein, den der Gastgeber rechtzeitig dekantiert hatte, einfach zu dick, zu üppig mit zuwenig Säure und zuwenig Struktur. In der Nase und am Gaumen deutliche Süße, überreife Frucht. Da wird es sicherlich Fans für geben. Ich meine, dass dieses etwas korpulent wirkende Teil dringend getrunken gehört – 88/100.
Zwei große Priorat-Weine standen sich danach gegenüber. Erstaunlich reif und weit wirkte 2001 Clos Erasmus. Von der Nase her war er eindeutig als spanischer Wein zu erkennen, allerdings mit Priorat-untypischer Aromatik. Sehr süß, sowohl in der Nase als auch am Gaumen, reife Frucht, weiches Tannin, sehr mineralisch, entwickelte karamellige Töne – 95/100. 2001 Clos Mogador hatte nicht nur die dichtere, tintigere Farbe. Er wirkte auch deutlich kraftvoller, besser strukturiert. Lakritz ohne Ende, ein Powerstoff mit langem Abgang und ebenfalls guter Mineralität. Wurde mit der Zeit im Glas weicher und schmelziger – 98/100. Ich bin eigentlich kein großer Priorat-Freund, aber beide Weine, die schon erstaunlich gut trinkbar waren, haben mir sehr gut gefallen.
Dann waren leider wieder zwei Tiefen angesagt. Nie wäre ich beim nun folgenden Wein auf 1992 Dalla Valle Cabernet Sauvignon gekommen. Gut 12mal habe ich diesen Wein zwischen 1996 und 2003 getrunken und ihn dabei immer als eine ideale Mischung aus Pauillac und Kalifornien empfunden mit reifer Frucht und perfekter Struktur, immer auf 95/100 Niveau. Und das soll es jetzt gewesen sein? Sperrig und gezehrt wirkte der Wein im Glas vor mir, massig Tannin und Alkohol, nur von der reifen kalifornischen Frucht war nicht mehr viel übrig. Ein ehemaliger Traumstoff auf dem Weg zum monolithischen Monstrum – 86/100. Vor ein paar Tagen war mir ähnliches von den Mayas von Dalla Valle berichtet worden, die sich auf einer großen Kalifornien-Probe ähnlich schwierig verkostet hatten. Ich hoffe immer noch auf einen Flaschen- bzw. Lagerfehler und werde den Dalla Valle demnächst aus eigenen Beständen nachverkosten.
Erschreckend war auch der parallel dazu getrunkene 1989 Clinet. Das war eher Medoc als Pomerol, wenig Schmelz, viel Tannin, ganz dezente Süße. Vom großen 89er Clinet nichts in Sicht – 92/100. Zweimal habe ich den 89er Clinet, diesen einstigen Superstar, 2002 in derartig seltsamer Verfassung erlebt. Nur weiß ich hier, dass es sich um Ausreißer handeln muß. Sowohl aus eigenen Beständen als auch auf diversen Proben habe ich den Clinet in den letzten beiden Jahren deutlich besser verkostet.
Mit zwei Unicos schlossen wir den Abend ab. Für den auch in Spanien nicht gerade erhebenden Jahrgang war der 1980 Vega Sicilio Unico erstaunlich gut. Dichte, junge Farbe, animalisch, Terroirnoten, erdig, Trüffel, konzentriert, noch so jung wirkend, sehr lang am Gaumen – 93/100. Wer einen Wein aus 1980 sucht, sollte hier zugreifen.
Im anderen Glas der La Mouline Spaniens, 1968 Vega Sicilia Unico. Der war bei aller Üppigkeit und würzigen Dichte so präzise strukturiert und wirkte so harmonisch. Das fing schon bei dieser wunderbaren, im besten Sinne des Wortes floralen Nase an, setzte sich am Gaumen fort und hörte mit einer irren Länge kaum auf. Dabei wirkte er noch sehr jung und zeigte gigantisches Potential für sicher noch 15-20 Jahre. Ein echtes Fest für die Sinne, der bisher beste Unico und leider inzwischen auch der teuerste – 99/100.
