Oktober 2004
Ein guter Start
Weinmäßig startete der Oktober perfekt mit einem schönen Dinner bei und mit Franz Josef Schorn. Als Aperitif gab es einen 2000 Castelnau de Suduiraut, den Zweitwein von Suduiraut. Der hatte für kleines Geld eigentlich alles, was man sich von einem Sauternes wünscht. Ein überhaupt nicht klebriger, fein balancierter Wein mit leichter Boytritis, Blütenhonig, dezenter Süße, feiner Frucht, akzeptabler Säure. Schmelzig und voll trinkbar – 88/100. Es folgte ein am Tisch sehr kontrovers diskutierter Wein, ein 2001 Casa de la Ermita Petit Verdot aus der spanischen Appelation Jumilla. Warum man aus Petit Verdot einen 100% Wein machen muss, ist mir nach dem Genuss dieser Flasche unklar. Dichte Farbe, Veilchen, Lakritz, Holzkohle, dunkle Früchte, entwickelt mit der Zeit Pfeffernase, am Gaumen astringierend mit deutlichen Tanninen, für mich ein eckiges, gewöhnungsbedürftiges Monstrum. Baut im Glas etwas aus, nach 3 Stunden Veilchenlakritz pur - 88/100. Ganz anders sah das z.B. Franz Josef Schorn. Der war hellauf begeistert von diesem Wein und seiner Fruchtigkeit. Geschmäcker sind eben verschieden. Einig waren wir uns dann wieder beim nächsten Wein, einem 1971 Chateau de la Nerthe Cuvée les Cadettes aus Chateauneuf. Die sehr helle, reife Farbe hatte uns erst misstrauisch gemacht, doch der Wein entpuppte sich als groß. Ein Chateauneuf-Klassiker im alten, perfekten Stil. Traubig, tolle zimtige Süße am Gaumen mit einem Abgang, der gar nicht mehr aufhört, reife Gerbsäure, baut sehr schön im Glas aus und hat sicher noch 20+ Jahre vor sich – 95/100. Den Abschluss bildete ein 1947 Chateau La Violette aus Pomerol in einer französischen Händlerabfüllung. 1er Cru Pomerol stand auf dem Etikett des heute eher unbedeutenden Weines. Zwar schon reife Farbe mit deutlichen Brauntönen und auch etwas trüb. Aber ein eleganter, reifer Wein, voll auf dem Punkt mit molliger Wärme, feiner Süße, schöner Schokolade mit Mokka, blieb ewig am Gaumen - 94/100.
Selten so gut gespendet
Ersteigert hatte ich die nicht besonders ansehliche Flasche 1928 Chapelle la Trinité bei Ebay. Zwei ältere Herren bieten dort in regelmäßigen Abständen ältere Weine an, deren Erlös dann Gnadenhöfen zugute kommt. Da steigert man dann natürlich noch viel lieber. Die Flasche Trinité hatte Originalkorken und Kapsel, aber kein Etikett mehr. Aber der Inhalt hatte es in sich. Dichte Farbe mit wenig Alter, in der Nase frisch aufgebrühter Kaffee, finessig, elegant, am Gaumen ungemein druckvoll und aromatisch mit feiner Süße, voll auf dem Punkt, den hätte man auch mit 1928 Cheval Blanc verwechseln können, großer Wein - 98/100.
Als Einstieg hatten wir einen 1976 Clos St. Hune von Trimbach getrunken. Kräftiges Goldgelb, ganz dezenter, nicht störender Petrolton, immer noch schöne Frucht, satte, reife Honigmelone, erstaunlich frisch und immer noch atlethisch jung wirkend, am Gaumen dezenter Bitterton. Erstaunlich, wieviel Extrakt, Kraft, Fülle und Langelebigkeit da mit 12.5% Alkohol erzielt wurden - 96/100. Voll überzeugen konnte auch eine nicht optimale(us) Flasche 1945 Leoville las Cases. Dichte Farbe, kraftvoller Wein, auf dem man ewig rumkauen kann, leicht rauchige Note, etwas 45er like eckig und rustikal und dabei noch so jung wirkend, da ist noch massig Tannin und Säure, der kann noch mal 20 Jahre auf die Weide - 95/100.
Der zum Abschluß getrunkene 1982 Les Forts de Latour zeigte dann deutlich, auf welch hohem Niveau wir uns vorher bewegt hatten. Auch er war sehr schön, konnte aber mit den älteren Giganten auch nicht ansatzweise mit.
War´s das schon?
