September 2006

Frösche küssen

Mit alten Weinen ist das so eine Sache. Sie können unglaublich schön sein, aber auch grottenschlecht. Trotzdem, wer einmal einen perfekt gereiften, älteren Wein erleben durfte, der wird einfach süchtig danach. Dabei müssen es nicht unbedingt die großen Namen aus den großen Jahren sein. Die sind nicht nur inzwischen unbezahlbar. Häufig gerät man auch an vielgereiste Wanderpokale oder schlichtweg an Fälschungen.
Bleibt der etwas dornenreichere Weg unbekannterer Gewächse und/oder unbedeutenderer Jahrgänge. Dabei kann es einem aber durchaus so gehen, wie so mancher Möchtegern-Prinzessin. Man muss viele Frösche küssen, bis ein Prinz dabei ist. Leider verrät auch die Flasche selbst nur einen Teil der Geschichte eines Weines. Guter Füllstand und gesunde Farbe sind wichtige Indizien, aber keine Garantie für ungetrübten Genuss. Die Wahrheit liegt einzig und allein in der Flasche und erschließt sich erst mit dem Öffnen. Gerade auch bei unbekannteren Weinen kann man sehr positive Überraschungen erleben. Das gilt insbesondere für ältere Jahrgänge, wie z.B. 52, 55 und 59. Solche Weine kaufe ich bedenkenlos, da der Preis in der Regel sehr niedrig ist. Da macht es nichts aus, wenn ein Teil der Flaschen nicht oder kaum noch zu genießen ist. Ich betreibe diese Art der Weinlotterie schon seit längerem und habe dabei schon etliche Volltreffer gelandet.

Mit drei derartiger Neuerwerbungen zog ich an einem Septemberwochenende in eines meiner Stammlokale, das Dado in Oberkassel. Den Anfang machte ein 1950 Chateau Grand Mayne aus St. Emilion in einer äußerlich akzeptablen ‚hs’ Flasche, kürzlich von einem französischen Händler erworben. Der Wein besaß eine dichte Farbe mit leichtem Braunrand, in der Nase war er verdammt reif mit zunächst deutlichem Liebstöckel. Im Glas wurde er dann immer besser, nicht ohne Charme , aromatisch, weich und trank sich recht schön auf 85/100 Niveau. Zumindest für eine gute Stunde, dann baute er ab. Deutlich besser eine für wenig Geld auf einer Koppe-Auktion erworbenen Flasche 1955 Chateau Durfort-Vivens aus Margaux mit schon etwas lausigerem Füllstand zwischen ‚hs’ und ‚ms’. Das war ein sehr eleganter, reifer, typischer Margaux mit feiner Frucht, schöner Nase, am Gaumen eher schlank mit guter, tragender Säure – 88/100. Auch dieser Wein fing gut 2 Stunden nach dem Öffnen an, sich zu verabschieden. Zügiges Trinken war also in beiden Fällen angesagt. Damit sind sie als Begleiter eines ganzen Abends nicht geeignet. Anders sieht es in einer größeren Probe aus. Kurz vor dem Einschenken dekantiert und dann in größerer Runde zügig genossen, kommt hier noch viel Freude auf. Speziell beim Durfort-Vivens würde ich bedenkenlos bei guten Flaschen(ts oder besser) und vor allem bei Großflaschen zugreifen.
Natürlich war unter den drei Fröschen auch ein richtiger Prinz, der 1955 Chateauneuf-du-Pape Chateau La Gardine, ebenfalls bei Koppe ersteigert. Was für ein spannender, tiefgründiger Wein, relativ helle, aber brilliante Farbe. Die Eleganz und Grazie eines gereiften Burgunders gepaart mit der Rustikalität eines Chateauneufs. Immer noch etwas Kirschfrucht und viel Lakritz, Veilchen, sowie erdige und kräuterige Noten. Stand wie eine Eins im Glas und baute nicht ab – 94/100. Bei diesem Wein, der sicher noch gut 10 Jahre vor sich hat, bin ich eigentlich kein Risiko eingegangen. Bis Anfang der 60er wurden auf diesem Gut hervorragende Weine erzeugt. Erst danach ging es bergab. Nach 1952 und 1959 war das hier jetzt der dritte, großartige La Gardine, den ich trinken durfte. Teuer war auch dieser Wein nicht. Eigentlich sollte ich Geheimtipps wie diesen ja für mich behalten, aber das widerspräche dem Charakter dieser Website.

