Oktober 2005

Noch mehr Schweizer Wein

Der Goldene Oktober startete in der Schweiz überhaupt nicht golden. Über Italien hatte sich ein dickes Tief festgesetzt. Das verhagelte nicht nur Italiens Winzern die Ernte, sondern bescherte der Schweiz auch den ersten Wintereinbruch mit strömendem Regen in tieferen Lagen und Schnee ab 1500 bis 1800 Metern.
Da trifft es sich gut, wenn man Sonne im Herzen hat und wenigstens das kulinarische Rahmenprogramm stimmt. Verwöhnt und für das grausame Wetter entschädigt wurden wir im kleinen Örtchen Vouvry in einem sehr empfehlenswerten Landgasthof, der Auberge de Vouvry. Martin Braendle, der sein Handwerk in jungen Jahren bei französischen Kochlegenden gelernt hat, kocht hier zwar unspektakulär, aber sehr aromatisch und lecker auf. Für uns nach dem Reinfall in Annecy eine echte Wohltat. Als Aperitif trank ich dort auf Empfehlung des Sommeliers einen 2002 Paen Chamsosson von Simon Maye. Ein erfrischender, sehr schöner Wein mit Zitrone, Limone und der Aromatik eines frisch gepressten Orangensaftes – 89/100. Ein zur Gänseleber servierter 2003 Johannisberg Fletri der Frères Phillipoz war traubig, füllig mit guter Säure, sehr frisch, überhaupt nichts klebriges – 90/100. Ein großes Gewächs dann der 1999 Les Cigalines, ein Marsanne de Chamoson von Maurice und Xavier Giroud aus Pommaz. Zeigte in der Nase eine reife, fast überreife Frucht, Datteln, entfaltete sich prächtig am Gaumen mit irrer Länge – 92/100. Mein Auge hatte ich inzwischen aber längst auf eine andere Rarität geworfen, einen 1955 Beychevelle. Der stammte zu sehr maßvollem Preis aus einer OHK, die die Eltern des Besitzers in den 50ern erworben hatten. Da konnte ich einfach nicht nein sagen. Wo bekommt man schon einen 50 Jahre alten Wein, der seit dem Kauf immer perfekt gelagert und nicht mehr bewegt wurde. Da verwunderte die sehr gesunde, dichte Farbe mit wenig Alterstönen ebenso wenig wie die feine, rotbeerige Frucht, die Zedernholzaromen und die schöne Länge am Gaumen. Ein prächtiger St. Julien, der dem großen Jahr 1955 alle Ehre machte, und einer der schönsten Beychevelles, die ich je trinken durfte – 94/100. Da konnte eine andere Rarität der Karte, ein 1961 Andron Blanquet aus St. Estephe nicht mit. Ein sehr rustikaler, erdiger Wein, deutlich reifer als der Beychevelle wirkend mit kräftiger Säure – 88/100.
Nächste und letzte Station war das in einem Hochtal oberhalb des Wallis gelegene Leukerbad. Zu sympathischen Nebensaison-Preisen landeten wir in einem wunderbaren Relais et Chateau, dem Source des Alpes. Ein vom Ehepaar Colombo sehr engagiert und persönlich geführtes Haus, in dem einfach alles stimmte. Zur überzeugenden Küche des Hauses, die ihre 15/20 GaultMillau-Punkte locker wert war, machten wir weiter mit unserer Entdeckungsreise in Richtung Schweizer Wein. Nachhaltig, erdig und etwas rustikal ein 2003 Pinot Blanc der Frères Phillipoz – 87/100. Danach tranken wir zwei der ultrararen Cuvées von Santiago Caldelari aus Salgesch, einem gebürtigen Tessiner. Der versieht seine Weine mit Künstleretiketten und Fantasienamen, verrät aber die Rebsorten nicht. Sein 2000 Turbulence hatte eine etwas strenge, erst korkig wirkende Nase, wurde immer besser und wirkte recht parfümiert, da kam der kräftige Anteil Chasselas deutlich hervor. Auch am Gaumen parfümiert, aber mit viel Kraft, Fülle und Länge, ein sehr ungewöhnlicher, eigenständiger Wein – 87/100. Besser, aber verdammt teuer, der rote 2000 L´Inconnu. Deutlich dominiert von Pinot Noir, aber sicher war auch etwas Syrah und Humange mit drin. Füllig und kräftig am Gaumen mit guter Tanninstruktur, erinnerte mich von der Aromatik her an erstklassige Pinotages – 91/100. Der Aperitif des zweiten Abends war ein recht eindimensionaler 2003 Petit Arvine von Clavier mit einer dezenten Bitternote – 83/100. Ihm folgte ein 2001 Opale von Jerome Giroud. Reife, gelbe Früchte mit dezenter Fruchtsüße, deutlicher Holzeinsatz, vanillig, nussig, kleidete den Gaumen aus, Burgunder-Stilistik – 90/100. Zu einem echten Wallis-Fan könnte mich der 2002 Syrah von Didier Joris werden lassen. Ein sehr aromatischer, tintiger Syrah mit viel Lakritz, Veilchen, weichen und samtigen Tanninen, druckvoller Aromatik am Gaumen und das alles mit sehr sympathisch-bescheidenen 12% Alkohol – 93/100. Chapeau!!
Nicht vorenthalten möchte ich auch zwei Süßweine. Der 2002 Petit Arvine Grains Nobles von Leytron hatte feine Aprikosentöne, reife Birne, einen guten Bitterton, wirkte elegant mit bemerkenswerter Leichtigkeit und Frische und zeigte eine schöne Länge am Gaumen – 93/100. Die 1995 Assemblage des Grains Nobles des Caves du Cheval Noir war schon deutlich reifer mit einer brillianten, güldenen Farbe, intensiven Kakao-Noten, Bittertönen, Orangenschale, blieb lang am Gaumen – 92/100.
Insider mögen meine ersten Schweizer Gehversuche belächeln. Ich habe die Weine einfach so beschrieben, wie ich sie empfand. Und eines weiß ich genau: das waren sicher nicht meine letzten Weine aus der Schweiz.

