November 2009
Sonntag 1. November
Im Regalido in Meerbusch-Strümp waren wir mal wieder gelandet, einem unserer Stammlokale für ein ausgiebiges Sonntagsmahl. Als Weinbegleitung nahmen wir diesmal die trockenen Rieslinge von Sebastian Schäfer vom Weingut Joh. Bapt. Schäfer, einem aufstrebenden Winzer von der Nahe mit guten Lagen und viel Talent. Gut gefiel uns der 2007 Dorsheimer Riesling QbA, ein sehr zugänglicher, fruchtig-mineralischer Sauf-Riesling – 87/100. Deutlich schlanker, feiner, filigraner, mineralischer, aber auch verschlossener war das 2007 Dorsheimer Pittermännchen, ein Wein der gut noch 2-3 Jahre Lagerung verträgt und dann am QbA vorbeizieht – 86+/100. Sicher ein Weingut, das man sich merken sollte. Zum Hauptgang entschieden wir uns für einen 1997 Cos d´Estournel. Ein reifer, gefälliger, leckerer, kleiner Cos im Stile eines Zweitweines, auf dem Punkt, jetzt sehr schön zu trinken, aber es wird langsam Zeit – 87/100. Offen ausgeschenkt bekamen wir dann noch ein Glas 2002 Doisy-Vedrines, ein reifer, süßer, fetter Sauternes, der trotz seiner Opulenz eine gewisse Balance bewahrt, aber sicher bald getrunken werden sollte – 90/100.
Nachzutragen gibt es auch noch ein paar Weine vorheriger Regalido-Besuche. Die Weinkarte ist zwar nicht übermäßig umfangreich, aber interessant gestaltet. Und bisher hat mich die sehr sympathische Sommelière und Restaurantchefin Manuela Bertel immer mit Gewächsen überraschen können, die ich noch nicht kannte. So z.B. den 2007 Silvaner Crossover vom Weingut Bickel-Stumpf, die spontanvergorene und im Barrique ausgebaute, holzbetonte, moderne Anmutung eines Silvaners mit fruchtig-erdiger, intensiver Aromatik, ungewöhnlich, aber durchaus spannend – 89/100. Oder der 2004 Merlot Nussleiten vom Castel Sallegg aus Südtirol. Nur 1200 Flaschen – wir tranken die #162 – gab es aus dieser, durch Nussbäume geprägten Einzellage am Kalterersee. Bitterschokolade mit dicker, fruchtiger Beerenfüllung, frisch, elegant und mit guter Säure – 91/100.
Landhaus Bacher
Am Vorabend der großen Durcu-Probe trafen wir uns auf der anderen Seite der Donau in Mautern im Landhaus Bacher. Thomas Dorfer, Liesel Bachers Schwiegersohn und Co-Genie am Herd wurde gerade vom Gault Millau zum Koch des Jahres gekürt. Mit einem eindruckvollen Menü zeigte er uns, dass diese Wahl auf keinen anderen fallen konnte. Dazu bedienten wir uns ausgiebig aus der umfangreichen Weinkarte des Hauses, die speziell bei Großflaschen Wachauer Weine extrem gut sortiert ist, und stellten ein paar mitgebrachte Flaschen dazu. Ich hatte, früher eingetroffen, meinen Gaumen schon mal mit einem Schluck offen ausgeschenktem 2008 Grüner Veltliner von Schloss Gobelsburg aviniert. Der war frisch, aber auch etwas dünn – 85/100.
Und dann brannte das Wachauer Feuerwerk aus Magnums ab. 2007 Grüner Veltliner Loibenberg Smaragd von F.X. Pichler war ein sehr kräftiger, nachhaltiger, sehr mineralischer Terroir-Wein mit wunderbarer Länge am Gaumen – 93/100. Ein Monument dann 2002 Grüner Veltliner M von F.X. Pichler, puristisch schön mit gewaltiger, präziser Statur, mit dunklen Früchten, Tee, Nougat und Kaffee, cremige Textur, viel aromatischer Druck am Gaumen, der ideale Pirat für eine große Montrachet-Probe – 96/100. Im anderen Glas 2002 Grüner Veltliner Vinothek von Knoll. Pfeffrig-würzige Nase mit dekadenter, süßer Steinobstfrucht und Marille, aber auch etwas Schoko und Nougat, hohe Mineralität, am Gaumen frisch mit immer noch guter Säure, trotz aller Kraft und Fülle erstaunliche Eleganz – 94/100. So eine Art weißer La Landonne dann der 2000 Sauvignon Blanc Smaragd von F.X. Pichler. Auch der noch unglaublich frisch wirkend mit deutlichem Hefeton und etwas Boytritis, eher etwas schwermütig, rohes Fleisch, leicht metallisch – 90/100. Dramatisch jünger als die perfekte, im Sommer in Weggis getrunkene 1tel wirkte danach die frisch dekantierte Magnum des 2001 Riesling M Reserve von F.X. Pichler. Hier war die Restsüße noch nicht so gut eingebunden und deutlich spürbar, baute zwar unglaublich im Glas aus und wurde komplexer und länger, blieb aber zu jung und noch etwas unharmonisch – 92+/100. Sicher ein Wein mit gewaltigem Langstreckenpotential, zumal in der Großflasche. Mit tiefem Goldgelb floss danach ein 1995 Grüner Veltliner Kellerberg von F.X. Pichler ins Glas. Würzige Nase mit feinem Honigton, am Gaumen erst schlank wirkend mit deutlicher Säure, explodiert dann förmlich und wird deutlich reicher, fülliger und komplexer, großartiger Wein – 95/100. Auf ähnlichem Niveau 1993 Grüner Veltliner Kellerberg Smaragd von F.X. Pichler, der sich so gut präsentierte wie im September auf einer Best Bottle – 94/100
Und dann war eine Legende fällig, die 1977 Honivogl Grüner Veltliner Auslese von Hirtzberger aus diesem Wachauer Ausnahmejahrgang. Gelesen wurden die überreifen gewordenen Trauben für diesen Wein am 8. November im Weingarten Honivogl. Daraus wurde dann ein gewaltiger Brocken mit 14,2% Alkohol, 31,4g/l zuckerfreiem Extrakt und 13,8g/l Restzucker. Ursprünglich hatte man, so erklärte mir am nächsten Tag Pfarrer Denk, auf dem Gut erwogen, den Wein wegzuschütten, weil er in den ersten Jahren so brandig und untrinkbar war. Und jetzt war dieser unglaubliche, güldene Weinriese wieder in ähnliche guter Form wie vor zwei Jahren an gleicher Stelle, reif zwar, aber durch die kräftige Säure immer noch Frische zeigend, Marillenlikör, cremige Textur, extrem nachhaltig und lang – 95/100. Alleine für diesen Wein, der immer noch auf der Bacher-Karte steht, lohnt die Reise in die Wachau.
