November 2008

Traube Trimbach

Nicht nur ein großartiger Koch ist er, dieser Arno Sgier, sondern auch ein begnadeter Gesinnungstäter in Sachen Wein. Gut 900 hochinteressante Positionen füllt seine Weinkarte und da Arno Sgier auch noch ein netter, liebenswerter Mensch ist, hat er seine Weinkarte preislich so gestaltet, dass sein Keller kein Museum wird. Will heißen, auch sehr seltene Weine sind so kalkuliert, dass Weinfans automatisch gnadenlos zuschlagen. Wozu das im Zweifelsfalle führt, wenn Tisch und Durst groß genug sind, sei hier kurz berichtet.

Den Apero hatten wir schon unterwegs genommen. Unterwegs? Klar, die Traube liegt bei Olten, dem größten Bahnknotenpunkt der Schweiz. Da ist eine problemlose An- und vor allem Abreise aus fast allen Teilen der Schweiz möglich. Das haben wir auch so gehalten. Und da ist dann natürlich traditionell Gregors Rucksack. In dem sind stets genug schöne Gläser und vor allem flüssige Nahrung. Eh ich mich versah, hatte ich ein Glas 2005 Monsheimer Silberberg Rieslaner Auslese von Klaus Keller aus Rheinhessen in der Hand. Traubig-süß, weich und cremig, ging runter wie Öl – 93/100. Und darauf folgte eine 2007 Erdener Prälat Riesling Auslese Goldkapsel von Dr. Loosen. Deutlich schlanker, rassiger, konzentrierte Frucht und intensive Fruchtsüße, viel Honig, aber auch eine prägnante Mineralität, ein komplexes, vielschichtiges Weinbaby, das sicher noch zulegen wird – 93+/100. Den Gregor sollte man auf deutschen ICE´s als Zugbegleiter einsetzen. Dann würde ich auch Zug fahren, obwohl ich nirgendwo hin muss.