Noch mehr Frösche

Mit zwei weiteren Flaschen traf ich eines späten Abends mit Franz Josef Schorn, dem umtriebigen Patron des Restaurant Schorn in Bilk. In meinem Keller lagen seit langen Jahren zwei Flaschen 1906 Chateau La Tour de Mons aus Margaux, seinerzeit bei Christies in London ersteigert. Ich hatte mir das Lot damals mit einem Bekannten geteilt, der den Wein nicht besonders prickelnd fand. Also sollte jetzt hier bei und mit Franz Josef die Nagelprobe stattfinden, ob dieser Wein bzw. die Zwillingsflasche in meine Raritätenprobe passte. Der Jahrgang galt seinerzeit in Bordeaux als gut. Die originalverkorkte Flasche hatte einen sensationellen Füllstand(‚bn’), und auch der Korken war noch weitgehend intakt. Nur vom Wein konnte man das nicht mehr unbedingt sagen. Klar, trinkbar war er. Die ins bräunliche gehende Farbe war leicht trüb, die Nase säurebetont mit Zitrusaromen und Himbeere. Am Gaumen war der Wein recht leicht und etwas ausdruckslos, wenn man von der immer stärker werdenden Säure absieht, aber immerhin ohne größere Schmerzen trinkbar. Nun gut, das war ein hundertjähriger Weingreis, da war schon etwas Erfurcht angesagt. Nur kann man Ehrfurcht leider nicht schmecken. Schade – 74/100.
Etwas besser und nur halb so alt, aber aus einem doch eher bescheidenen Jahrgang ein 1951 Chambolle-Musigny Collection du Dr. Barolet von Henry du Villamont. Die Füllmenge war mit 5-6 cm Schwund noch akzeptabel, der Korken bröselig, die Farbe leicht bräunlich. Wunderbar der erste Schluck, Kakao ohne Ende. Dann kam verstärkt Himbeere, die immer mehr in Richtung Himbeergeist ging. So müsste eine Zott Bitterschokolade mit Himbeergeist schmecken. Kein großer Wein, ebenfalls etwas leichtgewichtig, aber für den Jahrgang doch beachtlich – 84/100.
Vorher hatte uns Franz Josef noch einen guten Schluck eines 2005 Meddesheimer Rheingrafenberg Riesling Spätlese trocken von Helmut Hexamer kredenzt. Zu gerne würde ich ja einmal sehen, wie ein Amerikaner diesen Wein bestellt und sich dabei die Zunge bricht. Dabei muss man sich den Namen Hexamer wohl merken, denn was hier ins Glas kam, konnte voll überzeugen. Reife Aprikose, feine Mineralität, gute Säure, etwas abgepuffert durch kaum merkliche 8,8g Restzucker, sehr ausgewogen, dicht und harmonisch – 91/100. Zum Essen, einem süchtig machenden Flusskrebs-Ragout von FJS blühte der Wein richtig auf. Er wird wohl in den nächsten 3-4 Jahren noch zulegen.
Mit gut 500 Positionen hat Schorn immer noch eine sensationelle, wohlfeile Weinkarte. Die Liebe des Patron gehört inzwischen den deutschen Rotweinen, von denen er praktisch alles offerieren kann, was Rang und Namen hat. Wir brauchten nach den Wein Methusalems noch etwas Frisches, also ließ uns FJS ein paar seiner deutschen Rotweine probieren. Riesengroß der 2003 Oberrotweiler Eichberg Spätburgunder Spätlese trocken*** von Salwey. Ein Powerwein, bei dem mit massivem Holzeinsatz die pralle 2003er Frucht erfolgreich gezähmt wurde. Der ist noch ganz am Anfang eines langen Weges. Rote und blaue Beeren, mit der Zeit kommt Kaffee dazu, kräftige, aber reife Tannine, Länge, Komplexität, gehört eigentlich 3 Stunden vorher dekantiert und nicht(wie von uns) direkt aus der Flasche genossen. Ein Parade-Burgunder mit großer Zukunft, bei dem so manchem französischen Winzer schwindelig werden müsste – 92+/100. Gegen dieses mächtige Teil hatte es der eher etwas schlanke 2004 Frühburgunder Goldkapsel von Kreuzberg natürlich erst etwas schwer. Der zeigte frisch aus der Flasche in der Nase die große Gemüse-Parade, allen voran viel Paprika, dazu ein guter Schuß Mokka. Sehr frisch, pikante Frucht und gute Säure. Klar, Frühburgunder ist kein Spätburgunder und das hier ist kein fetter 2003er, sondern ein 2004er mit deutlich mehr Säure und pikanter Frucht. Baut im Glas(auch der hätte eigentlich dekantiert gehört) sehr gut aus und wird immer schöner. Die Gemüsenoten verschwinden und Mokka wird immer stärker. Der Wein wird deutlich schmelziger und die Mineralität des Schwarzen Schiefers, auf dem erst wächst, tritt immer deutlicher hervor. Auch hier ist viel Zukunft angesagt – 92/100. Völlig untypisch danach ein 2003 Blauer Spätburgunder SJ von Johner. Frische blaubeerige Frucht, sehr jung, aber auch sehr sehr schlank, entwickelte sich etwas im Glas, aber hier fehlte einfach die Substanz. Irgendetwas stimmte mit dieser Flasche nicht. Franz Josef hatte den Wein völlig anders in Erinnerung und ich hatte einen 2003er von Johner auch dichter und kräftiger erwartet. Also keine Wertung, wird demnächst noch mal aus einer anderen Flasche nachverkostet. Interessant vielleicht noch, dass die Flasche einen Schraubverschluss hatte. So waren wir zwar vor Kork geschützt, hatten aber trotzdem einen Wein im Glas mit, bei dem etwas nicht in Ordnung war.

Italienische Nacht

Wie schön, dass der Sommer im September noch mal zurückgekommen ist. Wie auf einer italienischen Piazza fühlte ich mich an einem dieser herrlichen Abende. Mit Michelangelo Saitta, der sympathischen Seele des Saitta-Imperiums, saß ich auf der großen Terrasse, die sich die drei Saitta-Betriebe teilen. An einem solchen Abend fällt hier selbst mitten in der Woche kein Stein zu Boden. Alle Tische natürlich belegt und viele suchende Blicke von Neuankömmlingen. Stimmengewirr, gute Laune, einfach pralles Leben.
Kulinarisch bestens versorgt wurden wir aus Michelangelos neuem Gourmet Lokal, dem Saitta Ristorante, das auf Fischgerichte spezialisiert ist. Frische Steinpilze gab es in superber Qualität und einen nicht minder erstklassigen, wilden Steinbutt. Dazu öffnete Michelangelo zwei seiner Neuerwerbungen, natürlich aus seinem Heimatland. Sehr aromatisch der weiße 2005 Roero Arneis von Bruno Giacosa. Feine Nase mit dezenter Honigsüße, am Gaumen absolut trocken, sehr frisch und delikat, Kräuter, Salbei, Thymian. Ein anregender Wein, der einfach Lust machte, Lust auf Gespräche und Lust auf gutes Essen. Giacosas bester Arneis seit langem und ein hervorragender Essensbegleiter, der nicht die Welt kostet – 91/100. Gehört jung getrunken. So, wie der Arneis aus einer seltenen, fast vergessenen, autochtonen Rebsorte stammt, galt dies auch für den nachfolgenden 2000 Sirica von Feudi di San Gregorio aus Kampanien. Auch das ein sehr spannender Wein mit dichter, tiefer Farbe. Minzfrische Nase mit Brombeere, Wacholder und intensiven rauchigen Tönen, gebratenem Speck. Das erinnerte von der Aromatik her stark an Syrah von der nördlichen Rhone, z.B. an junge La Turques, obwohl Sirica mit Syrah nichts zu tun hat. Am Gaumen trotz viel reifem Tannin sehr harmonisch und weich. Ein toller, noch bezahlbarer Wein, von dem es leider nur 7000 Flaschen gibt – 92/100.