Danach verkosteten wir noch ein paar Weine des ebenfalls in Mautern ansässigen Nicolaihofs der Familie Saahs, übrigens ein Demeter-zertifiziertes, biologisch arbeitendes Weingut. Meine Notizen wurden allerdings immer kürzer, dafür die Gespräche am Tisch und mit den Bachers immer intensiver und fröhlicher. Nachverkosten werde ich bestimmt noch mal den erst 1998 nach 15 Jahre Holzfasslagerung abgefüllten, nicht sehr süßen 1977 Nicolaihof Nikolaiswein Beerenauslese Eiswein, den es noch vereinzelt im Handel gibt. Der 1983 Nikolaihof Im Weingarten Riesling Spätlese kam mit viel Möbelpolitur und Nagellackentferner ins Glas, entwickelte sich dann aber noch stückweit – 83/100. Sehr gut gefiel mir der 1990 Nikolaihof Riesling Vinothek. Der war zwar reif mit deutlicher Petroltnote, zeigte aber auch noch frische Frucht, nussige Töne und war sehr nachhaltig und lang am Gaumen – 92/100. Auch dieser Wein lag lange im Holzfass und wurde erst 2004 nach 14 Jahren bei aufsteigendem Mond(!) auf Flaschen gezogen.
Rotwein spielte an diesem Abend eher eine untergeordnete Rolle. Erinnern kann ich mich an einen bei aller Kraft schon erstaunlich zugänglichen 2002 Grands Echezeaux von DRC, der trotz deutlicher Tannine bereits eine schöne Fülle und einen feinen Schmelz zeigte – 92/100. Galt, insbesondere auf Grund der harschen Tannine, nicht als besonderes DRC Jahr, aber Weine entwickeln sich ja dankenswerterweise nicht immer so, wie die Gurus sie im Frühstadium beschreiben. Einen gut gereiften 1994 Hallebühl von Umathum gab es zwischendurch noch – 88/100. Und der Senior des Hauses öffnete noch eine Magnum 1990 Fleur de Gay. Mit wunderbarer, schokoladiger Fülle erinnerte mich diese Magnum an die leider inzwischen vergangene Form meiner 1tel – 92/100.
2009 Grüner Veltliner M von FX Pichler
Fast etwas versteckt in den Loibner Weingärten liegt es, das neue Betriebsgebäude von F.X. Pichler. Ein schnörkelloser, funktioneller, schon fast puristischer schöner Bau, eben ein echter Pichler. Protz hat hier niemand nötig. Kein Architekturdenkmal muss hier etwas vortäuschen, das dann der Wein nicht hergibt. Die großartigen Weine sind und bleiben hier die Hauptdarsteller. Einen dieser Weine im Probierglas zu haben und dann mit einmaligem Blick auf die Paradelagen des Gutes, allen voran den Kellerberg, verkosten zu dürfen, das hat was, das ist einmalig. Fertig sind bereits die technischen Installationen. Der komplette Jahrgang 2009 entsteht hier. Zwei Federspiele aus 2009, Riesling und Grünen Veltliner durften wir verkosten, natürlich unfertig, aber schon einen guten Ausblick auf das gebend, was hier mal auf die Flasche kommt. Gewaltig auch ein Schluck des Kellerberg-Teils des 2009 Riesling Unendlich, da sind viel Substanz und prächtige Anlagen für einen großen Wein. Hin und weg war ich aber von einem Schluck 2009 Grüner Veltliner M, den ich quasi als Traubensaft ins Glas bekam. Gestern hing er noch im Rebberg, so Seniorchef F.X. Pichler, jetzt ist er frisch aus der Presse hier im Glas. Was für ein Saft mit wunderbarer, würziger Süße, hohes Suchtpotential und später sicher mal ein riesengroßer Wein. Gut, dass ich kein Winzer geworden bin. Ich würde die besten Weine wahrscheinlich schon als Traubensaft aussaufen.
Braui zum Lesen und Träumen
Über die Braui und den guten Werner Tobler muss ich hier wohl nicht mehr viel schreiben. Für mich ist diese Braui nicht nur regelmäßiger Tagungsort schöner Best Bottles und Weinproben. Sie ist auch automatisches Ziel geplanter und ungeplanter Schweiz-Trips. Nur einen Fehler hat sie halt, diese Braui. Sie ist einfach von meiner Heimatstadt zu weit weg. Wie schön deshalb, dass es die Braui jetzt auch zum Lesen und Träumen gibt. Ein wunderbares Buch hat der gute Werner Tobler veröffentlicht. 80 seiner schönsten Rezepte finden sich in diesem, seinem ersten Kochbuch, das auch optisch ein außergewöhnlicher Genuss ist. Natürlich kann man diese originellen, hauptsächlich auf regionalen Produkten basierenden Rezepte nachkochen. Oder man lent sich einfach genüsslich zurück, blättert, liest und stellt schon bald einen erhöhten Speichelfluss fest. Regelrecht rasiert wurde Werner Tobler, als er vor kurzem Sonntags bei einer „Wernissage“ sein Buch mit dem Titel „Cusinier“ vorstellte. Über 400 seiner Fans stürmten die Braui.