Ein prall gefülltes Wochenende

Meine Lieblings-Verkosterin war zu Gast. Gelegenheit, etliche neue und alte Weine zu verkosten. Am Freitag starteten wir mit zwei Weißweinen. Stirnrunzeln verursachte da der 2004 Loibner Loibenberg Riesling Smaragd von F.X. Pichler. Gut, 2004 war in der Wachau ein schwieriges Jahr, aber so schwierig? Sehr kompakte, fast stahlige Frucht, Zitrusaromen, wirkte insgesamt sehr zurückhaltend und baute kaum im Glas aus. Wo war da die saftige Frucht, die pralle Lebensfreude und die dichte Mineralität, die ich aus früheren Pichler-Jahrgängen kenne? Mehr als bestenfalls 89/100 waren da nicht im Glas. Muss ich unbedingt noch mal nachverkosten. Cassis pur brachte der nachfolgende 2004 Cloudy Bay Sauvignon Blanc. Wirkte wie ein Schwarzer Johannisbeersaft, das habe ich so intensiv noch nie erlebt, insgesamt sehr frisch und nachhaltig – 90/100. Nachdenklich bei letzterem Wein macht mich nur, dass man exakt diese Aromatik eigentlich nur durch den Einsatz der richtigen Reinzuchthefen hinbekommen kann. Aromatik quasi aus dem Labor, das ist schade, aber ein leider kaum aufzuhaltender Trend, zumal der Wein, und das ist die Krux dabei, eben gut schmeckt.
Cassis en Masse auch beim 2001 Almaviva, ein warm-würziger Spaßwein, offen, sexy, anmachend mit massig Röstaromen, dem Rauchigen des neuen Holzes, üppiger Frucht, massiven, aber seidig-weichen Tanninen, einfach gut gemacht – 92/100. 2001 Masseto habe ich nicht in meinem Keller. Der ist extrem teuer und wird zugeteilt, seit der Winespectator da 100/100 verliehen hat. Aber ist er das viele Geld wert? Dreimal konnte ich ihn in diesem Sommer trinken. Die erste Flasche kam, rechtzeitig vorher dekantiert, ins Goldfisch-Aquarium von Riedel, den Sommelier-Burgunderpokal. Ich selbst besitze dieses Glas nicht, werde es mir aber zulegen. Wahnsinn, was dieser Humpen mit über 1 Liter Fassungsvermögen aus jungen Weinen herausholt. Aus diesem Glas habe ich gerade jugendliche Fruchtbomben wie Aalto PS oder Patrimo &Co schon in einer Form erlebt, die in anderen Gläsern kaum nachvollziehbar war, schon gar nicht in kleinen Degustationsgläsern mit einer Minipfütze Wein. So auch hier. Da ging dermaßen die Post ab. Fleischige Brombeerfrucht, eine Valrhona-Orgie ohne gleichen mit Schokolade ohne Ende. Da konnte ich den guten Herrn Laube schon mit seiner Höchstbewertung verstehen. Ein zweites Mal, ganz kurz vorher dekantiert, aus einem normalen Bordeaux-Glas, wirkte der Masseto sehr verschlossen und ließ seine Größe nur erahnen. Aus 98 Punkten wurden plötzlich nur noch 92. Jetzt, das dritte Mal, wieder aus Riedels Wunderglas. Cassis, reife Brombeere, Tabak, Röstaromen, massig Bitterschokolade, irre Viskosität und Kraft, schon ein sehr beeindruckender Stoff, der lange am Gaumen bleibt – 96/100.
