Von Liquid Sex und anderen Freuden

Eigentlich waren wir nur ein kleines Häufchen von vier Unentwegten, die sich im Dado zu einer Mini-Best Bottle treffen wollten. Irgendwo war es wie verhext. Die üblichen Verdächtigen hatten alle etwas vor. Doch dann ging es quasi in letzter Sekunde Schlag auf Schlag, und schließlich waren wir eine knackige 10er Runde. Das gab zwar pro Wein weniger ins Glas, dafür aber mehr Weine. Den Apero und die ersten Weine konnten wir – für die zweite Oktober eher ungewöhnlich – noch draußen auf der Terrasse trinken, bevor es dann zu Yves fantastischem Menü nach drinnen ging.

Bernsteinfarben und furztrocken war die 1981 Ried Klaus Riesling Spätlese von Jamek. In der Nase Trockenfrüchte, am Gaumen kompakt, noch sehr vital zwar, aber mit etwas verhaltener, staubiger Eleganz – 88/100. Sehr positiv überrascht hat mich danach eine 1996 Kirchenstück Riesling Spätlese trocken von Bürklin-Wolf. Deutlich mehr als im Januar auf einer Rieslingprobe konnte ich damit anfangen. Schon erstaunlich, was rechtzeitiges dekantieren und ein gutes, großes Glas bewirken, beides fehlte im Januar. In der frischen Nase gedeckter Apfelkuchen mit etwas Zimt, Marzipan, Schokonoten, die Frucht immer noch primär wirkend, am Gaumen ein richtiger Charmebolzen mit Extraktsüße und guter 96er Säure, enorm vielschichtig, ausbauend und burgundischer werdend, ein großer Riesling für 10-15 weitere Jahre – 95/100. Wenn man da bedenkt, dass von solchen Giganten in der Gastronomie die 2011er in den nächsten 12 Monaten weitgehend ausgetrunken werden, dann stimmt das nachdenklich. Wie schön, dass Bürklin-Wolf entsprechend den amerikanischen Library-Wines seit etlichen Jahren größere Bestände dieser Gewächse zurücklegt und erst später im Stadium der Reife freigibt. Klar muss man sich das leisten können, aber da die erfolgreicheren der deutschen Winzer ja nun nicht gerade am Hungertuch nagen, sollten sie diesem Vorbild folgen.

Erstaunlich die noch so junge Farbe des ersten Rotweines, eines 1950 Trianon aus St. Emilion. In der Nase immer noch pikante, feine Frucht, sehr mineralisch mit dem Bleistift von Mouton, sehr balanciert und harmonisch am Gaumen, gute Struktur, schlank im positiven Sinne, einfach zeitlos schön, so elegant, wie ein feiner, roter Riesling – 94/100. Dieser Wein spricht einmal mehr für die Klasse des Jahrgangs auf dem rechten Ufer. Das dies keine Automatik ist, zeigte eine namenlose Händlerabfüllung von 1950 Canon. Die hatte zwar eine sehr dichte Farbe, verleitete aber mit deutlichen, oxidativen Noten nicht unbedingt zum Trinken.

Mit dreimal 55 ging es weiter. Einfach sexy und deutlich jünger wirkte der 1955 Croix de Gay in einer Hanapier-Abfüllung. Wirkte wie eine wunderbar leckere Trinkschokolade, aber auch mit wunderbarer Frucht, viel Schmelz, komplex, dazu alter Ledersattel, Kraft und gute Struktur, stand wie eine Eins im Glas – 95/100. Gerade alte Weine verdienen Zeit und eine zweite Chance. Wie oft habe ich es Proben schon erlebt, dass die Mehrheit der Probenteilnehmer schon längst ihr Glas entsorgt hatten, als dann plötzlich doch noch die Post abging. Der 1955 Lynch Bages war auch so ein Fall. Trotz tiefdunkler Farbe wirkte der zu Anfang sehr reif, leicht gezehrt mit etwas Liebstöckel. Doch auch hier wirkten Zeit und Luft Wunder. Der Lynch Bages baute enorm aus, wurde dichter, jünger in der Anmutung und entwickelte die für diesen Wein so typische, intensive Minze – 93/100. Sehr trinkig auch der 1955 Clos René aus Pomerol, schokoladig mit süßem Schmelz, gute Struktur, Fülle und Länge, kein Alter – 94/100.

Kräftig und zupackend der noch so junge, maskuline 1959 Troplong Mondot in einer Hanapier-Abfüllung mit gewaltiger Struktur, immer noch deutlichen Tanninen und wohl langer Zukunft – 94(+?)/100. Der Wein des Abends dürfte wohl 1959 Latour-à-Pomerol in einer französischen Händlerabfüllung von Bordas gewesen sein. Rauchig, mineralisch mit explosiver Aromatik, sehr komplex, dicht mit Wahnsinnsstruktur und irrer Länge, vom 61er nicht weit weg, aber mit der höheren Säure halt typisch 59 und nicht 61, dürfte noch lange Zukunft haben – 98/100.

