Der 12.12.12

Ein solches Datum kommt in diesem Jahrhundert nicht wieder. Wer noch nicht verheiratet ist, konnte das an diesem Tag nachholen, oder sich zumindest verloben, vorzugsweise um 12Uhr12. Wir hatten einen anderen Plan: Pünktlich am 12.12.12 um 12:12 tratfen sich 12 Weinnasen im Berens am Kai zu einem 12-Gang-Menü und tranken dazu 12 große, 12 Jahre alte Bordeaux.

Auf diese Probe hatten wir uns alle mindestens so gefreut wie auf Weihnachten. Heißt 12 Jahre alter Bordeaux doch Jahrgang 2000. Tief hatten wir alle in unseren Kellern gegraben und unsere jeweils beste Flasche 2000er mitgebracht. So entstand dann eine Probenabfolge, die anders kaum wiederholbar oder finanzierbar ist. Noch dazu konnten wir (Danke, lieber Bernd!) aus den mundgeblasenen Gabriel-Gläsern trinken, dem für mich derzeit besten Verkostungsglas. Für mich ist 2000 Bordeaux ein echter Jahrhundertjahrgang und vielleicht der letzte mit großen, klassischen Bordeaux. Den alkoholreicheren Nachfolgern wie 2005, 2009 und 2010 ziehe ich ihn deutlich vor. In bestechender Form befinden sich die 2000er trotz ihrer Jugend bereits.

Angestoßen haben wir pünktlich um 12:12 mit 12 Gläsern aus der Magnum eines 12 Jahre alten Champagners. Schlichtweg sensationell war dieser 2000 Taittinger Prelude. Ein großer Champagner, frisch und gereift zugleich, sehr kräftig und doch elegant, mineralisch und nussig, aber auch schmelzig, machte einfach unglaublichen Trinkspass und war mit das Beste, was ich in diesem Jahr als Champagner im Glas hatte – 96/100.

Vor uns stand rasch der erste von 12 großartigen Menügängen, eine Zwiebelconsommé mit Saiblingskaviar und Parmesan. Was Holger Berens hier für uns als kulinarisches Feuerwerk abfackelte, war große Klasse, locker auf 2-Sterne-Niveau und hielt spielend mit unseren Weingranaten mit.

Und schon hatten wir den ersten, roten Zweierflight im Glas. Zwei Welten prallten da aufeinander. Der hedonistisch elegante 2000 Mouton Rothschild war einfach „tout Mouton“, ein großer, typischer Mouton auf dem Wege zu etwas ganz großem. Klassisch die einfach nur süchtig machende Mouton-Nase mit Cassis, Minze, Bleistift und Leder, am Gaumen kräftig, mineralisch, aber auch mit süßem, opulentem Schmelz – 97+/100 und da kommt mit den Jahren noch deutlich mehr. Sehr kontrovers wurde am Tisch der 2000 Leoville las Cases im anderen Glas beurteilt. Dicke, üppige Neue Welt Nase mit reichlich Eukalyptus und auch Minze, süße, präsente, aber auch präzise Frucht, am Gaumen sehr fleischig mit immer noch massiven Tanninen – 95+/100. Das ist ein großer Las Cases, aber mit völlig anderer Stilrichtung als z.B. 1982 und 1986, deren Klasse er wohl nie erreichen wird. Ich war selbt immer ein großer Leoville las Cases Fan, aber der mit dem Jahrgang 1998 erfolgte Stilwandel behagt mir nicht so sehr. Fans jüngerer kalifornischer Weine werden das anders sehen. Und ich kann mir diesen Las Cases sehr gut als sehr hochwertigen Piraten in einer Kalifornien-Probe vorstellen. 2000 Leoville las Cases gegen 2001 Harlan und 2001 Shafer Hillside Select wäre sicher spannend.

Aus dem Stand absoluter Liebling am Tisch war der 2000 Tertre Roteboeuf. Das war einfach ein unbeschreiblicher, süßer, hedonistischer Traum. Dekadente, explosive Traumnase mit reifer, süßer Frucht und reichlich Röstaromatik, was sich nahtlos am Gaumen fortsetzte. Dabei ist der Tertre Roteboeuf, der beste, je auf dem Gut erzeugte, keineswegs simpel gestrickt. Unter dieser Geschmacks- und Geruchsorgie verbergen sich immer noch präsente Tannine und eine sehr gute Struktur. Ich habe diesen Wein in seiner ersten Fruchtphase mehrfach mit perfekten 100/100 bewertet und bin mir sicher, dass er wieder auf dem Weg dahin ist – 99+/100. Jede Suche wert! Letzteres gilt auch für den 2000 Pavie, einen großen, dichten Wein mit unglaublicher Präzision und sensationeller Struktur, der ewig lang am Gaumen bleibt. Erinnert mich an die unsterblichen Pavie-Legenden aus 1928 und 1929 – 100/100.

