Reife Burgunder bei Schorn

Es war eine Traumprobe am Proweinmontag bei Schorn. Im Kreise lieber Weinfreunde und Winzer habe ich traditionell wieder meinen Keller geplündert und reife Burgunder zu einer Probe zusammengestellt. Ja, wir hatten unverschämtes Flaschenglück, jede Menge Spaß und natürlich dazu ein fantastisches Menü. Gespannt war ich vor allem auf den ersten Korken. Was würde in der 3 Liter Flasche 1947 Clos de Vougeot drin sein. Weiß, was die helle Farbe andeutete? Oder doch Rot? Mist oder eine Granate? Gekonnt zog Oliver Speh mit seinem neuen Durand den Korken. Der erste Schluck kam ins Glas. Der Wein war lachsrot, noch unglaublich frisch mit pikanter Frucht und einfach ein Gedicht.

Etwas verhalten, reif in der Nase mit erster Firne startete der 1959 Corton Charlemagne von P. Dubreuil-Fontaine Pére & Fils. Am Gaumen war er deutlich kräftiger, sehr mineralisch mit enormem Druck. Baute enorm im Glas aus und legte immer mehr zu. Beim letzten Schluck war ich dann bei 94/100. Ein Wein mit beeindruckendem Standvermögen und sicher noch mit 10 Jahren Zukunft. Unglaublich frisch noch der 1955 Meursault Charmes von Ligeret, sehr mineralisch, geröstete Haselnüsse, Mandeln, feiner Schmelz, sehr würzig, enorme Säure, keinerlei Alter – 96/100.

Wie in den letzten Jahren habe ich mir erlaubt, die Gaumen der anwesenden Spitzenwinzer mit zwei ausgefallenen Weinen zu testen. Aber auf die beiden weine kam diesmal niemand. Schon sehr reif und mit deutlich oxidativen Noten der 1975 Napa Valley Burgundy von Charles Krug, zu Anfang sogar noch mit schöner Süße, aber dann starb er sehr schnell im Glas – 78/100. Keine Ahnung, was die damals unter einem „Napa Valley Burgundy“ verstanden haben. Sicher kein reinsortiger Pinot Noir und auch kein Lagenwein, eher so eine Art kalifornische Wein-Jugendsünde. Erinnerte mich etwas an das fürchterliche Zeugs, das in den 80ern unter der Marke Paul Masson auf amerikanischen Inlandsflügen ausgeschenkt wurde. Eine Klasse drüber eine 1958 Schloß-Reserve Schloß Ringberg am Kalterer See vom Weingut Wilhelm Walch. Das wiederum hatte nichts mit den Massenweinen à la Kalterer See Auslese zu tun, die seinerzeit deutsche Supermärkte fluteten. Ein sehr kräftiger, durchaus spannender Wein mit immer noch junger Farbe, toller Statur, Süße und Kraft – 88/100.

Für alle, die in diesem Jahr ihren 80. feiern dürfen und dazu ein Glas ihres Geburtsjahrgangs trinken möchten, ist Burgund allererste Wahl. Der 1933 Corton von Pascal Frères hatte immer noch eine brilliante, junge Farbe, wunderschöne Frucht, feine Süße, gute Säure und tolle Länge. Ein absolut stimmiger, harmonischer und sehr präsenter Wein, der locker als 30-40 Jahre jünger durchging – 97/100. Noch etwas dichter war die Farbe des 1933 Corton von Henri de Boursault, der aber auch zu Anfang erste oxidative Alterstöne zeigte und im Glas deutlich abzubauen schien. Wer ihn jetzt zügig austrank, war mit 87/100 dabei, was ja für einen 80jährigen Wein auch nicht schlecht ist. Wer etwas wartete, bekam mit wie dieser Corton plötzlich deutlich zulegte, dichter und kräftiger wurde mit einer richtiggehend wilden Aromatik – 93/100.

Mehr als nur „Drinking History“ war dann ein unsterblicher 1887 Corton in einer belgischen Händlerabfüllung. Tiefe, dunkelbraune Farbe, massig Kaffee, frischer Orangensaft, Currynoten, getragen von deutlicher Säure, baute enorm mit Luft aus. 90/100 für die Weinbuchhaltung, fürs Erlebnis 10 mehr.

Drinking History: 1887 Corton

Eine noch recht jung erscheinende, altersfreie Farbe hatte der fast hundertjährige 1915 Musigny von Potheret. Auch in der Nase und am Gaumen eher Frische als Alter, Pfeffer, Currynoten, sehr präzise Struktur, baut enorm im Glas aus und wird immer süßer. Da ist noch lange nicht Schluss – 96/100. Eigentlich müsste so ein Wein wie dieser Musigny alleine als Solitär ins Glas kommen. Denn mit dem 1915 Corton aus der Collection du Docteur Barolet von Henri de Villamont stand im anderen Glas ausgerechnet ein schlichtweg atemberaubender Jahrhundertwein, bei dem einfach alles stimmte. Mit reichlich Süße, Fülle, Kraft und Schmelz wirkte der einfach unglaublich erotisch und sinnlich. Vom Alter her wirkte er eher wie ein riesengroßer 59er – 100/100.

