Screaming Eagle

Er gilt als der amerikanische Kultwein schlechthin, der Screaming Eagle, ultrarar und ultrateuer. Nur wenige Sterbliche werden ihn überhaupt jemals ins Glas bekommen, schon gar nicht als schier unglaubliche Vertikale.

Geboren wurde die verrückte Idee einer großen Screaming Eagle Probe auf der letzten American Beauty. Beat Spichtig, bekennender Kalifornien-Freak, machte sich seinerzeit dafür stark, die Weine zu besorgen und diese einmalige Probe zu organisieren. Als uneigennütziger Spiritus Rektor, Organisator und Veranstalter stellte er dieses Event auf die Beine, das natürlich sofort ausgebucht war.

Mit leuchtenden Augen wie Kinder unterm Weihnachtsbaum trafen sich 20 Weinnasen an einem Samstag Mittag in der Braui in Hochdorf. Mit dabei Baschi Schwander als perfekter Sommelier und René Gabriel als hochklassiger Kommentator. Renés Probenbericht mit vielen Hintergrundinformationen zum Weingut steht bereits auf seiner Homepage www.weingabriel.ch. Dem guten Beat selbst war die Anspannung der letzten Tage noch anzumerken. Nach eigenem Bekunden hatte er die Nächte vor dieser Probe kaum geschlafen. Würden die Weine alle in guter Form sein, oder würde der Supergau in Form einer oder sogar mehrerer fehlerhafter Flaschen eintreten? Baschi Schwander konnte schnell Entwarnung geben. Alles war nicht nur im grünen Bereich, die Weine präsentierten sich sämtlich in einwandfreier Form.

In Hochform war auch Werner Tobler, der uns mit einem grandiosen, perfekt auf die Weine abgestimmten Menü verwöhnte. Schon mal von SOTY gehört? Fiel mir spontan zu seiner oberaffengeilen, karamellisierten Zwiebelsuppe ein, denn das war ohne Zweifel die Soup of the Year.

Als Einstieg und Einstimmung tranken wir vier kalifornische Chardonnays aus dem sonnenreichen, hoch gelobten Kalifornien-Jahrgang 2007. Bester Wein war für mich der 2007 Chardonnay Belle Côte von Peter Michael. Sehr fein die elegante, leicht rauchige, von reifen, tropischen Früchten und viel Ananas geprägte Nase, am Gaumen ritt dieses ganz schön fette Teil dann eine volle Attacke mit langem Abgang. Gute Säure und Mineralität ließen aber kein Gefühl von Dicke oder Schwere aufkommen. Peter Michael Chardonnays, auch dieser hier, sind stets ein Musterbeispiel dafür, wie man auch mit reifem kalifornischem Traubengut große Chardonnays mit burgundischer Eleganz produzieren kann – 94/100. Mehr Kraft als Eleganz zeigte der monströse 2007 Kongsgaard Chardonnay, diesem Archetypus der kalifornischen Wuchtbrumme. Explosiv die Nase mit reifer Frucht, mit gerösteten Mandeln und feinen Honignoten, am Gaumen ein noch etwas unausgewogen wirkendes Schwergewicht mit langem Abgang, baut sehr gut im Glas aus, kann aber sicher noch 2-3 Jahre bis zur vollen Entfaltung brauchen – 92+/100. Leichte Probleme hatte ich zumindest zu Anfang mit der etwas faulig und mit einem gewaltigen Stinker versehenen Nase des 2007 Vine Hill Road Chardonnay von Kistler. Aber das ist nicht ungewöhnlich. Die Kistler Chardonnays haben ein gewaltiges Alterungspotential und wirken früh oft etwas diffus. Dieser hier entwickelte sich mit Zeit und Luft im Glas, wurde nussiger, schmelziger, rauchiger und würziger mit guter, reifer Säure – 92+/100. Sehr schön und fein die Nase des 2007 Chardonnay Chloe von Dumol. Am Gaumen fand ich diesen Wein etwas sehr süß und aufdringlich. Aber vielleicht sollte man es damit machen wie mit dem gleichnamigen Parfüm, nur riechen, nicht trinken – 90/100. Gut möglich, dass dieser Wein in den nächsten Jahren noch zulegt.

Perfekt in unserer Probe natürlich auch die Glaskultur. Wir tranken aus den neuen Gabriel Gläsern, die ich jetzt nach mehreren Proben nur wärmstens empfehlen kann. Und da eine solche Screaming Eagle Probe ja schon ein dekadenter Event ist, bekamen wir zum Avinieren der Gläser eine Magnum des grandiosen 2003 Ridge Monte Bello gereicht. Dabei war das selbst schon Traumstoff, der jeder Probe zur Ehre gereichen würde. Undekantiert wirkte er noch etwas zurückhaltend mit einer Traumnase voller pikanter Frucht, Blaubeere, Brombeere, Cassis, rauchige Noten, am Gaumen mit perfekter Struktur, elegant und kraftvoll zugleich mit gutem Tanningerüst. Würde ich noch 5 Jahre liegenlassen, dann kommen sicher noch 2-3 mehr als die heutigen 92+/100 ins Glas. Nicht unerwähnt bleiben sollen auch zwei weitere Magnums, die als Tischwein dienten. Diffus, matschig und seltsam schmeckte der 1998 Viader, sicher keine gute Flasche – 85/100. Erstaunlich reif mit schöner Fülle, feiner, rotbeeriger Frucht und der typischen Dillnote der 1994 Silver Oak Napa Valley – 94/100.