Neuentdeckung

Versteckt neben dem bekannten Lokal Meuser liegt im linksrheinischen Düsseldorfer Stadtteil Niederkassel eine kleine, engagiert geführte Weinhandlung. Damien – La Passion du Vin heißt der Laden. Damien, ein sehr sympathischer, junger Mann ist Franzose und stammt aus Bordeaux. Da kennt er sich aus, und da gräbt er immer wieder interessante Weine aus, vorzugsweise in Preislagen unter € 25. Neugierig erwarb ich vor ein paar Tagen eine Flasche 2002 Chateau Moulin de Tricot aus Margaux, die mir Damien wärmstens ans Herz gelegt hatte. Moulin de Tricot ist ein kleiner Familienbetrieb in Arsac mitten in der Appelation Margaux. Nur 2 Hektar Rebfläche umfasst der Betrieb, 70% Cabernet Sauvignon und 30 % Merlot. Der Wein wird 18 Monate in gebrauchten Fässern ausgebaut und nur ganz schonend mit etwas Eiweiß filtriert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Pikante, rotbeerige Frucht, ungewöhnliche Aromen, Erdbeere, reife Himbeere und rote Johannisbeere. Reifes Tannin, gute Säure, seidige Textur. Keiner dieser überextrahierten Hämmer, sondern ein eleganter, aber sehr nachhaltiger, balancierter Wein mit guter Länge. Ermüdet den Gaumen nicht, sondern regt ihn an und macht mit jedem Schluck Lust auf mehr – 89/100. Für 2002 ein sehr beachtlicher Wein. Da werde ich mir wohl ein paar Flaschen von hinlegen und den Wein auch für andere Jahrgänge auf meinen Radarschirm setzen.

Was für ´ne Plörre

Nein, ich bin kein großer Freund der 2003er Bordeaux. Klar, in diesem Jahr wurden auch eine Reihe guter Weine erzeugt, sogar ein paar große, wie z. B. Pavie. Leider aber auch soviel diffuser Mist für zuviel Geld, dass einem wirklich graust. So ein Teil hatte ich gestern vor mir. Keine 2003er Probe, kein Anlass, wo auf Basis einer Minipfütze ein halbseitiger Artikel geschrieben wird. Nein, vor mir stand eine ganze Flasche 2003 Cantemerle, ehrlich erworben bei einem Weinhändler. Der hatte mir versichert, das sei ein leckerer, unkomplizierter Wein für den baldigen Verzehr. Dekantiert habe ich ihn nicht, dafür aber das Vinum Bordeaux Extrem genutzt, ein Glas, das schwächere Weine gnadenlos demaskiert. Der erste Schluck dünn und langweilig. Will ich das wirklich an meine Leber lassen? Soll ich nicht lieber auf Wasser umsteigen? Ich mache weiter. Da muss doch noch was kommen. Kommt auch, zumindest in Maßen. Feigen-Konfit in Bitterschokolade, kräuterige Töne, passend zur relativ hellen Farbe nicht sonderlich konzentriert, aber immerhin, man stirbt nicht dran. Gefällig, trinkbar, aber wirklich nicht aufregend. Warum tue ich mir das an? Da wären doch noch ganz andere Sachen im Keller. Aber es bleibt die Neugier. Kommt da vielleicht doch noch ein Wunder? Leider nein. Das vorletzte Glas ist schlimm, das letzte grausam. Aus Bitterschokolade wird Seife. Aus Feige werden säuerliche Töne. Der Wein wird diffus, schlabberig, droht zu zerfallen. Gibt es einen Lichtblick bei diesem Teil, das mit 80/100 sehr gut bedient ist? Den gibt es. Es war eine Einzelflasche. Davon drei Kisten im Keller, das wäre der Supergau.