Bereits auf dem Weg in die ewigen Weingründe war der 1921 Côte de Beaune von Albert Brenot, helle, bräunliche Farbe, Soya, Bratensoße, viel flüchtige Säure – 82/100. Nicht viel besser der 1921 Corton von Jacquevimot, mit reifem, dichtem Braun, rustikal in der Anmutung mit allerdings schöner Süße – 83/100.

Unsterblich wieder meine letzte Flasche des 1929 Richebourg von Faiveley, so würzig, so kraftvoll, so dicht und lang, dabei sehr elegant und absolut stimmig und harmonisch, immer noch gute Frucht – 97/100. Ein betörender, hoch erotischer Charmeur mit feiner Süße schon in der Nase, was sich nahtlos am Gaumen fortsetzte, der 1929 Clos Vougeot von Pascal Féres – 99/100. Unter diesen drei Riesen war der 1929 Chambolle Musigny Les Charmes von Pierre André eigentlich der dichteste, kompletteste, auch in der Farbe, mit hoher Extraktsüße, wenn da nur nicht diese etwas irritierende Champignonnase gewesen wäre – 95/100.

Und damit waren wir in 1937, dem nächsten Jahrhundertjahrgang in Burgund. Traumstoff der 1937 Grands Echezeaux von Chandesais, dichte Farbe, erst sehr reif in der Nase, aber das gab sich rasch. Am Gaumen weich, geradezu mollig mit unendlichem Schmelz, wurde mit Luft immer jünger, da war einfach jedes Glas zu klein – 99/100. Reif, weich, schmelzig, aber auch immer noch mit enormer Kraft der 1937 Grands Echezeaux von Berthod – 96/100. Da konnte der 1937 Clos des Ursules von Jadot nicht ganz mit, reifes, helles Braun, wirkte in der Nase und auch am Gaumen schon sehr reif, zwar mit generösem, süßem Schmelz, aber der Druck fehlte. Es wird bei diesem wein halt Zeit – 92/100.

Eingeschoben als „Tischwein“ hatten wir zwischendrin die eingangs schon erwähnte 1947 Clos de Vougeot Doppelmagnum von Jaboulet-Vercherre. Die hatte ich speziell für meinen Freund Jörg Müller angestellt, der wenige Tage zuvor wie dieser grandiose, noch so unglaublich frische Wein mit pikanter Frucht (97/100) die 66 Jahre vollgemacht hatte. Großer Wein macht Spaß, aber großer Wein aus vollen Gläsern macht Riesenspaß.

Und dann die beiden 45er aus diesem Jahrgang, in dem die Natur durch natürliche Begrenzung der Erntemengen für eine sehr kleine Ernte hochkonzentrierter, extrem langlebiger Weine gesorgt hatte. Noch so jung, so vibrierend mit puristisch schöner, traumhafter Frucht, mit messerscharfer Präzision, toller Struktur und guter Säure der 1945 Clos Vougeot Chateau de La Tour von Morin – 99/100. Warum ich dem keine 100/100 gegeben habe wie der Zwillingsflasche vor einem halben Jahr? Weil im anderen Glas dieser einmalige 1945 Richebourg von Vienot war, der auf extrem hohem Niveau einfach noch mal eins drauflegte. Ja, mir gingen bei diesen Weinen langsam die Superlative aus. Eine Superfarbe hatte dieser Richebourg, war noch so unglaublich jung, einfach irre am Gaumen mit dieser explosiven Aromatik, mit dieser konzentrierten Frucht, ein sehr komplexer, ewig langer Traum – 100/100.

Etwas Erholung war angesagt. Eigentlich sind alte Beujolais von alten Burgundern kaum zu unterscheiden. Nur hatte der 1943 Fleurie von Sassey ein gewaltiges Konzentrat mit superdichter Farbe leider Kork. Wäre sonst sicher ein Wein in der 95+ Liga gewesen. In diese Liga gehörte zweifelsohne auch der sehr dichte, kräftige, schmelzige 1945 Moulin-à-Vent von Lalignant-Chameroy, ein Wow-Burgunder ohne wenn und aber – 95/100.

Eher schlank und rank, aber sehr fein mit schöner Süße und gut geraten ein 1949 Aloxe Corton von Rolland – 93/100. Deutlich besser hätte ein schon verdammt reifer 1949 Clos Vougeot von Nicolas, allerdings auch aus einer Flasche mit 7 cm Schwund, sein müssen – 86/100.

Das Schlussfeuerwerk machten dann zwei Weine aus dem letzten, großen, klassischen Burgunderjahrgang, aus 1959. Der 1959 Nuits St. Georges von Roger de Jouennes war noch sehr jung, sehr fein und pikant mit herrlicher Frucht – 95/100. Aber er wurde schier erdrückt von einem bombastischen, schier unglaublichen 1959 Clos Vougeot von Boisseaux-Estivant, der selbst ermattete Gaumen noch mal voll wachrüttelte. So ein ungeheuer dichtes, komplexes, druckvolles Mörderteil mit einem endlosen Abgang, der sich nur in Minuten messen ließ, ganz klare 100/100 und für viele unter all den 100/100 Punkte Weinen der Primus inter Pares.

Das Abschluss-Statement dieser Probe, mit der ich mich selbst fürs nächste Jahr gewaltig unter Druck gesetzt habe, hier als Bild von den sympathischen Gantenbeins: