Prowein Best Bottle II bei Schorn

Und auch der zweite Abend unserer „ProSchorn“ startet mit einem Knaller, 1929 Rüdesheimer Berg Rottland Auslese von Groenesteyn und der im Vergleich noch jüngere(!) 1857 Rüdesheimer Berg von der Weinhandlung Leiden aus Köln. Die Groenesteyn-Auslese nicht nur in der dunkleren Farbe die reifere. In der Nase Pumpernickel mit Honig, sehr reif, leicht bittere Strenge, die Süße weitgehend aufgezehrt, aber immer noch gut trinkbar und nicht ohne Faszination – 93/100. Der 1857er noch so unglaublich präsent mit sehr klarer, voll intakter, sogar brilliant wirkender Farbe und immer noch guter Säure, sehr feine, hoch elegante und an Zitronengras erinnernde Nase. Der trank sich einfach auch noch sehr gut und baute im Glas nicht ab. Da musste jetzt niemand aus lauter Ehrfurcht vor dem Alter alten Mist in sich reinschlürfen, nein, das war noch Genuss. Ging spielend als 100 Jahre jünger durch. Ein solches Weinmonument kann man mit jeder Punktewertung gleich in welcher Höhe nur beleidigen. Erworben hatte ich diese Flasche vor langer Zeit als 2er Lot bei Sothebys. Die Zwillingsflasche mit Etikett und 10cm Schwund war vor 11 Jahren auf meiner damaligen Raritätenprobe ebenfalls noch sehr gut trinkbar. Diese hier mit Originalkork, zwar ohne Etikett, aber nur 3 cm Schwund legte da noch mal richtig was drauf. Das sind einfach unwiederbringbare Momente, die sich tief in die Seele eines Weinfans einbrennen.

Uwe Bende hatte – welch Wunder – zur Probe zwei alte Chateauneufs beigesteuert. Schlichtweg sensationell der 1926 Chateauneuf-du-Pape von Paul Etienne, noch so irre jung, fruchtig und druckvoll mit kräftiger Säure, locker für 80 Jahre weniger durchgehend – 97/100. Zeigte sehr deutlich, warum die besten unter den alten Chateauneufs spielend in der Topliga ihrer jeweiligen Jahrgänge mithalten können, und warum die Suche nach gut erhaltenen Chateauneufs unbedingt lohnt. Nicht in dieser Liga der 1929 Chateauneuf-du-Pape, ebenfalls von Paul Etienne, der beide Weine als Negociant abfüllte. Reife Farbe, sehr malzig, weich, generös, aber auch im Abgang etwas metallisch – 87/100.

Einfach ein Gedicht der 1928 Desmirail aus Margaux, so filigran, so elegant, so präsent mit feiner, rotbeeriger Frucht, tänzelte förmlich auf der Zunge, sehr mineralisch und immer noch recht jung wirkend – 95/100. Ein gewaltiger Wein auch der 1928 Lagrange aus St. Julien, dicht, kräftig, füllig, mit generöser Süße und toller Länge, auch der noch ohne Alter – 95/100. Und natürlich gab es zu diesen beiden Weinen am Tisch auch noch einen Machospruch: links heiraten, rechts regelmäßig besuchen. Mir würde es völlig reichen, wenn ich beide Weine in den nächsten Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten regelmäßig wieder ins Glas bekäme. Gut gelagerte 28er sind einfach unkaputtbar.

Die Sensation einer Probe bei Schorn vor sieben Jahren war 1929 La Tour du Haut-Vignobles, ein heute eher unbedeutendes Gut aus St. Estephe. Auch die Zwillingsflasche konnte jetzt sieben Jahre später nur begeistern. So ein feiner, eleganter Wein in bester 29er Art herrlicher Süße, Kaffe, hoher Mineralität, immer noch mit solch wunderbarer, durch gute Säure gestützter Frucht, extreme Länge am Gaumen – 97/100. Wie kann es sein, dass ein Gut damals solch einen Riesenwein erzeugte und dann später quasi in der Bedeutungslosigkeit verschwand? Gehört wohl dringend wachgeküßt. Kein Zufall ist die heutige Qualität von Troplong Mondot. Auf diesem Terroir wurden schon immer große Weine erzeugt, und wenn auf Auktionen ältere Troplongs auftauchen, greife ich sofort zu. Velleicht nicht die allerbeste Flasche war dieser 1929 Troplong Mondot, aber das ist natürlich Jammern auf hohem Niveau. Die Nase sehr reif, Rumtopf mit etwas Liebstöckel, am Gaumen schöne Fülle mit dekadenter, malziger Süße, baute im Glas enorm aus und wurde immer schöner – 94/100.