Ein Besuch bei Paula Bosch
Verdammt gut ist es uns gegangen im Münchner Tantris an diesem November-Abend. Die Küche war großartig und widersprach eindeutig dem Verriss im letzten GaultMillau. Der Service unter der Regie von Dominique Metzger war absolut erstklassig, ebenso das Restaurant selbst bis hin zur hervorragenden Glaskultur. Für mich war es der erste Besuch in diesem schon legendären Gourmet-Tempel, sicher aber nicht der letzte. Ich weiß, das einige meiner Münchner Freunde über das Tantris die Nase rümpfen. Nur, wenn so ein Laden selbst an einem Dienstag Abend brechend voll ist, dann spricht das für sich.
Wo gibt es sonst (außer natürlich bei Jörg Müller auf Sylt) einen Weinkeller mit über 50.000 Flaschen und ein wohlfeiles Angebot, das gut 50 Jahre umfasst? Darüber gebietet Paula Bosch, eine Ikone in der deutschen Weinlandschaft und alleine schon eine Reise wert. Umfassende Weinkenntnisse kann man sich nicht anlesen, und man bekommt sie auch nur rudimentär auf einer Sommelierschule. So ein profundes Weinwissen, wie es Paula Bosch besitzt, muss man sich hart erarbeiten, und das heißt probieren, probieren, probieren.
Die übliche Aperitif-Frage beantworteten wir auf unübliche Art und Weise. Wir fragten nach einem Glas frischen, edelsüßen deutschen Weines. Ich habe mir die Champagner-Trinkerei längst abgewöhnt. Vor großen Proben gibt es das obligatorische Glas Milch, vor großen Menüs eine deutsche Spät- oder Auslese. Die hat weniger Alkohol und keine Bubbles, macht also nicht so schnell blau, und erfüllt den Zweck eines Gaumen-Erfrischers mindestens so gut. Zur Nachahmung dringend empfohlen!
Wir bekamen eine 1999 Eltviller Rheinberg Auslese von J.B. Becker aus dem Rheingau. Was für ein prächtiger Stoff. Stoffig und elegant zugleich, dezente Süße, Honigtöne, knackige Säure, ein Super-Einstand von Paula Bosch, der wir freie Hand gelassen hatten – 91/100. Bei trockenen Weinen mag es Paula Bosch knochentrocken, wie die nächsten beiden Weine zeigten. Die 2004 Lorcher Krone Spätlese trocken des Weingutes von Kanitz war absolut furztrocken mit einer gewaltigen Säure. Bei so was kann man empfindlichen Leuten nur raten, die Magenschleimhaut vorher einzurollen und an der Garderobe abzugeben. Sehr mineralisch mit Muschelkalk, schönes Frucht-/Säurespiel. Die happigen 13,5 % Alkohol sind kaum spürbar. Ein sehr guter Essensbegleiter – 90/100.
Sehr interessant war auch eine weitere Empfehlung von Paula Bosch, ein 1990 Nikolaihof Riesling Vinothek. 14 Jahre hat dieser Wein im Fass gelegen, bevor er im April 2004 abgefüllt wurde. Ich habe ihn blind für deutlich älter gehalten. Sicher besaß er neben der kräftigen, goldgelben Farbe eine gewaltige Struktur, war absolut trocken bei nur verhaltener Frucht. Durch den leichten Petrolton reifer Rieslinge erinnerte er mich in der Stilistik an große, reife Elsässer. Solo getrunken würde ich diesen etwas monolithisch wirkenden, mineralischen Wein sicher nicht über 90/100 bewerten. Ganz anders sah das mit Essen aus. In der Kombination mit Jakobsmuscheln auf Kürbiskonfit ging im Mund plötzlich die Post ab (O-Ton Paula Bosch: dafür bin ich ja da). Der Wein blitze richtig auf, brachte Aromen von kandierter Orange. Eine perfekte Kombination, die man so sicher mit 95/100 bewerten kann.
Dann eine echte Trouvaille der Weinkarte, ein 1978 Cuvaison. Immerhin 27 Jahre hat dieses Musterbeispiel klassischer, kalifornischer Winzerkunst auf dem Buckel, ohne auch nur im entferntesten müde zu sein. Perfekte, immer noch recht junge und dichte Farbe, sehr mineralisch, „liquid rocks“, Bleistift, etwas Leder, leichte Minztöne, Zedernholz, ginge auch als großer Mouton durch mit perfekter Struktur und langem Abgang – 95/100. Das tolle Alterungspotential dieses Weines, der zwar auf dem Höhepunkt ist, aber sicher noch 10+ Jahre auf hohem Niveau Spaß machen wird, verwundert nicht wenn man weiß, dass der Winemaker von Cuvaison damals Philip Togni hieß. Und das alles mit bescheidenem Alkoholgehalt, der sicher nicht über 12,5 % lag. Wäre München nicht so weit von Düsseldorf weg, ich ginge alleine schon wegen dieses Cuvaison rasch wieder ins Tantris.
