Dezember 2012

Kleiner Lunch im Saittavini

Feiner Samstagslunch im Saittavini. Erstaunlich gut verdaut der 2008 Chardonnay Monteriolo von Coppo das Holz. Kräftige Säure, Zitrusfrüchte, Weinbergpfirsich und gute Mineralität. Nur mit Finesse und Eleganz hapert es bei diesem etwas rustikalen Wein - 88/100. Die hatte der kräftige 2009 Malterer von Huber im Glas unserer Mädels, noch sehr jung, aber mit superber Frucht. Wird noch zulegen und dabei auch komplexer werden. Dann kommen zu den heutigen 90/100 noch 2-3 dazu.
Suchtstoff pur danach 2009 Terra von Monteverro mit dekadent leckerer, süßer Frucht und intensiver Mineralität, wird immer besser und langsam werden meine 93/100 konservativ. Und dann ist da noch der unglaubliche Duft des Trüffels, der gleich auf mein Spiegelei kommt. Viva la vita. Und parallel zu den Trüffeln brachte Michelangelo noch den 2007 Barolo Falletto von Giacosa. Erstaunlich zugänglich, kräuterig, kernig, lakritzig, aber auch mit geradezu verschwenderischer Süße, groß – 93+/100. Kann sicher noch etwas zulegen. Hat mit den alten klassischen Barolo-Säuremonstern nichts mehr gemein, und das ist gut so.

Das Unger Weihnachtstasting

Eigentlich hatte ich auch in diesem Jahr vor, am Unger Weihnachtstasting teilzunehmen und das ja auch im Bericht zur letztjährigen Probe bereits angekündigt. Aber das war wohl nicht erwünscht. Im Gegensatz zu etlichen meiner Weinfreunde habe ich keine Einladung zu dieser Probe erhalten. Wer trotzdem wissen möchte, welch spannende Weine in diesem Jahr für € 1950 pro Nase einer deutlich reduzierten Teilnehmerzahl geboten wurden, findet dazu mehr im Artikel eines Weinfreundes.

Countdown fürs Marli

Nur ein paar Tage noch, dann ist das Marli Geschichte. Am Samstag, den 15.12 öffnet dieses sympathische Weinrestaurant zum letzten Mal. Ob und wo Claudia Marli und Franz Josef Schorn weitermachen, steht noch nicht fest. Nur hier müssen sie leider raus, denn die Bank, der das Gebäude gehört, will sich vergrößern.
Also haben wir noch mal richtig zugeschlagen und werden das spätestens am 15. wieder tun. Franz Josef kochte auf wie in alten Zeiten, und wir ließen dazu die Korken fliegen. Wunderbarer Einstieg der 2006 Halenberg GG von Emrich Schönleber. Ein großer, typischer 2006er mit guter Struktur und Säure – 93/100. Trüb leider die Farbe des 1970 Chateauneuf-du-Pape von Autard, in der Nase eine gewöhnungsbedürftige Liebstöckel-Mokkamischung, am Gaumen oxidativ und nur mit Schmerzen trinkbar – 72/100. Schnell weg damit und was richtiges aufgezogen. Die erste große Überraschung des Abends war dann ein 1947 La Cabanne aus Pomerol. Voll intakte Farbe, immer noch erstaunlich frisch mit guter Struktur und Säure, pikante Frucht, Bitterschokolade, schöne Länge am Gaumen. Baute enorm im Glas aus und entwickelte feine Süße – 94/100. Ein sehr schöner Wein, der es in dieser Form noch lange macht. La Cabanne ist heute ein unbedeutendes Weingut mit uninteressanten Weinen. Da kann das Terroir aber nicht so schlecht sein. Anscheinend ein Gut, das dringend mal wach geküsst gehört. Eigentlich war der nachfolgende 1961 Batailley ein Pauillac wie aus dem Bilderbuch, noch so jung, so kräftig mit herrlicher Frucht und einer Traumfarbe, nur hatte er leider Kork. Sonst wäre das sicher ein noch sehr langlebiger Wein auf 94/100 Niveau.

