California Wine Legends

Die Sonne schien nicht nur über der Braui in Hochdorf, sie schien auch in unseren Gläsern. Weinfreund Eugen Häfliger hatte zu „California Wine Legends“ geladen. Geballt tranken wir zu Werni Toblers herzhafter Küche einige der größten Weine, die in Kalifornien je erzeugt wurden.

Frühzeitig traf ich mich mit den ersten Weinfreaks in der Braui. Neugierig schlichen wir um die Flaschen der von Basche Schwander mustergültig vorbereiteten Probe. Dazu tranken wir zwei Aperos aus der kalifornischen Neuzeit. Kalifornische Weine darf man getrost in drei unterschiedliche Kapitel einteilen. Das erste, aus dem ich noch nie einen Wein verkosten durfte, reichte von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn der Prohibition 1919. Damals muss es schon verdammt gute Weine in Kalifornien gegeben haben. Doch mit der unsäglichen Prohibition änderte sich das. Die teilweise aus Europa stammenden, talentierten Weinmacher verließen das Land. In den Rebbergen wurden zwar weiterhin Trauben produziert, was ja nicht verboten war. Allerdings galt jetzt eher Masse als Klasse. Nach dem Ende der Prohibition erholte sich der kalifornische Weinbau nur langsam. Erst in den 60er Jahren ging es wieder richtig los. Diese zweite Phase dauerte bis etwa 1990. In Kalifornien wurden seinerzeit sehr langlebige, großartig strukturierte Weine erzeugt, deren Vorbild klar Bordeaux war. Und aus der Kombination traditionellen Weinbaus und kalifornischer Frucht („von der Sonne verwöhnt“) entstanden zum Teil legendäre Weine, von denen wir ja heute einige ins Glas kriegen sollten. Wenn ich Weine aus dieser zweiten Phase des kalifornischen Weinbaus irgendwo finde, schlage ich gnadenlos zu. Einige Winzer, z.B. Togni oder Dunn, machen auch heute noch Weine wie damals, Weine, die altern können und müssen. Die Masse der kalifornischen Winzer aber richtete sich in den Neunzigern auf den amerikanischen Heimatmarkt und natürlich auch auf das von Robert Parker geprägte Geschmacksbild aus. Warten auf Wein war nicht mehr gefragt. Die Weine mussten jung trinkbar sein und dem amerikanischen „thick, rich and creamy“-Ideal entsprechen. Oder, um es anders auszudrücken. Bis 1990 ähnelten die kalifornischen Weine bester, italienischer Eiscrème, heute erinnern sie mehr an Häagen-Dasz. Das muss nicht schlechter sein, aber es ist halt anders.

Kurz zu unseren Aperos. Aus der klugen Karte der Braui hatte ich vorab einen erfrischenden, sehr feinen, animierenden 2007 Riesling Für Feen und Elfen von Nick Köverich bestellt. Der machte richtig Lust auf den Tag. Danach war natürlich der 2004 Aubert Lauren Vineyard Chardonnay ein richtiger Kulturschock. Ein heftiges, kräftiges Teil, das übermäßig eingesetzte Holz überdeckt die durchaus vorhandene Mineralität, versteckt die tropische Frucht und erschlägt den Gaumen – 91/100. Auch nicht gerade ein Kind von Traurigkeit der 2005 Marcassin Three Sisters Vineyard Chardonnay, aber deutlich finessiger, mineralischer und mit durchaus burgundischen Anklängen – 94/100.

Und dann nahmen wir an der langen Tafel Platz und starteten mit einem ganz speziellen Highlight, zwei damals von Simi nur zwei Jahre nach dem Ende der Prohibition erzeugte Weine. Den 1935 Simi Winery Cabernet Sauvignon Reserve hatte ich seit 1997 schon viermal im Glas, eine letzte Flasche schlummert noch in meinem Keller. Diese hier kam mit den vorherigen leider nicht mit. Ein in Würde gereifter Weingreis, in der Nase etwas staubig-trockene Eleganz, Kaffee, Fruchtreste, deutliche, tragende Säure, hat schon deutlich bessere Tage gesehen – 89/100. Aber selbst auf diesem, bescheideneren Niveau würde sich heute aus Bordeaux nichts auch nur annähernd vergleichbar gut trinkbares in 1935 finden lassen. Und dann dieser verrückte 1935 Simi Winery Zinfandel, heute zum ersten Mal in meinem Glas. Reife Farbe mit deutlichen Orangetönen, wilde, animalisch-exotische Aromatik in der Nase und am Gaumen, Lakritz, Kräuter, Orangenzesten, Veilchen, Opas alter Herrensattel, ändert sich laufend und zeigt neue Facetten, noch so vital und lebendig, natürlich getragen von der kräftigen Säure – 94/100.

