August 2012

Rot & Weiß

Ein schöner Nachmittag/Abend auf der Terrasse guter Freunde mit feinen Weinen. Als Apero starteten wir mit einem 2011 Sauvignon Blanc von Irene Grünenfelder, sehr schlank, frisch, verhalten in der Nase mit einem zarten Hauch Hollunder, wird sicher noch zulegen – 87+/100. Ebenfalls noch sehr jung der 2010 Gantenbein Chardonnay, kräftig, nussig, mineralisch mit burgundischer Finesse und Eleganz, legt enorm im Glas zu, auch dem tun sicher noch 2-3 Jahre im Keller gut – 92+/100.

Ein absolut verrückter, sehr reif erscheinender Wein dann der 1999 Grüner Veltliner Smaragd Vinothekabfüllung von Knoll. Weich, sehr würzig mit salziger Mineralität, dezente Honignote, reife, gelbe Früchte, enorm kräftig und geradezu üppig mit süßem Schmelz ohne Ende, sehr kräuterig, hohe Extraktsüße und spürbare Boytritis – 97/100. Deutlich jünger wirkte im direkten Vergleich der 1999 Riesling Singerriedel Smaragd von Hirtzberger, immer noch erstaunlich frisch mit toller Frucht, reife Marille, sehr mineralisch, komplex, dicht, auch der sehr würzig, der weiße Pfeffer, lässt ihn fast als Grünen Veltliner erscheinen, sehr lang am Gaumen – 97/100.

Sehr spannend auch das nächste Duo. Wunderschön der 2006 Halenberg GG von Emrich-Schönleber, ein sehr mineralischer, komplexer, reichhaltiger Wein mit cremiger Textur, sehr lang am Gaumen – 93/100. Schlanker, feiner, eleganter mit pikanter Frucht der 2006 Halenberg GG von Schäfer-Fröhlich – 92/100. Bei beiden Weinen ist keine Eile geboten.

Und dann habe ich ganz tief in die Punktekiste gegriffen. Der Wein, der da so begeisterte, war ausgerechnet 1982 Cos d´Estournel. Wie oft habe ich mich über diesen Wein schon geärgert, der in seiner Fruchtphase in den 80ern mit opulenter Fülle und fast exotisch anmutender Frucht brillierte, um sich danach den Charme einer alten Mumie zuzulegen. Aber er scheint endlich wieder zu kommen. Und wenn diese Flasche mit ihrer geradezu explosiven Aromatik kein Ausreißer war (98/100!), dann freue ich mich auf die noch verbliebenen Flaschen. Da kam der reife, weiche, sehr schmelzige 1982 Lynch Bages auf insgesamt sehr hohem Niveau nicht mit – 96/100.

Spektakulär danach ein Lynch Bages Doppel. 1990 Lynch Bages der opulentere, fülligere, 1989 Lynch Bages der mit der besseren Struktur und wahrscheinlich auch der langlebigere. Beide aber einfach sexy und hedonistisch schön auf 97/100 Niveau. Wohl dem, der da kein dürftiges Probierschlückchen vor sich stehen hat, sondern ein volles Glas.

Erstaunlich schön mit guter Frucht und Struktur zeigte sich 1993 Latour, den ich eigentlich nur als dürres etwas kannte und noch nie so gut im Glas hatte – 93/100. Aber Latours aus vermeintlich schwächeren Jahren sollte man nicht so schnell abschreiben. Nach 20-30 Jahren wird da oft noch etwas Gutes draus. Gut auch der 1993 Beringer Cabernet Sauvignon Private Reserve, der aber überreif wirkte und sicher bald getrunken gehört – 92/100.