Völlig von den Socken war ich beim nachfolgenden Flight. Nein auf Mallorca wäre ich da blind nie gekommen. Dabei hatte ich den sehr eleganten, finessigen 1947 Ferrer vor einem Jahr schon mal als überraschend schönen Wein im Glas. Nur war er aus dieser hier noch deutlich frischer mit schöner Frucht und guter Säure – 95/100. Noch eine ganze Ecke drüber im anderen Glas der 1959 Ferrer Riserva. Was für ein kraftvoller, gewaltiger, hoch aromatischer Wein mit Kaffee, Mokka, Kräutern, dunklem Tabak und auch Röstaromen, enorm dicht und lang, zeitlos schön und mit diesem aromatischen Druck und dieser Fülle nahe an der Perfektion – 98/100.

Prächtig entwickelt hat sich der 2007 Gantenbein Pinot Noir, der in seiner dekadent leckeren, schokoladigen Art auch von Lindt-Sprüngli kommen könnte – 94/100. Schier unglaublich im anderen Glas meine vorletzte und bisher beste Flasche des 1990 Spätburgunder Tafelweins von Friedrich Becker. Brilliante, tiefrote Farbe, so ein unglaubliches, tieffruchtiges Konzentrat an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn, so dicht, so komplex, so lang mit wunderbarer Extraktsüße, aber auch mit fantastischer Präzision, einfach irre – 98/100. Und natürlich hat dieser Wein, den ich bisher 39mal begeisternd im Glas hatte, auch eine Geschichte. 1993 im Restaurant Dieter Müller in Lehrbach fragte ich die damalige Sommeliere nach einer guten Alternative zu den reichlich teuren Bordeaux und Burgundern. Nur bitte keinen deutschen Rotwein, sagte ich ihr. Das Zeugs würde ich nicht mögen. Sie brachte mir dann ein gut gefülltes Glas und meine, wenn mir das gefiele, wäre die dazu gehörige Flasche die meine. Ansonsten brächte sie mir etwas anderes. Klar wollte ich schon nach dem ersten Schluck dieses gewaltigen Geschosses die ganze Flasche und staunte nicht schlecht, als ich da einen deutschen Rotwein vor mir sah, allerdings in einer noch nie auch nur ansatzweise so erlebten Klasse. Gleich am nächsten Tag habe ich im Weingut angerufen und alles gekauft, was ich davon kriegen konnte.

Als letzter Wein war der 1985 Clos des Papes nach unserer 2009er Bordeauxprobe ins Glas gekommen, aber Uwe Bende und ich konnten uns nur schemenhaft daran erinnern. Dem wurde jetzt abgeholfen. Wir waren noch voll da, der Clos des Papes auch. Ein immer noch geradezu jungendlich wirkender Pracht-Chateauneuf mit altersfreier Farbe, schwarzkirschiger Frucht, schwarzem Pfeffer und einer unglaublichen Kraft und Dichte. Baute enorm im Glas aus und dürfte noch eine lange Zukunft haben – 95/100. Erstaunlich auch der sehr feine, sehr elegante Wein im anderen Glas, ein 1981 Musar aus dem Libanon. Musar schmeckt in jedem Jahr anders. Mal geht er als Pomerol durch, mal als Pauillac, oder auch mal als Rioja. Jetzt hatte er sich als sehr gelungener Pinot verkleidet – 93/100.

Grosses Glück hatten wir auch mit 1967 Latour. Je nach Lagerung kann der schon deutlich schwächeln, aber aus dieser perfekten Flasche hier zeigte er sich in Bestform und machte eindrucksvoll Reklame für den Bau hochwertiger, kühler Weinkeller. Ältere Latours aus kleineren Jahren können aus sehr guter Lagerung überraschend gut sein und jede Jahrgangstabelle ad absurdum führen. Solch ein Exemplar hatten wir jetzt vor uns. Sehr dichte Farbe, Latour pur mit erdiger Mineralität, guter Frucht, Leder, der leicht bitteren Walnußnote und immer noch enormer Kraft – 94/100. Auch der trüffelige 1964 Cheval Blanc im anderen Glas zeigte aus ebenfalls perfekter Flasche (Füllstand in) keinerlei Alter oder Schwäche. Die Grazie und das Parfüm eines gut gereiften Cheval, seidige Eleganz, feiner Schmelz – 93/100.

