Das Unger Weihnachtstasting

Für 24 Weinnasen ist jedes Jahr schon zwei Wochen vor dem eigentlichen Termin Weihnachten. Dann zelebrieren die Ungers in Frasdorf ihr inzwischen schon legendäres Weihnachtstasting.

Spontan ist bei dieser Probe eigentlich nur die Freude an den wunderschönen Weinen. Alles Andere ist minutiös und sorgfältig vorgeplant. Wahrscheinlich denkt Perfektionist Michael Unger schon beim Bemalen der Ostereier an diese Probe, stellt in Gedanken Flights zusammen, verwirft sie 1000mal wieder, baut so oft um, bis ein großer Wurf heraus kommt. Das gelang auch dieses Mal mit einer schlichtweg spektakulären Probe. Ein gutes Drittel der Weine – ist inzwischen nicht mehr so einfach – hatte ich noch nie verkostet. Jeweils zwei 1tel oder eine Magnum kamen durch die beiden Profi Sommeliers Andreas Wachter und Josef Schreiblehner zum Ausschank, so dass ordentlich was ins Glas kamen. Festlich dazu eingedeckt die lange Tafel in Deutschlands wohl schönstem Probenraum.

Gleich mit dem ersten Flight ging es in die Vollen. Eine deutliche Bordeaux-Affinität zeigte der inzwischen reife 1992 Harlan, deutlich schlanker als die neueren Harlans, würzig, pfeffrig mit reifen dunklen Beeren, sehr schöne Länge am Gaumen – 94/100. Das absolute Gegenstück zum aristokratischen, noblen Harlan war der 1992 Bryant Family Vineyard. Das war eine richtig dicke, üppige kalifornische Weinsau mit satter, dunkler Frucht, mit Süße, Kraft und Fülle en masse, aber auch mit erstaunlicher Frische am Gaumen – 94/100. Großartig gelungen und für mich der beste Wein des Flights 1992 Colgin Herb Lamb. Zeitlos schön mit wunderbarer Struktur, sehr würzig die dunkle Frucht, sehr viel Minze, wunderbare Länge am Gaumen – 96/100. Brett ohne Ende in der Nase des 1992 Stag´s Leap Cask 23, dazu wiederum dunkle Früchte, viel Leder und Tabak, am Gaumen weich, reif und auch etwas marmeladig – 93/100. Und wie kam die intensive Dillnote, das Markenzeichen von Silver Oak, in den 1992 Hill of Grace, den ich natürlich blind für einen Silver Oak hielt? Mit der Zeit wurde aus Dill immer mehr süßer Eukalyptus. Süß auch die Frucht, viel Schmelz am weichen Gaumen, reif, aber keineswegs alt und für einen australischen Wein sehr elegant und mit viel Finesse – 95/100.

Was dann kam, hatte ich befürchtet, aber die Demaskierung der Legende 1985 Sassicaia fiel doch noch deutlich drastischer aus, als erwartet. Und da wir den Sassicaia einmal aus zwei 1teln und im anderen Glas aus der Magnum bekamen, war das Ergebnis umso eindeutiger. Mich erinnerte der Sassicaia an diesem Abend an einen einstigen Supersportler, der immer noch über die Promiveranstaltungen tingelt, vom einstigen Ruhm zehrt und mit seinem deutlichen Bauchansatz heute Probleme beim Sportabzeichen hätte. Was war dieser Sassicaia in seiner Glanzzeit bis Mitte der 90er für ein wilder, konzentrierter Powerstoff mit traumhafter, konzentrierter, süßer Frucht, jeden einzelnen der damaligen 100 Punkte wert. Und jetzt statt dieser geballten, italienischen Lebensfreude dumpfe, schwermütige Aromen. Hier wurde jetzt Bruckner gespielt. Also der Lack endgültig ab? Eine tiefe Farbe hat der Sassicaia noch, viel Kraft und ein intaktes Tanningerüst. Da muss und wird wohl noch mal ein zweites Leben kommen. Die 92/100 bzw. die 93/100 der etwas frischer wirkenden Magnum können es nicht gewesen sein. Sassicaia altert gut. Das haben zuletzt wieder die derzeit überragenden 75, 77 und 78 gezeigt. Also weiter warten und hoffen. Nur von den hohen, absurden Preisen, da muss was runter. Die sind derzeit völlig daneben.
Freie Bahn für eine andere Legende, die im dritten Glas. Der 1985 Groth Reserve sprang einen mit seiner explosiven Aromatik fast an, ein Traum aus Minze, Eukalyptus und wunderbarer, immer noch frischer Frucht, so komplex, so aromatisch, mit ewiger Länge am Gaumen und keinerlei Zeichen von Alter – 99/100. Das war für mich ganz klar der Wein des Abends.