Sehr rar und verdammt gut

Voll auf dem Punkt war die betörende 1978 Pichon Comtesse, so weich, so elegant, so minzig, sogar mit einem Hauch Eukalyptus, dekadent süßer Schmelz ohne Ende – 95/100. Und dann plötzlich ein Weißwein? Der liebe Hartwig, der ihn auch mitgebracht hatte, wollte ihn unbedingt zu einer Vorspeise. Noch sehr jung war der 2004 Puligny Montrachet 1er Cru Champ Canet von Ramonet mit exotischer Frucht, viel Holz, Vanille, Dichte und Länge, mehr Kraft als Charme, kann sich vielleicht noch entwickeln – 92/100.

Rotwein ist der Sex des Alters? Dann bekamen wir jetzt Liquid Sex pur ins Glas. Einfach ein megageiler, großer Traum war diese Magnum 1980 Silver Oak Bonny´s Vineyard. Viel Minze, die klassische Dillnote, fantastische Frucht, der knallte richtig am Gaumen, ein Riese mit ewigem Abgang – 97/100. Ja, ich bin bekennender Bonny-Fan. Schade dass es diese kleine Parzelle bei Silver Oak heute nicht mehr gibt. Sie fiel Anfang der Neunziger der Reblaus zum Opfer. Bonny´s Vineyard wäre sonst immer noch einer der kalifornischen Topweine. Auch nicht gerade von schlechten Eltern war im anderen Glas der 1980 Penfolds Grange, der ebenfalls noch keine Spur von Müdigkeit zeigte. Dicht und jung die Farbe, die fruchtige, minzige Nase wirkte zu Anfang sehr reif, am Gaumen ein mächtiger, exotischer, hedonistischer Wein, der enorm ausbaute und immer neue Facetten zeigte. Man hatte sogar das Gefühl, dass er mit zunehmender Luft im Glas jünger wurde – 95/100.

Und dann kam schon die nächste Droge, dieser irrwitzige, explosive, dekadent süße 2001 Lamarein von Josephus Mayr aus Südtirol. Wenn man alle Aromen beschreiben wollte, die da Gaumen und Nase bombardieren, würde wohl ein Roman draus. Diesen Lamarein muss man unbedingt einmal im Leben im Glas gehabt haben. Das ist der schiere Wahnsinn, aber Vorsicht, ein Glas reicht völlig. Ein gewaltiges Konzentrat, Hedonismus pur, aber auch mit hohem Alkoholgrad – 97/100. Da war unsere Magnum für die zehn Leute am Tisch mehr als ausreichend.

Lamarein und Bonny´s - zwei gewaltige Magnums

Ja, wir waren in Hochstimmung an unserem Tisch, wozu natürlich Yve´s fantastisches Menü beitrug. Selbst der gute Uwe wurde endlich mal satt. Und in die Gläser bekamen wir auch genug. Da machte es dann auch nichts, dass der total Brett-verseuchte 2006 Flaccianello völlig daneben war. Wenig anfangen konnte ich mit 1998 Astralis, der in der ersten Anmutung erstaunlich schlank und sogar elegant wirkte, am Gaumen immer süßer und diffuser wurde – 90/100. Kein schlechter Wein, aber nicht meine Welt. Ein brutaler Knochen war selbst im Twen-Alter immer noch der 1991 Dunn Howell Mountain mit messerscharfen Konturen und einer Wahnsinnsstruktur. Dürfte wohl noch mal 10 Jahre brauchen, bis er endlich reif ist und sehr langlebig sein. Auf sehr hohem Niveau zeigt dieses kraftvolle Monster mit seiner frischen Blaubeer- und Brombeerfrucht erst ansatzweise das was er später mal ins Glas bringen wird – 94+/100. Überreife und deutliche Alterstöne zeigte dagegen trotz immer noch dichter Farbe der 1990 Etude Cabernet Sauvignon, der langsam auf das Ende der Genussphase zusteuert – 89/100.

Zweimal Rhone war noch angesagt. Kernig, rustikal, kräftig der 2004 Côte Rotie von Gangloff – 91/100. Deutlich gefälliger, zugänglicher und schöner zu trinken der 2006 Chateau d´Ampuis von Guigal – 93/100. Verdammt reif meine letzte Weinwahrnehmung, der 1966 Grand Puy Lacoste – 88/100. Vorzüglich auch noch mein letztes Glas mit einem 1985 Graham´s Vintage Port mit pflaumiger Frucht und schokoladiger Süße. Nicht mehr die dekadente Marzipan-Orgie der jugendlichen Fruchtphase und noch nicht ganz die Komplexität eines großen, reifen Port, aber er ist auf dem besten Wege dorthin – 94+/100.

Meine letzten Notizen waren zwar noch leserlich, aber sie wurden kürzer. Es war Mitternacht, und es war für mich Zeit. Deshalb habe ich mich aus dem Staub gemacht. Das war wohl gut so, denn bei den üblichen Verdächtigen – Namen nenne ich diesmal nicht – war wohl der bis zum frühen Morgen reichende Durst wieder grenzenlos.