1899

Das erste der beiden Zwillingsjahre 1899/1900 brachte in Bordeaux große Weine, sowohl bei den Roten als auch bei den Edelsüßen.

Montrose wäre im Herbst 2005 von der Farbe her auch als 60er durchgegangen. Am Gaumen war er reif und doch nicht reif zugleich. Ein klassisch eckig-sperriger, leicht säurelastiger Montrose eben. Da kann mir auch die Ehrfurcht vor dem Alter nicht mehr als 88/100 entlocken.

Ein großer Wein ist in entsprechenden Flaschen immer noch Latour. Bei einer Verkostung auf Chateau Latour 2007 war eine Flasche war völlig untrinkbar, eine hatte wenigstens eine schöne Nase, die dritte schließlich war ein Traum. Die war dann ein zeitloses Monument mit intakter, bräunlicher Farbe, feiner Süße, leichtem Erdbeerton und der unendlichen Eleganz eines perfekt gereiften, großen Weines – 98/100.

Wunderbar auf meiner 1999er Raritätenprobe ein Leoville las Cases in einer Händlerabfüllung von Audibert Delas, helles Rot, Himbeere, tolle Mokka- und Kaffeearomen, erstaunlich kraftvoll und noch längst nicht am Ende 97/100.

Bei einem Dufour mit etwas ungewisser Herkunft, möglicherweise das heutige Dufort-Vivens war 2015 dicht die Farbe, da war noch enorme Kraft und Substanz, aber eben auch eine intensive Klebstoffnase, die Teil des Spaßes verdarb – WT85. Giscours hatte 1999 und 2009 wieder eine helle, klare Farbe mit rotem Kern, sehr pikante Frucht, Himbeere und Erdbeere, filigran, fast etwas zerbrechlich, auch am Gaumen sehr fein und elegant mit präsenter Säure, die diesem Wein eine erstaunliche Frische verlieh, und mit einer generösen, feinen Süße. Punkte können so einem zeitlos eleganten, 110 Jahre alten Monument eigentlich nicht gerecht werden. Vom reinen Genusswert, ohne zu wissen, was im Glas ist, würden da aber ohne weiteres 95/100 hin gehören, wobei der Erlebniswert deutlich höher liegt. Wenig Freude machte 2006 ein d´Issan. Der war 1999 neu verkorkt worden, was auf dem Korken deutlich zu erkennen war. Mit reichlich Schwefel hat man damals wohl versucht, einen morbiden Weingreis wieder mit neuem Leben zu versehen. Vergeblich, denn außer einem deutlichen Essigstich und massivem Schwefelton hatte der Wein nichts mehr zu bieten. Er wurde rasch medizinal mit Penicillin ohne Ende, zerfiel dann völlig und wurde untrinkbar. Klar ist, so ein Wein hätte nie neu verkorkt werden dürfen. Inzwischen lernen das zumindest die namhaften Bordeaux Chateaus und legen sehr strenge Maßstäbe an. Die alte, häufiger geübte Unsitte, aus 6 halbvollen Flaschen 3 volle, neuverkorkte zu machen, dürfte damit hoffentlich aussterben. Ich für meinen Teil mache um neuverkorkte Flaschen soweit irgend möglich einen großen Bogen.

Ein Chateau du Mont aus dem Medoc war 2010 noch sehr gut trinkbar. Hier war die durchaus präsente Säure reifer, weicher, dienender und verlieh dem Wein, der auch och eine recht pikante Frucht zeigte, sogar noch eine gewisse Frische – 86/100.

Eine helle, reife, aber immer noch klare Farbe hatte 2014 der Haut Brion, immer noch Fruchtreste, kräftige Säure und eine delikate, feine Süße. War immer noch wunderschön zu trinken und ließ erahnen, was für ein großer Wein das mal gewesen sein muss. WT90 gibt es immer noch für den heutigen Genuss, 10 weitere Punkte für die Demut gegenüber so einem Weindenkmal.

Selbst mit vermeintlich kleinen 1899ern kann man Glück haben. Auf einer Best Bottle während der Prowein 2002 öffnete ich einen "St. Emilion Chateau La France à Fronsac" vom Maison de Bordeaux, ersteigert als Risikoflasche ein paar Jahre vorher auf einer Auktion in Versailles. Der Wein zeigte eine helle Farbe, die Nase war ok, aber am Gaumen entwickelte er eine feine Süße, wunderbar, immer noch ein Erlebnis. Seltsam dagegen 2011 ein Chateau Geneste aus der halben Flasche. Alt war das, was da aus der Flasche kam, schon. Nur eben auch extrem alkoholisch und definitiv kein Wein, auch wenn man es gut trinken konnte.

Ein 1997 auf einer Drawert-Probe getrunkener d`Yquem zeigte kräftiges Dunkelgold, etwas oxidativ, die Süße war weg, Bitterton, da zählte nur der Jahrgang, Süße nur in der Nase, aber auch noch am Gaumen etwas Kraft. Wohl keine optimale Flasche. Um längen besser 2017 bei „Taste of Greatness“ aus einer Händlerabfüllung, noch so noch so vital und stimmig mit einer großartigen Aromenfülle. Kumquats, Orangenzesten, Kaffee, Mokka, dunkles Toffee, Brioche, Bittermandel, dazu mit einer hohen Säure, die ihm Frische verlieh, die Süße eher dezent – WT95.

Wie groß die 1899er Sauternes sein können, zeigte im Herbst 2002 ein Rayne Vigneau. Der Korken schien schon eine Weile etwas zu lecken und so war aus "ls" eine optimistisch immer noch 2/3 volle Flasche geworden. Da half nur noch ein schneller "Rheinischer Imbiss", Sushi vom Japaner und dazu dieser Traum-Sauternes, der sich trotz des miserablen Flaschen-Zustandes traumhaft verkostete, klare, dunkelbraune Farbe, schöne Nase und am Gaumen eine wunderbare Geschmacksfülle mit feiner Süße, Walnuß, dezenten Port-Tönen, Kaffee und vielem mehr, ein ganz großes Weinerlebnis und einer meiner bisher schönsten Süßweine 100/100! Ein 1999 getrunkener Rayne Vigneau in einer französischen Händlerabfüllung von de Luze war nicht ganz auf diesem Niveau, aber ebenfalls ein perfekt gereifter, großer Sauternes - 96/100.

Auch in Burgund kann 1899 nicht schlecht gewesen sein. Ein Romanée Conti von DRC zeigte 2002 auf einer Probe noch viel Kraft, Süße, Power, voll da und jung, unglaublich für das Alter, eines meiner größten Burgunder-Erlebnisse - 100/100.

Offiziell gilt 1899 nicht als großes Portweinjahr und kaum eines der großen Häuser produzierte einen Vintage Port. Ich habe jedoch beste Erfahrungen mit dem Jahrgang gemacht. Auf meiner 1999er Raritätenprobe war ein Porto da Silva aus dem alten Pariser Restaurant Prunier, herrlich weich mit feiner Süße - 95/100. Etwas kräftiger, aber ebenfalls wunderschön reif und weich mit feiner Süße der dagegen getrunkene Porto Mackenzie, ebenfalls aus den Kellern des Restaurant Prunier - 95/100.

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