Die Screaming Eagles tranken wir in zwei Vierer- und zwei Dreier-Flights. Was heißt tranken. Mit auf die Flasche aufgesetzten Portionierern, wie man sie aus dem Spirituosenbereich kennt, wurde der edle Stoff gerecht auf 16 Gläser verteilt. Da war nichts mit dem berühmten Maul voll Wein. Da einige Paare bzw. Paarungen sich diese Gläser auch noch teilten, war gezieltes Nippen angesagt. Bei den Flights selber, die nicht chronologisch waren, hatte sich Baschi Schwander einiges gedacht und das Ergebnis gab ihm recht. Ich beschreibe die Weine hier jetzt so in der Reihenfolge, in der sie auf den Tisch und in die Gläser kamen.

Jung ging es im ersten Flight los. 2004 Screaming Eagle war offen, fruchtig mit feinem Schmelz, erstaunlich schlank und sehr elegant am Gaumen, sehr harmonisch und ausgewogen wirkend – 96/100. Diese unglaubliche Harmonie und Eleganz war übrigens ein Markenzeichen aller Screaming Eagles, die sich damit markant von den anderen, kalifornischen Kult Cabernets unterscheiden. 2005 Screaming Eagle hatte in der Nase betörende Frucht, auch am Gaumen fruchtige Fülle, süßee Frucht, einfach ein gewaltiger, erotischer Wein, die Kali-Cabernet Version eines großen Chambertin – 97/100. Noch deutlich zu jung 2006 Screaming Eagle. Etwas diffus zu Anfang der Nase, die eher an Putzmittel erinnerte, als an einen großen Beerenkorb, bissig und massiv am Gaumen die Tannine, baute mit der Zeit immens im Glas aus und wurde fülliger, fruchtiger und süßer, sicher ein Wein mit Langstreckenpotential – 94+/100. Nur mit Sondergenehmigung der Winery hatte Beat Spichtig den 2007 Screaming Eagle bekommen, und er musste unterschreiben, dass er da auf eigene Verantwortung handelte. Klar, das war reiner Babymord. Der Wein hatte nicht nur Jetlag, er war auch einfach noch zu jung, laktisch die Nase, in der Wahrnehmung eher roter Traubensaft als Wein. So eigentlich nicht bewertbar. Erst ein letzter Schluck, später noch der Flasche entrissen, zeigte, was für ein gewaltiges Potential in diesem Wein mit seiner konzentrierten, süßen Frucht steckt. Wird sich in ein paar Jahren sicher mal bei 95+/100 ansiedeln.

Nicht mit dabei in unserer Probe war der Erstlingsjahrgang 1992. Seinerzeit startete mit 99 Parkerpunkten der Screaming Eagle Wahnsinn. Doch die Glanzzeiten dieses Weines dürften inzwischen vorbei sein. Geblieben ist ein inzwischen absurder Preis jenseits von € 4000, der den Preis unserer Probe ohne zusätzlichen Genussgewinn in schwindelerregende Höhen getrieben hätte. Wissen sollte man in diesem Zusammenhang, dass der größte Teil der Napa Stars aus jungen Reben erzeugt wird. Weinberge mit alten Reben gibt es praktisch kaum noch. Wo der Weinberg nicht ohnehin neu angelegt wurde, bepflanzte man ihn zumindest ab den 90ern wegen des massiven Neuauftretens der Reblaus neu. Junge Reben ergeben zwar häufig spektakuläre Weine mit herrlicher Frucht, aber das Alterungspotential dürfte nicht vergleichbar mit den Weinen sein, die man in Bordeaux aus deutlich älteren Reben erzielt und die es in ähnlicher Form bis Ende der 80er auch in Kalifornien gab. So hatte auch der 1993 Screaming Eagle aus diesem ohnehin eher etwas schwächeren Jahrgang seine besten Zeiten lange hinter sich. Mag sein, dass wir zudem nicht die allerbeste Flasche erwischt hatten. Wenig ausdrucksstark die Nase, am Gaumen etwas gemüsig wirkend, nur noch Fruchtreste, dünn, viel Säure, nur noch ein eher kleiner Wein – 88/100. Ganz anders 1994 Screaming Eagle aus dem wohl besten Jahrgang des letzten Jahrzehnts. Herrliche Nase mit pflaumiger Frucht, Bitterschokolade und Tabak, am Gaumen saftig und voll da mit feinem, süßem Schmelz im endlosem Abgang, ein großer, kompletter Wein – 97/100. Herrlich auch die beerige Nase des 1996 Screaming Eagle. Am Gaumen war da mehr Kraft als Freude, sehr gute Struktur zwar, aber auch ein etwas sehniger Eindruck und leicht metallische Noten – 93/100. Beeindruckt war ich von 1998 Screaming Eagle aus diesem eher schwierigen Jahrgang. Der machte enorm viel Spaß mit seiner pflaumigen, saftigen Frucht, mit Eukalyptus und Minze, am Gaumen sehr generös mit süßem Schmelz, ein hedonistischer Spaßwein auf sehr hohem Niveau – 95/100.