Also Vorsicht, dieses Buch hat hohes Suchtpotential. Wer nicht gerade im Großraum Luzern wohnt, landet bei der Lektüre automatisch auf der Seite der SBB, der Swiss oder von Air Berlin. Denn für einen Besuch bei diesem begnadeten Küchen-Zampano braucht es keine Ausrede, die Braui ist Ziel an sich. So haben wir erst vor wenigen Tagen trotz wenig Zeit einen kurzen Mittagsstopp in der Braui eingelegt. Schließlich ist jetzt die Zeit der Seetaler Trüffel, und die in einem von Wernis göttlichen Pastagerichten, das konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Ein halbes Fläschchen 2007 Fläscher Pinot Noir Reserve von Herrman tranken wir dazu. Relativ helle Farbe ohne das inzwischen selbst bei Pinots modische, aber völlig unnötige Purpur. Vanillige, junge, noch vom Holz dominierte Nase, die das feine Fruchtspiel der roten Beeren etwas übertönt, am Gaumen weich, samtig, eher leichtgewichtig, aber auch noch etwas unfertig, kann noch zulegen – 87+/100.
Mitten in der Pampa
Die Bewohner des wunderschönen Städtchens Olten mögen es mir verzeihen, wenn ich Ihr Umland als „Pampa“ bezeichne. Aber Olten und der dazugehörige Kanton gehören nun mal nicht gerade zu den Prime Locations der Schweiz. Das hat durchaus eine Menge Vorteile. So gibt es in Olten immer noch viele gut erhaltene, ältere Häuser, in denen glückliche Menschen zu akzeptablen Konditionen zufrieden leben können, ohne das rund um die Uhr Immobilienhaie um das Gelände schleichen. Auch die gastronomische Welt ist hier mangels russischer Touristen noch völlig in Ordnung. Hoher Gegenwert wird in den Restaurants der Gegend geboten, nicht nur in meinem Lieblingslokal, der famosen Traube in Trimbach. Am letzten Wochenende waren wir in einem dieser Kleinode, deren Namen man guten Freunden gerne weitergibt und dabei inständig hofft, dass sie noch lange bestehen mögen. Auf 15/20 hoch gesetzt hat der aktuelle Gault Millau die Felsenburg in Olten. Das können wir nur voll bestätigen. Auf hohem Niveau und doch bodenständig gut und lecker war das, was wir hier bei Familie Salsi auf die Teller bekamen. Besonders beeindruckt hat uns natürlich der gut bestückte und sehr trinkfreundlich kalkulierte Weinkeller. Unser erster Wein war ein 1978 l´Arrosée. Natürlich war der im Herbst seines Lebens und zeigte in der schon recht bräunlichen Farbe ebenso herbstliche Stimmung an wie an Gaumen und Nase mit einem großen, herbstlichen Waldspaziergang, dazu getrocknete Früchte und Trüffel. Die kräftige Säure hielt diesen Wein am Leben und wird das noch eine Weile tun, die feine Süße machte ihn charmant und die Nase so verführerisch, ein wunderbares Erlebnis eines gut gereiften Bordeaux – 90/100. Noch etwas reifer, auch in der Farbe, war in der ersten Anmutung 1976 Haut Brion, malzige Süße in der Nase, immer noch viel Tabak und Cigarbox, ein leichter, anfänglicher, medizinaler Ton verschwand rasch und machte auch am Gaumen einer verschwenderischen, burgundischen Süße Platz, enorm, wie dieser komplexe Wein ausbaute – 92/100. Deutlich weniger konnten wir mit dem 1985 Brunello di Montalcino Riserva von Biondi Santi anfangen. Eine gewaltige Lebensdauer dichtet man diesen Weinen ja an. Fragt sich nur, in welchem Stadium sie auch Trinkspaß bereiten. Das Momentane gehörte wohl eher nicht dazu. Immer noch dichte Farbe mit ersten Reifetönen, sehr anstrenge Nase, etwas modrig, aber auch Teer, am Gaumen ein Säuremonster, das sich nur ganz zögerlich etwas öffnet, bleibt aber sehr rustikal, sperrig und schwierig, offeriert aromatisch allenfalls noch ein blutiges Steak vom Holzkohlengrill, wobei man den leicht rostigen Eisenrost des Grills gleich noch mit dazu bekommt – 85/100. Leider scheint das 1987 Mouton Rothschild-Wunder sich auch langsam dem Ende zuzuneigen. Der erste Probeschluck war noch so, wie ich diesen feinen, aromatischen, typischen Mouton eigentlich kenne und liebe, nach einer Stunde aus der geöffneten Flasche baute er schon etwas ab. Immer noch ein sehr schöner Wein, aber es wird wohl langsam Zeit – 90/100. Da dürfte aus gleichem Jahr und fast gleicher Herkunft der 1987 Opus One aus dem Gemeinschaftsprojekt von Mondavi und Mouton wohl eine deutlich größere Zukunft haben. Dieser vielleicht größte, jemals erzeugte Opus One kam wieder als großer Charakterstoff ins Glas, ein Pferd samt Stall und Ledersattel, mit wunderbarer, aber nicht aufdringlicher Cassis-Frucht und toller Länge am Gaumen, geht von der Stilistik locker als ganz großer Medoc durch – 96/100. Aber 1987 war ja in Kalifornien auch deutlich größer als in Bordeaux. Dafür brachte dort das Folgejahr große, langlebige Weine ins Glas, jetzt an diesem Samstag bei uns in Form des 1988 Mouton Rothschild. Ja, der hat schon einen guten Keller, dieser sympathische Wirt der Felsenburg. So extrem jung und konzentriert war dieser unglaublich gute Mouton noch, wir hätten ihn wohl besser 5 Stunden vorher dekantieren lassen sollen – 96+/100. Ein gewaltiger Mouton, gemacht