Ja, wir hatten einfach einen guten Lauf an diesem Abend, und das setzte sich mit der letzten Paarung fort. Von 1978 Lafite Rothschild hatte ich einiges erwartet, aber von 1978 l´Arrosée? Der Lafite war einfach Eleganz pur, ein klassischer Lafite aus der Zeit, als die auf diesem Gut noch nicht versuchten, den besseren Latour zu machen – 94/100. Den l´Arrosée kannte ich bisher nur als zwar immer noch faszinierenden, aber schön verdammt müden Weingreis. Und ausgerechnet aus dieser preiswerten Ebayflasche hier zog er alle Register und war voll auf Augenhöhe mit dem Lafite, so dicht, so süß, so lang am Gaumen, und das für weniger als ein Zehntel des Lafite-Preises – 94/100.

Die Uhr tickt fürs Marli. Da müssen wir noch mal hin.

Advent, Advent ein Lichtlein brennt

Advent, Advent ein Lichtlein brennt, und meine Tochter verwöhnt uns mit einem sensationellen Menü. Mein Part sind die Weine, und ich bemühe mich, schrittzuhalten. Zunächst kamen diverse, gut gereifte Weiße von Rebholz und Bürklin-Wolf ins Glas. 2005 Kastanienbusch von Rebholz und 2005 Hohenmorgen von Bürklin-Wolf zeigten dabei deutlich, wie große Rieslinge mit den Jahren an Komplexität gewinnen, ohne Frucht und Frische zu verlieren. Beides große Weißweine, was aber auch für 2001 und 2002 Reiterpfad GG von Bürklin Wolf galt. Aber unsere Gäste standen mehr auf Rot. Das war verständlich. Schließlich war ja kein Hochsommer, sondern nasskaltes Schmuddelwetter. So kam dann jetzt zweimal Rot vom Feinsten im Glas. Will denn dieser 1987 Mouton Rothschild nicht altern? Einfach ein riesengroßer, hedonistischer Mouton, wie er kaum schöner geht. Altersfreie, dichte Farbe, die dekadent-klassische Mouton-Nase mit reichlich Röstaromatik, Cassis, Leder, Bleisift, Minze und erster Süße, auch am Gaumen süßer Schmelz und beachtliche Länge. Statt schlechter wird der aus perfekt gelagerten Flaschen wie dieser immer besser, einfach irre - 95/100. Und noch eine Ecke drüber 1983 Cheval Blanc, der derzeit dem 82er locker die Schau stiehlt. Traumhafte Eleganz, Cashmere für den Gaumen, dazu wohl dosierte, portige Süße und unendliche Länge - 97/100.

Hatte der 1970 Latour darauf eine Antwort? Ja, eine ganz simple, er stellte sie alle in den Schatten. Das war ein riesengroßer, absolut stimmiger Latour, klare 100/100. Und damit passte er perfekt zu einem der 12(!) genialen Gänge, mit denen wir die Zeit zwischen Mittag und Abend füllten. Leider gibt es von diesem Latour auch immer wieder Flaschen, die weniger gut sind. Aber aus guten Flaschen wie dieser ist das einer der ganz großen Latours des letzten Jahrhunderts.
Sehr zugänglich, offen und fast etwas zahm präsentierte sich wieder 1985 Lafleur mit kräuterig-süßem Schmelz, mit enormer Fülle am Gaumen, unter der sich aber auch reichlich Kraft verbarg. Legte im Glas immer mehr zu – 95/100. Und dann war da dieser prächtige 1989 Masseto. Nicht so dick und massiv wie die aktuellen Jahrgänge, eher auf der eleganten, finessigen Seite. Mehr Bordeaux als Italien, ein großer, sehr schokoladiger Pomerol war hier im Glas mit süßem Schmelz ohne Ende – 97/100.
Sehr jung und vibrierend noch der 1993 Colgin Herb Lamb aus Kalifornien. Sehr dichte, undurchsichtige Farbe, explosive Nase mit viel Cassis, Minze, Eukalyptus und Valrhona, am Gaumen enorm kräftig und dicht, aber auch mit süßem, kräuterigem Schmelz. Faszinierend dabei, wie solch ein gewaltiges Geschoß nicht im eigenen Aromenoverkill ertrinkt, sondern das alles mit erstaunlicher Harmonie und Frische rüberbringt – 95/100. Und dann kam als letzter Roter noch der Pinot Noir 1997 Isabelle von Au Bon Climat ins Glas. Ein herrlich stimmiger, fruchtiger, schokoladiger Pinot mit reichlich amerikanischer Lebensfreude, aber bei allem Schmelz und aller Fülle nicht überladen oder dick, sondern sehr balanciert – 93/100.
Draußen war es schon lange tiefdunkel. Zeit, dieses köstliche Mittagsmahl, das inzwischen zum Abendessen wurde, abzuschließen. Wir tranken auf all diese kulinarischen Wohltaten, die uns da zuteil wurden noch einen großen, perfekt angereiften, aber immer noch frischen, sehr mineralischen Champagner, den göttlichen 1990 Taittinger Comtes de Champagne, der in seiner Ausdrucksstärke und Aromenvielfalt wie eine Zusammenfassung all der kulinarischen Wohltaten wirkte, die uns an diesem ersten Advent beschert wurden – 97/100.