Und dann die Traube, wo wir sehr herzlich empfangen wurden. Natürlich stürzten wir uns sofort auf die buchdicke Weinkarte. Da kamen wir uns dann vor wie eine große Horde Buben in einem riesigen Spielzeugladen. Wonach zuerst greifen? Womit anfangen? Eigentlich wollten wir nach den Aperos im Zug gleich mit Rotweinen beginnen, doch da stach uns der Name Coche-Dury ins Auge. Selten, dass man diese Weine überhaupt in der Gastronomie findet und noch seltener, dass diese Weine überhaupt noch einigermaßen bezahlbar sind. Also mussten wir dieses generöse Angebot des Wein- und Menschenfreundes Arno, das man einfach nicht ablehnen kann, annehmen. Den Anfang machte 2001 Meursault-Perrières von Coche-Dury. Was da ins Glas kam, war schlichtweg atemberaubend und hatte mit „normalen“ Burgundern so wenig zu tun wie feinster Rohmilchkäse mit einer Kraft Scheiblette. Was Coche-Dury da aus spät und perfekt gereiftem, handverlesenem Traubengut herausgeholt hat, ist schier unglaublich. 2001 war für Rote Burgunder eher ein kleineres, schwieriges Jahr und für Weiße ein sehr uneinheitliches. Coche-Dury aber scheint in 2001 mal wieder ein Goldenes Händchen gehabt zu haben. Dieser Meursault hatte eine dermaßen sensationelle, explosiv-mineralische Nase, der sprang förmlich aus dem Glas. Das habe ich in dieser Form aus Burgund noch nicht erlebt. Auch am Gaumen extrem druckvoll und mineralisch mit toller Würze und kaum endendem Abgang. Dabei mit einer faszinierenden Präzision, die mich an eine Hermannshöhle von Dönnhoff aus besten Jahren erinnert. Voll da und immer noch ein Weinbaby mit großartiger Zukunft. Ich war völlig von den Socken. So etwas hatte ich als jungen Burgunder noch nicht im Glas. Aus 96 wurden bei mir schnell 97 und dann zum Schluss konservative 98/100. Ein sauteurer, extrem schwer zu findender Ausnahmewein, für den es lohnt, einen Kredit aufzunehmen. Eher verhalten startete da im Vergleich 2001 Corton Charlemagne von Coche-Dury, den wir uns natürlich auch nicht entgehen lassen wollten. Da war ganz zu Anfang eine irritierende Sellerie-Nase, aber die verschwand schnell. Der Corton Charlemagne, der natürlich auch dekantiert und aus großen Burgundergläsern serviert wurde, brauchte einfach massig Zeit und Luft, deutlich mehr, als wir ihm an diesem Abend geben konnten. Ein Riese im Werden mit gewaltigem Potential, ebenfalls sehr mineralisch, konzentriert und mit fast messerscharfen Konturen. Ich habe mein Glas über Stunden stehenlassen und immer wieder probiert und dran gerochen. Unglaublich, was da mit der Zeit und auch mit höheren Temperaturen abging, immer ausdrucksstärker, immer komplexer, immer mineralischer mit sehr viel Feuerstein. Diesen faszinierenden Stoff, der an diesem Abend klar unter die Räder des Meursault kam, würde ich gerne in 5 Jahren noch mal probieren. Dann kommt sicher mehr als die 96+/100 ins Glas.
Nach diesen beiden, verrückten Weine, die viel Diskussionsstoff lieferten, musste erst mal Ruhe einkehren. Wir entschieden uns als Übergang für einen reifen Burgunder, einen 1982 Romanée St. Vivant von DRC. Den hatte ich zwar vor längerer Zeit schon mal aus einer wohl misshandelten Flasche ziemlich suboptimal erlebt, aber nach der Erfahrung mit einem göttlichen 82er Richebourg von DRC in diesem Sommer auf Sylt war ich doch verdammt neugierig. Und dann kam dieser Wein, und ich war schon wieder sprachlos. Reife, ausladende Nase mit roten und blauen Beeren, mit Tabak, Edelhölzern, Trüffel und Lebkuchengewürz mit schöner Süße. Nur das Riechen alleine war schon ein Erlebnis. Und dann der Gaumen, so komplex und vielschichtig, so elegant, druckvoll und irre lang mit der Süße eines gut gereiften, großen Burgunders. Einfach ein perfektes Weinerlebnis, bei dem locker 97/100 fällig waren. Und das „nur“ bei einem Romanée St. Vivant aus einem eigentlich ziemlich mickrigen Burgunderjahr. Aber wir hatten diesen Wein wohl mit viel Glück genau in dem Moment erwischt, wo große, auf Reife angelegte Weine über sich hinauswachsen. Das ist für mich das faszinierende am Weintrinken und auch beim Aufbau eines eigenen Kellers. Weinen Zeit geben zu können und dann auf diesen magischen Moment zu hoffen, den wir hier erwischt hatten, einfach zum Niederknien. Wer immer nur Potentialsäuferei betreibt, viel zu junge Weine trinkt und dann vom gewaltigen Potential faselt, dass die ja hätten, der sollte solch einen Wein mal erleben. All die modernen, jungen Pinots, die Spätburgunder und anderes, hochgezüchtetes, modernes Zeugs, das kann einen vielleicht eine Runde heiß machen. Aber für einen richtigen Wein-Orgasmus, da braucht es Zeit, Reife und einen Wein wie diesen hier im richtigen Moment.