für die Ewigkeit, der in den nächsten 30 Jahren jede Sünde wert ist. Und dann fiel unser Auge auf 1999 Lafite Rothschild, der sich derzeit in bestechender Form befindet. Damals vor 7 Jahren in den Arrivage-Proben war das für mich der größte Wein aus dem Medoc. Jetzt bestätigte sich das wieder, traumhafte Nase, wunderbare Frucht, dabei so elegant, harmonisch und balanciert. Keines dieser konzentrierten Monster, mit denen Lafite in den letzten Jahren mehrfach versucht hat, den besseren Latour zu erzeugen. Klar hat auch dieser Lafite hier Kraft, immer noch mächtige Tannine und ist sehr nachhaltig und lang am Gaumen, aber da ist auch diese faszinierende Frische und diese spielerische Leichtigkeit und Eleganz, Traumstoff für mindestens zwei weitere Jahrzehnte – 95/100. Ja, es ging uns verdammt gut hier in der Felsenburg. Und natürlich wurden wir leichtsinnig. Wir bestellten noch eine Flasche 1973 Petrus, einen inzwischen Hochrisikowein, der nur noch aus allerbester Lagerung größeren Genuss beschert. Und wir hatten verdammtes Glück. „Huregeil“, rief einer meiner Schweizer Freunde, als er die Nase in das Petrusglas steckte. Das war schon fantastisch, was da abging. Der Petrus war in Topform und erinnerte an die besten Flaschen, die ich vor 10 Jahren bei Franz Josef Schorn trinken durfte, ein perfekt gereifter, wunderschöner Pomerol mit generöser, schokoladiger Süße, legte sich wie feinstes Cashmere auf den Gaumen und blieb lange haften, reichlich Glückshormone wurden da ausgeschüttet – 94/100.
Astrid & Gaston in Madrid
Einen legendären Ruf hat es, dieses Astrid y Gaston in Lima. Peruanische Küche auf höchstem Niveau, die es inzwischen nicht nur in einigen lateinamerikanischen Städten, sondern auch in Madrid gibt. Und diesen Ableger des peruanischen Restaurants führte ich mir bei meinem letzten Madrid-Besuch zu Gemüte. Ganze € 72 kostete das 8-gängige Degustationsmenü, das sich durchaus auf Sterneniveau bewegte. Preiswert, nicht nur für Madrid, auch die Weinkarte, in der es interessante Gewächse auch schon für € 30 gibt. Wir starteten mit einem 2005 Chryseia aus Portugal. Brilliantes, kräftiges Rubinrot, intensive, aber sehr feine Frucht, rote Johannisbeere, Schwarzkirsche und Blaubeere, sehr mineralisch, präzise, elegante Konturen, fast schlank, machte schon sehr viel Spaß und wird das sicher noch mindestens 10 weitere Jahre tun – 92/100. Leider sind die großen Portugiesen schon lange nicht mehr billig. Trotzdem ist dieser hier sein Geld wert. Bei Astrid & Gaston kostete er mit erstaunlichen € 53 mal gerade € 8 mehr als im deutschen Handel. Weiter machten wir mit einem 2006 Malleolus von Elias Moro. Der hatte zu Anfang eine etwas parfümiert wirkende, florale, kräuterige Nase, dazu reife Himbeere und auch Erdbeere, was eher an Chateauneuf erinnerte, wandelte sich rasch und baute enorm aus, zeigte immer mehr Cassis, aber auch mächtige, reife Tannine, dazu süßen Schmelz sowie eine immense Fülle und Länge – 94/100. Nicht ganz glücklich waren wir mit unserer dritten Wahl, einem 2002 Blecua aus Somontano. Dieser tintige Wein war dominiert von rauchigen Barrique-Aromen und etwas ruppigen Tanninen, Frucht war weitgehend Fehlanzeige. Wirkte sehr konzentriert, aber auch etwas gewollt und nicht gekonnt. Weniger wäre in diesem schwierigeren Jahr wohl mehr gewesen – 89/100.
Nochmal zur begeisternden Küche des Hauses. Eine junge Dame in unserer Runde, die erst vor Kurzem in Lima im Original gegessen hatte, bestätigte uns, dass der spanische Ableger da voll mit kam. Also ein absoluter Tipp für Madrid-Besucher.
Feine Probe
Zu acht waren wir gerne der Einladung eines Weinfreundes zu einer privaten Weinprobe gefolgt. Empfangen wurden wir mit einer 2004 Hermannshöhle GG von Dönnhoff. Dieser Weinriese mit seiner gewaltigen, präzisen Struktur und der unerhörten Mineralität war dankenswerterweise 2 Stunden vorher dekantiert worden und konnte sich so voll entfalten – 94/100.
Weiter ging es mit einem Zweierflight kalifornischer Chardonnays. Eine sehr reife Farbe hatte der 1997 Beringer Sbragia, in jungen Jahren mal ein absolut traumhaftes Geschoß. Leicht animalisch die ledrige und etwas gezehrt wirkende Nase. Auch am Gaumen war der Sbragia reif und durchaus komplex, doch nur von der einst so schmelzigen Frucht war nichts mehr da, deutliche Bitternote im Abgang, ist zwar immer noch ein interessanter Wein, hat seine besten Tage aber gesehen und dürfte weiter abbauen, 90/100 mit deutlich fallender Tendenz. Sehr schade, hätte ich jetzt lieber als 2004er im Glas gehabt. Auch der Wein im anderen Glas, ein 1997 Kistler Sonoma Coast Chardonnay, war sicher vor 5 Jahren besser. Viel Holz und Kraft, aber kaum noch Frucht, baute zwar etwas im Glas aus, wirkte aber schon recht gezehrt – 86/100. Deutlich bessere Tage hatte wohl auch der nachfolgende 1996 St. Joseph Les Granits von Chapoutier gesehen. Tiefes Goldgelb, Anisnase, Dörrobst, bitter und etwas kurz am Gaumen – 84/100.