Extrem spannend, was dann im nächsten Flight abging. Einer der Superstars des legendären Paris Tastings von 1976, dem Judgement of Paris, in dem die kalifornischen Weine in allen Kategorien den Sieger stellten und dieser Montelena Chardonnay bei den Weißweinen die #1 war. Für Montelena war es übrigens erst der zweite Chardonnay Jahrgang. Mit Jim Barnett hatte 1972 ein weinverrückter Anwalt Montelena übernommen. Sein Kellermeister war eine andere Legende, Mike Grgich. Wie würde sich dieser Wein, den es praktisch auf der Welt nicht mehr gibt, heute trinken? Für über $ 11.000 wurde in diesem Sommer eine der letzten, verbliebenen Flaschen in Kalifornien versteigert. Demnach war der Schluck vor mir also gut € 750 wert. Messen musste sich der Montelena mit einem seiner damaligen Gegner, dem Puligny Montrachet aus der Lage Les Combettes(in Paris war es damals Les Pucelles) von der Domaine Leflaive. Nur stand diesmal nicht der deutlich schwächere 1972er an, wie damals in Paris, sondern der sehr viel bessere 1973er.
Vor uns stand da im linken Glas erstmal ein ganz netter, gefälliger 1992 Domaine de Chevalier Blanc, etwas harzig und mit einem leichten Kellerton. Machte sich hervorragend als Kontrastmittel um die Klasse der Burgunder hervorzuheben – 88/100. Dann war da der immer sehr jung wirkende 1992 Puligny Montrachet Les Combettes der Domaine Leflaive, der die große Klasse von Lage und Domaine perfekt illustrierte. Ein sehr kraftvoller Wein mit immer noch jugendlich wirkender Röstaromatik, nussig, gebrannte Mandeln, hohe Mineralität, gute Säure und perfekte Struktur, immer noch ganz am Anfang und mit dem Potential, vielleicht mal ein zweiter 73er zu werden – 93+/100.
Schier unglaublich dieser praktisch altersfreie 1973 Puligny Montrachet Les Combettes der Domaine Leflaive, ein aromatischer Zwilling des 92ers, nur war hier alles noch dichter, deutlicher, dramatischer und intensiver, Burgund at ist very Best mit klarer, puristisch schöner Frucht und auf höchstem Niveau einfach dekadent lecker – 98/100. (Ich weiß, Einigen sträuben sich jetzt bei dem Begriff „lecker“ wieder die Nackenhaare. Da kann ich mit leben, denn wenn ein Wein einfach so fantastisch mundet und im besten Sinne lecker ist, dann nehme ich mir auch die Freiheit, ihn als lecker zu bezeichnen). Da war der 1973 Montelena Chardonnay auf hohem Niveau chancenlos gegen. Auch der war dicht, kräftig, lang, immer noch erstaunlich frisch mit pikanter Frucht, aber an die Komplexität und Vielschichtigkeit des Puligny reichte er nicht heran – 94/100. In jedem Fall war das aber ein einmaliges, wohl kaum wiederholbares Erlebnis.
Wer sich für die damalige Probe in Paris näher interessiert, findet unter Judgement of Paris in der englischen Wikipedia eine komplette, sehr ausführliche Probenbeschreibung mit allen Einzelergebnissen.