Eigentlich hätten wir jetzt aufhören sollen. Ohne Zähneputzen – mein Zahnarzt möge mir verzeihen – und mit diesem außergewöhnlichen Geschmackserlebnis am Gaumen direkt ins Bett und weiterträumen. Aber die Küche der Traube hatte noch etliche Gänge für uns vorgesehen. Also stiegen wir noch mal tief in die Weinkarte und entschieden uns für einen 2003 Masseto aus diesem eher schwierigen Italien-Jahr mit seinen häufig überreifen, marmeladigen Weinen. Auch dieser hier hatte nicht nur jugendlich dichtes Schwarzpurpur, sondern eine satte, leicht überreife Frucht, nur verhalten etwas Schokolade. Ging in der ersten Anmutung mit dieser üppigen, reifen Dichte etwas in Richtung eines Amarone dal Forno und war mir für Masseto eigentlich zu dick. Entwickelte sich aber im Glas und glättete sich etwas. Ich würde diesem Wein grundsätzlich mindestens 3 Stunden in der Karaffe, besser aber noch 5 Jahre im Keller geben – 94/100. Natürlich gibt es auf einer solchen Weltklasse-Weinkarte auch Harlan, aber keinen 1997 Harlan mehr. Davon landete nämlich die letzte Flasche in unseren Gläsern. Der Harlan hatte immer noch eine sehr dichte, jugendliche Superfarbe. Aber aromatisch schloss er doch irgendwo an den Masseto an. Eine etwas andere Liga zwar, mit gewaltigen Konturen, aber auch hier deutliche Überreife und eine irritierende, unglaubliche Süße, die an Birnendicksaft erinnerte. Nach wie vor ein gewaltiger Wein, der den gesamten Gaumen in Beschlag nimmt, aber die große Zeit dieses Harlan ist vorbei – 96/100. Und wie sehr sehnte ich mich doch beim nächsten Wein nach der Überreife und der Süße des Harlan zurück. Stattdessen hatten wir 6 Wochen getragene, frisch ausgepresste Wandersocken im Glas. Der 1985 Heitz Bella Oaks hat exakt dieselben Miss- und Fehltöne wie der Martha´s Vineyard dieses Jahrgangs. Klares Indiz dafür, dass hier in der Vinifikation eines schief gelaufen ist, und es sicher nicht nur am Altersgeiz von Joe Heitz lag, der partout keine neuen Fässer kaufte. Schade, die Substanz für deutlich mehr als 85/100 hätte dieser Wein gehabt. Die alten Socken mussten wir natürlich vom Gaumen spülen. Dazu nutzten wir einen 2000 Quinta do Crasto Vinha da Ponte aus Portugal, süß, reif, voll und herrlich saftig-fleischig – 93/100. Leider wurde dessen Genuss wie auch der des liebevoll angerichteten Käsetellers doch deutlich vom Nachbartisch getrübt. Der Kanton, in dem Olten liegt, hat als einer der wenigen noch kein vernünftiges Rauchverbot für Restaurants. Also gingen dort jetzt nicht nur mehrere Zigaretten, sondern auch eine Reihe dicker Zigarren online. Im Nu war die Bude vernebelt und echter Genuss kaum noch möglich. Auch beschwörende Worte des Wirtes, doch wenigstens zu warten, bis wir mit Essen fertig seien, halfen da nichts. Die haben ohnehin schon genug getrunken, kam es neidisch geifernd zurück. Ich mag die Schweizer ja eigentlich sehr gerne, aber selbst das liebenswerteste Volk hat halt so seine Stinkstiefel, und davon saßen nun mal ein paar Prachtexemplare neben uns. Die fehlende Rauchfreiheit der Traube ist auch die einzige Dorne dieser Rose, kann aber, bei entsprechendem Nachbartisch, einen ganzen Abend vermiesen.
Ich habe mich erstmal an die frische Luft verflüchtigt, da ich nicht vor hatte, am nächsten morgen samt Kleidern nach abgestandenem Zigarrenrauch zu stinken. Später saßen wir dann noch eine Runde an einem schönen Tisch in der Küche. 1989 Silver Oak Napa Valley war jetzt angesagt. Klar war der reif mit dichtem, warmem Rot und dezenten Reifetönen. In der Nase Minze und alter alte Ledersattel, sehr elegant, stilistisch eher Bordeaux mit feiner, roter Johannisbeere und viel aromatischem Druck, einfach wunderschön – 94/100. Mit 2001 Burgund waren wir in den Abend gestartet, mit einem 2001 Chambertin Clos de Bèze Vieilles Vignes von der Domaine Pierre Damoy hörten wir auf. Der traf nicht nur auf einen müden Gaumen, er machte selbst auch schon einen leicht müden Eindruck. Extrem konzentriert mit dunklen Früchten, aber auch deutlich reduktiv und dadurch eigentlich älter wirkend, da fehlt einfach für einen solchen, ja noch recht jungen Wein die frische Frucht. Ich hatte den Eindruck, dass hier in einem schwierigen Jahr jemand mit der Brechstange versucht hat, etwas Großes zu erzeugen – 88/100.