Händlerabfüllungen in dem Sinne gab es von Haut Brion in den Fünfzigern nicht. Aber es gab wohl speziell in Belgien immer noch Familien, die in alter Tradition jedes Jahr „Ihr“ Fass Haut Brion kauften und das dann von einem Händler ihres Vertrauens ausbauen und abfüllen ließen. Der große Vorteil solcher Flaschen – wenn sie denn echt sind – liegt darin, dass sie nie bewegt wurden. Haut Brion pur war auch diese Flasche des 1953 Haut Brion aus einem belgischen Privatkeller. Tabak, Leder, Teer, Cigarbox ohne Ende, feine Kräuter, Minze, rauchige und ätherische Noten in der sehr vielschichtigen Nase, am Gaumen kraftvoll und elegant zugleich mit enormer Länge – 98/100. Eigentlich wäre der 1953 Latour-à-Pomerol mit seiner dichten Farbe, seiner Kraft, Dichte, Süße, opulenten Fülle und gewaltigen Länge voll auf Augenhöhe gewesen. Aber leider verdarb ein leichter Kork bei diesem, aus perfekten Flaschen wohl unsterblichen Riesen das Gesamtbild.

Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn hatte der 1952 La Tour Haut Brion in einer R&U Abfüllung für die Schaffermahlzeit 1959 schon leicht Richtung Wahnsinn überschritten. Extrem dicht die Farbe, ein leichter Stich, Überreife und etwas flüchtige Säure dominierten diesen ansonsten klassischen, etwas rustikalen Pessac – 93/100. Perfektion dafür im anderen Glas mit einem 1955 La Tour Haut Brion in einer R&U Abfüllung, explosive Aromatik mit Cigarbox, Minze, Leder, Eukalyptus, mit viel Mineralität, enorm kraftvoller Auftritt, aber auch Finesse und Eleganz, sehr lang am Gaumen – 100/100.

Zweimal Traumstoff danach mit 1966 l´Arrosée und 1961 l´Arrosée, beide jeweils in Barrière Abfüllung. Beide sehr elegant und geradezu burgundisch in der Anmutung. Zwei wunderbare Gaumenschmeichler, die noch etliche Jahre vor sich haben. Der 66er etwas kerniger und kräftiger (96/100) als der perfekt balancierte 61er (95/100). Beide Weine sind nach wie vor absolute Such- und Kauftipps, wobei ich den sehr gelungenen Barrière-Abfüllungen der Vorzug vor den Chateauabfüllungen gebe.

Sehr spannend können reife, kalifornische Zinfandel sein, die im übrigen ein hohes Alterungspotential aufweisen. Zwei solcher Exemplare hatten wir jetzt vor uns. Eine grandiose Fülle, aber auch etwas Überreife zeigte der enorm kraftvolle 1978 Buena Vista Zinfandel, der einen langen Abgang hatte – 92/100. Im direkten Vergleich noch etwas spannender, druckvoller mit sympathischer Herbe der altersfreie 1976 Cuvaison Zinfandel – 94/100.

Sehr gut gelungen für den eher schwächeren Jahrgang 1973 Ausone, erstaunlich fein und elegant, sehr minzig, kaum Alter – 90/100. Ein großer Wein wäre ohne Kork sicher der 1975 La Fleur Petrus gewesen, der eine enorme Kraft und Dichte aufwies.

Spannend danach der Vergleich von 1974 Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve und 1975 Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve, die sich stylistisch beide sehr ähnlich sind. Beide mit viel Minze und Eukalyptus, der 74er der feinere, elegantere, schlankere, ein Kalifornien Klassiker in perfekter Harmonie – 97/100. Der 75er etwas dichter und dramatischer, vielleicht in 10 Jahren der überlegenere Wein – 95/100.

Gewaltig im Abschlussflight der sehr komplexe, packende 1997 Barolo Sperss von Angelo Gaja, sehr mineralisch, lakritzig mit reifer Schwarzkirsche, erster Süße und enormem, aromatischem Druck. Ein Riese, der noch zulegen kann und wird – 97+/100. Als großer Wein für das eher enttäuschende Burgunderjahr zeigte sich der sehr vielschichtige 1997 Musigny Vielles Vignes von Comte de Vogüe mit enormem Tiefgang, jetzt voll da und auf dem Punkt – 93/100.