Wir machten einen Zeitsprung. In Kalifornien herrschte, noch weitgehend vom Heimat- und Weltmarkt unbemerkt, Aufbruchsstimmung. Zum Beispiel Ridge Vineyards. Hier wurden schon 1885 Reben gepflanzt und 1892 der erste Monte Bello erzeugt. Aber richtig los ging es erst, als 1960 vier Wein-Enthusiasten, alles Stanford Ingenieure, das Weingut kauften.
Eine wilde, pfeffrige Nase mit Kräuterhonig hatte der 1968 Inglenook Cabernet Sauvignon, am Gaumen die rauchig-teerige, tabakige Mineralität eines 71 La Mission, machte enormen Spaß, kein Alter – 95/100. Und dann dieser einfach geniale 1968 Heitz Cabernet Sauvignon Martha´s Vineyard mit seiner sensationellen Nase voller Minze, Schoko und Eukalyptus, auch am Gaumen enorm minzig, immer noch mit fantastischer Frucht und Frische, sehr langer Abgang, ein Ausnahmewein – 100/100. Beeindruckend auch dieser 1968 Ridge Monte Bello, sehr feine, elegante Nase, am Gaumen enormer Druck, wie ein perfekt gereifter, großer Pauillac mit feinem Minzton, am Gaumen kaum endend – 97/100.

Im nächsten Flight fünfmal das Kalifornien-Traumjahr 1974. Immer noch so jung in der dichten Farbe und der gesamten Anmutung der 1974 Ridge Monte Bello mit wunderbar beeriger, pflaumiger Frucht, viel Minze, am Gaumen enormer, aromatischer Druck und feine Süße, ein absolut stimmiger, harmonischer wein aus einem Guss mit sehr langem Abgang und guten Chancen auf noch 1-2 weitere Jahrzehnte - 96/100. Steht wie fast alle Weine dieser Probe natürlich auf meiner Fahndungsliste. Ausgerechnet der 1974 Mayacamas Cabernet Sauvignon, dieser ewige, großartige Augenhöhe-Martha´s–Konkurrent hatte leider einen leichten Kork. Der 1974 Heitz Martha´s Vineyard selbst hatte zwei Probleme. Das erste war natürlich die Erwartungshaltung an diesen zweifelsohne riesengroßen Wein. Aber wenn eine solche Legende ins Glas kommt, dann erwartet man eigentlich schon, dass es knallt, bevor überhaupt der Korken gezogen ist. Und das andere Problem war die Flasche selbst. Die war sehr gut, aber nicht auf dem Niveau der besten Flaschen dieses Weines. Etwas weiter in der Farbe als der 68er und nicht mit dessen Dramatik, feiner, weicher, eleganter wirkend. Natürlich mit der klassischen Heitz-Aromatik, mit reichlich Minze und Eukalyptus. Sehr lang und nachhaltig am Gaumen mit feiner, kräuteriger Süße – 97/100. Der gute Eugen ließ parallel dazu die Reserveflasche aufmachen, 1975 Heitz Martha´s Vineyard. Der war im direkten Vergleich dichter, jünger, dramatischer, Martha´s pur – 98/100.
In ihrer Art erinnern mich die Weine von Diamond Creek immer etwas an die von Randy Dunn. Sie halten ewig und man fragt sich, ob sie jemals richtig reif werden. So hatte dieser 1974 Diamond Creek Volcanic Hill immer noch so eine unglaublich junge, dichte, rubinrote Farbe. Cabernet Sauvignon pur, fast etwas roh, mit guter Frucht und pfeffriger Würze, viel Minze, sehr mineralisch, sehr kräftig mit immer noch voll intaktem Tanningerüst – 95/100. Kam deutlich besser zum Essen, wobei ich an Michael Broadbent denken musste. Der schrieb einmal zu 1975 La Mission Haut Brion, dass er sich diesen Wein allenfalls zu Wildschwein vorstellen könnte. Das passte auch hier. Der 1974 Diamond Creek Red Rock Terrace hatte eine seltsam reife, rosinige Nase. Die wunderbar pikante, rotbeerige Frucht wurde erst am jungen, tannin- und säurebetonten Gaumen richtig spürbar – 93/100.