Als eines der Highlights des Abends war eigentlich im ersten Rotweinflight ein 1990 Barbaresco Sori Tildin von Gaja gedacht. Doch irgendwie fühlte ich mich bei diesem Wein an diverse, italienische Food-Skandale erinnert. Eine Schuhcreme-Nase wie hier hatte ich auch bei anderen Weinen auch schon mal, aber dann Heizöl am Gaumen, völlig untrinkbar. Ob „nur“ fehlerhaft, oder schlichtweg gepanscht, darüber konnte nur spekuliert werden. Im anderen Glas ein 1990 Dunn Howell Mountain. Wie fast alle Dunns immer noch nicht richtig reif – werden die das überhaupt jemals? – aber immerhin schon einigermaßen zugänglich. Ein echter Charakterstoff, in der Nase ein Pferd samt Sattel, kräuterige Noten und ein, an Silver Oak erinnernder Hauch Dill, immer mehr kamen mit der Zeit Minze und Eukalyptus, am Gaumen blieb der Dunn mit deutlichen Tanninen etwas streng 92+/100.
Eitel Freude in allen drei Gläsern dann bei einem schönen 89er Flight. Immer mehr zur Hochform läuft 1989 Heitz Martha´s Vineyard auf. So reif, so süß, minzig und mit schon fast üppiger Brombeere hatte ich diesen Wein noch nie im Glas, die gute Tanninstruktur und die enorme Länge lassen auf weitere Höhepunkte innerhalb der nächsten 15-20 Jahre hoffen – 95/100. Als großer Pomerol ging 1989 Masseto durch, bei dem ich blind auf 89 Conseillante tippte. Süß, weich, schokoladig, sehr generös mit feinem Schmelz, dabei sehr finessig und elegant in bester Bordeaux-Stilistik – 97/100. Schlappe 12,5 % Alkohol hatte dieser Riese, was ihn sehr wohltuend von den modernen Monstren, insbesondere dem 2006er unterscheidet. Bleibt die Frage, warum heute nicht mehr geht, was damals ging. Sehr gut präsentierte sich auch der immer noch junge 1989 Leoville las Cases. Analog zu Masseto war auch das kein Hammerwein, wie die heutigen Leos, eher deutlich feiner, fast puristisch und klar, Eleganz in Reinkultur mit sehr reintöniger Frucht, schöner Süße und das alles mit unglaublich präzisen Konturen, schon sehr gut antrinkbar, aber da kommt mit den Jahren noch mehr – 94+/100. Und falls Sie wie ich einen sehr kühlen Keller haben, gleich noch eine Warnung: bleiben Sie noch 5 Jahre davon. Eine Flasche aus eigenen Beständen wirkte vor ein paar Wochen noch deutlich verhaltener und ließ erheblich weniger raus.
Sehr überrascht war ich von 2003 Harlan, der sich sehr offen in einem modernen, süßen Stil präsentierte. Viel dunkle Frucht, auch reichlich Lakritz, erinnerte in seiner üppigen, etwas ausladenden Art und der für Harlan eher verhaltenen Struktur an 2003er Bordeaux, wobei dieser Wein hier durchaus mächtige, aber aus dieser Flasche hier sehr reif wirkende Tannine hat, nur wurden die Tannine durch die süße Frucht gut maskiert. Für das eher schwierige Kalifornienjahr 2003 ist dieser Harlan sicher ein großer Erfolg – 95/100. Sehr kraftvoll im anderen Glas 2003 Termanthia, der im jetzigen Stadium einfach von allem zuviel hat und noch zu sich selbst finden muss. Wirkt auf der einen Seite süß und üppig, was wohl eher so eine Art Babyspeck ist, auf der anderen Seite mit seinem massiven Tanningerüst sehr kraftvoll und dazu sehr alkoholisch, braucht sicher noch ein paar Jahre, wird aber nie die Klasse des außerweltlichen 2001ers erreichen – 93+/100.
Eine ziemlich schlappe Nummer war an diesem Abend 1994 Mouton Rothschild, den ich zwar leider aus vielen Begegnungen genau so, nämlich tanninbetont und freudlos, aber eben aus anderen Flaschen auch deutlich besser kenne – 88/100. Da war aus fast dem gleichen Stall, nur einen Kontinent weiter, 1994 Opus One eine ganz andere Liga. In der Stilistik einem Mouton nicht unähnlich mit ähnlicher Mineralität und Struktur, aber auch mit generöserer, süßerer Frucht und kräuteriger Note, bei aller Komplexität und Länge sehr weich und üppig, einfach ein Spaßwein auf hohem Niveau – 93/100.
Etwas Stirnrunzeln dann bei 1986 Cos d´Estournel. Von dem habe ich dieses Jahr schon so viele schöne Flaschen getrunken. Aus dieser hier zeigte er sich trotz nicht gerade sonderlich dichter, aber noch junger Farbe geradlinig, puristisch, verschlossen und geradezu bissig – 90+/100. Dafür entschädigte im anderen Glas 1986 Talbot mit einer Glanzvorstellung. Das war großer Medoc in seiner schönsten Form. Animalisch, ledrig, viel Zedernholz, dicht, komplex, mit feiner Süße und schöner Frucht, aber immer noch sehr kraftvoll und durchaus noch am Anfang einer sicher längeren Entwicklung, muss sich hinter 86 Gruaud, dem er stark ähnelt, nicht verstecken und ist preislich bestimmt der schlauere Kauf – 96/100.