Und schon standen die nächsten beiden Legenden vor uns. Wie alle anderen Wein auch hatten diese beiden mindestens 3 Stunden in der Karaffe verbracht. Nur so konnten diese Weinriesen, denen wir zudem auch im Glas Luft und Zeit gaben, wirklich zeigen, was sie drauf hatten. Einige von uns hatten auch einen anderen, sehr empfehlenswerten Weg gewählt: sie hatten die Weine vormittags dekantiert, eine Weile im Decanter stehen lassen und dann in die ausgespülte Flasche zurückgeschüttet. Unbedingt zur Nachahmung empfohlen, wenn Sie z.B. zu einer Best Bottle einen noch etwas verschlossenen Giganten mitbringen. So stellen Sie sicher, dass Ihr Wein eine reelle Chance hat, zu brillieren, und außerdem vermeiden Sie es, sich mit einem Kork zu blamieren.
2000 Ausone war wie schon vor ein paar Wochen auf der großen Ausone-Probe in Bad Ragaz ein großer, rassiger, eleganter, zupackender, absolut stimmiger Wein. Blutjung violett noch die Farbe, das massive Tanningerüst überdeckt durch herrliche, süße Frucht, wodurch der Ausone erstaunlich offen wirkte. Enorm entwickelte sich dieser, für 50+ weiter Jahre gemachte Ausone im Glas, dreimal habe ich meine Bewertung hochgesetzt und landete schließlich bei voll gerechtfertigten 100/100. Damit lag der Ausone auf Augenhöhe mit diesem Weltklasse 2000 Cheval Blanc, der mit diesem perfekten Spagat aus seidiger Eleganz und dem kraftvollen Auftritt mit konzentrierte, süßer Frucht einfach nur sprachlos machte. Ein absolut stimmiger Wein, noch so jung und doch so faszinierend. Hätte Leonardo da Vinci einen Wein entworfen, das wäre er wohl gewesen. Erinnert deutlich an die 100/100 Legenden, die bei Cheval Blanc in 47, 48, 49, 50, 53, und 55 entstanden und ist die 100/100 vollwert. Vergleicht man diese beiden Legenden, ist Ausone der dichtere, Cheval der finessigere Wein. Da gibt es kein „besser“, sondern nur rein persönliche, geschmackliche Vorlieben.

Außer der Reihe wurde dann noch ein 2000 Pichon Baron als Solitär eingefügt. Für mich war dieser Wein eine der Entdeckungen der Arrivageproben. Mit 98/100 habe ich ihn seinerzeit bewertet und zugekauft, was ich kriegen konnte. Nachdem er sich seinerzeit rasch verschloss, präsentiert sich der wohl beste, jemals erzeugte Pichon Baron wieder auf diesem extrem hohen Niveau. Ein gewaltiger Brocken – in diesem Jahr übrigens um Längen vor der Pichon Comtesse – mit konzentrierter Frucht, Leder und Zedernholz, perfekt strukturiert mit enorm kraftvollem Auftritt am Gaumen und langem Abgang – 98/100. Nicht nur preislich, auch qualitativ eine sehr langlebige Alternative zu den Premier Crus.

Hin und weg war ich schon beim Dekantieren und den kleinen Probeschluck vom außerweltlichen 2000 Margaux. Das war sie wieder, diese berühmte Eisenfaust im Samthandschuh, traumhafte Nase, puristisch schöne, süße Frucht, Eleganz und Rasse, enorme, aber subtil rübergebrachte Kraft, bleibt ewig am Gaumen – 100/100. Ein Riese auch der etwas verschlossenere 2000 Latour, der von allem reichlich hat, Substanz, Kraft, Frucht und Fülle, verbunden mit einem perfekten Tanningerüst. Komplex und unglaublich lang im Abgang, aber auch das nicht fett oder plump, sondern einfach mit Grazie. Durfte ich jetzt zweimal kurz hintereinander mit identischen 98+/100 trinken. Für die 100/100 wird der Latour wohl noch 5, eher vielleicht 10 Jahre brauchen, also ebenfalls ein Legendenkandidat.

Und dann in diesem großen Jahrgang wieder der ewige Vergleich zwischen Haut Brion und La Mission. Der erinnerte mich an 1961 und 1989, wo diese Weine auf Augenhöhe gegenüberstehen und sich am Tisch meist für jeden der beiden Weine 50% der Teilnehmer entschieden. Diesmal war 2000 Haut Brion der offenere, charmantere, süßere, ja geradezu verschwenderischere, aber auch mit enormem Druck am Gaumen – 99/100. Ebenfalls mit dieser unwiderstehlichen Pessac-Aromatik der jünger wirkende, komplexere, komplettere, gewaltige 2000 La Mission Haut Brion, ein echter Jahrhundertwein mit gewaltiger Zukunft, auf unbeschreiblich hohem Niveau diesmal klar vor Haut Brion – 100/100. Aber auch das nur eine Momentaufnahme. Ich hoffe, dass ich diesen Vergleich noch mal(gerne auch öfters) erleben dar.

