30 Jahrgänge Chateau Montelena

Unter dem Motto Cab & Turkey öffnet Weinsammler Eugen Häfliger stets am amerikanischen Thanksgiving-Wochenende in der Braui bei Werni Tobler zu einem Turkey große Weine. Das Thema diesmal: Chateau Montelena.

Die Geschichte des Chateau Montelena ist so wechselhaft wie die des amerikanischen Weinbaus. Als ältestes Weingut des Napa Valley entstand Chateau Montelena 1882. Der Unternehmer Alfred L. Tubbs erstand damals 2 Meilen nördlich von Calistoga am Mount St. Helena etwa 100 Hektar Land. Die bepflanzte er, baute im Chateaustil die eigentliche Winery und stellte 1886 einen aus Frankreich stammenden Winemaker ein. Doch mit der Prohibition fand die Geschichte von Montelena 1920 zunächst ein jähes Ende. Zwar wurden nach Ende der Prohibition 1933 wieder in beschränktem Umfang Trauben und auch eigene Weine produziert, doch die Rebberge von Montelena verwilderten zusehens. 1958 schließlich ging Montelena in den Besitz von Yort und Jeanie Frank über, die einen romantischen Altersruhesitz suchten. 1968 wanderte das Gut in den Besitz von Lee und Helen Paschich, die als Partner den damaligen Anwalt Jim Barrett mitbrachten. Damit begann die eigentliche, moderne Erfolgsgeschichte von Chateau Montelena. Barrett bepflanzte die Rebberge neu, installierte die nötige Kellertechnik und begann ab 1972 mit der Hilfe von Mike Grgich wieder mit der Produktion von Weinen. Den internationalen Durchbruch schaffte er mit dem legendären Paris Tasting, bei dem sein 1973 Montelena Chardonnay die französische Konkurrenz auf die Plätze verwies. Ich konnte diesen legendären, praktisch nicht mehr auffindbaren Wein 2010 auf dem Unger Weihnachtstasting probieren.

Meine ersten Chateau Montelena Estate Cabernets habe ich 1991 getrunken, den 1980er und den 1982er. Ich war sofort fasziniert und habe anschließend beim Importeur Alpina von allen Jahrgängen der 80er nachgekauft, was ich kriegen konnte. Mein ältester Montelena war 2000 im Restauran Tan Dinh in Paris der großartige 1974er. Als eingefleischtem Montelena-Fan war es für mich klar, dass ich mir die große Montelena-Vertikale in der Braui nicht entgehen lassen würde. Perfekt organisiert von Baschi Schwander und kulinarisch begleitet vom Braui-Team wurde es ein spannender Nachmittag.

Werni Tobler mit dem perfekten Turkey

Alte Kalifornier aus der Zeit bis 1990 haben mit den heutigen Frucht- und Alkoholbomben der Region wenig gemeinsam. Stilistisch waren das eher gut gemachte Bordeaux, langlebig, mit reifer, kalifornischer Frucht und wenig Alkohol. So kramte ich beim 1978 Chateau Montelena auch gleich im Gedächtnis nach Vorbildern aus Bordeaux. Was für ein geiler Saft war das, Minze ohne Ende, alte Ledertasche, immer noch schöne Frucht und gute Säure, Tabak, Teer, könnte gut in eine La Mission Probe passen. Praktisch altersfrei, baute enorm im Glas aus und entwickelte eine schöne Süße, dann kamen zunehmend Lakritz und getrocknete Kräuter, Lafleur kam mir in den Sinn. Einfach ein großer, sehr komplexer Wein, der es noch länger macht. Sollte da demnächst mal auf einer Auktion eine gut erhaltene Magnum auftauchen, plündere ich mein Sparkonto – 97/100. Noch etwas kräftiger als der 78er war 1979 Chateau Montelena, dafür nicht so vielschichtig. Auch das ein immer noch jung wirkender Wein mit viel Druck am Gaumen und langem Abgang – 94/100. Reif und vielleicht etwas über den Höhepunkt war der nichts desto trotz faszinierende 1980 Chateau Montelena. Reife Farbe mit deutlichen Brauntönen, in der Nase ein großer Stapel NZZ, am Gaumen getrocknete Kräuter und Lakritz – 92/100. Wie eine Eins stand der leicht rustikale, immer noch so junge und kräftige 1981 Chateau Montelena im Glas. Besaß die Stilistik eines guten Medoc und kommt wohl erst in 10 Jahren richtig – 94/100. Erstaunlich reif mit leicht oxidativen Noten und reifer Farbe 1982 Chateau Montelena, der mit feiner, generöser, malziger Süße eher als Bordeaux aus den 50ern durchging – 92/100. War sicher nicht die beste Flasche. Auch 1983 Chateau Montelena wirkte nicht nur in der reifen Farbe schon leicht auf dem Abstieg, sehr laktisch und zu Anfang etwas dünn im säuerlich wirkenden Abgang. Doch im Glas legte er unglaublich zu, wurde kräftiger, dichter, minziger und immer mehr rotbeerige Frucht kam zum Vorschein – 90/100. Sicher auch das nicht die beste Flasche. Ich hatte diesen Wein erst vor ein paar Monaten blutjung und an 82 Leoville las Cases erinnernd mit 96/100 im Glas. Diese Flasche stammte allerdings aus eigenen, 1991 erworbenen und sowohl vorher beim Importeur als auch seitdem bei mir perfekt gelagerten Beständen. Viele meiner Weinfreunde kaufen heute ältere Kalifornier in den USA bei Winebid, wo die Auswahl groß und die Preise immer noch akzeptabel sind. Nur wohnen die wenigsten Amerikaner halt in Steinhäusern mit gemauertem Keller. Da kann man dann Glück haben, wie erst kürzlich mit der absolut perfekten 1974 Mayacamas Magnum, aber auch fürchterlich daneben langen.