Kleines Marli-Abschiedstasting

Aus die Maus. Das Marli ist zu. Aber wir haben es uns nicht nehmen lassen, am letzten Abend noch mal diverse Korken zu ziehen. Mit einer 2009 Zeltinger Sonnenuhr Riesling Kabinett von Markus Molitor ging es los. Fruchtig, mineralisch, ziemlich süß, viel Extrakt, wenig Alkohol(7,5%), kann und wird sicher noch zulegen – 89/100. Als großer Chardonnay ging danach der 2009 Malterer von Huber durch, den sich unsere Mädels ins Glas wünschten. Auch bei diesem Wein, den ich am liebsten im Alter von 5-7 Jahren trinke, kommt noch mehr – 91+/100.
Viel Zeit und Luft brauchte der 1971 Clos Vougeot Chateau de La Tour von Morin. Der war erst etwas laktisch in der Nase mit einem Hauch Lakritz, am Gaumen weich, süß und zunächst ziemlich harmlos, entwickelte sich aber deutlich – 91/100. Trotzdem war das kein Vergleich zu den großen Clos Vougeots, die bis 1959 von Morin unter diesem Namen kamen. Kräftig und breitschultrig wirkte der 1949 Volnay Clos des Chènes von Comte de Moucheron, der auch als großer Rhone-Wein durchging, sehr lang am Gaumen – 94/100.
Was muss das für ein Frust gewesen sein, wenn man damals 75er Bordeaux in Subskription gekauft hatte. Ewig haben diese Weine gebraucht, und etliche sind immer noch nicht soweit. Zumindest bei den Pomerols weiß man aber inzwischen, dass das Warten gelohnt hat. Noch so jung wirkte dieser 1975 Vieux Chateau Certan, so frisch, so perfekt strukturiert, viel Bitterschokolade mit Minze, immer ganz schön stramm am Gaumen, dürfte noch sehr langlebig sein – 94/100.
Und dann der Wein des Abends, 1988 Mouton Rothschild. Noch immer der schlaueste Kauf für alle, die einen großen Mouton zu akzeptablem Kurs suchen. Was für ein Pfauenrad an Aromen, Mouton pur mit Cassis, Leder, Bleistift und Minze, so jugendlich, so enorm druckvoll – 98/100. Nur knapp dahinter der sensationelle 1991 Chateau Montelena aus Kalifornien. Das war großer Montelena, wie ich ihn kenne und liebe, einer der langlebigsten Kalifornier überhaupt, zupackend mit irrer Dichte und puristisch schöner, süßer Frucht – 97/100. Und um Längen besser als fast alles, was ich ein paar Wochen vorher in der Braui bei der großen Montelena-Vertikale im Glas hatte.
Hatte uns der Uwe als nächstes schon wieder 1985 Clos des Papes vorgesetzt? Zumindest roch und schmeckte das wie ein großer Chateauneuf. Aber es war ein vorzüglicher 1985 Musar, dieses Wein-Chamäleon aus dem Libanon, das jedes Jahr wie ein völlig anderer Wein schmeckt – 94/100. Und dann war da noch der geniale 1999 Trilogia von Christos Kokkalis aus Griechenland. Nicht nur für mich der beste Wein, den unser gemeinsamer Freund Christos je gemacht hat. Immer noch taufrisch mit wohldosierter, exotischer Üppigkeit und Süße – 95/100. Meine vorletzte Flasche dieses großen Weines war das. Die letzte Flasche trinke ich im nächsten Frühjahr mit Franz Josef und Claudia, wenn sie hoffentlich ihren nächsten Laden eröffnen.