Den zweiten, deutlich heftigeren Abend in etwas größerem Kreise starteten wir mit zwei kalifornischen Chardonnays. 1996 Kongsgaard, lange einer meiner Favoriten, präsentierte sich inzwischen deutlich gereifter. Kräftiges Goldgelb, ein leichter Alterston in der Nase verfliegt schnell, Zitrusfrüchte, am Gaumen tolle Komplexität und Struktur, nussig, mineralisch, ein fettes Teil zwar, aber trotzdem viel Spiel und Länge, sollte bald getrunken werden – 94/100. Der ebenfalls schon mehrfach getrunkene und bis vor einem Jahr immer noch für zu jung befundene 2000 Aubert Ritchie Vineyard war noch so frisch und nach dem Brocken Kongsgaard sehr elegant und finessig wirkend, trotz aller Kraft und Fülle am Gaumen, Klassestoff, der jetzt erst richtig in Fahrt kommt - 94/100.
Wenig Erfahrung habe ich mit südafrikanischen Weinen. Um so gespannter war ich auf eine Flasche des bei John Platter hochgelobten 1998 Stellenzicht Syrah. Exotische, süße Nase mit Früchtebrot, Feige, Birne, dunklen Früchten und intensiv Lakritz. Rauchig, am Gaumen Bitterschokolade, aber auch Zimt, was zusammen mit der Frucht an gebackene Zimt-Pflaumen erinnerte. Sicher ein moderner Weinstil, aber ein toller Wein mit großer Länge am Gaumen, der auch der Rhone alle Ehre machen würde – 93/100. Und gerade die Rhone sah danach ziemlich alt aus, was weniger am Stellenzicht lag, als am Guigal-Loch, in das wir fielen. Guigals „LaLas“ machen ganz jung sehr viel Spaß und gehören dann 10-15 Jahre weggelegt. Insbesondere gilt das für La Landonne, aber auch für La Turque, etwas weniger für La Mouline. Eigentlich weiß ich das und habe trotzdem das Falsche getan. Der 1995 La Turque, das Mitbringsel eines guten Weinfreundes hatte eine tiefdunkle Farbe, war etwas verschlossen und genau in diesem unvorteilhaften Zwischenstadium. Vegetale Aromen zu Anfang, dann kam deftiger Eintopf, die fleischigen Komponenten verdrängten immer mehr das Gemüse. Nein, das war überhaupt nicht mein Ding. Da kann ich keine seriöse Bewertung zu abgeben. Ähnliche Fälle habe ich schon öfter gehabt, La Turques, die intensiv nach Blut schmeckten oder, etwas angenehmer, nach gebratenem Speck und auch so rochen, als hielte man die Nase in die Pfanne. Es gibt Leute, die lieben das. Ich nicht.
Ganz großer Stoff war dann 1983 Chateau Musar. Der hatte zwar eine reife, erstaunlich helle Farbe mit deutlichem Orangenrand. Aber was für eine explosive Aromatik ohne jedes Alter! Rauchige, würzige Nase, frisch verbranntes Harz, so, wie wenn man einen Tannenzweig ins Feuer hält. Faszinierende Balance zwischen heißem Traubengut und unglaublicher Frische – 95/100. Auf demselben Level, wenn auch mit völlig anderer Stilistik, einer meiner Lieblingsweine, 1982 Grand Puy Lacoste. Wieder so jung wirkend mit dichter Farbe, wunderbare Frucht, schwarze Johannisbeere, so elegant, so seidig, frisch und dabei irre lang am Gaumen – 95/100.