Und dann kam der Flight der Flights, was für ein unglaubliches, gleichmäßig hohes Niveau großer Weine, die keinerlei Müdigkeit zeigten. In Traumform 1978 Chateau Montelena mit pflaumiger Frucht, Tabak, Zedernholz, leicht malziger Süße, sehr druckvoll mit großartiger Struktur, reif aber noch mit großer Zukunft – 98/100. Ein explosives, zupackendes Tier von Wein der 1978 Heitz Martha´s Vineyard, tiefe, junge Farbe, Minze, Eukalyptus, Bitterschokolade, altes Sattelleder, wie die Essenz eines 78er La Mission, unglaubliche Kraft und Länge, in dieser Form ein Jahrhundertwein mit Potential für Jahrzehnte – 100/100. Auf dem Punkt der 1978 Ridge Monte Bello mit reifer Farbe, wunderbare, minzig-generöse Nase, am Gaumen enorm druckvoll mit minziger Süße. Klar kann der sein Alter nicht verleugnen, aber der ist jetzt so stimmig, so wunderbar zu trinken. „Bleib noch 20 Jahre so“ möchte man ihm zurufen. Wird er nicht Gehört jetzt mit sehr viel und dann in den nächsten Jahren mit beständig abnehmendem Genuss getrunken – 97/100. Nein, der 1978 Shafer Vineyards Cabernet Sauvignon war noch kein Hillside Select, aber wohl trotzdem der größte, auf diesem Gut je erzeugte Wein. Immer noch junge, dichte Farbe, eine Wahnsinnsnase mit hohem Suchtpotential, puristisch schöne Frucht, cremige, enorm druckvolle aromatische Dichte am Gaumen, endloser Abgang und immer noch stabilem Tanningerüst, ein sehr mineralischer Wein in totaler Harmonie, gegen den die modernen 100-Punkte-Boliden einfach nur arme Wichte sind – 100/100. Voller Leben auch noch der 1978 Stag´s Leap Wine Cellars Cask 23, den wir wie fast alle anderen Weine auch au seiner perfekten Flasche genießen durfte. Das war California Old Style pur, perfekt balanciert, erdig-mineralisch mit generöser Süße, der Gaumen kräftiger und jünger als die reifere Nase wirkend – 96/100.

Nein, der liebe Eugen wollte nicht, dass wir verdursten und Werni Toblers geniale Küche trocken oder gar mit Wasser verdünnt runterwürgen. Also gab es auch noch zwei herrliche Magnums als Tischwein. Beide Weine zeigten, dass es damals auch abseits der ganz großen Namen große Weine gab. Der 1978 Villa Mt. Eden Cabernet Sauvignon war ein feiner, eleganter, minziger, schmelziger Wein in bester 78er Bordeaux-Stilistik, noch voll da mit Kraft am Gaumen – 93/100. Ein irres Geschoss mit tiefdunkler Farbe, mit Kraft, Druck und Länge der 1976 Chateau Montelena North Coast Cabernet Sauvignon – 95/100. Der hätte auch gut in den nächsten Flight gepasst.