Traumabend auf der Terrasse des Berens am Kai

Vorhin ging noch die Welt unter, doch jetzt ist eitel Sonnenschein, und wir genießen einen spontanen Traumabend auf der Terrasse des Berens am Kai. Holger Berens koch derzeit wie vom anderen Stern. Da gehören natürlich entsprechende Weine zu ins Glas, was bei der hervorragenden, sicher 500+ Positionen umfassenden Weinkarte kein Problem ist. Holger Berens und seine Partnerin Barbara Bärweiler sind beides Weinfreaks, was man der Karte deutlich anmerkt. Großes Kino der ungemein stoffige, komplexe 2009 Pettenthal Riesling GG von Kühling-Guillot, frisches Backwerk in der Nase, sehr mineralisch mit langem Abgang der kräftige Gaumen. Immer noch verdammt jung, aber da kamen schon mal gut und gerne 95+/100 ins Glas. Nach oben ist da für die nächsten Jahre noch viel Luft. Und das ist erst der Anfang eines spektakulären Abends. Aus den Untiefen meines Kellers hatte ich einen schlichtweg vergessenen 1991 Le Montrachet von Comte Lafon mitgebracht. Tief und reif die Farbe, in der Nase frischer Pflaumenkuchen, aber auch Tabak, enorme Dichte, Kraft und Komplexität am Gaumen, irrer Abgang, baute nicht ab, sondern entwickelte sich enorm im Glas, explodierte förmlich. Holger und ich waren hin und weg. Ein riesengroßer Wein, der jede Jahrgangstabelle Lügen straft – 97/100. Wahrscheinlich haben aber auch die 20 Jahre unberührte, sehr kühle Lagerung ihren Teil dazu beigetragen.

Eigentlich ist jeder Wein, der danach ins Glas muss, eine arme Sau. Nicht so der 1989 Beaucastel Hommage à Jacques Perrin. Diese 1989 Hommage ist die Essenz von Beaucastel in der Nase, am Gaumen und im Abgang, ein Pfauenrad an Aromen, so ein unglaublicher, explosiver, fordernder Wein. Yes, we're sitting on top of the world. Eben waren wir (und unsere Damen natürlich auch) hin und weg, jetzt waren wir einfach nur noch sprachlos mit einem breiten, glücklichen Grinsen im Gesicht. Ein 100/100 Wein ohne wenn und aber. Der hatte nur einen Riesefehler. Es war wie beim Montrachet meine einzige Flasche.

Kaum glauben konnte ich die 99/100, die Robert Parker an Silvester dem 1982 Calon Ségur gegeben hatte. Für mich war das immer ein massiver, etwas rustikaler Bordeaux alter Machart, zuletzt vor 4 Jahren getrunken(94/100), die OHK war noch fast voll. Doch wie schon ein paar Tage vorher bei Cos war jetzt auch hier der Knoten geplatzt, immer noch jung mit dichter, altersfreier Farbe, viel offener, fruchtiger, süßer, aromatischer, großes Kino – 97/100. Vorfreude kam da bei mir auf, Vorfreude auf René Gabriels große 82*82 Probe Anfang Oktober. Auf diesem Niveau ist eigentlich auch der fantastische 1983 Palmer, nur eben nicht aus meinem Keller. Verdammt jung zeigte sich dieser große Burgunder unter den Bordeaux. Bis aus den 95+/100 auch bei meinen Flaschen die 97/100 werden, mit denen ich diesen Wein in den letzten Jahren mehrfach „woanders“ im Glas hatte, vergehen wohl noch ein paar Jahre.

