"Hijacked by Düsseldorf Cellar Devils"

Unverhofften Besuch bekamen wir von Jeff Leve, einem der bekanntesten, amerikanischen Verkoster. Jeff machte auf dem Weg von den USA nach Bordeaux zur 2011 Primeur Verkostung eine 24 Stunden Kurzvisite in Düsseldorf. Da haben wir uns gedacht schlafen kann er woanders, alte Steine gucken auch. Hier wird tief ins Glas geschaut.

In der amerikanischen Weinwelt ist dieser Jeff Leve omnipräsent. Sehr lesenswert seine eigene Website samt Forum, www.thewinecellarinsider.com, übrigens nicht nur mit ausführlichem Bericht über seine Düsseldorfer Erlebnisse, sondern auch mit den ersten 2011 Bordeaux Primeurnotizen. Jeff Leve ist mit Parker befreundet und liebt im Glas, was Parker liebt. Nur bei Riesling hat er Defizite, aber die hat Parker ja auch. Und damit handelte er sich, morgens gerade in Düsseldorf gelandet, den ersten Programmpunkt ein. Nix Sightseeing, Rieslingdrinking war angesagt.

Jeff Leve umgeben von Rieslingen

Mittags trafen wir uns in kleiner Runde zu einem Riesling-Crashkurs im D´Vine. Jeweils drei trockene und drei restsüße Rieslinge standen auf dem Programm. Mit kräftigem Goldgelb floss der 2007 Niersteiner Pettenthal 1. Gewächs von Kühling-Guillot ins Glas. Sehr mineralisch, erdig, reingeriebener Felsen, unbändige Kraft, gewaltige Länge, etwas irritierende Süße, insgesamt noch etwas ruppig und kantig wirkend, dürfte sich weiter entwickeln und noch großes Potential haben – 94+/100. Nein, Uwe Bende hatte für diesen Crashkurs keine kleinen Weine vorgesehen. Wer hat schon jemals die Chance, Legenden wie den 2001 Kallstädter Saumagen R von Bernd Philippi zu trinken? Der schmeckte einfach so, wie ein großer Burgunder schmecken sollte, mit Muschelkalk ohne Ende, puristisch klarer Frucht, einfach stimmig von der eindrucksvollen Nase bis zum langen Abgang, ein großes, einzigartiges Weinerlebnis – 98/100. Nicht dahinter verstecken musste sich die gewaltige 1993 Hochheimer Hölle Auslese trocken von Künstler. Immer noch so jung, so komplex, mit druckvoller Aromatik, Kraft und Fülle, aber auch mit bestechender Struktur und Präzision, sehr mineralisch, endloser Abgang und hohe Extraktsüße, brauchte enorm viel Zeit und Luft und baute immer mehr aus – 97/100. Alle drei Weine fühlten sich in großen Burgundergläsern sehr wohl. Wer sie hat, sollte sie unbedingt rechtzeitig vorher dekantieren.

Schon eher Spätlese-Qualität hatte der erste restsüße Wein, die 2007 Brauneberger Juffer Kabinett von Schloss Lieser, ein recht kräftiger Wein mit viel Süße – 90/100. Nicht klar kam ich persönlich mit der am Tisch gelobten 2006 Goldtröpfchen Spätlese 1. Gewächs von Reinhold Haart, die ich etwas ungelenk und dick fand mit zuwenig balancierender Säure – 88/100. Ein sehr finessiger, mineralischer, extraktreicher, immer noch jugendlicher Traum dann als Abschluss eine 2002 Graacher Himmelreich Auslese von JJ Prüm – 93/100.

Eigentlich waren wir jetzt mit unserem kleinen Ausflug durch die Welt des Rieslings durch. Doch wir hatten die Rechnung ohne Uwe Bende gemacht. Der füllte plötzlich reichlich Gläser mit roter Flüssigkeit. Und auch Jeff Leve, der die Rieslinge alle probierte, aber nicht so richtig etwas damit anfangen konnte, gefiel das. Jetzt war er in seinem Element, denn das war seine Welt. Sehr kräftig, etwas verhalten und verschlossen wirkend der 1989 Pichon Baron, dem ich an diesem Mittag nicht viel abgewinnen konnte. Potentiell ist das ein großer, langlebiger, klassischer Pauillac mit deutlichem Tanningerüst, völlig konträr zum exotisch-üppigen 90er des Gutes. Aber die sind wohl immer noch einige Jahre Wartezeit angesagt – 93+/100. Großes Kino dann der reif wirkende 1990 Chateauneuf-du-Pape Cuvée Reservé der Domaine du Pegau. Auch der brauchte trotz aller Reife viel Luft, baute enorm aus und explodierte dann förmlich im Glas, süße, likörige, dunkle Früchte, Rumtopf, intensive pfeffrige Würze, ein blutiges Steak, jede Menge Kräuter, erdige Mineralität, einfach spannend, komplex und sehr lang am Gaumen dieser Chateauneuf, der auf diesem Niveau sicher noch ein Jahrzehnt bleiben wird – 96/100.