Perfekter Abschluss

Die letzte Weinprobe des Jahres bei einem guten Weinfreund in Bösinghoven stand wieder im Zeichen von Großflaschen. Begrüßt wurden wir mit einer Magnum 2010 Grüner Veltliner Vinothek von Knoll, die mir sehr gut gefiel. Das war keiner der so oft aus der Wachau kommenden, extraktsüßen Boytritis-Brummer, sondern ein sehr feiner, eleganter, rassiger Wein mit schöner Würze, sehr nachhaltig, die 14% gut verpackt und nicht spürbar – 93/100.

Und schon hatten wir die ersten zwei roten Magnums im Glas. Nicht sonderlich spannend war der 1999 Clinet, der seinen Höhepunkt wohl schon leicht überschritten hat. Weich, füllig, pfaumige Frucht, Schwarzkirsche, gefällig mit weichen Tanninen, Bitterschokolade, offen und trotz nur 12,5% alkoholisch und likörig wirkend. Da fehlt einfach die Struktur – 90/100. Auf ähnlichem Niveau der sehr minzige, schlanke 1995 Hermitage la Chapelle, der trotz guter Struktur die gewohnte Klasse dieses Weines aus früheren Jahren vermissen ließ – 90/100.

Immerhin noch trinkbar war aus der 1tel der einstmals wohl recht feine 1968 La Mission, an dem jedoch gehörig der Zahn der Zeit nagte, viel Liebstöckel und etwas Tabak, am Gaumen harmlos – 84/100. Sehr jung dagegen, ebenfalls aus der 1tel, der 1968 Castillo YGAY von Marques de Murrie mit präsenter, rotbeeriger Frucht, sehr süß und mit kräftiger, stützender Säure – 92/100. Der wie alle klassischen Ygays erst sehr spät abgefüllte 68er dürfte in guten Flaschen noch 2 Jahrzehnte vor sich haben und ist damit erste Wahl für in 68 Geborene zum 50. Geburtstag.

Einfach sexy und betörend aus der Magnum der immer noch taufrische 1993 Silver Oak Alexander Valley mit der geilen, kirschigen Alexanderfrucht, generöser Süße und dem für diesen Wein so typischen Schuss Dill. Entwickelte sich gut im Glas und wurde immer minziger – 94/100. Altersfrei aus der Magnum auch 1993 Beringer Cabernet Sauvignon Private Reserve, ein sehr feines, fruchtiges, elegantes Bordeaux-Cuvée – 94/100.

Deutlich zu jung und zu spät haben wir die beiden nächsten Weine getrunken. Wie das geht, zu jung und zu spät zugleich? Bei beiden Weinen war die jugendliche Fruchtphase vorbei, sie präsentierten sich sehr verschlossen. Das war sehr schade, denn beide Weine sind eigentlich große Kaliber. Eine heftige, alkoholische Kirschwassernase hatte der 2004 Sperss von Gaja. Blutjunge, intensive Frucht, Kräuter, Lakritz, dafür fehlte der Abgang. Baute im Glas etwas aus, aber in 5-10 Jahren kommen zu den 90+/100 noch mindestens 5 mehr. Sehr unsanft geweckt schien auch der 2004 La Turque von Guigal. Gemüsige Sellerienase mit etwas Räucherspeck, gemüsig auch am Gaumen, entwickelte sich nur im Schneckentempo. Mit der Zeit wurde er etwas weicher, offener und mit mehr Gewürzen als Gemüse, aber es blieb nur ein entfernter Schatten dessen, was man sich unter einem La Turque vorstellt. Gut, 2004 ist nicht Guigals stärkster Jahrgang, aber deutlich mehr als die heutigen 87/100 kommt da in ein paar Jahren schon ins Glas. Als nur grobe Faustregel würde ich Guigals LaLas bis 5 Jahre nach der Ernte trinken und dann erst nach 15 Jahren wieder. Die 10 Jahre zwischendrin sind reine Verschwendung.