Von den zwei älteren Burgundern, die wir dabei hatten, erwies sich der erste als ziemlich untrinkbar. Vielleicht waren wir auch einfach zu gesund. Da hatten wir einfach keinen Bedarf nach der gewaltigen Dosis Penicillin, die der sehr pilzige 1950 Le Corton von Robert Madesclaire verströmte. Grandios dagegen der 1953 Corton von Champy Père & Fils. Paßte wunderbar in die vorweihnachtliche Zeit, das große Lebkuchenhaus, das man da in der Nase hatte. Ein perfekt gereifter Burgunder, bei dem sicher auch jeder Bordeauxtrinker schwach würde, mit feinem Schmelz und toller Länge am Gaumen – 94/100.
Überhaupt nicht klar kam ich mit der Weinempfehlung zum Käse, einem 1990 Chateau Rayas Blanc aus der halben Flasche. Ich fand diesen kräftigen, alkoholischen Tropfen einfach nur anstrengend, nicht mein Ding.
Hin und weg waren wir dann aber zu später Stunde noch von einer anderen Trouvaille der Karte, einem 1961 La Lagune. Das war wieder reifer Bordeaux vom Allerfeinsten mit toller Süße und Länge auf sicher wieder 95/10 Niveau. Schade dass René Gabriel das mit seinen 19/20 genauso sieht. Sonst könnte man bei lausigen 60 Parker Punkten für diesen großen Wein sicher so manches Schnäppchen machen.
Ein Harlan-Abend am Herlisberg
War das ein schöner Abend mit meinen Schweizer Weinfreunden, natürlich wieder im Wirtshaus Herlisberg, vortrefflichst bekocht und umsorgt vom sehr sympathischen Ehepaar Sepp und Liselotte Niederberger-Estermann.
Los ging es mit einem 2003 Idig von Christmann. Sicher nicht so schlecht, wie ich ihn vermutet hätte, aber auch der lebt wie fast alle trockenen 2003er aus Deutschland sehr gefährlich. Wer ihn hat, sollte ihn rasch trinken. Dann bekommt er noch etwas mit von der prallen, üppigen, sehr reifen, gelben Frucht. Vor allem die Nase betört an diesem Wein mit Frucht- und Extraktsüße. Am Gaumen spürt man das Säuredefizit. Da wirkt er etwas breit und ausladend, brandig und etwas kurz im Abgang - 88/100. Sehr überzeugend wieder 1966 l´Arrosée in einer Barrière-Abfüllung. Reife Farbe, Terroirnoten, Trüffel, Waldboden, aber auch feine Johannisbeere, leicht animalisch, füllig am Gaumen mit druckvoller Aromatik und guter Frucht, tolle Länge – 93/100. Trinkt sich schon seit weit über einem Jahrzehnt auf diesem Niveau und ich sehe keinen Grund, warum das nicht noch eine Weile so bleiben sollte. Ganz sicher ein Supertipp für alle, die im nächsten Jahr einen 40er zu feiern haben. Schier unglaublich dann der 1982 Prieuré-Lichine. Das war der perfekte Weihnachtswein. Reife, dichte Farbe mit Brauntönen und Orangenrand. Ein Pfauenrad an weihnachtlichen Aromen, Lebkuchen, weihnachtliche Gewürze, eingekochte, pflaumige Frucht, Rumtopf, feine, leicht karamellige Süße, wird im Glas schnell weicher und gefälliger. Toller Stoff, der sicher nicht viel kostet. Suchen, kaufen, NICHT dekantieren und auf 94/100-Niveau genießen. Der dann folgende Wein muß eine Ausnahmeflasche gewesen sein. So kräftig, so druckvoll und so jung habe ich 1979 La Mission noch nie erlebt. Leicht animalisch, mineralisch, baute sehr gut im Glas aus, mit irrer Länge am Gaumen, auf La Mission wäre ich schon gekommen, auf diesen sonst eher schwächeren Jahrgang nie – 94/100. Völlig zugenagelt war 1995 Clinet. Superdichte, jugendliche Farbe, Tannine und Kraft ohne Ende, konzentrierte Frucht mit Bitterschokolade, lässt derzeit nur ahnen, was großes daraus werden könnte – 90/100 mit Potential für 5 mehr.