Und dann kamen noch 2 Burgunderflaschen auf den Tisch, in denen sich aber Bordeaux befand. Das war in der Kriegs- bzw. Nachkriegszeit nicht ungewöhnlich. Angesichts von Glassknappheit nahm man damals halt was so gerade verfügbar war. Um zwei Händlerabfüllungen von Daniel Sanders handelte es sich, in denen jeweils Chateau Clinet war. Aber diese beiden Flaschen hier müssen schon eine sehr wechselvolle Geschichte gehabt haben. Alte Clinets können eigentlich verdammt gut sein. Jörg Müller hatte eine OHK 47er, aus der ich schon einige Flaschen probieren durfte, eine besser als die andere. Auch die Jahrgänge 43, 45, 52, 53 und 55 hatte ich schon mehrfach als große Weine im Glas. Sehr dicht, aber alt und ins rostige ging die Farbe des 1943 Clinet, dessen bessere Zeiten wohl schon lange her sind. Mehr Bratensoße als Rotwein, verdammt alt und gezehrt – 78/100. Eine Ecke besser und immer noch gut trinkbar, aber auch schon recht gezehrt und deutlich auf dem Abstieg der 1945 Clinet – 86/100. Schön anzuschauen waren beide Flaschen, von großem historischem Interesse sicher, aber von großem Genuss konnte da keine Rede sein.

Inzwischen war die Zeit weit fortgeschritten. 17 Uhr hatten wir, und für 18 Uhr war die große Best Bottle bei Schorn mit noch mehr Düsseldorfer Kellerteufen angesetzt. Jeff Leve hatte also nur die Chance, einen kurzen Blick auf das Hotelbett zu werfen, das er in dieser Nacht ohnehin nicht mehr brauchen würde.

Der harte Kern der Düsseldorfer Kellerteufel

Pünktlich um 18 Uhr versammelten sich dann die Düsseldorfer Kellerteufen mit ihrem amerikanischen Ehrengast und dem ebenso von weit her angereisten Jan Erik Paulson auf der Schorn´schen Terrasse zum Apero. Das war ein 2002 Riesling Schieferterrassen von Heymann Löwenstein aus der Magnum, immer noch recht kräftig, gut trinkbar und kaum Alterstöne, aber von seinem einstigen, jugendlichen Charme hatte er schon einiges verloren – 85/100. Oliver Speh, der uns gewohnt perfekt betreute, hatte bereits die Flaschen eingesammelt und in eine spannende Reihenfolge sortiert.

Richtig los ging es dann mit unserer Best Bottle im Keller des Hauses, den wir an diesem Abend ganz für uns hatten. Sehr sehenswert die von einem bekannten Künstler gestaltete Kellerdecke. Wer immer die noch nicht gesehen hat, sollte beim nächsten Schorn-Besuch auf einer Kellerführung bestehen.

Mit einem 1999 Chassagne Montrachet Les Ruchottes von Ramonet starteten wir in eine lange Nacht. Sehr fein, elegant, fast fragil, noch taufrisch mit schöner Mineralität, absolut stimmig am Gaumen mit guter Säure, der Riesling unter den Burgundern – 93/100. Leroy ist in Burgund ein klangvoller Name, der für hohe Qualität steht, aber auch für sehr hohe, zum Teil absurde Preise, die mit dem, was da ins Glas kommt, nur schwer in Einklang zu bringen sind. So war ein einfacher 1998 Pommard der Domaine Leroy sehr fruchtig, jung, wirkte modern und etwas hohl, entwickelte sich rasch im Glas und wurde dabei reifer, weicher, offener und süß – 90/100. Kräftiger, ernster, lakritziger mit gewaltiger Struktur der 1996 Pommard der Domaine Leroy, baut sehr gut im Glas aus, hat noch kräftige Tannine und eine enorme Zukunft 92/100.

Und dann ging es richtig zur Sache. Die Kraft und die Herrlichkeit bot ein überragender 1983 Margaux. Das war wieder die berühmte Eisenfaust im Samthandschuh, ein sehr komplexer wein mit gewaltiger Länge am Gaumen, der dabei gleichzeitig unglaublich fein und elegant wirkte – 99/100. Voll auf Augenhöhe der überragende 1955 Clos l´Eglise Clinet in einer Barrière-Abfüllung. Schier unglaublich diese immer noch so dichte, junge Farbe, süße Frucht, Pflaume, reife Himbeere, Trüffel, feinste Herrenschokolade, auch das ein Kraftpaket, das sich auf samtpfoten anpirschte, ein enorm druckvoller, komplexer wein, der im Glas immer mehr zulegte – 99/100. Ein paar Worte zum Namen. Es gibt die links und rechts des Friedhofs in Pomerol liegenden, nicht zusammengehörenden Güter Clos l´Eglise und l´Eglise Clinet. Letzteres trug lange den Namen Clos l´Eglise Cinet, der bis 1955 immer noch auf Händlerabfüllungen auftauchte, so auf dieser Barrière-Abfüllung. Ich habe aus 1955 beide Varianten im Keller, bei denen es sich aber um ein- und denselben Wein handelt.