Leider ebenfalls nicht die beste Flasche war 1984 Chateau Montelena, den ich deutlich besser und jünger kenne. Leicht unsaubere Nase, wirkte eckig und machte nicht wirklich an, wurde am Gaumen mit der Zeit etwas offener und entwickelte erste Süße mit Magginoten – 88/100. Stirnrunzeln auch bei 1985 Chateau Montelena mit floraler Nase, Champignons und flüchtiger Säure. Aus dieser Flasche vorbei – 83/100. Was wiederum nichts heißt, denn 2007 auf einer Braui Best Bottle und zwei Jahre später in Düsseldorf gaben wir diesem Wein als großem, jungem Pauillac noch 20+ Jahre Lebensdauer und 93/100. Ich habe noch genug davon im Keller und werde demnächst den „2013er Test“ machen und natürlich davon berichten. Die Ehrenrettung für Montelena machte in diesem Flight 1986 Chateau Montelena, der eindrucksvoll zeigte, welches Potential die Montelenas der 80er haben. Junge Farbe, schöne Nase, noch so jung, so dicht mit rassiger, rotbeeriger Frucht, würzig, Minze, neues Leder, Kraft, Länge, geradlinige Struktur, intaktes Tanningerüst, wird immer minziger im Glas, lange Zukunft – 96/100. Und 1986 war übrigens kein großes Kalifornien-Jahr. Verhaltene, etwas staubig wirkende Eleganz in der Nase des 1987 Chateau Montelena, etwas stahlige Frucht, kernig wirkend, am Gaumen sehr kraftvoll mit intaktem Tanningerüst, dabei frisch und ausgewogen mit erster Süße – 94/100. Kernig, kantig, kräftig und rustikal im besten Sinne 1988 Chateau Montelena, dessen etwas ruppige Tannine noch ein langes Leben versprechen – 92/100. Ein feiner, reifer, weicher und eleganter Charmeur war der trinkreife 1989 Chateau Montelena – 91/100.

Eine Traumnase hatte 1990 Chateau Montelena, den wir wohl im besten Trinkstadium erwischten (ich habe oben soviel gemeckert, den hier hatte ich 2001 mit 97/100 und 2010 mit nur 90/100 im Glas). Sehr dichte Farbe, üppig und leicht alkoholisch und überreif, ein großes Weingemälde von Rubens, viel Weihnachtsgewürze, am Gaumen burgundische Pracht und Fülle, ein Chambertin aus Kalifornien – 96/100. Verschlossen und störrisch, dabei absolut nasenfrei präsentierte sich 1991 Chateau Montelena, am Gaumen dicht, süß, würzig, aber auch mit ersten Reifenoten – 90/100. Nein, das konnte ich so nicht hinnehmen, nicht für dieses Riesen-Kalifornienjahr. Den habe ich ein paar Wochen später noch mal mit Uwe und Rainer zusammen im Marli aufgerissen. Das war dann großer Montelena, wie ich ihn kenne und liebe, einer der langlebigsten Kalifornier überhaupt, zupackend mit irrer Dichte und puristisch schöner, süßer Frucht - 97/100. Etwas verhalten auch die Nase des 1992 Chateau Montelena, bei dem aber am Gaumen der Turbo einsetzte, sehr mineralisch, reife, süße Frucht, viel Minze und Eukalyptus, präzise Struktur und sicher noch langes Leben – 94+/100. Ein sehr ausgewogener, fruchtiger Wein mit schöner, harmonischer Fülle und guter Länge war aus kleinerem Jahr der voll trinkreife 1993 Chateau Montelena – 93/100. Absolut bockig, störrisch und voll daneben zeigte sich 1994 Chateau Montelena, stank in der Nase und schreckte am Gaumen mit viel flüchtiger Säure ab. In dieser Form weder bewert- noch trinkbar. Easy Drinking auf hohem Niveau war 1995 Chateau Montelena, weich, reif mit feiner Fruchtsüße und Würze, ein moderner Montelena ohne den aromatischen Druck früherer Weine – 93/100.