Inzwischen bin ich wieder in Düsseldorf, habe den fünften, alkoholfreien Tag hinter mir und tue was? Zugverbindungen nach Olten suchen, was denn sonst!

Und er hat nicht gebohrt

Regelmäßig sollte man ja seinen Zahnarzt sehen. Das habe ich mir auch gedacht, und ich mit meinem Zahnarzt und weiteren Weinfreunden zu einer kleinen Spontanprobe getroffen. Während mein Zahnarzt und ein Kollege über Implantate fachsimpelten, zog ich den ersten Korken aus einer Hochrisikoflasche, einem 1938 Pommard 1er Cru von Leroy. Erwartet hatte ich von diesem Wein eigentlich nichts mehr, wozu auch die recht helle, schon verdammt bräunliche Farbe passte. Doch das war alles andere als eine Weinleiche. Klar waren da deutliche Sherrytöne, die aber nicht unangenehm rüberkamen. Dazu entwickelte sich eine schöne Süße und eine fast mollige Fülle dieses säurearmen, sehr weichen Weines. Deutlich mehr als nur trinkbar war dieser 38er, auch wenn er mit der Zeit abbaute und sich von den ursprünglichen 87/100 etwas entfernte. Inzwischen wusste ich also nicht nur, wie ein gutes Implantat auszusehen hat, sondern auch, dass man speziell in Burgund selbst in miserablen Jahren immer noch trinkbar Weine finden kann. Während meinte Zahnärzte weiter in diversen Kiefern bohrten, senkte sich mein Korkenzieher in einen 1950 Langoa Barton. Auch das eine Flasche mit reichlich Risiko, den die 50er des linken Ufers können den St. Emilions und Pomerols dieses Jahrgangs, in dem der Wineterminator das Licht der Welt erblickte, in der Regel auch nicht ansatzweise das Wasser reichen. Doch nicht nur der Korken ließ sich so problemlos in einem Stück entfernen wie ein gut geratener Backenzahn. Auch das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Die klassische Eleganz dieses typischen St. Julien und die aristokratische Art passten perfekt zur Person von Sir Anthony Barton. Dichte Farbe, viel Zedernholz, stand wie eine Eins im Glas. Mit der Zeit kam dunkles Toffee, etwas Schokolade und eine feine Süße, alles gut verpackt in eine fast burgundisch samtige und elegante Textur. Dabei hielt sich der Langoa im Glas nicht nur, er baute enorm aus, wurde kräftiger und nachhaltiger – 91/100. Alte Langoas kommen ab sofort auf meine Fahndungsliste! Spannend auch der nächste Wein, vor allem auf Grund der Herkunft. Er stammte aus einem Keller, der jahraus jahrein konstant bei 16 Grad gehalten wird. Dadurch altern die Weine zwar deutlich schneller als in kühleren Kellern, aber erheblich besser und gleichmäßiger, als wenn sie großen Temperaturschwankungen ausgesetzt sind. Für mich sind solche Weine aus dem Keller meines Freundes Manfred eigentlich immer eine Art Blick in die Zukunft. Ich sehe hier ziemlich deutlich, was mich bei meinen eigenen Weinen in späteren Jahren mal erwartet. So war ich hoch erfreut über die Performance des 1993 Mouton Rothschild. Dieser Wein, der vor einiger Zeit nach einer glanzvollen, längeren Trinkperiode völlig abgetaucht ist, hat anscheinend doch noch ein zweites Leben vor sich. Als weicher, reifer, klassischer Parade-Pauillac präsentierte er sich, ohne die seinerzeit faszinierende Röstaromatik, aber einfach wunderschön – 93/100. Heißt für mich 5-10 Jahre warten, bis meine Flaschen in dieses Stadium kommen. Dabei kam mir natürlich gleich eine Idee. Warum nicht einen Weinklimaschrank als Reifezelle einsetzen. Dann könnte man bei Bordeaux nach einer ganz simplen Faustformel vorgehen. Von einer OHK, z.B. aus 2005, werden je nach Gusto ein Drittel der Flaschen in der jugendlichen Fruchtphase vernichtet. Ein weiteres Drittel kommt sofort in die „Reifekammer“ und steht dann mehr oder weniger nach dem Ende der Fruchtphase zur Verfügung, das letzte Drittel reift bei tieferen Temperaturen für späteren Einsatz. Diese Idee reizt mich immer mehr. Ich glaube, ich werde das mal ausprobieren.
Nicht aus der Reifekammer sondern aus perfekter, kühler Lagerung kam der sensationelle, konzentrierte 1988 Mouton Rothschild. Der knallte im Glas und baute irre aus, brauchte dabei aber mächtig Luft und Zeit. Noch 5 Stunden mehr – die wir leider nicht hatten – und die schon ahn- und spürbaren 99-100/100 wären vielleicht ins Glas gekommen. Ein gewaltiger Wein mit enormem Potential, den ich jetzt gerne mal aus der Reifekammer probieren würde. Absolut außerirdisch danach wieder 1983 Cheval Blanc. Wie schön, dass vor allem auf dem internationalen Markt der 82er immer noch deutlich stärker gesucht wird. Der derzeit deutlich überlegene 83er bleibt klugen, europäischen Cheval-Fans vorbehalten. Einfach ein seidig-eleganter, feinduftiger Traum mit einem kleinen Schuss Port. Hat alles, was man von einem großen, reifen Cheval Blanc erwartet und dürfte trotzdem noch Potential für bis zu zwei Jahrzehnte besitzen – 97/100.
Blieb als Abschluss noch meine erste, vor langen Jahren bei Ebay ersteigerte Flasche, ein 1983 Grüner Veltliner Eiswein von Hirtzberger. Die satte, goldgelbe Farbe dieses Weines passte gut zur Frucht, die da dem Glas entstieg. Reife Ananas mit guter Säure und angenehmer, fruchtiger Süße. Ein durchaus sehr spannender Wein – 93/100.
Er hat nicht gebohrt an diesem Abend, mein Zahnarzt. Aber demnächst muss ich dann noch mal in seine Praxis. Ob er da ähnlich pfleglich mit mir umgeht, wie ich mit ihm?

