Die Klassiker von Cheval Blanc

1947 Cheval Blanc gilt als Jahrhundertwein, den wohl jeder ernstafte Weinfrak einmal im Leben ins Glas bekommen möchte. Doch auch die Weine danach, insbesondere aus 48, 49, 50, 52, 53, 55, 59 und 61 sind große Klassiker. Davon konnten wir uns kürzlich auf einer spannenden Probe überzeugen.

Elke Drescher von rare-bordeauxweine.com verwöhnt uns regelmäßig mit großen Raritätenproben zu sehr vertretbaren Konditionen. Wer da nicht schnell reagiert, schaut halt in die berühmte Röhre. So auch bei dieser Cheval Blanc Probe. Nur das Gerücht, sie würde in diesem Frühjahr stattfinden, führte bereits im letzten Herbst dazu, dass diese Probe hoffnungslos ausgebucht war. Die wenigen Glücklichen, die dabei sein durften, trafen sich im Mai in Wachtberg bei Elke zu einer wunderschönen Probe. Einer der keinen Platz bekam handelte ganz ungewöhnlich. Uwe Bende aus Bochum wollte sich nicht damit abfinden, dass er nicht dabei sein konnte. Er organisierte kurzerhand seine eigene Cheval Blanc Probe, bei der es im Juni all die Weine, die er verpasst hat, noch mal gibt. Und ich bin der Oberglückliche, der bei beiden Events dabei sein darf. Aber jetzt erstmal zu den herrlichen Weinen, die bei Elke Drescher ins (Gabriel!)Glas kamen.

Blick in die gemütliche Runde

Mit dem ältesten Wein ging es los, 1928 Cheval Blanc in einer Vandermeulen Abfüllung. Diese Flasche konnte man eigentlich nur als absolutes Hochrisiko bezeichnen. Der Füllstand nur ‚mls’, die Flasche selbst mit deutlichen Rissen. Aber dieser 28er Cheval, den ich schon häufiger mit 100/100 im Glas hatte ist so gut, dass er selbst solche Blessuren einigermaßen wegsteckt. Reife, sehr dichte Farbe, ein erster Alterston verflog rasch. Der Cheval schien das Gabriel Glas der misshandelten Vandermeulen Flasche deutlich vorzuziehen und baute enorm aus. Wurde immer dichter und länger, Kraft ohne Ende, malzige Süße, reichlich Kaffee, sehr langer Abgang – 96/100. Nicht alle am Tisch bekamen das mit. Einige hatten kurz gerochen, den Wein in der ersten Wahrnehmung als alt aber trinkbar eingeordnet und das Glas zügig geleert. Dumm gelaufen.

Und dann strahlte der Wineterminator. Vor mir stand einer der allergrößten, jemals erzeugten Cheval Blancs aus einer perfekten Chateauabfüllung. Selten hatte ich diesen 1950 Cheval Blanc aus meinem Geburtsjahr in einer derart bestechenden Qualität im Glas. Fast rabenschwarz in der Farbe, extrem dicht und konzentriert, ein absolutes Mörderteil, keinerlei spürbares Alter, faszinierende Nase, unglaublich druckvolle Aromatik, lebt in dieser Form noch ewig – 100/100. 1952 Cheval Blanc aus einer Händlerabfüllung im Nachbarglas musste sich dahinter nicht verstecken. Auch das ein enorm druckvoller, kräftiger Wein mit enormer Länge am Gaumen, natürlich auch hier dieser faszinierende Spagat zwischen Kraft und Eleganz und das unnachahmliche Cheval Blanc Parfüm in der Nase – 97/100. Nicht ganz auf diesem Niveau 1953 Cheval Blanc, ebenfalls aus einer Händlerabfüllung, sehr feinduftig, sehr elegant, geradezu spielerisch mit feiner, rotbeeriger Frucht, Himbeere, rote Johannisbeere, auch am Gaumen Eleganz pur mit guter Säure – 96/100.