Gelungener Abschluss dieser Probe dann ein 1942 Marques de Murrietta Castillo YGAY. Dieser, erst vor gut 20 Jahren abgefüllte Wein hatte noch eine recht junge Farbe und wurde getragen von einer massiven, aber nicht störenden Säure, die eher den Eindruck von Frische erzeugte. Karamellig süß und sehr generös die Nase, auch am Gaumen eine feine, karamellige Süße – 92/100.
Traumhaft balanciert
Seit langem habe ich diese leider einzige Flasche des 2005 Grand Puy Lacoste im Auge. Sehr gespannt war ich darauf, wie sich dieser Wein präsentiert. Nur wollte ich halt damit warten, bis der GPL voll in der Fruchtphase war und sich entsprechend öffnete. Das hat bei praktisch allen 2005ern eine ganze Weile gedauert. Doch das Warten hat gelohnt. Einen traumhaft balancierten GPL in der Tradition der großen GPLs von 82,89/90 und 2000 bekam ich da ins Glas, tief in der Farbe, wunderbare, süße Frucht, mächtige, aber reife Tannine, gute Mineralität und die sprichwörtliche GPL-Eleganz, noch ein Baby, doch es fällt jetzt in der unwiderstehlichen Fruchtphase verdammt schwer davon zu bleiben - 95/100. In der späteren Reife bringt dieser sehr langlebige Wein, der sich sicher noch mal verschließen wird, vielleicht noch ein Punkt mehr. Ich werde auf die Suche gehen.
Advent auf Sylt
Damit hatte ich nicht gerechnet. Air Berlin setzte zwar „nur“ eine 70sitzige Turboprop auf dem täglichen Nonstopflug von Düsseldorf nach Sylt ein, aber auch die war fast komplett voll. Da hatten wohl noch mehr Leute die gleiche Idee, diese Insel mal in der vorweihnachtlichen Stimmung zu genießen. Zumal es in diesem Jahr noch ein neues Highlight gab, Jörg Müllers eigenen Weihnachtsmarkt.
Weitgehend ausgestorben wirkte Kampen bei unserer Ankunft. Dafür war es umso festlicher geschmückt, ein absolutes Highlight für Freunde weihnachtlichen Lichterschmucks. Wir waren mit Klaus im Wiin Kööv verabredet. Ganz in Ruhe wollten wir mit ihm und einem anderen Sylter Bekannten ein paar schöne Weine verklappen. Von wegen Ruhe! Ausgebucht war das Wiin Kööv und etliche, spontane Gäste fanden keinen Platz. Andere werden in einer solchen Situation hektisch, doch Klaus managte das nicht nur alles ganz souverän, er fand auch noch genügend Zeit, unsere Weine zu dekantieren und mit zu probieren. Als erstes steckten wir unsere Nase in einen 1977 Torres Gran Coronas Reserva Black Label. Der zeigte sich immer noch in bestechender Form und wirkte insgesamt jünger, als eine vor 2 Jahren getrunkene Flasche. Intakte, dichte Farbe ohne Brauntöne. Wunderbare, generöse, ledrige Bordeauxnase mit Bitterschokolade und etwas Tabak, am Gaumen samtig-weich mit feinem Schmelz und burgundischer Fülle – 92/100. Sicher in gut erhaltenen Flaschen wie dieser immer noch ein Tipp für alle in 1977 Geborenen. Und umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass davon immerhin damals 141.000 Flaschen produziert wurden. Als nächstes kam dann ein großer Pauillac ins Glas, nur kam der halt aus Kalifornien. Eine sehr dichte und immer noch jung wirkende Farbe hatte der 1979 Phelps Eisele Vineyard. Das war noch einer dieser legendären Weine mit der Handschrift von Winemaker Walter Schug. Dunkle Früchte, viel Minze, sehr kraftvoll und lang am Gaumen, sehr präsent und dabei harmonisch und balanciert – 93/100. Der nachfolgende 1989 Pichon Baron wirkte wie der jüngere, etwas dichtere, fruchtigere, aber stilistisch ähnliche Bruder – 95/100. Und dann kam ein Weinerlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde, 2004 Penfolds Grange. Was für ein gewaltiges, süchtig machendes Teil, mit geradezu explosiver Aromatik und dekadenter Opulenz. Ich erspare mir jetzt hier die Aufzählung der 126 verschiedenen Einzelaromen, die da auf Nase und Gaumen prallten. Das war für mich seit 1990 der größte Grange, endlich mal wieder in der alten Klasse und auch jung bereits ein unwiderstehlicher Genuss – 98+/100. Ich bin gespannt, wie der altert, bin mir aber fast sicher, dass er noch zulegen wird. Einer geht noch, meinte Klaus. Aber was soll man denn nach einem solchen Hammerteil trinken? Klaus hatte die zwar noch viel zu junge, aber im Prinzip perfekte Antwort, eine 2007 Wehlener Sonnenuhr Auslese Goldkapsel von JJ Prüm. Irgendwo war dieses gewaltige Geschoss, obwohl natürlich ein völlig anderer Wein, dem Grange nicht unähnlich. Auch hier knallte es am Gaumen. Die Sonnenuhr war so unerhört extraktreich und nachhaltig, so mineralisch und mit dekadenter, süßer, aber trotzdem purer Frucht, da ging selbst der leicht hefige Ton, den junge Prüm-Weine haben, unter – 95+/100. Wird mit den Jahren noch deutlich weiter zulegen.