Einfach eine geile 100 Punkte Nase mit Cassis satt hatte der 2001 Screaming Eagle, am Gaumen seidig, elegant, Kalifornien-Hedonismus pur mit süßer, rotbeeriger Frucht, dabei etwas schlanker und nicht so druckvoll wie 2002 – 97/100. 2002 Screaming Eagle trank sich wie ein 2001er mit Turbolader, die Nase nicht ganz so prall, dafür mit mehr Tiefgang, am Gaumen ging richtig die Post ab, echtes California Dreaming mit Fülle, Kraft, Süße, dekadent leckerer Frucht(Amarenakirschen), unglaublich druckvoll – 99/100. Der 2003 Screaming Eagle dagegen war eher ein Screaming Bussard, der deutlich gegen 2001 und 2002 abfiel, warm-würzige, pflaumige Nase mit Malagarosinen, am Gaumen weich, reif und mollig – 92/100.

Keinerlei Reifetöne zeigte der umwerfende 1995 Screaming Eagle. Ein erotischer Wein, den man einfach lieben muss mit traumhafter, pikanter, puristisch schöner Frucht, eine flüssige Nasenpraline, am Gaumen mit guter Säure und einer Struktur, die eher an einen 1er Cru aus Bordeaux als an einen Kalifornier erinnert, dabei widerum so fein, so stimmig nund mit cremiger Textur, spontan war ich im Vergleich bei einer Essenz aus 1995 Mouton Rothschild, keinen Deut schwächer als im Jahre 99, wo ich diesen Wein zweimal ganz kurz hintereinander trinken durfte – 99/100. Probleme hatte ich hingegen eher mit 1997 Screaming Eagle. René Gabriel sprach von einer blockierten Flasche. Ich habe eher das Gefühl, der hat´s gesehen. Mich erinnerte dieser Wein an andere, hochgezüchtete 97er wie z.B. Harlan, die in ihrer Jugend schlichtweg überwältigend waren und inzwischen auf dem Abschwung sind – 95/100. Jammern auf hohem Niveau zwar, aber mir wäre da dann eine Flasche vom 1999 Screaming Eagle deutlich lieber. Einfach ein genialer, perfekter, großer Wein mit traumhaft generöser Frucht, sehr balanciert und harmonisch, hört am Gaumen nicht mehr auf – 99/100.

Immense Freude hat diese Probe bereitet. Danke Beat und Baschi! Ein Teilnehmer brachte es süffisant auf den Punkt: Ich habe schon lange nicht mehr soviel Freude gehabt, ohne mich vorher ausziehen zu müssen.
Screaming Eagle ist ultrarar, ultrateuer, aber auch ultragut. Da ähnelt er in etwa dem Chateau Le Pin aus Pomerol. Wer aber nicht die finanziellen Mittel für solch einen Wein hat, der muss sich nicht grämen. Es gibt genügend Alternativen für deutlich weniger Geld, aber ähnlichem Trinkspass. So würde ich mir statt einer Flasche Screaming Eagle auch lieber eine Kiste Shafer Hillside Select kaufen. Auch wenn es statt der 1500 Flaschen, mit denen 92 und 93 auf den Markt kamen ab 1996 6.000 Flaschen gab und mit dem 2007er jetzt 9.000, es bleibt verdammt schwer, an Screaming Eagle heran zu kommen. Ohnehin hat, wer unbedingt eine der Flaschen mit dem Schreienden Adler haben möchte, nur drei Möglichkeiten:
Die Mailinglist des Weinguts – da geht es dann erstmal auf die Warteliste, ziemlich aussichtsloses Unterfangen
Amerikanische Auktionen, z. B. Winebid – da geht immer was, natürlich zu entsprechenden, astronomischen Kursen
Die Ungers in Aschau – die sind tatsächlich offizieller Screaming Eagle Importeur. Allerdings sind die Mengen sehr klein, und wer kein viel und regelmäßig kaufender Stammkunde ist, kann sich den Anruf sparen.

Und wer einfach nur mehr über Screaming Eagle und seine Geschichte wissen möchte, gibt auf Google „Screaming Eagle Wine“ ein. Bitte den Zusatz „Wine“ nicht vergessen, sonst bekommen Sie erst mal 1.000.000 Links zu einer Harley Davidson. Mit dem gleichen Suchbegriff lässt sich dann auf Youtube beobachten, wie 2000 eine 6-Liter Flasche des 1992ers auf der Napa Valley Wine Auction für $ 500.000 versteigert wurde. Allerdings ist dies eine Wohltätigkeitsauktion, bei der der Ersteigerer die gesamte Differenz zwischen einem „fair market value“ und der Ersteigerungssumme komplett von der Steuer absetzen kann. Absolut sehenswert. (wt 09/2010)

Beat Spichtig, Werner Tobler und meine Wenigkeit