Eigentlich bin ich ein großer Pride Mounain Fan. Was da oben in einer spektakulären Berglage über dem Napa Valley an der Grenze zum Sonoma Valley erzeugt wird, kann sich wirklich sehen lassen. Aber auch Kalifornien hat seine schwierigeren Jahrgänge. Begeistert und berauscht(?) von den tollen 97ern hatte ich natürlich auch 1998 bestellt. Die ersten Flaschen des 1998 Pride Mountain Cabernet Sauvignon erwiesen sich dann auch 2001 und 2002 als recht gut, wenn auch längst nicht so spektakulär wie der Cabernet aus dem Jahrgang 1997. Im letzten Jahr präsentierte sich der Wein dann bereits ungewöhnlich zahm. Die letzte Flasche vor ein paar Tagen fand ich dann nicht nur zahm, sondern auch ziemlich nichtssagend. Mehr als 88/10 waren da nicht mehr drin. War´s das schon oder durchläuft der Wein nur ein Zwischenstadium, wie man es sonst hauptsächlich von Bordeaux kennt?
Da gefiel mir der am Tag danach erneut verkostete 1998 Pride Mountain Merlot in jedem Fall deutlich besser. Anscheinend konnte er in 1998 deutlich besser ausreifen. Schokoladig-lecker mit einem Schuss Espresso, weniger dick und dafür finessiger als 97, die 14.5% merkt man nicht - 92/100.
Zwei garnicht so spanische Spanier
Hochgelobt wird Pintia, der neue Wein von Vega Sicilia aus Toro. Klar, dass ich da nicht lange warten konnte. Kaum war der Wein da, mußte eine Flasche auf. Ein guter Freund, der nicht wußte, was ich mit hatte, setzte eine Flasche dagegen.
Vom 2001 Pintia waren wir beide sehr angetan. Voll trinkbar mit einer wunderbaren Würze, erinnerte an einen La Mouline aus kleineren Jahren, kann sicherlich altern, muss aber nicht - 94/100.
Im anderen Glas eine sehr dichte Farbe, wunderbare, klar definierte Frucht, Cassis, reife Brombeere, darunter schöne Mineralität, wirkte erstaunlich weich am Gaumen mit sehr reifen Tanninen. Ich war blind in Kalifornien und auch dort eher in der Mitte der 90er, denn das war kein typischer Priorat-Hammer, sondern ein schon jetzt mit viel Vergnügen trinkbarer, toll gemachter Wein - 96/100. Es handelte sich um 2001 Clos Erasmus aus Priorat.
Grosse Bordeaux aus Kalifornien
Drei ältere kalifornische Weine hatte ich zu einem wunderbaren Abendessen mitgenommen, bei dem uns kochende Freunde vorzüglich mit Steinpilzen und den ersten Trüffeln versorgten.
Zu Beginn gab es noch einen kleinen Schluck eines trockenen 2003 Gutsrieslings von Klaus Keller. Für diesen Wein, der eher wie eine Spätlese wirkte, gibt es sicher, wie für viele 2003er, Fans. Ich gehöre nicht dazu. Mir war er zu fett, ausladend und alkoholisch. Finesse und das feine Säurespiel vermisste ich. Abhaken und auf den nächsten Jahrgang warten.
Sehr trinkreif kam 2000 La Turque daher. Mitteldichte, jugendliche Farbe mit leichtem Wasserrand, in der Nase feine, rote Beerenfrüchte, dezente Würze, wurde mit der Zeit immer süßer und wirkte etwas dropsig, am Gaumen etwas Veilchen, Lakritz und eine leichte Süße. Wenig Tannin und Säure. Ein für diese Qualität hoffnungslos überteuerter, leckerer Schmeichler, der in den nächsten 5-8 Jahren getrunken gehört - 91/100.
Eine viel dichtere, kräftigere Farbe hatte der 1986 Spottswoode Cabernet Sauvignon. In der Nase animalische Töne, viel Minze, Trüffel, Terroirnoten, Eukalyptus. Bleibt ewig lang am Gaumen. Kräftige Säure und immer noch sehr stabiles Tanningerüst garantieren noch langes Leben. Ein sehr facettenreicher Wein aus einer Zeit, als die Kalifornier noch mit deutlich weniger Alkohol als heute große Weine in klassischer Bordeaux-Stylistik machten – 95/100.
Sehr interessant war danach ein Vergleich zwischen 1989 Chateau Margaux und 1989 Chateau Palmer. Vom ersten Eindruck her wirkte der Margaux offener, gefälliger und war der eindeutig bessere Wein. Das kehrte sich dann aber mit der Zeit um. Wir hatten genügend Zeit und auch genug im Glas, um die beiden Weine über längere Zeit beobachten zu können. Wirkte der Margaux zu Anfang noch sehr elegant mit feiner Frucht und Zedernholznote, so setzten sich mit der Zeit die sehr bissig und auch etwas grün wirkenden Tannine immer mehr durch. Da sehe ich nicht viel Zukunft, richtig groß wird der wohl nie – 92/100. Ganz anders Palmer. Der wirkte zu Anfang sehr verschlossen mit massiven Tanninen und ließ unglaublich wenig raus, so wie der 83er in seiner langen Dunkelphase. Da können Rné Gabriels 20/20 eigentlich nicht von einem Verkoster, sondern nur von einem Visionär stammen. Mit der Zeit entwickelte sich der Palmer im Glas, wurde sehr druckvoll und nachhaltig am Gaumen. Das wird ein Riese, aber 5-10 Jahre sollte man ihm noch gönnen.
Ich wusste, was im nächsten Glas war. Sonst hätte ich sicher auf 1966 Lynch Bages getippt. Der 1966 Mondavi Cabernet Sauvignon aus dem ersten Jahrgang der Mondavi Winery hatte immer noch eine kräftige Farbe mit Brauntönen, in der Nase und am Gaumen Minzfrische ohne Ende. Klassische Bordeaux-Stylistik. Ein Wein, für den sich keines der namhaften Bordeaux-Weingüter schämen müsste. Noch lange nicht am Ende. Und das alles mit nur 12.5% Alkohol – 94/100.
Da setzte der 1967 Martini Cabernet Sauvignon noch eins drauf. Martini erzeugt heute nur noch belanglose Durchschnittsweine. In den 40ern, 50ern und 60ern wurden auf dem Gut Legenden erzeugt, von denen in Europa praktisch niemand Notiz nahm. Der 1967 Louis Martini Cabernet Sauvignon hatte ein kräftiges Kaminrot mit deutlichem Braunrand. Lakritz und Trüffel ohne Ende. In der irren Nase konnte man baden. Sehr mineralisch mit toller Struktur. So finessig und lang am Gaumen, ganz großer Wein, ebenfalls in klassischer Bordeaux-Stylistik – 96/100.
Zum Schluss tranken wir noch einen 1984 Dominus. Sehr dichte, junge Farbe, wie ein 94er oder jünger. Tolle, fruchtige Nase, am Gaumen eckig, ungenerös, fast offensiv. Gehört noch mal 10 Jahre auf die Weide, dann sind auch mehr als die heutigen 93/100 drin.
Trilogia
Kann man einen Weinmonat schöner ausklingen lassen, als mit ein paar Jahrgängen Trilogia? Ein Geheimtip sind die Weine von Christos Kokkalis schon lange nicht mehr. Und so wird es immer schwerer, an ein paar der auf 8000 Flaschen pro Jahr limitierten Trilogias heranzukommen.
Eine Veranstaltung mit Christos Kokkalis am 28. Oktober bei Schorn in Düsseldorf bot so die willkommene Gelegenheit, ältere und neue Jahrgänge des besten griechischen Weines miteinander zu vergleichen.
Fangen wir gleich mit dem schwächsten der Runde an. Trilogia 2001 war ein leckerer, weicher, schlabberiger Wein mit schöner Frucht, aber ohne Tiefgang. Ginge sicher wunderbar als Zweitwein durch. Als Trilogia hätte er deklassiert werden müssen - 88/100.
Da war Trilogia 2002 schon von ganz anderen Kaliber. Erstaunlich offen, reife, satte Beerenfrucht in Bitterschokolade. Dazu die wunderbare Würze der perfekt integrierten amerikanischen Eiche. Für diesen Wein - einfach hedonistisch lecker, dabei schön strukturiert mit gutem Tiefgang - müßte sich ein Pomerol-Weingut nicht schämen - 93/100.
Erstaunlich, welches Potential die Trilogias haben und wie sie sich weiterentwickeln. Star des Abends war Trilogia 1998. Kühle, reife Frucht, dichte, junge, undurchdringliche Farbe. Ging der 2002er als großer Pomerol durch, so war das hier endlich(!) mal ein junger, großer Leoville las Cases, mit Lakritz- und Süßholztönen. Irre dicht und jung, erst ganz am Anfang seiner Entwicklung - 95/100.
Trilogia 1999 hatte eine dekadent reife, süße, verschwenderische Frucht mit feiner, mineralischer Note, Graphit wie bei einem schönen Mouton, portige Anklänge, dazu Schokoladenduft wie eine frisch geöffnete Pralinenpackung. Einfach lecker und derzeit sicher der schmeichlerichste Trilogia - 93/100.
Fazit? Für eine griechischen Wein mag Trilogia ziemlich teuer sein, für einen Wein auf gutem Bordeaux-Niveau ist er aber verdammt billig. Dazu wird er aufgrund seiner frühen Zugänglichkeit zu schnell weggetrunken. Da verpasst man dann eine ganze Menge. Ich habe mir fest vorgenommen, in Zukunft immer ein paar Flaschen wegzulegen.
Gespannt bin ich übrigens schon auf Trilogia 2003, den der sympathische Christos Kokkalis für seinen bisher besten Wein hält.