Glücksmomente

Wenn man in der zweiten Septemberhälfte eines der schönsten Sommerwochenenden diesen Jahres erleben darf, das hat schon was. Wolkenloser Himmel, sommerliche Temperaturen und für 48 Stunden noch mal Urlaubsgefühle. Wir hatten eins der zahlreichen Billigangebote wahrgenommen und waren nach Sylt geflogen. Zusammen mit lieben Sylter Freunden genossen wir an Buhne 16 noch mal einen dieser spektakulären Sonnenuntergänge. Vor uns im Glas diesmal ein 2005 Weißburgunder und Chardonnay von Thomas Hensel, ein sehr nachhaltiger, extraktreicher Wein, der sicher auch im Winter Spaß macht und mit 12,5% Alkohol nicht gleich umhaut – 85/100. Sehr gut danach bei unserer nächsten Station ein 2004 Weißburgunder&Chardonnay von Johner. Das war natürlich eine andere Liga, Kraft und Finesse zugleich, der machte einfach unheimlich Spaß – 89/100. Leider konnte man das von einem 2003 Hess Chardonnay Select aus Kalifornien überhaupt nicht sagen. Der wirkte einfach nur breit, plump und alkoholisch mit Holz ohne Ende. Dazu zeigte dieser Wein, der im Glas zunehmend zerfiel, noch eine komische, unpassende Restsüße, schien schon deutlich auf dem Abstieg zu sein, falls er jemals einen Höhepunkt hatte – 79/100. Unserem Glück tat das keinen Abbruch. Wir ließen diese Flasche gut gefüllt zurück und zogen weiter. In unserer nächsten Station entdeckten wir auf der Karte zu sehr freundschaftlichem Kurs einen 1985 Trotanoy. Den hatte ich von bisherigen Verkostungen zwar überhaupt nicht in guter Erinnerung, aber der Preis war einfach zu verführerisch. Unsere Risikofreude wurde belohnt, denn ins Glas kam ein gut gereifter, verführerischer Merlot mit viel Biss, Schmelz und Bitterschokolade. Davon genehmigten wir uns gleich noch eine weitere Flasche – 90/100.
Den zweiten Abend verbrachten wir – wo auch sonst! – bei Jörg Müller. Zum vorzüglichen Genuss auf dem Teller kam zunächst die wie immer grandiose 2002 Hochheimer Hölle Auslese trocken Goldkapsel von Künstler. Reife, explosive Frucht, tolle Mineralik, Säure, Finesse, alles perfekt balanciert mit unendlichem Abgang, viel größer geht Weißwein nicht – 98/100. Danach kam dann „Arbeit“ auf den Tisch. Für den Jahrgang 1988, den ich derzeit bearbeite, verkostete ich die 1988 Pichon Comtesse de Lalande nach, die in der Literatur nicht sonderlich gut wegkommt. Dichte Farbe ohne Alter, in der Nase erst etwas altes Faß und grünliche Töne, am Gaumen aber Kraft und Fülle, Bittertöne, Kakao pur, Herrenschokolade, sehr nachhaltig, auch die Nase wird besser. Über gut zwei Stunden habe ich den vorher dekantierten Wein verfolgt, wobei es immer rauf und runter ging. Mal reif und wunderschön, mal etwas verschlossener mit bissigen Tanninen. Der letzte Schluck war dann der schönste, weich, elegant mit toller Frucht. Was wird nun aus dieser Comtesse? Ich setzte auf Zukunft und werde selbst nachkaufen – 91+/100. 