Deutlich über den Punkt war der 1955 Clos du Commandeur Vandermeulen. Da kämpften Liebstöckel auf der einen und Toffee, Karamell und Süße auf der anderen Seite um die aromatische Vorherrschaft, gehört dringend ausgetrunken – 83/100. Anders der immer noch erstaunlich frische 1945 Cantemerle in einer holländischen Abfüllung von Lupe, Cholet & Co, frische, fruchtige Nase mit delikater, reifer Sauerkirsche, pikant, elegant, die gute Säure hält diesen Wein, ein kleiner Lafite, der aber erstaunliche Größe zeigte – 93/100.

Und noch mal Vandermeulen, diesmal als 1928 Cheval Blanc. Immer noch enorm kräftig mit sehr dichter Farbe, ein schier unsterblicher Cheval Blanc, portig, trüffelig mit viel Kaffee und Mokka, enorm vielschichtig und lang am Gaumen, die ideale Verbindung zwischen der urwüchsigen Kraft des Jahrgangs und der seidigen Eleganz eines Cheval, dürfte in dieser Form noch lange Leben – 99/100. Und wieder mal war der 1928 Gaffelière-Naudes aus einer rekorkten Flasche fast auf Augenhöhe. Ähnlich in der aromatischen Anmutung, vielleicht einen Hauch rustikaler, jede Suche wert – 98/100.

Habe ich vorhin über Leroy und die Preise gemeckert? 1961 zählte im Gegensatz zu Bordeaux im Burgund nicht gerade zu den großen Jahrgängen. Und doch war dieser 1961 Pommard von S.A. Leroy ein großer Wein mit fantastischer, sehr ausdrucksstarker Nase, generöser Süße, absolut stimmig und balanciert am Gaumen, mit guter Struktur und Länge – 95/100. Im anderen Glas ein zeitlos schöner 1929 Gevrey Chambertin 1er Cru Clos de la Justice, sehr elegant mit feiner Süße, aromatisch, weich, rund, nur die Nase passte nicht ins Bild – 93/100.

Und dann war eigentlich der Höhepunkt der Probe angesagt, der ultrarare, legendäre 1945 Clos des Papes. Jan Erik Paulson war so großzügig, diesen Wein mitzubringen. Uwe Bende und ich stellten jeweils einen großen Chateauneuf dagegen. Aber wie das mit den Legenden so ist, manchmal existieren sie nur noch in der Literatur. Dünn und trüb war die helle Farbe des 1945 Clos des Papes, der nur noch verhalten von vergangener Größe erzählte, lakritzig, Kräuternoten, am Gaumen immer noch kraftvoll – 88/100. Sprachlos machte dagegen der 1944 Chateauneuf-du-Pape Fines Roches. Der hatte nicht nur eine sehr vitale Farbe, er sprang auch mit einer schlichtweg sensationellen Nase förmlich aus dem Glas. Das war so eine geile, würzig-süße, einfach dekadente Mischung. Und das Schönste daran war, dass sich das am sehr geschmeidigen Gaumen fortsetzte, burgundisch im allerbesten Sinne – 97/100. Erinnerte an den überraschend schönen 43er des Gutes, den wir hier an gleicher Stelle vor einem Jahr im Glas hatten. Der dritte im Bunde, der 1947 Chateauneuf-du-Pape von Jaboulet Ainé hatte nicht nur die mit Abstand dichteste Farbe der drei, die meiste Kraft, die größte Dichte und Länge, es war auch der kompletteste Wein mit generöser, dekadenter Süße und Fülle, die Opulenz des Jahrgangs kombiniert mit großartiger Struktur – 99/100.

