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Grosse Abtserde Vertikale aus Magnums

Sie zählt schon nach wenigen Jahren zu den ganz großen Weinlagen dieser Welt, die Abtserde vom Weingut Keller. 2006 war der Erstlingsjahrgang. Ich kann mich noch gut an meine erste Begegnung mit der 2006 Abtserde im Sommer 2009 im Gasthaus Stappen in Liedberg erinnern. Das hier waren meine Empfindungen und mein erster Kommentar: „Das war nichts, was man mal eben so wegschlabbern konnte. Das war ganz großes Weißweinkino, aber nicht in einer lauten, überfruchteten oder hoch alkoholischen Art. Eher mit leisen Tönen überzeugte dieser hochelegante, sehr mineralische, feine und trotzdem sehr nachdrückliche Tropfen. Da trampelte keine Elefantenherde über den Gaumen, eher verzauberte eine Fee auf subtile Art unsere Sinne. Ein grandioser Wein, bei dem alle Elemente harmonisch zusammen passten und der sehr lang am Gaumen blieb.“ Da war es sicher kein Wunder, dass alle 6 Flaschen, die das Gasthaus Stappen besaß, in den Folgewochen meine Kehle runter liefen. Keine Frage, die Abtserde hatte mich verzaubert und seitdem nicht mehr aus ihrem Bann gelassen. Im Sommer 2012 machten wir dann auf Sylt bei Ivo&Co unsere erste, spannende Abtserde-Vertikale.

Kann denn Riesling schöner sein? Ingo Hillen verzauberte jetzt im April 2015 im D'Vine eine begeisterte Runde mit einer einmaligen Abtserde Vertikale aus Magnums mit allen Abtserden aus 2006 bis 2013. Alle Welt rennt hinter G-Max her, aber die Abtserde dürfte Klaus Peter Kellers beste Lage sein. Wehmutstropfen: große Weine brauchen Zeit. Richtig reif war auch in dieser Probe nur der Erstlingsjahrgang 2006. Alle anderen waren je nach Jahrgang mehr oder weniger zugänglich, aber alle mit Langstreckenpotential. So war das an diesem Abend nur eine Momentaufnahme großer Weine, die ihr volles Potential erst nach langjähriger Lagerung zeigen werden.

Mein Toppfavorit in dieser Probe war die recht füllige 2007 Abtserde(WT97+), ein großer, kompletter Wein mit enormem Tiefgang, der für 2007 eine erstaunlich gute Säure zeigte. Wird sicher noch etwas zulegen und hat Potential für 15+ weitere Jahre.

Auf dem zweiten Platz landete an diesem Abend die 2010 Abtserde (WT96+), die zwar etwas weniger zeigte als 2007, langfristig aber sicher der größere Wein ist. Ein Gigant, bei dem einfach alles stimmt mit einer derzeit bereits geradezu irren Nase. Dieser Wein hat einfach Potential für Perfektion und könnte in 5-10 Jahren mal die WT100 erreichen. Übrigens ist die 2010er Abtserde auch der Favorit des Winzers selbst.

Die 2009 Abtserde (WT95+) war noch geprägt von enormem Babyspeck und hoher Extraktsüße, doch auch hier stimmen Mineralität, Struktur und Säure. Die 2009er Abtserde muss einfach noch erwachsen werden, dann passier hier deutlich mehr. Plötzlich stellte jemand einen 2009 Morstein GG von Wittmann auf den Tisch. Das ist zweifelsohne ein großer Wein, aber hier wirkte es im direkten Vergleich, als ob da jemand von Stereo auf Mono umschaltet. Die Abtserde ist einfach eine ganz andere Dimension.

Reif und rund, sehr stimmig mit gewaltigem Tiefgang ist die 2006 Abtserde(WT95). Dürfte sich auf diesem Niveau aber noch lange halten. Dürfte einer der langlebigsten Weine aus dem nicht einfachen Rieslingjahr 2006 werden.

Gibt es langfristig einen ernstzunehmenden Wettbewerber für 2010 um den Spitzenplatz? Das könnte die derzeit extrem fordernde 2013 Abtserde mit ihrer puristischen Struktur werden (93++). Blutjung, wirkt stahlig, steinig, der Biss in die reife Zitrone, schlank im besten Sinne, aber mit dieser irrsinnigen Mineralität. Könnte das ein neuer Abtserde-Stil sein? Noch puristischer, mineralischer, druckvoller? Da wächst ein Gigant heran.

Potential hat auch die 2012 Abtserde, die aber derzeit mit noch erheblich zuviel Babyspeck fast opulent wirkt. Die muss einfach noch zu sich finden. Struktur und Säure sind unter der Fülle reichlich vorhanden (WT92++). Da kommen sicher mit den Jahren noch 3-5 Punkte dazu.

Die 2008 Abtserde, die ich aus unserer Vertikale 2012 (damals WT95+) deutlich druckvoller und offener kenne, wirkte diesmal verschlossen und geradezu harmlos (WT91+). Aber man spürte am Gaumen schon die gewaltige Substanz dieses Weines, der es sich zur Zeit in der Flasche gemütlich macht und einfach keinen Bock auf Verkostungen hat. Er braucht länger als andere 2008er und wird wohl in 5 Jahren mit Bravour wieder im Stile großer 200er zurückkehren. Schade übrigens, dass es 2004 noch keine Abtserde gab. Die hätte jetzt nicht nur diese Probe hier gesprengt.

Auch die 2011 Abtserde scheint sich derzeit wie viele andere, große 2011er wieder etwas zu verschließen. Aber dieser schlafende Riese zeigt genügend Druck und Substanz für eine große Zukunftsind (WT93+).

Wahre Wunderdinge erzählt man sich übrigens auch von der 2014 Abtserde, die aber erst im Frühjahr 2016 geliefert wird. Nur bestellen sollte man sie schleunigstens, sonst geht da nichts mehr. Aber wann trinkt man einen solchen Wein? Manche Leute sind absolut schmerzfrei und stehen auf blutjunge, eigentlich noch unfertige Weine. Die können die Kiste getrost nach Lieferung aufreißen und leer saufen. Allen anderen empfehle ich folgendes: aus einer 6er Kiste, sofern sich nicht woanders die Gelegenheit ergibt, eine Flasche gegen die Neugier trinken. Den Rest für mindestens 5 Jahre weglegen. Danach alle 1-2 Jahre eine weitere Flasche probieren.

Was für ein Abend. Tausend Dank an Ingo, Toni und Christoph, und natürlich aus der Ferne mit ganz herzlichen Grüßen an Julia und KP.