Grosse Gantenbein Probe

Einen Ruf wie Donnerhall haben die Gantenbein-Weine und entsprechend begehrt sind sie. Außerhalb der Schweiz an eine Flasche zu kommen oder sie in einem Restaurant zu entdecken ist verdammt schwer. Ich habe meinen ersten Gantenbein, den 1996 Fläscher Blauburgunder Barrique, 1998 in Engelberg auf der Mittelstation der Riestisbahn getrunken. Hin und weg war ich vom jugendlichen Schmelz und der fruchtigen Fülle dieses Weines und habe meine Einstiegsdroge damals spontan mit 95/100 bewertet. Seither bin ich bekennender Gantenbein-Fan. Klar musste ich dann jetzt dabei sein, als ein Züricher Weinfreund, Benno Ottiger, auf dem Gut selbst eine Vertikale mit Gantenbein Pinots von 1988 bis heute veranstaltete. Schon der Besuch auf dem Weingut war ein Erlebnis. Als ich die sanft geneigten Rebberge in bester Lage mit Blick auf die noch tief verschneiten Berge sah, dachte ich mir spontan, hier würde ich auch Spitze, wenn ich hier Rebe sein dürfte. Beeindruckend auch das neue Gebäude des Weingutes mit seiner spektakulären Fassade aus asymmetrisch versetzten Ziegelsteinen. Im Obergeschoß mit fantastischer Aussicht führen Doris und Roland Kalberer unter dem Namen à table eine Eventlounge, in der zu speziellen Anlässen wie z.B. unserer Probe hervorragend aufgekocht wird.

Die Gantenbeins mit Benno Ottiger(Mitte)

Empfangen wurden wir mit einem Glas 2005 Riesling Auslese. Deutlich feiner, filigraner und finessenreicher als das dicke 2006er Teil vom Mittagessen, das noch etwas diffus wirkte und noch nicht so richtig zu sich gefunden hatte – 88/100.

In der ersten Serie hatten wir durchweg im Stahltank ausgebaute Weine im Glas. Der 1988 Blauburgunder hatte eine sehr reife Farbe, in der Nase frisch gegerbtes Leder und ein großer, herbstlicher Waldspaziergang mit Unterholz, Waldboden, Pilzen und welkem Laub, aber am Gaumen immer noch mit lebendiger Säure, ein eher schlanker, delikater Wein, der sich noch eine ganze Weile auf diesem Niveau halten dürfte – 89/100. Der 1989 Blauburgunder hatte eine helle, reife Farbe. Faszinierend die Nase mit ihrer verschwenderischen Süße, am Gaumen wirkte dieser Wein eher stahlig kühl und sehr kompakt, etwas bitter und austrocknend im Abgang – 87/100. Der 1990 Blauburgunder war nicht nur in der Farbe der jüngste der Drei, er machte auch am meisten Spaß. In der Nase viel Erdbeere und eine feine Süße, die kräftige Säure am Gaumen besser integriert, ein kerniger Wein – 90/100.

In einem spannenden Vergleich bekamen wir danach zwei Versionen des 1991 Blauburgunder ins Glas. Die im Stahltank ausgebaute Variante wirkte stahlig, kompakt, sehr schlank mit viel Säure – 88/100. Völlig anders die im Barrique ausgebaute Version. Die kam meinen Vorstellungen von einem großen Burgunder schon sehr nahe. Ein wunderbar fülliger, reicher, süßer Wein, der einfach deutlich mehr her machte, mit gut eingebundener Säure und langem Finale. Das Holz hatte dieser wunderbare Wein sehr gut verdaut – 94/100.

Eher an einen älteren Rhonewein fühlte ich mich beim 1992 Blauburgunder erinnert. Reifere Farbe mit deutlichem Orangenrand, wirkte stallig, animalisch, würzig mit Lakritz und viel Schwarztee, etwas austrocknend am Gaumen – 88/100. Immer noch sehr jung wirkend der 1993 Blauburgunder. Sehr animierend die füllige, opulente Nase mit viel Erdbeere und schöner Süße, am Gaumen dicht, jung und mit schöner Länge, das neue Holz sehr gut absorbiert, hat sicher noch Potential für etliche Jahre – 91/100. Der 1994 Blauburgunder hatte wieder eine an Côte Rotie erinnernde, leicht animalische, ledrige Nase mit pflaumiger Frucht, würzig, pfeffrig, gute Säure, am Gaumen etwas schlank wirkend mit noch viel Potential – 92/100.
Nach dem Holzausbau in 1991 kam 1995 der nächste Schritt. Die Gantenbeins verzichteten mit dem 1995 Blauburgunder erstmals auf das Filtrieren. Die Seele sollte diesem Wein, so ihre eigene Aussage, erhalten bleiben. Heraus kam dabei ein atemberaubend schöner, großartiger Wein. Kräuterig, lakritzig und füllig die verschwenderische Nase dieses würzigen Charakterstoffes mit seiner rotbeerigen Frucht, am Gaumen mit guter Säure trotz aller Fülle sehr fein und mit wunderbarer Länge – 95/100. Süß, exotisch, etwas ausladend mit Schoko, Kokos und viel reifer Himbeere und auch Kaffeenoten der 1996 Blauburgunder. Auch das ein großartiger Wein, der erst ganz am Anfang steht – 95/100.