Heiliger Josef!

Kulturhauptstadt Europas ist das österreichische Linz im kommenden Jahr. Wer unter Kultur auch Gastkultur versteht, der findet in Linz eine Sehenswürdigkeit, die er sich nicht entgehen lassen sollte, den Josef. In dieser modernen Neuinterpretation des klassischen Gasthofes steppt rund um die Uhr der Bär. Ein Laden, der in jeder Hinsicht einfach Spaß macht. Leicht angegraute Weinfreunde wie wir finden sich hier ebenso wie die zumindest für das Auge sehr erfreulich üppig vertretene Jeunesse Dorée der Donaustadt. Im kommenden Jahr wird der stets gut gefüllte Josef noch mal erweitert, unter anderem um eine Vinothek. Der sympathische, engagierte Wirt, der in seinem Urlaub Waisenhäuser in Tibet baut(!), hört übrigens sowohl auf seinen eigentlichen Namen, Günther, als auch natürlich auf Josef. Und wenn Sie inmitten des Josef-Gewusels einen glücklich lächelnden Menschen mit gut gefülltem Rotweinglas sehen, sprechen Sie ihn ruhig an, es könnte der Wineterminator sein.

Zur von Gastgeber Dr. Peter Baumann geführten „Linzer Gang“ gehören unter anderem auch mit Hans Feiler-Artinger, Emmerich Knoll und F.X. Pichler drei der österreichischen Starwinzer. Klar, dass da zu den diversen Menüs und Imbissen viel Weißes aus Österreich auf den Tisch kam, vor allem in gereifterer Form. Ob jetzt z.B. die Wachauer Weine in der Jugend besser schmecken als im Alter, ist sicherlich auch viel Geschmackssache. Beide Stadien haben etwas für sich. Wobei für mich, wenn man schon generalisiert, der Grüne Veltliner besser und auch spannender altert als der Riesling.