Ein reifer, sehr feiner, eleganter, minziger Schmeichler mit heller Farbe war der 1976 Beaulieu Cabernet Sauvignon Private Reserve George de Latour, filigran, fast etwas zerbrechlich wirkend mit pikanter Frucht, feiner Minzsüße, aber intakter Säurestruktur – 93/100. Lebt inzwischen gefährlich. Sind alle Martha´s aus den 70ern Knaller? Nicht immer und vor allem nicht aus jeder Flasche. Der 1976 Heitz Martha´s Vineyard war der erste, schüchtern wirkende Martha´s, sehr verhalten und reif – 92/100. Das lag wohl an der Flasche, denn den 76er kenne ich deutlich besser. Und dann kamen wir zum „schmutzigen Geheimnis“ von Heitz, den TCA-Problemen in den 80ern. Der 1984 Heitz Martha´s Vineyard stank so fürchterlich nach 4 Wochen lang getragenen Wandersocken, das war kaum auszuhalten. Keine 85/100 hätte ich dem zu Anfang gegeben. Doch da half nur eins wie bei allen Martha´s aus dieser Periodee: Luft, Luft und nochmals Luft. Und mit der kam immer mehr ein klassischer, großer Martha´s mit viel Minze und Eukalyptus zum Vorschein. Beim letzten Schluck war ich bei 95/100. Ich bin kein Freund des Totdekantierens von Weinen. Aber diese Martha´s gehören morgens dekantiert, wenn sie abends ins Glas sollen. Nur etwas für eingefleischte Fans (ich gehöre dazu) ist der 1984 Diamond Creek Lake aus einer kleinen Parzelle, in der nur in großen Jahren Wein gemacht wird. Puristische, junge Frucht, auch in der Farbe kein Alter, sehr mineralisch, hohe Säure, viel Tannin, irgendwie noch unfertig und sehr straight, wirkt insgesamt dramatisch jünger – 94/100. An einen großen Latour in erster Reife hat mich der geniale 1984 Ridge Monte Bello mit seiner superben, saftigen Kirschfrucht und seiner perfekten und präzisen Struktur immer erinnert. Ein immer noch so junger Wein, der mit diesem gewaltigen Extrakt bei bescheidenen 12,5% Alkohol den heutigen Winzern eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste – 95/100.

Enttäuschend der 1985 Groth Cabernet Sauvignon Reserve, der mal zu den großen, legendären Kaliforniern gehörte, dessen beste Zeit aber zumindest aus dieser Flasche vorbei war. Wirkte etwas unausgewogen mit spitzer Säure, glättete sich etwas, wurde zugänglicher, aber groß ist anders – 92/100. Dazu traf dieser Wein natürlich wie alle dieser Gruppe auf einen hoch verwöhnten Gaumen. Kult war vor längerer Zeit auch 1985 Grace Family Vineyard, aber auch das ist eine Weile her, wirkte weich und langweilig, auf dem Wege abwärts mit ersten Magginoten – 88/100. Und dann hatten wir natürlich beim 1985 Heitz Martha´s Vineyard das gleiche Problem wie vorher beim 84er. Ich habe ihn eine Weile im Glas gelassen und dabei immer wieder intensiv belüftet und zwischen zwei Gabriel-Gläsern hin und her geschüttet. So landete ich von 88 bei 90, dann bei 93 und zum Schluss bei 95/100. Ist aber eine sehr mühsame Art des Weintrinkens. Der ausgewogenste Wein dieses Flights war der trotz saftiger Frucht reif wirkende, würzige 1985 Ridge Monte Bello – 94/100. Etwas mehr hätte ich auch – wie im übrigen bei allen Weinen dieses letzten Flights – vom 1985 Phelps Eisele Vineyard. Ein feiner, runder, reifer, rotbeeriger Cabernet mit schöner Süße, der auch ein 85er Bordeaux hätte sein können – 93/100.

Eine große, spannde Probe. Und wie kommt man an solche Raritäten ran? Als gut aussehende Frau schnappt man sich einfach den Eugen Häfliger. Der hat davon noch reichlich im Keller. Die andere Variante wären Gebote bei www.winebid.com in den USA. Das geht vor allem dann ganz gut, wenn man regelmäßig in die USA fliegt und drüben eine Kontaktadresse hat. Vier Liter Wein darf man zollfrei nach Deutschland einführen. Ist sicher der einfachere Weg als die teure, mühselige Ochsentour über DHL, Zoll und tausend Formulare. Nur Vorsicht: wer schon mal in den USA war, hat sicher auch schon amerikanische Häuser gesehen. Die sind in den meisten Regionen aus Holz und haben keinen Keller. Wer dann da auf einen 1974 Heitz Martha´s Vineyard aus einem Vorort von Houston bietet, bekommt genau das, was keiner von uns braucht.
Und dann gibt es noch einen eleganteren Weg. Einfach regelmäßig auf Baschis Seite www.mybestwine.ch schauen und sich frühzeitig für die Proben anmelden, die Baschi für und mit Eugen Häfliger macht. Zur Not immer auf der Warteliste eintragen, irgendetwas geht immer. Und sofern ich bei den Herren nicht in Ungnade falle, sehen wir uns dann auf einer der nächsten Proben. Ich freue mich drauf.