Vier klar als Bordeaux erkennbare Rotweine standen jetzt vor uns, zwei davon älter, zwei jünger. Leider war von den beiden Flaschen 1949 Latour eine hin, übrigens der einzige Ausfall in einer ansonsten vom Flaschenglück geprägten Probe. In der besseren Flasche war das ein reifer, sehr eleganter, eher Latour-untypischer Wein, sehr fein in der Nase und auch am Gaumen mit schöner Süße, sehr gefällig – 94/100. Deutlich typischer 1950 Latour aus einem eigentlich vor allem auf dem linken Ufer schwierigeren Jahrgang. Aber der stand noch wie eine Eins im Glas, und da war die trüffelige Art reifer Latours, die leicht bittere Walnussaromatik, eine schöne , pikante Frucht, süßer Schmelz und eine gute, tragende Säure, noch so lebendig – 94/100. Wie meinte meine liebe Gattin diesen Sommer tröstend zu mir: 60 sind doch kein Alter. Quod erat demonstrandum.
Völlig unterschiedlich auch die beiden jüngeren Latours. 1989 Latour immer noch mit mächtigem Tanningerüst, so jung, so druckvoll am Gaumen mit herrlicher, präziser Frucht, aus dieser Flasche hier etwas weiter als ich ihn kenne mit erster Süße, ein großer Latour mit gewaltigem Potential, der für mich das Zeug zum zweiten 59er hat – 96+/100. Im anderen Glas 1990 Latour, der mit seiner Üppigkeit, seiner saftigen, leicht exotischen Frucht, seiner dekandenten, ausladenden Aromatik ein Spaßwein par Excellence auf allerhöchstem Niveau ist, ein hochklassiger Kalifornier aus Pauillac – 99/100.

Zwei Burgunderflaschen standen im nächsten Flight, aber nur in einer war ein Burgunder. In der anderen war ein Cabernet Sauvignon und eine weitere Legende, die ich heute zum ersten Mal trinken durfte. Martin Ray ist einer dieser Visionäre, die nach der Prohibition wieder durchstarteten und die Grundlagen für den modernen, kalifornischen Weinbau legten. Nach einigen Jahren bei Pol Masson gründete Martin Ray Anfang der 40er in den Santa Cruz Mountains sein eigenes Weingut. Wahrscheinlich hat er damals aus Ersparnisgründen – er produzierte aus eigenen und zugekauften Trauben auch Chardonnay und Pinot Noir - nur eine Sorte Flaschen gekauft. Und so landete dieser 1947 Martin Ray Cabernet Sauvignon halt in der Burgunderflasche. In der reifen Nase Liebstöckel, aber auch noch gute Frucht, am Gaumen insgesamt jünger und noch sehr kräftig wirkend, baute nicht ab, sondern aus und wurde im Glas immer besser – 91/100. Und in diesen Punkten ist der Erlebniswert noch nicht erhalten! Die Leistungen der damaligen Kalifornien-Pioniere kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Die hatten wenig Erfahrung, nur beschränkte Mittel und kaum Kunden. Wein war seinerzeit in Amerika ganz im Gegensatz zu heute kein Thema. Aber dafür hatten diese Winzer etwas Anderes, Enthusiasmus, Weinbegeisterung, den klassischen amerikanischen Pioniergeist, und das kann man schmecken.
Gut trinkbar war auch der immer noch kräftige, aber auch etwas metallische 1947 Gruaud Larose – 89/100. Vom reinen Trinkvergnügen her ging in diesem Flight natürlich nichts über den 1947 Nuits St. Georges von Faiveley. Eleganz pur, feiner, süßer Schmelz, leicht karamellige Süße, Kaffeenoten, gute, stützende Säure, ein gut gereifter Burgunder für mindestens 10 weitere Jahre – 93/100.