1988 scheint noch für viele Überraschungen gut zu sein. Das hatte an anderer Stelle im September auch ein 1988 Gruaud Larose gezeigt. Kräftiges Dunkelrot, warmwürzig, fast mollig mit guter Struktur und würziger, pflaumiger Frucht – 91/100. Nach der Arbeit, die überraschend viel Freude gemacht hatte, kam dann das Vergnügen in Form eines 1992 Dominus. Da herrschte blind getrunken bei allen Beteiligten Einigkeit. Das musste ein ganz großer Pauillac aus einem sehr guten Jahr sein mit toller Frucht und irrer Länge. So gut wie an diesem Abend habe ich den Dominus noch nie getrunken Da waren 97/100 schon richtig konservativ.
Zwischendrin erhielt ich noch ein Glas 1985 Clos Vougeot von Rousseau, den ein Tisch als korkig hatte zurückgehen lassen. Der Wein hatte zwar leichte Fehltöne in der Nase und wirkte etwas fischig. Am Gaumen war das aber ein prachtvoller Burgunder mit Kraft und Fülle. Auch die Nase wurde mit der Zeit deutlich besser. Von Kork keine Spur – 92/100.
Inzwischen war unsere Runde deutlich größer geworden, also mussten auch die Flaschen größer werden. Noch sehr jung ein 1982 Trotanoy aus der Magnum. Das war Finesse pur, nicht so fett wie andere 82er Pomerols mit relativ heller Farbe, feiner, kräuteriger Nase, mit Zedernholz und schöner Frucht, viel Terroir, seidig elegant mit feinem Schmelz und sehr lang. In dieser Form sogar noch ausbaufähig – 95/100. Auf ähnlichem Niveau, aber völlig anders gestrickt, dann ein 1989 Le Gay aus der Magnum. Dichte, undurchdringliche Farbe ohne jedes Alter, Kraft ohne Ende, jung, würzig und kräuterig. Das war er wieder, der Lafleur für Schlaue – 95/100. Und da zwei sehr sympathische 47er mit am Tisch saßen, musste zum Schluß auch noch ein 1947 Clinet dran glauben. Zwar „nur“ aus der 1tel, aber aus welcher Weinkarte kann man denn so etwas überhaupt noch bestellen. Ein traumhaft schön gereifter Pomerol mit beachtlichem Rückrat und wunderbarer Süße, geschmeidig, elegant und voll auf dem Punkt – 95/100. „Gehört bald getrunken“ notierte ich 1993 bei der ersten Flasche, die ich aus Jörg Müllers OHK trinken durfte. In diesen 13 Jahren bin ich zwar um einiges älter geworden, der Wein aber nicht.