Die ersten Trüffel

Trüffel liebe ich, und doch verkneife ich sie mir meist. Das Zeug ist einfach zu teuer. Und wenn ich dann schon sehe, wie da jemand mit weißem Handschuh, Trüffelhobel und Briefwaage kommt...nein, das brauche ich nicht unbedingt. Zumal man dann oft für viel Geld noch schlechte Ware angedreht bekommt. Eine Ausnahme haben wir bei Holger Berens im Düsseldorfer Berens am Kai gemacht. Dieser kompromisslose Qualitätsfanatiker, der nicht nur gnadenlos gut kocht, sondern auch nur auf allerbeste Produktqualität setzt, hat in diesem Jahr aus piemontesischer Quelle Trüffel in selten gesehener Qualität. Die dann auf seinen Waldpilzcanneloni, das hat schon hohen Suchtfaktor. Eine andere Alternative für Trüffeffans, die ich auch ab und an wähle, besteht darin, sich bei einem zuverlässigen Lieferanten, wie z.B. Bos Food, selbst Trüffel zu kaufen und die dann zu Hause selbst über Nudeln, Eier oder Spinat zu hobeln.
Zurück zu Berens am Kai und den Weinen des Abends. Wir starteten in größerer Runde, zu der dann an diesem sehr ruhigen Freitag später auch der Chef des Hauses stieß. Los ging es mit einem 2000 Malterer von Huber. Diese faszinierende Cuvée aus Weißburgunder und Freisamer ist in 2000 besonders gut gelungen. Dabei haben die paar Jahre Reife dem Wein gut getan. Er präsentiert sich jetzt viel harmonischer, balancierter. Ein saftiges, in 2000 ziemlich fetter Wein mit gut eingebundenem Holz, Zitrusfrüchten, Mandelaromen, feiner Mineralität und guter Säure. Einfach ein perfekter Begleiter auch kräftigerer Speisen – 93/100. Aus eigenem Keller folgte dann der 2003 Montepeloso Gabbro. Für mich ist Fabio Chiarelotto derzeit der spannenste italienische Winzer. Was der sehr sympathische, bescheidene Fabio, der als Mensch so tiefgründig ist, wie seine Reben, da in der Maremma zaubert, das kann sich mehr als sehen lassen. Auch Holger Berens probierte den Gabbro, war sehr angetan und meinte aber, da könne ein Caberlot gut mit. Sprach´s, und kam mit dem nur in der Magnum ausgebauten 2000 Il Caberlot wieder. Zweifelsohne ebenfalls ein beeindruckender Wein, aber was für ein armer Wicht gegen den grandiosen Gabbro. Erst in diesem Vergleich wurde richtig klar, was wir da beim Gabbro im Glas hatten. Der Gabbro in seiner jugendlichen Fruchtfülle schafft mit dieser konzentrierten, überbordenden Frucht und der perfekten Tanninstruktur den Spagat zwischen Kalifornien und Bordeaux. Nach meiner bisherigen Erfahrungen mit 6 Jahrgängen Gabbro dürfte er sich nach dieser sehr ansprechenden, jugendlichen Fruchtphase bald wieder verschließen und dann ein paar Jahre Ruhe benötigen. In gut 5 Jahren kommen dann da sicherlich faszinierende, langlebige 95+/100 ins Glas. „De lekkerste wijn uit Italie“ stand dazu auf einer holländischen Website. Recht haben sie, unsere Nachbarn. Nicht, dass etwa der Il Caberlot ein schlechter Wein und nur sehr teuer und selten wäre. Das, was da für sehr viel Geld aus einer der nur etwa 1800 Magnums strömt, hat schon was. Sehr feine, reife, beerige Frucht, würzig, frische Kräuter, etwas Kakao, feines Tannin, schöne Länge am Gaumen, mehr Eleganz als Kraft – 92/100. Nach dieser Fruchtorgie war dann der nächste Wein ein richtiger Kulturschock. Ich hatte einen 1911 Margaux mit gebracht. Was da aus der Flasche kam, hatte zwar immer noch eine gesunde, sehr dichte und dunkle Farbe, doch die Madeira-ähnliche, hohe Säure des aus Vorsichtsgründen direkt aus der Flasche eingeschenkten Weines machte einen Genuss unmöglich. Also der Glas-Inhalt samt Rest der Flasche ab in eine Karaffe. Erstaunlich, wie der Margaux sich dort glättete, wie er weicher wurde. Klar, da war mehr Herbstlaub als Frucht, aber es blitzte mit der Zeit auch noch die delikate Margaux-typische Eleganz auf. Vom reinen Genussfaktor trotzdem nicht höher als 82/100 einzuschätzen, aber es gibt ja auch noch andere Kriterien. Ganz großer Stoff war der 1988 La Mouline von Guigal, sicherlich einer der besten, wenn nicht gar der beste Wein dieses Jahrgangs. Im Schneckentempo hat sich dieser große Wein entwickelt, wirkt immer noch sehr jung und konzentriert und steht jetzt am Beginn einer sicher 20-30 Jahre währenden Trinkphase. Für einen La Mouline erstaunlich kräftig, aber mit der unnachahmlichen Nase, da sind alle Gewürze des Orients drin enthalten. Ralf Bos könnte diesen Wein als Katalog verschicken,. Ich wäre dann gerne mehrfach im Verteiler. Dabei ist der La Mouline so elegant, so finessig und so sexy – 100/100. Verstecken musste sich danach aber der zum Abschluß getrunkene 1993 Mouton Rothschild nicht. Dieser Wein hat einfach eine dermaßen geile Nase mit Röstaromen ohne Ende. Wenn das Glas nicht immer so schnell leer wäre, könnte ich stundenlang daran riechen. Klar, am Gaumen und im Abgang fehlt dann die Konzentration für einen ganz großen Wein. Aber ist er deshalb ein Blender? Überhaupt nicht, das ist ein überaus gelungener Mouton, pure Lebensfreude, Hedonismus in Flaschen – 93/100.