Sylter (W)Eindrücke 2012

In Vorbereitung

Mit Hoch Achim Sonne pur

Im Isola Van Volxem so weit das Auge reicht

Der ganz normale Jörg Müller Wahnsinn

Traumstoff in der praktischen 3 Liter Flasche

Bei und mit Ivo im neuen Ivo&Co

Einmalige Abtserde-Vertikale

Zu einer ganz speziellen Probe waren wir an einem Samstag im Ivo & Co verabredet. Ein edler Spender hatte die Abtserde von Klaus Keller von 2006 bis 2010 gestellt. Dazu kamen aus dem feinen Kreis der Sylter Weinnasen noch ein paar spannende Erweiterungen. Ivo lieferte mit einer herzhaften Bouillabaise und hausgemachten Pommes die nötigte Grundlage. Fast wäre diese prächtige Veranstaltung buchstäblich ins Wasser gefallen. Auf Sylt regnete es am Vormittag, als gelte es, das Defizit eines halben Jahres aufzuholen. Doch pünktlich verschwanden am Mittag alle Wolken vom Himmel, und wir hatten Weißweinwetter vom Allerfeinsten.
Gelungener Einstieg war ein 2003 Morstein GG von Keller aus der Magnum. Reif und frisch zugleich mit für den Jahrgang erstaunlicher Säure, dazu reichlich Kraft und Fülle, schöne Fruchtsüße und eine schmelzige Textur. Das größere Format hat diesem Wein sicher nicht zum Nachteil gereicht – 92/100.
Aus jüngeren Reben der Lage Abtserde stammte der 2009 A von Keller, doch das war alles andere als ein Zweitwein. Sehr mineralisch, nachhaltig, elegant, noch sehr jung mit knackiger Säure, fast noch etwas bissig am Gaumen, dabei rassig und animierend, wird sich noch weiterentwickeln – 91+/100.
Traumhaft die leicht gereifte, aber immer noch altersfreie Nase der 2006 Abtserde GG von Keller, dem Erstlingsjahrgang. Ein hocheleganter, sehr mineralischer, feiner und trotzdem sehr nachhaltiger Tropfen. Am Gaumen bei aller Eleganz und Finesse mit geradezu explosiver, sehr druckvoller Aromatik, einfach brilliant und sehr komplex. Ein grandioser Wein, bei dem alle Elemente harmonisch zusammen passten und der sehr lang am Gaumen blieb – 97/100. Meine bisher beste Flasche dieses Weines und jetzt in bestechender Trinkform. Etwas weniger Finesse zeigte die 2007 Abtserde GG von Keller im direkten Vergleich, dafür mehr Kraft und Fülle, gewaltigem Extrakt und hoher Mineralität, auch hier großartige Länge, wird sicher in 2-3 Jahren das Niveau von 2006 erreichen – 95+/100. Zum Vergleich tranken wir aus gleicher Lage 2007 Westhofener Brunnenhäuschen GG von Wittmann. Auch das ein Klasseriesling, wirkte aber im direkten Vergleich zugänglicher, fülliger, cremiger und süffiger, aber nicht so elegant und komplex – 94/100.
Ausnehmend gut gefiel mir auch die 2008 Abtserde GG von Keller, ein rassiger, großer Wein mit glockenklarer Frucht, toller Struktur und fantastischen Anlagen, wir in ein paar Jahren sicher mal ein zweiter 2006er – 95+/100.
Und damit kamen wir langsam in die Abteilung Babymord. Erstaunlich kompakt wirkte die 2009 GG Abtserde von Keller und ließ wenig raus – 92+/100. Die jetzt zu trinken ist glatte Verschwendung, außer für geübte Kaffeesatzleser und Potentialfetischisten. Natürlich wird auch das mal ein Riese, aber nicht jetzt und heute. Wer die 2009er Abtserde, oder natürlich auch die 2010er, in einem Restaurant auf der Karte findet und in Ermangelung älterer Jahrgänge unbedingt trinken möchte, sollte den Wein in jedem Fall sehr rechtzeitig dekantieren lassen und anschließend aus großen Gläsern trinken. Auch hier wirkte im direkten Vergleich 2009 Westhofener Brunnenhäuschen GG von Wittmann deutlich offener und erstaunlicherweise voll trinkbar, im jetzigen Stadium ein herrlicher, hedonistischer Saufwein auf hohem Niveau – 94/100.
Babyspeck pur dann die 2010 Abtserde GG von Keller. Die wirkte erstaunlich zugänglich, und selbst die prägnante 2010er Säure machte einen reifen Eindruck. Zusammen mit der salzigen Mineralität und der saftigen Frucht wurden Erinnerungen an große Wachauer Rieslinge wach – 93+/100. Aber auch das war nicht mehr als eine viel zu frühe Momentaufnahme, ähnlich der jugendlichen Fruchtphase eines Bordeaux. Letzteres galt auch für den ultrararen 2010 G Max von Keller, der natürlich im Glas schon immensen Spaß machte, aber ebenfalls nur einen Bruchteil dessen zeigte, was er drauf hat – 92+/100. Was so ein reifer G Max, den die wenigsten Weinfans je ins Glas kriegen werden, wirklich kann, das zeigte der größte Wein unserer Verkostung, der schlichtweg atemberaubende, sprachlos machende 2005 G Max von Keller. Der sprengte mit seiner explosiven Aromatik, seiner Dichte und Komplexität, aber auch seiner süchtig machenden, offenen Art alle Dimensionen. Keine Ahnung, warum mich an diesem Nachmittag der Geiz ritt, und ich für dieses singuläre Weißweinerlebnis „nur“ 98/100 gegeben habe.

Klares Fazit dieser Probe: die Abtserde ist ein großartiger Riesling mit Weltklasseformat. Wer wirklich erleben möchte, was in diesem Wein steckt, versucht, von jedem Jahrgang 6 Flaschen zu bekommen. Die erste wird dann viel zu früh für die immerhin verständliche Neugier verschwendet. Die zweite bitte erst nach 5 Jahren und dann unbedingt im Jahresrhythmus weiter. Und für die letzte Flasche, die möglicherweise die beste ist, bitte mich dazuholen.

Geniale Abtserde&Co Vertikale