Wein aus China?

Einen sehr gefälligen, fruchtigen Wein hatte ich vor mir stehen. Schönes Aromenspiel, Zitrusfrüchte, Ananas, reife Birne, feine Mineralität, gute Säure – 87/100. Es handelte sich um einen 2005 Tasya Chardonnay vom Weingut Grace Vineyard aus der Provinz Shanxi. André Speisser hatte ihn mir ihn Hardy´s Weinstuben vorgesetzt, zur Henkersmahlzeit kurz vor meinem Rückflug. So verließ ich Sylt mit einem chinesischen, aber beileibe nicht unangenehmen Nachgeschmack. Eine kurze Internetrecherche ergab, das dieser gelungene Wein kein Zufall, sondern das Ergebnis harter, konsequenter Arbeit war. Mehr dazu hier.

Brunello di California

Gespannt wie ein Flitzebogen war ich auf den 2001 Brunello di Montalcino von Valdicava. Die 98/100, die James Suckling vom Wine Spectator diesem Wein gegeben hat, sind schon eine Ansage. 2001 gilt insgesamt als großer Jahrgang für Brunello, als Jahrgang, der das üppige, säurearme der 97er mit der klassischen Struktur der 99er verbindet. Jetzt stand er also vor mir, der Valdicava. Dichtes, undurchdringliches Schwarzpurpur, in der Nase pralle, reife Frucht, süße Schwarzkirsche, Kaffee, aber auch etwas Lakritz und Teer. Gewaltig der erste Schluck, was für ein Monster! Reife Tannine zwar, aber Massen davon. Kraft ohne Ende, viel Struktur und gewaltige Länge. Langsam taste ich mich vor in diesem Wein, der sicher noch ein paar Jahre zu jung ist und noch längst nicht alles preisgibt. Eigentlich wollte ich den Brunello zu einem Abendessen im Ristorante Saitta an einem dieser herrlichen Spätsommerabende genießen, doch das geht nicht. Der Wein ist fordernd und erschlägt förmlich meinen Gaumen. Doch mit der Zeit wirkt er auch etwas eindimensional und überextrahiert. Sicher ein Wein, der polarisieren wird, der glühende Fans ebenso finden wird wie Leute, die ihn schroff ablehnen. Als neue Definition von Brunello wurde er gepriesen. Das erinnert mich etwas an Kalifornien. Immer reifere Frucht, immer mehr Alkohol, immer dicker. Sicher ein perfekter Probensprenger. Aber zu einem Essen, wofür Wein ja eigentlich gedacht ist? Auch als Begleiter eines anregenden Gespräches kann ich mir einen solchen Wein nicht vorstellen, eher schon zum Betäuben eines widerborstigen Geschäftsfreundes. Mir persönlich gefällt derzeit der klassischere 1999 Brunello di Montalcino Riserva Madonna del Piano, die Einzellage von Valdicava, deutlich besser. Beide gegeneinander trinken und dazu als Vergleich den Sangiovese von Montepeloso, das werde ich demnächst mit ein paar Freunden tun. Kaufen werde ich mir natürlich ein paar Flaschen des 2001ers, als Piraten für Weinproben natürlich und um zu sehen, wie sich dieser Wein, bei dem ich mich derzeit vorsichtig zu maximal 92/100 hinreißen lassen könnte, entwickelt.
Erhältlich ist der international sehr gesuchte 2001 Valdicava u.a. in Düsseldorf bei Saittavini und bei der Bacchus-Vinothek in Rottweil.