Begrüßt wurden wir am ersten Abend mit einem 1996 Champagne Chartogne-Taillet Brut. Dieser sehr harmonische, feine Champagner zeigte deutlich, dass man insbesondere in großen Jahren wie 96 auch auf kleinere Namen setzten und dabei eine Menge Geld sparen kann – 91/100. Reif mit deutlichem Petrolton war beim 1992 Riesling Privat von Nigl eigentlich nur die von einem nicht unangenehmen Petrolton dominierte Nase. Am Gaumen war dieser Wein noch erstaunlich frisch und pikant mit schöner Frucht und guter Säure, cremige Textur und noch lange nicht am Ende – 92/100. Etwas zwischen den Seilen hing für mich 2002 Kellerberg Riesling Smaragd von F.X. Pichler. Ein großer Wein mit gewaltiger Struktur, komplex, mineralisch und mit viel Dörrfrüchten. Das Jugendlich-Ungestüme mit der geilen Primärfrucht hat er abgelegt und versucht sich jetzt mit dem Erwachsenwerden. Da kommt sicher in ein paar Jahren wieder mehr – 92+/100. Ein Gedicht 1999 Riesling Singerriedel Smaragd von Hirtzberger. Würzig-pfeffrig mit süßer, fruchtiger Fülle und viel Mineralität, und das alles sehr elegant verpackt – 94/100. Groß dann 2000 Grüner Veltliner M aus der Magnum von F.X. Pichler. Ein Weinriese mit perfekter Statur, brauchte Zeit, Luft und eigentlich auch ein großes Burgunderglas(das wir nicht hatten), um sich zu entfalten, sehr mineralisch pfeffrig würzig, komplex und vielschichtig, sehr lang am Gaumen, ein „Dead Ringer“ für große Montrachets. Da hatte ich locker 96/100 im Glas. Mit den entsprechenden Zutaten bringt dieser Wein vielleicht auch noch 1-2 Punkte mehr. Klassisch und unverkennbar Knoll danach 2001 Riesling Schütt Smaragd. Der war sehr fein und elegant, bei aller durchaus vorhandenen Kraft fast filigran, ein Meisterwerk – 95/100.
Zum Hauptgang des ersten Abends gab es einen 1988 Gruaud Larose aus der Imperiale. Der präsentierte sich noch sehr jung, auch in der Farbe. Dazu war er etwas ruppig, rustikal und animalisch, eben ein noch zu junger Gruaud, der uns ein deutliches, unmissverständliches „besucht mich in 10 Jahren wieder“ rüberschickte – 89+/100. Gerne hätte ich diesen Langstreckenläufer weiter verfolgt, schließlich gab es ja genug davon. Doch ein immer stärker werdender Kork verdarb zunehmend den Genuss. Zum Dessert dann immer noch sehr jung und ungestüm wirkender 1996 Ausbruch Pinot Cuvée von Feiler-Artinger aus der Magnum. Bitterorange, viel Quitte, immer noch sehr kräftige Säure, bei aller Eleganz sicher noch ein paar Jahre brauchend, bis dieser interessante Wein dann harmonisch und groß ist – 92+/100.
Nach einem solchen Essen kommen dann immer noch die Ich-krieg-den-Hals-nicht-voll-Flaschen. Nach einem strammen, langen Arbeitstag langte es bei mir noch zu einem Glas 1989 Montrose aus der Magnum. Hammerhartes Zeugs, aus der Magnum noch sehr jung und konzentriert mit mundbeschlagenden Tanninen. Da fehlte einfach die Zeit. Im Vorjahr hatte ich diesen Wein rechtzeitiger dekantiert an gleicher Ort und Stelle aus der Magnum mit 94/100 und aus der Doppelmagnum mit 95/100 im Glas. Sicher eine Alternative zum hochgelobten und sündhaft teuren 90er. Wenke Myhre mit ihrem knallroten Gummiboot kam mir dann zum Schluss bei einem 1992 Grüner Veltliner Loibner Mühlpoint Smaragd von F.X. Pichler in den Sinn. Der roch dermaßen intensiv nach Gummi, dass die ebenfalls vorhandene, zarte Minze fast unterging. Furztrocken am Gaumen und auch etwas austrocknend, hat sicher schon bessere Zeiten gesehen – 86/100.

Bye Bye Tokay hieß es dann am nächsten Mittag. Die letzte Tokayer-Probe aus den inzwischen erschöpften Beständen von Dr. Peter Baumann. An den frisch zubereiteten Dessert-Klassiker Crêpe Suzette mit viel Grand Manier erinnerte mich der 1993 Tokaij Aszu 5 Puttonyos von Istvan Szepsy. Aprikosenkonfitüre, Karamell, kräftige Säure, bei aller Kraft noch etwas jung und unbalanciert – 92/100. Zu Anfang recht jung erschien auch der 1975 Tokaij 5 Puttonyos von Szarvas. Orangenzesten, dicke, gebräunte Zuckerkruste, kräftige, balancierende Säure, aber nicht groß, baute sogar im Glas ab – 88/100. Eine kräftige, ins dunkel-güldene gehende Farbe hatte der 1968 Tokaij 6 Puttonyos von Kincem. Unsauber wirkend mit Altfaßtönen und insgesamt etwas ordinär – 86/100. Richtig Freude machte keiner von den Dreien, und es drängte sich die Frage auf, ob die jüngeren Tokayer die Größe der Weine erreichen können, die dort früher erzeugt wurden. Klassisches Beispiel für Glanz und Glorie von Tokay war die 1947 Tokaij Essencia. Das war eine echte Essenz, purer, riesengroßer Nektar, der den gesamten Gaumen mit Beschlag belegte. Brilliantes, klares Dunkelbraun die Farbe, die Nase im besten Sinne konfitürig, am Gaumen feinstes, dunkles Toffee, Schokolade, likörartig cremig, kraftvoll und nachhaltig. Dürfte wohl bei 400g Restzucker gelegen haben. Baute im Glas immer weiter aus und scheint für die Ewigkeit gemacht. Faszinierend dabei die Nase, die zunehmend floraler wurde und an ein großes Rosenbeet erinnerte. Jede Suche und Sünde wert – 98/100. Leider galt das nicht mehr für den 1915 Tokaij Aszu 5 Puttonyos. Verblichen wirkende, helle Farbe, schon etwas gezehrt und müde, muffige Töne, immer mehr Mottenkugeln, da gab es nichts zu beschönigen, der war einfach hin. An den jetzt gerade 105 Jahre alt gewordenen Juppie Heesters musste ich beim noch zwei Jahre älteren 1901 Imperial Tokayer Ausbruch der Gebrüder Gottdiener denken. Bewundernswert, dass Heesters noch jeden Abend als Kaiser Franz auf der Bühne steht. Auch dieser Tokayer gab sein Bestes, lag aber deutlich unter der Vorjahresform. Da war wirklich nur noch die dunkle Farbe einigermaßen intakt. In der Nase wirkte dieser Wein wie ein Cognac aus der Apotheke, krautig, sehr medizinal, schon Richtung Desinfektionsmittel tendierend, am Gaumen etwas besser mit karamelliger Süße – 90/100.