Alles Müller - oder was?

Zweite Oktoberhälfte, Temperaturen über 20 Grad, ein traumhafter, wolkenloser Himmel. Wir sitzen im Regalido in Meerbusch-Strümp, oder, besser gesagt, in dessen malerischem Innenhof. Eines dieser Restaurants, bei denen ich mich immer frage, nach welchen Kriterien der Michelin seine Sterne vergibt. Tobias Hammes kocht im Regalido im besten Sinne des Wortes sinnlich. Ihm würde ich den Stern locker gönnen. Mir nicht. Sein Haus ist auch ohne die zusätzliche, reisende Gourmet-Karawane meist ausgebucht.
Perfekter Essensbegleiter Egon Müllers 2002 Chateau Belá aus der Slowakei. Ein kurzer Blick aufs Etikett zeigt 13 Umdrehungen. Doch davon ist im Glas nichts zu spüren. Da ist die spielerische, Müller´sche Leichtigkeit. Feine Frucht, rassige Säure, mineralische Dichte, dezente Restsüße. Das alles in so harmonischer, perfekt balancierter Form. Das lockt Begeisterung hervor. Und das Beste kommt noch. Unter 10 Euro hat der Wein im Handel gekostet. Den konnte der Wirt so kalkulieren, dass er gut leben kann und wir auch.