Den nächsten Flight kann man auch als Show-Einlage bezeichnen. Da war zunächst ein 1955 Cheval Blanc als Chateauabfüllung. Der fuhr Achterbahn im Glas, wirkte überreif, portig, kräftig, leicht oxidativ und schien bei aller Klasse leicht over the hill zu sein, zerfiel erst zunehmend, um dann plötzlich wieder zu kommen, wurde kräftiger, dichter. Ja, der wollte es uns noch mal zeigen, und der letzte Schluck war auf 97/100 Niveau. Doch die gute Elke war längst im Keller verschwunden. Nein, sie wollte einen perfekten 55er. Und den brachte sie dann auch. Der wirkte aus der zweiten Flasche jünger, finessiger mit Traumnase, am Gaumen so dicht, so druckvoll, so unglaublich lang. Das war Cheval Blanc in Perfektion und zusammen mit 1950 der Wein der Probe – 100/100. Ist schon praktisch, wenn eine solche Probe im Haus der Gastgeberin stattfindet und die dann noch so großzügig und spendabel ist wie die liebe Elke. So war beim Öffnen des 1959 Cheval Blanc aus einer Händlerabfüllung aufgefallen, dass da ein 59er Montrose-Korken drinsteckte. Also machte Elke noch eine weitere Flasche auf und brachte beide auf den Tisch. Der Echte war ein sublimer, hoch eleganter, feinduftiger, perfekt balancierter Cheval Blanc mit süßer Frucht, komplex und lang am Gaumen – 97/100. Und die andere Flasche, die mit dem Montrose-Korken? Deren Geschichte würde ich gerne kennen. Aber auch dieser Cheval by Montrose machte einen enormen Spaß. Hatte nichts von Cheval, aber sehr viel von Montrose und könnte sogar der 1959 Montrose gewesen sein, ein großer, nachhaltiger Wein mit schöner Fruchtsüße – 96/100. Wie der in die Cheval Blanc Flasche kam, werden wir wohl nie erfahren.

Und dann kam der Wein, auf den alle gewartet hatten, 1947 Cheval Blanc, hier aus einer Händlerabfüllung. Der erste Eindruck eher enttäuschend, sehr dicht zwar noch die Farbe, aber ein deutlicher Alterston in der Nase, und auch am Gaumen wirkte der Cheval zunächst etwas müde. Mit Zeit und Luft drehte er dann im Glas noch mal enorm auf und entwickelte eine gewaltige, portige Dichte – 97/100. Unsere Gastgeberin stellte das nicht zufrieden. Sie wollte partout dieses Jahrhundertwein-Erlebnis und öffnete zum Ende der Probe hin noch eine zweite Flasche des 47ers. Die war etwas frischer ohne den anfänglichen Alterston, aber ansonsten auf gleichem Niveau. So ist das nun mal mit 1947 Cheval Blanc. Wer dieses Cheval-Wunder heute noch mal erleben möchte, muss entweder viel Phantasie haben oder unverschämtes Glück. Und zu letzterem gehört dann eigentlich eine perfekt gelagerte Chateauabfüllung. Solche Flaschen tauchen heute immer noch mal auf Auktionen auf, meist zu abstrusen Preisen und als Magnum. Darüber hinaus sind sie oft gefälscht.
Jünger, dichter und kräftiger war 1948 Cheval Blanc in einer belgischen Dalamier-Abfüllung, Teernoten, Tabak, Lakritz, eher Pessac als Cheval, großer Wein mit noch viel Zukunft – 99/100. Da sah der 47er im direkten Vergleich richtig alt gegen aus. Recht fragil der 1949 Cheval Blanc, belgische Händlerabfüllung, der seine besten Zeiten zumindest in dieser Flasche schon länger hinter sich hatte. Ein feiner, eleganter Wein mit etwas Süße und deutlicher Altweinnote – 93/100.

Und damit waren wir beim letzten Flight dieser grandiosen Probe, 3 Chevals aus den besten Jahrgängen der 60er als Chateauabfüllung. Groß, kräftig und maskulin der noch sehr junge 1961 Cheval Blanc, mit feiner Kräuternote - 95+/100, wird sich über lange Zeit weiterentwickeln und kann noch zulegen. Reif, weich, schmelzig der 1964 Cheval Blanc, in der Nase etwas Waldboten und deutliche Trüffelnote, am Gaumen sehr harmonisch, finessig und lang - 94/100. Traumhaft schön zu trinken mit süßer Frucht und feinem Schmelz der sehr elegante 1966 Cheval Blanc, den ich noch nie so gut im Glas hatte – 95/100.