Was für ein Tagesanfang am nächsten Morgen. Strahlend blauer Himmel und herrlicher Sonnenschein. Da konnte ich mich kaum dran satt sehen. Hätte ich aber mal besser gemacht, denn als ich aus der Dusche kam, war die Sonne verschwunden und ließ sich bis zu unserem Abflug zwei Tage später kaum noch sehen. Stattdessen stellte sich grottig-trübes, tristes Novemberwetter ein. Die einzige Abwechslung bei diesem grauen Einerlei waren häufige Regenschauer. Von diesem Wetter, das es im Norden im Winter häufiger gibt, sagt man, dass es nur zwei Alternativen lässt. Entweder man wird zum Selbstmörder oder aber zum Alkoholiker. Wir entschieden uns für Letzteres. Wenigstens schafften wir es noch einigermaßen trocken am Strand entlang nach Westerland, wo dann pünktlich der große Regen einsetzte. Also führte unser Westerland-Bummel fast automatisch in einen passenden Unterstand, nämlich das Weinhaus Schachner. Da wurde erst mal vernünftig gevespert. Meine liebe Gattin machte sich dazu über eine dicke, kalifornische Chardonnay-Holzoper her (O-Ton: ich muss doch wohl nicht schon wieder Riesling trinken). Ich entschied mich für einen 2006 Grünen Veltliner Reserve Lindberg von Salomon Undhof, einen tollen Charakterstoff mit schönen Würznoten und vielen Kräutern – 92/100. Baute sehr schön im Glas aus und kann sicher mit den Jahren noch zulegen. Und dann stand wieder so ein Glas mit einem tiefdunklen Wein vor mir. Wo der denn wohl her käme? Spontan war ich bei diesem sehr würzigen, frischen Wein mit seiner dunklen Frucht und den Veilchen an der südlichen Rhone. Nicht ganz verkehrt, nur halt auf der falschen Erdhalbkugel. Aus Südafrika stammte diese spannende Cuvée aus 69% Syrah, 12% Grenache, 10% Cabernet Sauvignon, 7% Cinsault und 2% Viognier. Nicht so überdreht und alkoholisch wie viele der Vorbilder aus Chateauneuf war dieser 2008 The Chocolate Block, mit guter, frischer Säure und cremiger Textur – 90/100. Rechtzeitig bevor die nächste Flasche auf unserem Tisch landete, hörte der Regen auf. Also ging es weiter zu Jörg Müllers Weihnachtsmarkt.
Mit zwei Dutzend Holzhäuschen hatte Jörg Müller rund um sein Restaurant einen sehr gemütlichen Weihnachtsmarkt aufgebaut. Ein nostalgisches Kinderkarussell gehörte ebenso dazu wie der Sylter Shanty Chor, der an diesem Spätnachmittag verstärkt durch Karl Dall auftrat. Das kulinarische Angebot stammte aus der Müller-Küche. So gab es eben statt gewöhnlicher Bratwurst die legendären Lammbratwürstchen. Auch bei den süßen Verlockungen merkte man deutlich die Handschrift von Herrn Schwarz und der Müllerschen Patisserie. Statt Punsch und Glühwein stürzten wir uns auf die Weinkarte, gab es doch den 26. Geburtstag eines jungen Mannes aus unserer Runde zu feiern. Der übliche Volltreffer war 1983 La Mission. Ein sehr feiner Schmeichler mit der klassischen La Mission-Aromatik, der allerdings draußen im gemütlichen Zelt nicht so richtig zur Geltung kam – 94/100. Drinnen wäre die Bewertung wohl höher ausgefallen. Sehr überrascht war ich danach von 1983 La Fleur Petrus, der mit schokoladiger Fülle auftrumpfte und keinerlei Anzeichen von Schwäche zeigte – 94/100. In diesem Jahr sicher besser als Petrus und in jedem Fall die klügere Wahl. Die Runde wurde größer, also mussten größere Flaschen her. Perfekt gereift zeigte sich aus der Magnum 1999 d´Aiguilhe, ein echter Preis-/Leistungssieger, der sich am Tisch in Rekordtempo leerte – 91/100. Sehr jung und bissig zeigte sich danach aus der Magnum 2000 Poujeaux, der zumindest in diesem Format wohl noch ein paar Jahre lagern sollte – 87+/100. In einer anderen Liga – inzwischen waren wir längst ins Restaurant gewechselt, wo wir ein traumhaftes Menü genossen – bewegten wir uns dann in kleinerer Runde mit 1989 Trotanoy. Wieder ein großer, konzentrierter, kräuteriger Wein mit massivem Tanningerüst, durchaus schon mit sehr viel Vergnügen antrinkbar, aber aus den 94+/100 werden in 10 Jahren mal 97/100. Perfekter Abschluss dann ein 1991 Taylor Quinta de Terra Feita Vintage Port, süß, konzentriert, irre komplex, Marzipan pur - 95/100. Gefiel mir deutlich besser als der im Sommer an gleicher Stelle getrunkene Quinta de Vargellas aus gleichem Hause.
Auf Sylt gibt es eigentlich kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Nach diesem Motto setzten wir uns am nächsten Tag entsprechend ausstaffiert auf die Räder und strampelten die Kalorien des Vorabends ab. Doch irgendwann stellte sich wieder Hunger ein, und so landeten wir nach tapferer Umrundung der halben Insel fast magisch angezogen in der Kampener Sturmhaube. Erstaunlich, wie fit sich die angeschlagene Mannschaft dort gab. Schließlich hatte die große Aids-Gala mit 450 Gästen bis in den Morgen gedauert. Spannend weiterhin die Sturmhaube Weinkarte, und spätestens als ich dort den 2000 Mystique von Pöckl entdeckte, stellte sich auch der nötige Durst ein. Tiefes Rubinrot, herrliche Frucht, süßer Schmelz, mineralisch, sehr komplex mit gewaltiger Statur und bei aller Kraft betörender Eleganz, ein großartiger Wein, jetzt am Beginn der Trinkreife, aber noch mit Reserven für etliche Jahre. Für mich der bisher überzeugenste Mystique, hätte ich blind nie nach Österreich gesteckt – 95/100. Auf der Suche nach einem passenden Gegenstück empfahl uns Sturmhaube Sommelier Björn den ebenfalls ultrararen 2000 M1 von Markowitsch. Diese Cuvée aus Zweigelt und Merlot war zweifelsohne auch ein großer Wein, wirkte noch kräftiger und dichter, sehr nachhaltig am Gaumen, kam aber mit dem süßen Schmelz des Mystique nicht mit - 92/100.