Die Blauburgunder in der Schlegelflasche

Ganz anders der 1997 Blauburgunder aus einem schwierigeren Jahr mit mengenmäßig extrem kleiner Ernte. Der war sehr süß, füllig, üppig und etwas breit, wirkte insgesamt schon recht weit und reif. Im Vergleich zu 95 und 96 fehlte da etwas die Finesse und der 97er wirkte vielleicht etwas simpel, aber auf welchem Niveau jammern wir da eigentlich? Der 97er macht jetzt unheimlich viel Spaß und ist einfach ein geiler Saufburgunder zum beidhändig trinken – 91/100. Nicht gerade filigran ging es mit dem 1998 Pinot Noir weiter. „Die dicke Sau aus Oregon“ notierte ich mir bei diesem kräftigen, ausladenden, exotischen, sehr muskulösen Wein – 93/100. Für viele der Teilnehmer war dieser Wein der absolute Überflieger. Mir gefiel der 1999 Pinot Noir deutlich besser. Was für ein wunderbar balancierter, harmonischer Wein, bei dem von der ersten Wahrnehmung bis zum Abgang einfach alles stimmte. Wunderbare, feine Frucht, viel Himbeere, am Gaumen Eleganz und Finesse pur, durch die gute Säure pikant und frisch wirkend, sehr lang im Abgang – 95/100.

Ein Riese war sicher in seiner Jugend mal der 2000 Pinot Noir aus diesem großen Jahrgang. Wahrscheinlich hat er damals am meisten Spaß als zuckersüße Beere gemacht. Jetzt hatte er eine für sein ja nun nicht gerade biblisches Alter bereits erstaunlich reife Farbe, wirkte insgesamt in der Nase und am Gaumen schon sehr reif, üppig und auch breit, dabei auch etwas simpel gestrickt. Ein schon leicht gezehrter Wein, der langsam zerfällt und dringend getrunken gehört – 92/100. Und schon wieder gibt es einen gewaltigen Schritt in der Weiterentwicklung der Gantenbeinschen Weine. Mit dem Jahrgang 2001 sind die ersten beiden Hektar mit Pinot de Bourgogne bestockt. Der Jahrgang selbst ist eher klein, der Wein dafür aber außerordentlich gut gelungen. So fein ist der 2001 Pinot Noir mit delikater Frucht mit guter Säure, die am Gaumen immer noch präsent ist und diesen Wein zu einem der bisher langlebigsten Gantenbeins machen wird – 91/100. Sehr bissig die Nase beim nicht nur in der dichten Farbe noch sehr jungen 2002 Pinot Noir, doch am Gaumen kommt große Freude auf. Reife Himbeere, Milchkaffee, Süße, burgundische Pracht und Fülle – 94/100.

Ein kleines Weinwunder ist für mich der 2003 Pinot Noir. In diesem sehr heißen und ziemlich schwierigen Jahr, in dem der Zucker explodierte, die Säure rasch verschwand und die eigentliche, physiologische Reife auf sich warten ließ, entstanden europaweit etliche, schnell verblühende Blender. Nicht so der 2003 Pinot Noir, der trotz aller Süße und Opulenz auch eine sehr gute Struktur besaß. Ein großer, gut gelungener Wein, der mit seiner herrlichen Frucht und seinem wunderbaren Schmelz nicht nur heute, sondern sicher auch noch in etlichen Jahren unglaublichen Spaß machen wird. Eine echte Gantenbein-Droge – 94/100. Der 2004 Pinot Noir wirkte im ersten Moment dagegen wie ein Knochen ohne Fleisch, etwas dünn und auch mager. Das lag aber wohl weniger am 2004er selbst, als vielmehr daran, dass er in dieser Serie von 2003 und 2005 schier erschlagen wurde. Der 2004er ist ein sehr feiner, etwas schlanker Wein, mit roten und blauen Beeren und cremiger Textur – 91/100. In bestechender Form präsentierte sich der immer noch sehr jung wirkende 2005 Pinot Noir. Der hatte eine wunderbare Mischung aus Finesse und Opulenz, wie sie nur wirklich große Weine zeigen. Herrliches Fruchtspiel mit reifen Blaubeeren, aber auch Amarenakirsche im Schoggimantel und dazu reichlich Lakritz, schlägt ein aromatisches Pfauenrad am Gaumen und geht mit wunderbarem Schmelz runter wie Öl. Trotz dieser Zugänglichkeit halte ich es für wahrscheinlich, dass da in ein paar Jahren noch mehr kommt – 94+/100.