Der Griff in die Klamottenkiste

Natürlich gibt es auch in meinem Keller reichlich vergessene Einzelflaschen. Nicht passend gewesen für die Proben der vergangenen Jahre, nicht anmachend für den schnellen, abendlichen Genuß, miese Parker-Ratings. Da habe ich jetzt einfach mal zugegriffen und werde das in Zukunft noch häufiger tun. Der „Griff in die Klamottenkiste“ könnte also durchaus ein regelmäßiger Bestandteil meiner WeinMomente werden.
Auf dem Flughafen Barcelona hatte ich vor 11 Jahren den 1964 Conde de los Andes Gran Reserva von Paternina erworben. Der hatte die faszinierende Nase reifer Riojas, wirkte am Gaumen aber doch ein bisschen eindimensional und wurde diesem großen Rioja-Jahr nicht ganz gerecht – 88/100. Schlichtweg danebengegriffen habe ich wohl damals mit der zweiten, dort erworbenen Flasche, einer 1968 Vina Real Gran Reserva. Die war für das sehr gute Rioja-Jahr 1968 enttäuschend, dabei schmeckte der Wein nicht zu alt, er schmeckte einfach gar nicht. Nur entfernt waren eine leichte, malzige Süße und Anklänge von Kaffee zu spüren. Eigentlich hätte eine solche Vina Real Gran Reserva um Klassen besser sein müssen. Füllmenge, Farbe, Korken, alles war in sehr gutem Zustand. Vielleicht hat sie am Flughafen Barcelona zu lange unter Neonlicht gestanden - 78/100. Häufig sehe ich in Flughäfen ältere Weinraritäten angeboten, meist ohnehin zu absurden Preisen. Inzwischen habe ich gelernt, das Herkunft bei einem älteren Wein alles ist. Die längere Lagerung in einem angestrahlten Regal oder einer Vitrine mag einer junger Wein ja noch eine Weile wegstecken, ein älterer keinesfalls.
Sehr selten ist mir bisher Les Carmes Haut Brion untergekommen. Getrunken habe ich bisher mehrfach den zu recht hochgelobten 59er und einen sehr enttäuschenden 82er. Ein bei Ebay für kleines Geld erstandener 1975 Les Carmes Haut Brion reihte sich unter die besseren Weine aus Pessac ein. Relativ helle Farbe, voll auf dem Punkt, verhaltene Cigarbox Aromatik, cremige Textur, so elegant, weich und schmeichlerisch elegant, dürfte sich sicher auf diesem Niveau noch 5+ Jahre halten, ein echter Geheimtip - 92/100. Sicher nicht schlechter als der erheblich teurere Haut Brion. Abgewatscht wird in der Literatur der 1982 Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve. Lausige 80/100 bei Laube, 84/100 bei Parker. Ich habe ihn trotzdem vor ein paar Jahren bei Koppe erstanden, da ältere Kalifornier oft sehr gut altern. So auch dieser Wein. Ein feinduftiger, eleganter Kalifornier aus der Zeit, als hier noch große Weine unter 15% Alkohol gemacht wurden, schwarze Johannisbeere, getrocknete Kräuter, keinerlei Zeichen von Alter und sicher noch 10+ Jahre haltbar - 91/100. Ähnlich 1981 Chateau Montelena. Feine Johannisbeerfrucht, die Stilistik eines Medoc aus dem gleichen Jahr und kein Anzeichen von Schwäche - 88/100. Alte Montelenas sind immer eine Bank und können sicher mindestens so lange reifen, wie ein guter Medoc.
Wer die kalifornischen Weine der heutigen Stilrichtung mit ihrer überbordenden Frucht und dem hohen Alkohol liebt – hat ja auch seinen Vorteil, man hat schon nach einem Glas die nötige Bettschwere – wird meine Bewertungen nicht nachvollziehen können und sollte von den Kaliforniern vor 1990 auch davonbleiben.

Monatsabschluss

Ein Super-Weinjahr dürfte es 2005 in Deutschland geben. Ein zwar etwas durchwachsener, nicht zu trockener Hochsommer, einer der wärmsten September seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und ein wirklich goldener Oktober. Jetzt ist der 29.10., nach einem weiteren Supertag sitze ich abends draußen(!) bei meinem Lieblingsitaliener. Als erstes ist ein 2004 Castello del Sala aus Umbrien von Antinori im Glas. Der ideale Wein für die Freunde der Holzfraktion, bei dem sich dann auch die Geister scheiden. Gute Frucht, aber eben auch Vanille und getoastetes Holz im Überfluß – 89/100. Erstaunlich zugänglich zeigte sich bereits der 2001 Finca Dofi, dichtes Schwarzpupur, dunkle, sehr reife schwarzbeerige Frucht, Cassis, deutlicher Graphit-Ton. Sehr dicht und konzentriert mit massiven, aber reifen Tanninen. Sicher nichts für Filigrantrinker. Da sind heute schon 92/100 im Glas, in 5 Jahren sicher noch mal 2 mehr. Eine völlig andere Stilistik hatte der dann folgende 2000 Torre Muga. Ein sehr moderner, zugänglicher Wein, der bei aller Kraft fast seidig und etwas poliert wirkte. Reife Frucht, Vanille, Barriquearomen, dabei sehr finessig. Voll trinkbar – 91/100. Gefilmt hat mich mein Freund Michelangelo mit dem letzten Wein. Er weiß, dass ich absolut kein Barbaresco-Freund bin. So kam der blind vor mir stehende Wein natürlich aus Bordeaux. Klar, die kräftige Säure hätte mich aufmerksam machen müssen, aber zum Ende dieses schönen Abends schwebte ich schon im Rotweinhimmel und war somit ein leichtes Opfer. Sicher ist der hoch dekorierte 1996 Barbaresco Riserva Asili mit dem roten Etikett von Giacosa kein gewöhnlicher Wein und hat mit dem, was landläufig als Barbaresco angeboten wird, nicht allzu viel zu tun. Auch war er deutlich weicher und zugänglicher als vor 1 ½ Jahren. Da muß ich demnächst noch mal mit klarem Verstand ran.