Nein, ich habe die Bodenhaftung in dieser einmaligen Probe nicht verloren. Aber ich habe mich auch nicht so an diese unglaubliche Abfolge großer Weine gewöhnt, dass Weltklasse plötzlich als etwas völlig normales erschien. Nehmen wir diesen einmaligen 1929 Leoville Barton, der als nächstes ins Glas kam. Das war nicht nur mein wahrscheinlich bisher bester wein dieses Gutes, es war auch ein perfektes und noch dazu perfekt erhaltenes Beispiel für diesen extrem hochklassigen Jahrgang, der im Gegensatz zu 1928 weniger durch Kraft als durch Eleganz überzeugte. Während viele 29er aber inzwischen schon schwächeln, hatte dieser Leoville Barton aber immer noch eine erstaunlich dichte Farbe, eine süchtig machende Nase und war am Gaumen einfach ein kompletter, großer Wein, St.Julien in seiner schönsten Art mit Eleganz, Süße, Kraft und Länge, ein Erlebnis, das lange haften bleibt – 98/100. Flaschen wie diese sind der Grund, weshalb ich nicht aufhöre, alte Keller umzugraben und nach derartigen Trouvaillen zu suchen. Da muss man dann natürlich auch Pleiten hinnehmen wie diesen 1916 Latour. Eigentlich ist das nach der Papierform ein großer, unsterblicher Latour. Aber der hier war einfach nur Schrott, mit heller, bräunlicher Fatrbe, oxidativer Magginase und am Gaumen diese schlimme Mischung aus Klebstoff und flüchtiger Säure. Dreimal habe ich diesen Wein bisher erwerben können, eine halbwegs gut trinkbare Flasche und zwei Rohrkrepierer. Gebe ich jetzt auf? Erst recht nicht, ich möchte davon unbedingt mal einen ins Glas, der so ist, wie er aus diesem Jahr sein müsste.

Wohl nicht näher beschreiben muss ich den 1947 Chambertin, den wir hier 5 Stunden vorher dekantiert aus einer perfekten Flasche in perfektem Zustand tranken. Das waren 100/100 ohne wenn und Aber. Leider ist dieser Wein an Jeff völlig vorbeigegangen. Wenn ich wenigstens sein Glas hätte haben dürfen.

Groß fand ich auch den 1972 Heitz Martha´s Vineyard, der sich in bestechender Form befand, Minze pur, Eukalyptus, alter Ledersattel, ein Hauch von Coca Cola, feine Süße, immer noch enorm kräftig und lang, aber auch sehr elegant. Ich kenne diesen Wein sehr variabel, aber das hier war eines der besten Exemplare, die ich bisher im Glas hatte – 96/100. Nichts anfangen konnte ich dagegen mit 1998 Quilceda Creek. Vielleicht tue ich diesem Wein Unrecht. Vielleicht war es das Umfeld dieser perfekt gereiften Riesen aus anderen Jahrzehnten. Aber dieser Quilceda wirkte überreif, überextrahiert, marmeladig, heiß, diffus, dick und völlig überflüssig. So meine Empfindungen an diesem Abend. Zu mehr als 88/100 konnte ich mich da nicht hinreißen lassen.

Drei große 59er bildeten den letzten Rotweinflight des Abends, oder besser gesagt der Nacht. Die tiefste Farbe der drei hatte ein 1959 Inglenook, den der gute Jeff mitgebracht hatte. Der wirkte noch so jung, mit guter Kirschfrucht, so teerig, erdig, viel Tabak, kräftig, der La Mission aus Kalifornien? Ich hatte an diesem Abend das Gefühl, dass der noch zulegen kann – 94+/100. Alte Inglenooks gelten als legendär und unsterblich. Danke Jeff, dass Du den in unsere Gläser gebracht hast. Ähnlich in der Aromatik, etwas reifer, aber noch druckvoller(aber auch ohne den Jetlag der Inglenook-Flasche) der 1959 Pape Clement, ein großer Pessac mit Teer, Tabak, Cigarbox, Graphit und unendlichem, süßem Schmelz – 96/100. Übrigens meine erste, gute Flasche diesen Weines, den ich schon aus der 1tel und aus der Impi als „vorbei“ erleben musste. Immer noch recht jung, kraftvoll mit immenser Fülle und Süße präsentierte sich der 1959 Bon Pasteur, der eigentlich noch etwas mehr Zeit gebraucht hätte – 93/100.

Als Abschluss – auch hierfür ein großes Dankeschön an Jeff Leve – hatten wir dann noch einen 2001 Sine Qua Non Mr. K The Noble Man, in der Qualität eine superbe, rosinige TBA mit immenser Süße, gedecktem Apfelkuchen, Aprikosenlikör und viel Honig, aber leider etwas wenig balancierende Säure – 94/100.

Es war tief in der Nacht, als diese spannende Verkostung endete. Zu allem Überfluss sprang im Rahmen der Sommerzeit um 2 Uhr noch die Uhr gleich auf 3. Keine Ahnung, wie der gute Jeff das ausgehalten hat. Sein Bett dürfte er wohl nur von weitem gesehen haben. Schließlich hatte er ja schon morgens um 7 einen Flug nach Paris, wo ihn Robert Parker erwartete. Die völlig unentwegten unserer Runde müssen dann noch einen angeblich genialen 1955 Cos d´Estournel entkorkt haben. Aber da schlief ich schon fest(zuhause) und träumte von weiteren, himmlischen Weinen.