Als Zwischenspiel kam eine 1998 Gsellmann & Gsellmann Scheurebe TBA aus dem Burgenland auf den Tisch. Hätte ich so was im Restaurant aus der Karte bestellt?– nie, und als Scheurebe schon gar nicht! So trank ich es blind und war begeistert. Ins Bernstein gehende Farbe, die große Honig-Degustation, man geht von Topf zu Topf. Exotische Früchte, Bitternoten, feine Säure und viel Länge. Klassische Sauternes-Aromatik auf hohem Niveau mit intensiver Süße ohne jedwedes Klebrige – 96/100.
Natürlich hat es jeder Rotwein nach solch einer süßen Granate schwer. Der 1986 Beychevelle machte es sich dazu aber auch selber schwer. Tintig-junge Farbe, dichte, schwarze Johannisbeere, überlagert durch die astringierenden Tannine. Wirkt dadurch am Gaumen sehr herb und braucht dringend noch ein paar Jahre Lagerung. So waren heute nur 87/100 im Glas, in 5 Jahren könnten es durchaus 92+/100 sein.
Einigermaßen sprachlos waren wir alle beim nächsten Wein. Man kann kalifornische Weine mögen oder auch nicht, aber der 1996 Harlan spielt außerhalb jeder Wertung. Wie beschreibt man ein schwereloses Schwergewicht? Wie eine elegante Fruchtbombe? Wie einen jugendlichen, reifen Pauillac? Der Harlan mit seiner rabenschwarzen Farbe, der konzentrierten Frucht, der intensiven Mineralik ist so perfekt strukturiert, so klar definiert mit einer so unglaublichen Harmonie zwischen den einzelnen Teilen, mit so perfekter Länge am Gaumen, das ist einfach Weltklasse – 100/100. Für mich sind übrigens derzeit 1995 und 1996 die schönsten Harlans. Wer das im Hinterkopf behält und um die sündhaft teuren 94er und 97er einen Bogen macht, kommt statt für außergewöhnlich viel Geld „schon“ für sehr viel Geld zu perfektem Harlan-Genuß.
Als bekennender Comtesse-Fan habe ich mit der 1994 Pichon Comtesse immer so meine Probleme gehabt. Reichlich miese Flaschen mit dumpfen, reduktiven Aromen haben sich stets mit gelegentlichen Höhepunkten abgewechselt. Heute war wieder eine gute Flasche auf dem Tisch. Dichte, junge Farbe, reife Frucht, viel Fett, nur am Gaumen spürte man dezent die grünen Tannine, und mit der Zeit baute der Wein deutlich im Glas ab – 92/100.
Ein einfacher, gut gemachter Simpel auf hohem Niveau war danach 1990 Batailley. Sollte bald getrunken werden – 88/100.
Etwas ausfallend wurde ich in meinen Notizen beim nächsten Wein, einem 1988 Ducru Beaucaillou. Tolle Farbe, aber das war´s auch. Sperriges Holz, grüne Tannine, ein anstrengender Sch....Wein – 81/100. Mit der Weinwelt versöhnte uns dann aber ganz schnell wieder ein grandioser 1990 Leoville Poyferré. Ein großer, dichter, muskulöser Wein, aber deutlich zugänglicher als vor ein paar Jahren. Cassis pur, Leder, Zedernholzaromen, wird im Glas weicher, fast süffig und macht unglaublichen Spaß – 95/100. In Bestform präsentierte sich danach auch wieder 1971 Latour. Ein großer, perfekt gereifter, deutlich jünger wirkender, typischer Pauillac mit guter Frucht, Zedernholzaromen, Tabak und der Latour-typischen, leicht bitteren Walnußaromatik – 95/100.
Sehr jung und dicht war der letzte Wein des Abends, ein 1997 Fonseca. Der tat fast weh am Gaumen, Marzipan und Bitterschokolade ohne Ende, begleitet von kräftiger Säure. Junge Portweine muß man mögen, ich tue das – 96/100.
Und wie kam ich jetzt auf den Harlan-Abend? Ganz einfach, es war heftig, alkoholreich, aber absolut stimmig. Tolle Weine, große Küche und eine sehr angenehme Runde netter Menschen, da passte einfach alles perfekt zusammen, typisch Harlan eben.