Wer im nächsten Jahr 50 wird und noch keinen Geburtstagswein hat, kommt vielleicht zu spät oder muss tief in die Tasche greifen. Ein großes Weinjahr in Bordeaux mit Weinen für ein langes Leben, deutlich kleiner in Burgund und ein eher kleines Jahr, noch dazu mit kleiner Ernte in Kalifornien. Noch so ein kalifornischer Name mit Donnerhall ist Inglenook. Hier wurden nach der Wiederbelebung des alten, 1879 von Gustav Niebaum gegründeten und zur Prohibtion geschlossenen Weingutes ab den 40ern serienweise Legenden erzeugt. In einem kleinen Jahrgang konnten aber auch hier keine Wunder vollbracht werden. So war der 1961 Inglenook Cabernet Sauvignon Classic Claret ein eher kleinerer, aber nicht uninteressanter Wein, viel Säure, pikante Frucht und durch die hohe Säure immer noch eine bemerkenswerte Frische zeigend – 87/100. Allerdings war dies hier auch die Inglenook Basisqualität. Es gibt noch bessere Varianten, wie z.B. den Cask J-1. Reif und erstaunlich süß mit feinem Schmelz war 1961 Pavie, hatte stilistisch mit den heutigen Boliden nichts zu tun und war eher eine elegante, feine Stilrichtung – 92/100. Mit feinem, süßem, schokoladigem Schmelz verwöhnte auch der 1961 Nenin aus Pomerol – 92/100. Alle drei Weine machen aus guter Lagerung sicher noch mindestens 5 Jahre Spaß.

Michael Unger mit 1961 Inglenook

1978 Haut Brion war ein durchaus noch kraftvoller, aber sehr feiner, eleganter, klassischer Pessac, sehr mineralisch mit Teer, Tabak und sehr guter Länge am Gaumen - 93/100. An den großartigen 1978 La Mission Haut Brion reichte er aber nicht heran. Der steht mit seiner unbändigen Kraft immer noch ganz am Anfang einer langen Laufbahn. Ein gewaltiges Geschoss, ein sehr dichter, kraftvoller, druckvoll-erdiger, mineralischer Klassiker, viel Teer, Tabak und Cigarbox, aber auch leicht exotisch in der Aromatik mit reichlich Eukalyptus, erinnert an Heitz Martha´s Vineyard und ist ein perfekter Pirat für jede Heitz-Vertikale, kann noch zulegen und ist jede Suche wert – 96+/100. Verkehrte Welt, denn der 1978 Stag´s Leap Cask 23 ging eher als großer Bordeaux durch. In der Nase reife Frucht, Minze, Tabak und Scharztee, am Gaumen mit perfekter Struktur, sehr druckvoll und mit wunderbarer Länge, ein großer Kalifornier, wie sie früher einmal waren – 96/100.

Während in der Küche, die uns mit einem vielgängigen Menü verwöhnt hatte, ein Kaiserschmarrn als Abschluss entstand, bekamen wir als flüssiges Dessert noch zwei Sauternes. 1923 Lafaurie Peraguey hatte eine kräftige, güldene Farbe und wirkte deutlich jünger, nur verhaltene Süße und wenig Boytritis, vielleicht schon etwas ausgetrocknet, Bitterorange, Crême Brulée, Kräuternoten, deutliche Bitternote im Abgang – 92/100. Deutlich heller, aber auch gewöhnlicher, langweiliger mit wenig Süße aus einem eher schwachen Sauternes Jahr ein 1933 Lafaurie-Peraguey – 85/100. Habe ich noch nie getrunken und einmal reicht auch.

Für das nächste Jahr habe ich mir diese Probe in jedem Fall wieder vorgemerkt. Vielleicht sollte ich deshalb meinen Wunschzettel statt an den Weihnachtsmann lieber an Michael Unger schicken. Es gäbe da noch so ein paar alte Kalifornier, die ich gerne mal auf im Glas hätte. (wt 12/2010)

Weinprofis Josef Schreiblehner und Andreas Wachter