Rassig der 1996 Chateau Montelena mit minziger, schlanker Nase, puristisch schöner, dunkelbeeriger Frucht, sehr präziser Struktur, Kraft, Länge und enormem Potential – 96/100. Süß, füllig, hedonistisch wirkte der 1997 Chateau Montelena, aber nicht so overdone wie viele andere 97er, dazu machte er einen leicht verhaltenen Eindruck, das Beste kommt wohl erst noch – 94+/100. Enttäuschend 1998 Chateau Montelena, aber das ist und war stets ein typischer Vertreter dieses schwachen Kalifornien-Jahrgangs, gut trinkbar, ganz nett, aber einfältig. Da fehlen einfach Rückrat und Spannung, wirkt dadurch alkoholischer, als er eigentlich ist – 88/100. Und auch 1999 Chateau Montelena ist ein typischer Vertreter seines (im Gegensatz zu 98) sehr gelungenen, zugänglichen Jahrgangs, einfach ein geiler Sauf-Montelena mit herrlicher Frucht und Minzfrische – 95/100. Voll trinkreif trotz seiner Jugend ist auch der immer noch recht holzbetonte 2000 Chateau Montelena, der aber eine wunderbare, süße Frucht und reife Tannine zeigt – 92/100. Spätestens mit 1998 ist Montelena in der neuen Welt kalifornischer Weine angekommen. Die Weine sind üppiger, zugänglicher und früher trinkreif. Das zeigte auch sehr deutlich der hochklassige 2001 Chateau Montelena. Der hat immer noch ein mächtiges Gerüst bissiger Tannine, ist sehr komplex mit gewaltiger Struktur, aber hat eben auch diese irre, fruchtige Nase mit hedonistischer Süße des Jahrgangs, die diesen Wein wie viele andere auch jetzt schon so unwiderstehlich macht, aber da kommt noch mehr – 95+/100.

2002 Chateau Montelena war süßer, fülliger und ausladender als 2001, wirkte eher etwas zu dick mit verbranntem Gummi in der Nase, wirkte weniger präzise, aber läuft derzeit vielleicht auch etwas durch eine schwierige Phase – 93+/100. 2003 Chateau Montelena wird sicher seine Fans finden, ich gehöre nicht dazu. Mir war er zu heiß, zu toastig, zu dick, zu alkoholisch mit zuviel Reife und zuwenig Säure, dem gebe ich nur wenig Zukunft – 92/100. Bei 2004 Chateau Montelena fühlte ich mich an 96 erinnert, ein rassiger Klassewein mit Eleganz und toller Struktur, gewaltiges Potential – 94+/100. 2005 Chateau Montelena machte schon riesigen Trinkspaß und war ein großer, moderner Montelena auf dem Wege zur Perfektion. Da passten einfach Frucht, Süße, Struktur und Schmelz – 97/100. 2006 Chateau Montelena hingegen kam mir „spanisch“ vor mit seiner heißen Rioja-Nase. Einfach zu üppig, zuwenig Struktur – 92/100. 2007 Chateau Montelena dagegen ist ein großer, ausgeglichener, absolut stimmiger Wein mit toller Frucht und Süße, der sich mit 2005 über lange Zeit ein spannendes Kopf- an Kopfrennen liefern dürfte – 97/100.

Von 2004, 2005 und 2007 werde ich mir sicher noch ein paar Flaschen hinlegen. Montelena ist zugänglicher, fruchtiger und einfacher zu verstehen geworden. Damit liegt Montelena voll im Trend unserer schnelllebigen Zeit. Gerade deshalb finde ich die klassischen, älteren Montelenas so spannend. Auch wenn sie häufig mit uns Achterbahn fahren, sich ebenso plötzlich verschließen, wie sie sich wieder öffnen. Aber in ihrer besten Trinkphase sind sie perfekte Sparringspartner für die größten Bordeaux vom linken Ufer.

Wie eine Bombe platze übrigens 2008 die Nachricht herein, dass die Inhaber von Cos d´Estournel Chateau Montelena gekauft hätten. Aber die Herrschaften wurden sich dann doch nicht einig. Genauso sensationell platze der Deal nach einem halben Jahr wieder. Jim und Bo Barrett haben das Heft nach wie vor voll in der Hand, und das ist gut so.