Und auch nach der großen 88/89/90 Probe gab es noch ein Abendessen mit begleitenden Weinen, die nicht unbedingt mehr auf die wachsten Gaumen trafen. Furztrocken, aber mit viel Strahlkraft ein 2006 Grüner Veltliner Axpoint Smaragd von Hirtzberger – 88/100. Sehr schön zu trinken mit würziger Frucht, aber nicht in der üblichen Knoll-Klasse ein 2005 Grüner Veltliner Loibenberg Smaragd von Knoll – 91/100. Groß hingegen ein 2001 Grüner Veltliner Kellerberg Smaragd von F.X. Pichler, kraftvoll und mit toller Länge und Struktur – 94/100. Die rote Abteilung startete dann mit einem ganz schön dünnen 1990 Mouton d´Armailhac – 86/100. Wunderbar die Farbe des 1988 Ducru Beaucaillou aus der Magnum. Wir hätten ihn nur anschauem sollten, denn er war wieder ein Musterbeispiel für den Fehlton vieler Ducrus dieser Zeit. Trinkbar war er nur für Leute, die morgens statt Orangen nasse Pappkartons auspressen. Und dann stand da plötzlich ein 2005 Marziacanale aus Kampanien auf dem Tisch. Vom Weinwisser war dieser Wein kürzlich mit 20/20 geadelt, allerdings auch eher etwas treffender als Italo-Grange bezeichnet worden. Am Tisch überwiegend Kopfschütteln. Mein von den großen Bordeaux des Tages verwöhnter Gaumen empfand diesen Wein einfach nur als pappsüß, überfruchtet, offensichtlich und aufdringlich. Er ging nicht nur mir ziemlich schnell auf den Geist – 83/100. Da reihte sich dann leider auch eine 1998 Riesling BA von F.X. Pichler ein. Auch die etwas aufdringlich und parfümiert wirkend. Am Tisch wurde sie als nuttig bezeichnet, da fehlt mir etwas die Erfahrung – 85/100. Hellwach wurde ich dann noch mal bei einem großartigen 1990 Leoville las Cases aus der Magnum. Das war noch ein Las Cases alter Schule aus der Zeit vor dem hemmungslosen Konzentrator-Einsatz. Herrliche Frucht, aber nicht überladen, perfekter Spagat von Kraft und Eleganz, mit viel Leder und Zedernholz, erst ganz am Anfang einer langen Entwicklung – 95/100. Einige von uns bewiesen ein erstaunliches Standvermögen, als ob sie bei der Probe nicht dabei gewesen wären. So wurden dann bis tief in die Nacht noch reihenweise österreichische Weißweine getrunken. Ich habe davon, bevor es mir endgültig die Schuhe auszog, noch zwei probiert. Stahlig, kräftig und mit viel Gummi kam ein 1990 Grüner Veltliner Rotes Tor von Hirtzberger ins Glas – 90/100. Völlig altersfrei, jugendlich frisch und zeitlos wirkte ein 1992 Grüner Veltliner Loibenberg Smaragd von F.X. Pichler mit feiner Würze und guter Struktur – 92/100.