Und dann kam meine bisher vielleicht beste Flasche des 1989 Heitz Martha´s Vineyard, noch so blutjung mit superber Frucht, entwickelte sich enorm im Glas und brachte immer mehr Eukalyptus und Minze, sehr lang am Gaumen, immer noch gute Tanninstruktur, da scheint das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht – 95+/100. Hin und weg war ich auch von 1989 Lafite Rothschild. Ein traumhaft stimmiger Pauillac mit puristisch schöner Frucht, erster Süße, viel Mineralität, enormem Druck am Gaumen und gewaltiger Länge. Dabei so unglaublich elegant und fein, ein unsterblicher Lafite auf dem Weg zur Legende – 97+/100.

Zwei große, kalifornische Magnums waren noch angesagt. Walter Schugs große Liebe gilt dem Pinot. Das mag mit seiner Herkunft aus Assmannshausen zusammenhängen. Doch was er besonders gut kann, das sind Cabernets. Lange Jahre hat er das als verantwortlicher Winemaker bei Phelps mit legendären Insignias und Eiseles bewiesen. Und auf seinem eigenen, 1980 gegründeten Weingut schuf er mit dem 1997 Cabernet Sauvignon Heritage Reserve einen Wein auf Augenhöhe mit den größten Weinen aus dem Napa Valley. Den hatten wir jetzt aus der Magnum vor uns. Normalerweise wäre das nach dem Lafite ein Kulturschock gewesen. Nicht aber hier. Wo andere 97er aus Napa üppige, ausladende, zum Teil überreife Fruchtmonster sind, überzeugte dieser sehr harmonische, in sich stimmige Wein mit der Handschrift der großen, kalifornischen Klassiker aus den 80ern. Meine bisher beste Flasche dieses Weines und jeden einzelnen der 97/100 wert. Absolut perfekt passte daneben der 1997 Dunn Howell Mountain, ebenfalls aus der Magnum. Für einen Dunn präsentierte der sich erstaunlich offen. Das wird zum guten Teil daran gelegen haben, dass er sehr lange in der Karaffe verbracht hatte. Unser Gastgeber, früher selbst bekannter Händler kalifornischer Weine, wusste, worauf er sich hier einließ. Dunns sind sehr eigenständige, um nicht zu sagen eigenwillige Weine, die ewig brauchen und extrem langlebig sind. Mit der heutigen, kalifornischen Marmelade haben diese Weine nichts zu tun. Die wirken mit ihrer grandiosen Struktur eher wie aus einem großen Granitblock gemeißelt – 96/100. Wird der vielleicht langlebigste Wein des Jahrgangs sein und bestimmt bis 2050 durchhalten. Das möchte ich erleben und werde meine Magnum für den Hundertsten aufheben.

Und mit einer weiteren Legende, diesmal aus 1tel, ging unsere Probe zu Ende. Und wenn ich hier auf allerhöchstem Niveau meckere und Parkers 100 Punkte für den 2002 Harlan nicht nachvollziehen kann, dann liegt das einfach daran, dass mir dieser Wein einfach von allem zuviel hat. Beim 2001er, einem perfekten, großen Pauillac aus Kalifornien, ging ich mit Parkers 100 einig. Das hier aber war ein großer, moderner Kalifornier aus Kalifornien, Dicht, kräftig mit junger, konzentrierter, sehr extraktsüßer Frucht, gewaltige Struktur, ewiger Abgang, aber auch spürbar hoher Alkohol – 97/100. Wohl dem, der auf solchem Niveau meckern darf.

Engadiner (W)Eindrücke 2012/13

Über den Jahreswechsel gönne ich mir wieder ein paar Tage Engadin. Was da dann hoffentlich an guten Weinen ins Glas kommt, steht tagesaktuell auf der Facebook-Seite des Wineterminators.