Auch der 2006 Pinot Noir wieder ein Traumstoff mit der satten Frucht des 2005ers, Blaubeere, Kirsche und reife Himbeere, und noch etwas mehr Struktur. Dazu noch jugendliche Röstaromen, Süße und eine verschwenderische, burgundische Fülle – 95/100. Eigentlich ist auch der zu jung, nur geht es mir bei den Gantenbein Pinots ähnlich wie bei jungen Moutons. Die machen jung so irrsinnigen Spaß, dass ich von der Kiste erst dann wegbleiben kann, wenn sie leer ist. Nur der 2007 Pinot Noir stand in dieser Probe etwas neben den Schuhen. Kräuterig, stallig und röstig in der leicht exotisch wirkenden Nase, alkoholisch am Gaumen. Der muss einfach noch zu sich finden. Wo der dann zwischen 91-93 landet, reiche ich gerne nach. Meine 6er Kiste ist schon länger bestellt und dürfte im Anmarsch sein. Das gilt auch für den 2008 Pinot Noir, einen noch unfertigen Wein mit sehr guten Anlagen, den wir im kühlen Keller aus dem Fass probierten.

Die Gantenbein Pinot Noirs

Erstaunlich die gleichmäßige, hohe Qualität der Gantenbein Pinots. Wunderbare Weine, die mit ihrer prächtigen Frucht, dem geilen Schmelz und ihrer burgundischen Pracht nicht erschlagen, sondern animierend wirken. Aber das kommt nicht von ungefähr und ist das Ergebnis harter, konsequenter 28jähriger Arbeit. Solange ist es her, dass Martha und Daniel Gantenbein als Seiteneinsteiger ihre erlernten Berufe aufgaben und sich mit Leib und Seele dem Thema Wein verschrieben. Zwei liebenswerte und sehr sympathische, energiegeladene Gesinnungstäter, die nicht nur für sich, sondern für die gesamte Region sehr viel bewirkt haben.

Mit einem wunderbaren Menü aus Kalberers Küche wurden wir nach der eigentlichen Probe und dem Kellerrundgang noch verwöhnt. In gelöster Stimmung tranken wir dazu zunächst zwei Gantenbein Chardonnays. Der 1997 Chardonnay war erstaunlich kräftig und im Glas immer noch jung und ausbauend, nussig mit feinem Schmelz und sehr nachhaltig – 90/100. Der 2002 Chardonnay war ein junger, geiler, explosiver Wein, erst ganz am Anfang, aber ebenfalls mit diesem unwiderstehlichen Schmelz und hohem Sucht- und Spaßfaktor, so eine Art Beringer Swiss Reserve – 92/100. Klar tragen die Chardonnays mehr noch als die Pinots eine moderne Handschrift und sind noch deutlicher vom Barriqueausbau geprägt. Aber ist es verboten, wenn Weine einfach Spaß machen? Dann war da noch der ultrarare, nur auf Auktionen erhältliche 1995 Strohwein. Sehr portig, süß, aber auch etwas anstrengend mit sehr deutlicher Säure. Der schreit förmlich nach passender Essensbegleitung.

Langsam löste sich die Veranstaltung auf, doch wir gingen mit den Gantenbeins in kleiner Runde in die Verlängerung. Daniel Gantenbein holte noch einen 1999 Spätburgunder R von Paul Fürst aus dem Keller. Für mich kein Vergleich mit dem Gantenbein-Pendant. Tolle Nase zwar, aber am Gaumen außer sehr schöner, himbeeriger Frucht wenig Körper und zuviel Säure. Erheblich zu jung ein 2005 Charmes Chambertin von der Domaine Dujac. Ganz großes Rotwein-Kino, aber Einlaß ist da erst in 10 Jahren. Und seinen Lieblingsweißwein kredenzte er uns, das große Gewächs aus der Hermannshöhle von Dönnhoff, das selbst als 2007er Weinbaby schon unglaublich schön und überzeugend war.

Ein paar Tage später traf ich meinen Freund René Gabriel in meiner Heimatstadt Düsseldorf wieder. Er schwärmte immer noch von einer geilen Probe auf unglaublich hohem Niveau. Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Der René weiß wovon er spricht und ist weinmäßig noch erheblich verwöhnter als ich. Seine Notizen dieser Probe stehen auf www.weingabriel.ch. (wt03/09)