Als wir uns dann am späteren Abend noch mal in gemütlicher, privater Runde trafen, strahlte Jörg Müller endlich wieder. Das Experiment Weihnachtsmarkt war voll geglückt. Die Resonanz war riesengroß, auch an diesem dritten Tag. JM´s Weihnachtsmarkt, der auch an den nächsten Wochenenden jeweils von Freitag bis Sonntag geöffnet ist, hat das Zeug zum kultigen Event. Darauf stießen wir noch mit ein paar Weinen an. Schon lange hatte ich den 1999 Loibner Grünen Veltliner Smaragd Vinothefüllung nicht mehr getrunken. Zwischen 2001 und 2004 hatte ich diesen damals noch etwas ungestümen Wein konstant mit 96+/100 im Glas. Jetzt zeigte er sich etwas reifer mit herrlicher Marille, großem Kräutergarten, viel Mineralität, sehr komplex und mit sehr druckvoller Aromatik, aber auch harmonisch und bei aller Fülle sehr elegant, dabei extrem lang am Gaumen, da stimmte einfach alles – 98/100. Ein Weltklassewein, von dem mir meine Kellerverwaltung sagt, dass da nach dieser noch 9 Flaschen vorhanden sein müssen. Aber Eile ist bei diesem 99er, der unlängst bei einer Vertikalverkostung aller bisherigen Vinotheksweine von Knoll als bester abschloss (Rene Gabriel: 20/20), nicht geboten. Dagegen sah die nachfolgende 2005 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Spätlese trocken von Fritz Haag verdammt alt aus, petrolisch-mineralisch und etwas freudlos – 87/100. Daran waren nicht nur der Salat mit Mango/Ingwer schuld, der diesen Wein furztrocken erscheinen ließ, und der Sommelier, der die trockene Variante diesen Weines statt der geplanten Spätlese aus dem Keller geholt hatte. Und ich stellte mir natürlich wieder die Frage, warum man auf diesem grandiosen Terroir, das so große, klassische Weine hervorbringt, diese faszinierende, Haag´sche Leichtigkeit des Seins, warum man hier ausgerechnet trockene Spätlesen erzeugen muss. Überhaupt nicht klar kam ich mit der 2005 Bernkasteler Badstube Spätlese feinherb von JJ Prüm. Die hatte eine aufgesetzte, aufdringliche Süße in der Nase und war für feinherb eigentlich auch am Gaumen zu süß mit zu wenig Rückrat – 84/100. Dazu noch ein Kuriosum. Mein Nachbar schenkte mir nach, aber ins falsche Glas. So hatte ich Haag und Prüm zusammen im Glas. Das Ergebnis war deutlich besser als jeder dieser Weine solo.
Was danach ins Glas kam war hoch spannend, ein 2004 Au Bon Climat Hildegard. Diese ungewöhnliche Cuvée aus 55% Grauburgunder, 40% Weißburgunder und 5% Aligoté ist ein unwiderstehlicher Wein mit betörender Aromatik, exotischen Früchte, frischen Backwaren, Mandeln, Kräutern und dazu einer für Kalifornien erstaunlich intensiven Mineralität. Kraftvoll und lang, dabei von hoher Eleganz, blühte zum Essen richtig auf und passte zu Jörgs Trüffelnudeln wie die Faust aufs Auge – 95/100. Eine hervorragende Chardonnay-Alternative, unbedingt 1-2 Stunden vorher dekantieren und aus großen Gläsern trinken. Schon etwas müde war aus der Magnum eine 1983 Hospice de Beaune Corton Cuvée Dr. Peste. Kräftige Säure, eher welke Frucht, erinnerte an (zu) alte, deutsche Spätburgunder und machte nur noch wenig Freude – 85/100. Ein problematisches Burgunderjahr war 1983, das konnte man hier leider deutlich nachvollziehen. So blieb denn auch reichlich vom Dr. Peste in der Karaffe, lockte doch im anderen Glas ein wunderbarer 1994 Ridge Monte Bello. Der wirkte noch so jung mit hohem Extrakt und süßer, kirschiger Frucht, dabei sehr balanciert mit für moderne Kalifornier mal gerade schlappen 12,5% Alkohol – 94/100. Schlichtweg atemberaubend dann 1988 Mouton Rothschild, riesengroßer, dichter Traumstoff auf dem Wege zur Perfektion – 97+/100. Auch nicht gerade von schlechten Eltern dann als letzter Rotwein ein 1995 Angelus. Jetzt in bestechender Frühform mit reifer, süßer Frucht, Kirsche, schwarze Johannisbeere, dazu etwas minzig, entwickelte sich sehr gut im Glas und wirkte fleischig-saftig am fülligen Gaumen, hat aber genügend Tannine für eine längere Entwicklung – 95/100. Eigentlich wollten wir noch in den Geburtstag einer jungen Dame aus unserem Kreise hereinfeiern. Schnell war frühzeitig aus der großen Müller-Karte der passende 1986 Dom Ruinart Blanc des Blancs gefunden. Der wirkte aus Jörg Müllers eiskaltem Champagner-Keller noch fast taufrisch mit knackiger Säure, Grapefruit und Zitrone, hoher Mineralität, aber auch etwas stahlig – 91/100.
Und am nächsten Morgen, bei unserer Abreise? Da riss der Himmel auf und verwöhnte uns mit einem prächtigen Farbenspiel. Fast so, als ob da bei der Kurverwaltung im letzten Moment noch mal den großen Wolkenschieber betätigt. Schließlich ist ja der letzte Eindruck der wichtigste. Doch keine Sorge, wir kommen ohnehin wieder, nicht nur im Sommer.