Seinerzeit in den Arrivageproben war ich von Angelus sehr beeindruckt, der auf sehr hohem Niveau eleganter und finessiger als die großen Jahrgänge 89 und 90 des Gutes wirkte. Jetzt nach einigen verschlossenen Jahren kommt er noch etwas ungestüm daher mit enormer Kraft und geprägt von den massiven Tanninen. Aber das wird sich in den nächsten Jahren legen. 2000 Angelus ist ein großer Wein mit enormem Entwicklungspotential – 96+/100. Gewaltiges Langstreckenpotential hat auch 2000 l´Eglise Clinet, ein großer, sehr konzentrierter Merlot, die Bitterschokolade derzeit noch mit 90% Kakaoanteil – 97+/100.

Als Ersatzflasche für eventuelle Ausfälle hatte 2000 Pape Clement gedient. Der bekam jetzt auch noch seinen Auftritt. Das war böser Stoff, sehr mineralisch, rauchig, mit süßer Frucht, sehr nachhaltig und lang am Gaumen. Zeigte sich trinkfertig, dürfte aber auf diesem Niveau noch gut zwei Jahrzehnte bleiben – 96/100.

Sieger eines großen Vergleichs Österreich gegen Bordeaux soll vor neun Jahren der 2000 Cuvée Kerschbaum gewesen sein. Die musste jetzt im Nachspann auch noch dran glauben. Ein netter, gefälliger Crowd Pleaser mit süßer, offener Beerenfrucht. Nicht sehr komplex und mit wenig Struktur. Viel Trinkspaß im Glas, aber nach den großen Bordeaux wirkte er doch etwas einfältig und simpel – 92/100.

Das galt nicht für den Riesling unter den Rotweinen, einen Pinot in Form eines 2000 Musigny von Mugnier. Der zeigte sich geradezu luftig und erfrischend, ätherisch, tänzelnd mit sublimer, samtiger Eleganz – 96/100.

Und dann war da zum Dessert noch ein gelungener Absacker in Form eines 2000 Dom Perignon. Die erste Flasche jung, frisch, mit strammem Mousseux, floralen Aromen, guter Frucht, Aprikose und einem Hauch Minze, cremiger Textur – 94/100. Die zweite Flasche mit eigentlich gleichem Inhalt, nur anderem Etikett als Andy Warhol Edition muss mal irgendwo unter Neon als Ausstellungsstück gedient haben. Sie war fast gülden in der Farbe und ziemlich oxidiert.

Last not least war dann da noch unser Tischwein, eine Imperiale 1996 Providence Matanka aus Neuseeland. Wirkte zu Anfang sehr reif, auch in der Farbe, weich, weit mit verschwenderischer Nase, die dem hypothetischen, vom Winzer angestrebten Blend von Petrus und Cheval schon sehr nahe kam, am Gaumen feiner, reifer, süßer Schmelz - 95/100. Das war die erste Hälfte der Flasche. In der zweiten Hälfte, die uns noch weit in den Abend hinein begleitete, legte der Providence enorm zu und wurde immer druckvoller. Da wäre dann eigentlich noch ein Punkt mehr fällig gewesen.

Holger Berens mit der Impi 1996 Providence

Leicht erschrocken war ich am nächsten Tag, als ich meine Notizen las, die vor Superlativen nur so trieften. Klar, wir hatten nur die Besten der Besten ausgewählt, und das aus einem Jahrhundertjahrgang. Wer mit einer solchen Homogenität, einem derart gleichmäßig extrem hohen Niveau, hatte ich vorher nicht gerechnet. Geholfen hat uns sicher neben rechtzeitigem Dekantieren das Glück des richtigen Zeitpunktes. Auch die schönste Rose macht als Knospe noch nicht allzu viel her. Wenn sie dann aber plötzlich aufgeht und erblüht, dann kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. So erging es uns hier. Viele unserer Weine waren vor ein, zwei Jahren noch nicht trinkbar. Sie schienen förmlich auf den 12.12.12 gewartet zu haben.

Am Ende dieser denkwürdigen Probe stand für uns fest: nach diesem Jahrgang werden wir weiter die Augen offen halten. Bei den 2000ern stimmt das Verhältnis zwischen Frucht, Extrakt, Säure und Tannin. Sie sind in sich voll stimmig und zeigen, was in den letzten Jahrzehnten im Weinberg und im Keller dazugelernt wurde. Dazu haben sie im Gegensatz zu den Nachfolgejahrgängen einen moderateren Alkoholgrad. Auch ich werde weiter nach guten 2000ern suchen. Dabei fokussiere ich mich weniger auf die unsterblichen Granaten, die ich in dieser Probe genießen durfte. Deren Preise sind mir inzwischen zu hoch. Aber es gibt in 2000 noch großartige, einigermaßen bezahlbare Preis-/Leistungssieger. Zu meinen Favoriten gehören da Aiguilhe, Grand Puy Lacoste und Gruaud Larose.