Schweizer Wein

Ein Geburtstag brachte mich zum Ende dieses wunderbaren Weinmonats September noch mal in die Schweiz. Begeistert hatte ich an dieser Stelle vor einem Jahr von einem Relais & Chateau in Leukerbad berichtet. Nun, das Hotel steht noch dort inmitten einer prächtigen Bergkulisse im malerischen Leukerbad. Nur der Küchenchef ist nicht mehr da, bei dem wir im letzten Jahr konstant 15-16 Gault Millau Punkte auf dem Teller hatten. Das sehr engagierte, sympathische Direktoren-Ehepaar hat das Haus ebenso verlassen wie ein großer Teil des restlichen Teams. Was da derzeit gastronomisch abläuft, ist eigentlich nicht akzeptabel. Der neue Küchenchef steht ziemlich verloren in den großen Schuhen, die im sein Vorgänger hinterlassen hat. Und ohne die zwei sehr fleißigen, bemühten Praktikantinnen wäre der orientierungslose Service wohl völlig zusammengebrochen. Natürlich muss man neuen Leuten ihre Chance geben. Aber warum steht dann nicht auf der Karte „30% Nachlass, denn wir üben noch und können es noch nicht so richtig“?
Wenigstens war die Weinkarte, die im Winter von einem Sommelier betreut wird, noch intakt. Kein schlechter Essensbegleiter war der 2003 Opale von Jérome Giroud aus Chamoson. Diese Cuvée aus vier verschiedenen Rebsorten hatte eine etwas parfümiert wirkende, vielschichtige Frucht, wirkte etwas dick und durch den massiven Holzeinsatz nicht nur vanillig und karamellig, sondern auch etwas überladen. Ein Schweizer Wein für Liebhaber von Barrique Monstern aus der Neuen Welt – 87/100. Da hatte mir im Vorjahr der 2001er besser gefallen. Faszinierend eine Cuvée aus Pinot Noir, Humange und Cornalin, der 1998 Cheval Noir des Cave du Cheval Noir von Michèle Zuchuat. Ein fruchtbetonter, eleganter, aber sehr nachhaltiger Wein mit sympathischen 12.5% Alkohol, der sich ständig wandelte und immer neue Facetten zeigte. Von Kakao über Veilchen bis hin zu Lakritz wurde da im Verlauf von 2 Stunden alles geboten. Der mit guter Säure ausgestattete, frische Wein wirkte nie überladen und machte immer Lust auf den nächsten Schluck – 91/100.
Ein unkomplizierter, frischer, fruchtiger Genuss war am zweiten Abend ein 2003 Humange Blanche der Frères Philippoz aus Leytron – 87/100. Als Rotwein entschieden wir uns diesmal für einen 1999 Gaffelière aus St. Emilion. Der hätte eigentlich dekantiert gehört, aber wir waren schon froh, das wir im zweiten Anlauf wenigstens den richtigen Jahrgang bekamen(97er zum gleichen Preis – nein danke), um den wir uns dann den Rest des Abends in Selbstbedienung kümmerten. Die brilliante Farbe und die aromatische, feinduftige Nase machten richtig Lust auf diesen Wein, der aber ein für 99 beachtliches Tanningerüst aufwies und undekantiert eine ganze Weile zur Entfaltung brauchte. So zeigten erst die letzten Schlucke, dass Gaffelière auf gutem Weg zu vergangener Größe ist – 90/100. Statt eines Desserts – auf mehr „Küchenleistung“ hatten wir an diesem Abend wirklich keine Lust – probierten wir noch einen 2004 Ballerine von Giroud. Diese Cuvée aus Chardonnay, Sauvignon Blanc, Amigne und Petit Arvine entpuppte sich als sehr pikanter, balancierter Süßwein mit feiner Honignote, frischer Aprikose und Ananas, Vanilletönen und wunderbarer Leichtigkeit – 89/100. Das war genau die Leichtigkeit, die das Sources des Alpes in diesem Jahr vermissen ließ. Die fanden wir dann später noch in einem der vielen urigen Lokale Leukerbads. Zum Ländlerwochende hatten sich Bands aus der gesamten Schweiz hier versammelt, die in insgesamt 23 Lokalen spielten. Da war Stimmung garantiert. So schmeckte dann auch ein 2004 Pinot Noir de Salquenem von Philippe Constantin einfach saugut, weil einfach alles drumherum passte. Saftig, kräftig und lecker – 89/100. Würde ich gerne mal als Piraten in eine Spätburgunderprobe schmuggeln. Erst später erfuhr ich, dass dieser Wein, der da so simpel aus der Schaubverschlussflasche in mein Glas floss, von einem sehr engagierten, nach biologischen Richtlinien arbeitenden Winzer stammte. Ich bleibe dran.
Stimmung und Wein, das ist es überhaupt. Wenn zu einem fülligen, unkomplizierten, aber sehr leckeren 2003 Le Plaisir de Scharsü von Boris Caldelari am Berghaus Schwarenbach die herbstliche Sonne scheint und das Alpenpanorama in gleißendes Licht taucht, dann ist der Himmel voller Geigen.

Und dann war da noch....

... ein Video, das Sie sich einfach mal anschauen sollten. Master Class in Burgundy and Cigars mit Wine Spectator Herausgeber Marvin Shanken. Jetzt wird mir klar, wie so manche Bewertung zustande kommt.