Boxenstopp

Auf dem Wege ins Engadin haben wir in Bad Ragaz einen feinen Boxenstopp gemacht. Dort waren wir im Rössli bei Doris und Ueli Kellenberger mit Martha und Daniel Gantenbein verabredet. Mit im Gepäck ein paar reife Burgunder, die wir in diesen wunderbaren Abend einfließen ließen. Ebenfalls dabei hatte ich den Durand, diese neue, eierlegende Korkenzieher-Wollmilchsau, die auch vor ältesten, brüchigsten Korken nicht kapituliert.
Großer, blutjunger, brillanter Stoff gleich unser Apero, eine 2011 Hermannshöhle GG von Dönnhoff. Völlig anders als so viele andere, frühreife und weichgespülte GGs aus diesem angeblich nächsten Jahrhundertjahrgang. Messerscharfe Präzision, puristisch schöne Frucht und hohe Mineralität, geradezu bissig mit hoher Säure, ein brillianter Wein, der erst in 5 Jahren richtig zeigt, was er drauf hat und für ein langes Leben gemacht ist – 94+/100. Und dann hatten wir einen Supergau im Glas. Der 2002 Meursault Perrières von Coche Dury entwickelte einen immer heftiger werdenden Kork. Klar habe ich versucht, den Kork rauszublasen, drunter weg zu trinken und was einem sonst noch in solchen Notlagen einfällt. Aber es half nichts. Das Potential dieses großen Weines war deutlich spürbar und natürlich auch, was uns hier entgangen war. Autsch!
Nicht in Ordnung war leider auch der 1959 Clos Vougeot Chateau de la Tour von Morin. Sehr dunkel die Farbe, deutliche Sherrynoten gemischt mit etwas Bitterschokolade. Wirkte deutlich älter, schade. Um so besser dafür der 10 Jahre ältere 1949 Clos Vougeot Chateau de la Tour von Morin mit deutlich hellerer, aber intakter, brillianter Farbe. Ein generöser, reifer, schmelziger Burgunder nahe der Perfektion mit sehr gelungenem Spagat zwischen Kraft und Eleganz mit unendlicher Länge – 97/100.
Mit tiefdunkler Farbe kam der 1929 Gevrey Chambertin aus der Collection du Docteur Barolet ins Glas. Wirkte erst etwas verhalten und rustikal, legte aber enorm im Glas zu und wurde immer besser – 95/100. Enormen Trinkspaß machte dann der noch so jung, so frisch und präsent wirkende 1947 Hospice de Beaune Nuits St. Georges Cuvée Nicolas Rollin von Moreau. Ein kompletter, großer Burgunder, mit der saftigen, üppigen Frucht des Jahrgangs, aber auch mit enormer Kraft und dabei sehr elegant, gewaltige Länge am Gaumen – 98/100. Perfektion danach der unglaublich dichte, komplexe, enorm druckvolle 1945 Clos des Lambrays, der keinerlei Alter zeigte und mit süßer Frucht verwöhnte – 100/100. Deutlich besser kenne ich den 1937 Clos des Mouches von Chanson, der aus dieser Flasche nicht nur in der dunklen Farbe, sondern auch am Gaumen und in der Nase einen sehr reifen Eindruck machte, legte im Glas etwas zu mit Kaffee- und Schokonoten und war durchaus noch sehr gut trinkbar – 92/100.
Haben wir dem 1962 Gruaud Larose nicht genügend Zeit gegeben? Der wirkte insgesamt noch so jung, nicht nur in der praktisch altersfreien Farbe. Aber da war eben neben der immer noch gute Frucht und der Dichte diese massive Säure, die eher an gewisse 75er erinnerte. Muss ich mich noch mal mit beschäftigen – 88(+?)/100. Spannend zum Abschluss der 2005 Gantenbein Pinot Noir. Brilliante, rubinrote Farbe, herrliches, verschwenderisches Nasenbild mit Kaffee, Mokka, reifen Blaubeeren, Amarenakirschen im Bitterschoggimantel, schöne Würze, am Gaumen Eleganz, Finesse, absolut stimmig wie aus einem Guss, wirkt sehr geschmeidig, aber auch mit guter Struktur und Säure, immer noch so jung, könnte sogar noch zulegen – 95/100.