Braui meets Schorn II

Verdammt hoch hatte ich die Latte mit der ersten Braui meets Schorn Probe vor drei Jahren gelegt. Tief habe ich deshalb auch diesmal wieder in den Keller gegriffen um meine Schweizer Weinfreunde aus dem Braui-Umfeld vinologisch zu verwöhnen. Franz-Josef Schorn stand im Gegensatz zur damaligen Probe nicht in der Küche, sondern saß mit am Tisch, natürlich neben Werner Tobler. Er ließ sich wie wir alle von seinem Nachfolger als Küchenchef, Marcel Schiefer, auch sehr hohem Niveau verwöhnen. Marcel, der das Restaurant zusammen mit Schorns Tochter Anne übernommen hat, kocht sehr kreativ und trotzdem perfekt auf die Weine abgestimmt. Inzwischen empfiehlt sich für das Restaurant Schorn, zumindest an Wochenenden, eine längere Vorausbuchung.

Kochlegenden Schorn und Tobler

Als Aperitif und Begrüßungsschluck genossen wir eine noch taufrische, hoch elegante 1997 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Auslese #10 von Fritz Haag aus der Magnum, die eindrucksvoll die Haagsche Klasse zeigte, traubige Frische, tänzerisch auf der Zunge, animierend am Gaumen mit herrlichem Süße-/Säurespiel – 93/100.

Extrem spannend aus der Magnum die 2001 Hermannshöhle Spätlese trocken von Dönnhoff, noch so jung und fordernd mit purer, glockenklarer Frucht, hoher, aber reifer Säure und gewaltiger Mineralität, man lutscht förmlich an einem Felsen – 97/100. Ein Riesling Monument mit sicher noch 10+ Jahren Zukunft. Nicht von schlechten Eltern auch der 2002 Königsbacher Idig GG von Christmann aus der Magnum. Kam sehr saftig ins Glas mit reifem, grünem Apfel in der Nase, feinem Schmelz, cremiger Textur und wunderbarer Länge am Gaumen. Baute mit der Zeit enorm im Glas aus und wurde dabei immer süßer, generöser und länger – 95/100.

Kocht saugut: Nachwuchslegende Marcel Schiefer

Eine Legende war jetzt angesagt. Vor einigen Jahren konnte ich auf einer Auktion eine Flasche 1895 Steinberger Cabinet-Wein Original-Abfüllung der Königl. Preuss. Domainen-Kellerei erstehen. Seit langem schon hatte ich nach einer Ausrede gesucht, diese Flasche endlich mal öffnen zu können. Sehr gut der äußerere Zustand und auch das Füllniveau der versiegelten Flasche. Letzteres erklärt natürlich den guten Füllstand. Kräftig die tiefe, goldgelbe Farbe, in der nicht gerade jugendlichen Nase Harz, Kräuter, viel Kamille, Wachsnoten, am Gaumen furztrocken, leicht staubige Eleganz. Sicher war dieser Wein mal restsüß mit kräftiger Säure. Beides, inzwischen abgebaut, hat ihn so perfekt konserviert und über die Jahrzehnte gerettet. Kann man ein solch einmaliges Erlebnis, das selbst mir als hartgesottenem Altweintrinker wohlige Schauer über den Rücken jagte, mit Punkten ausdrücken? Eigentlich nicht. Der reine Genusswert dieses übrigens noch gut trinkbaren Seniors aus der Zeit vor(!) Jopie Heesters liegt wohl kaum höher als 87/100, aber der Erlebniswert einer solchen Flasche verlangt eigentlich die 100/100.

Der 1895er Steinberger

Den Abend unterm Weihnachtsbaum hatten sich die Moselwinzer 1970 redlich verdient. Mussten sie doch am Heiligen Abend morgens früh raus, um hart gefrorene Trauben zu ernten. Massiver Frost in der Nacht zum 24.12.1970 brachte ihnen in einem Jahr, das nicht gerade als groß zu bezeichnen war, wenigstens noch ein paar ansehnliche Eisweine ein, die dazu noch den Namen Christwein tragen konnten. Die Prädikate dieser Weine waren durch die Bank nicht sehr hoch, da viele Trauben zum Ende des Jahres durch den sehr späten Sommer nicht voll ausgereift waren. Den Weinen hat es nicht geschadet. Leider wurde der 1970 Bernkasteler Johannisbrünnchen Eiswein feinste Auslese Christwein von Licht-Bergweiler, der hellste des Flights, deutlich in der Nase und am Gaumen von Kork getrübt. Immerhin erkannte man darunter einen sehr feinen, fast filigranen, von Honignoten geprägten Wein. Grandios der 1970 Bernkasteler Doctor und Graben Eiswein Auslese Christwein von Thanisch. Gülden die Farbe, in der prächtigen Nase Honignoten und Mango-Chutney, am Gaumen die Süße eher etwas verhalten und durch die kräftige Säure perfekt balanciert, ein absolut stimmiger, sehr harmonischer Wein, sehr lang am Gaumen – 96/100. Dürfte es noch länger machen. Die Zwillingsflasche habe ich mal gedanklich für Heiligabend 2020 reserviert. Deutlich reifer und dunkler in der Farbe der 1970 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Eiswein feine Auslese von Fritz Haag, Honig ohne Ende, karamellige Süße, verhaltene Säure und trotzdem das Verspielte, die Leichtigkeit der Haag-Weine – 93/100.

Ziemlich kaputt leider eine 1921 Smith Haut Lafitte aus der Magnum mit mid-shoulder. Nur ein Schatten dessen, was wir vor drei Jahren als perfekte (100/100) Flasche 1920 Smith Haut Lafitte hatten. Trübe, leicht bräunliche Farbe, die Nase staubig, leicht überreif, mostige, nachgärende Süße und deutlich oxidative Noten. Dürfte sich schon vor einer Weile verabschiedet haben. Trinkbar war er trotzdem noch, und als einzigen Wein des Abends hätte ich ihn sicher nicht weggeschüttet. Einigen wir uns also auf „halbkaputt“ – 78/100.

Als Überraschungs- und Ratewein hatte ich einen 1970 Birmenstorfer Clevner von der WG Birmenstorf aus dem schweizerischen Kanton Aargau in die Probe eingebaut. Allgemein hielt man ihn für einen älteren Pinot oder einen deutschen Spätburgunder. Nur Bruno Wicki hielt die Nase rein und meinte sofort: Der riecht ja wie ein alter Birmenstorfer. Eigentlich hätte der Gregor diesen Wein erkennen müssen. Besaß doch sein Vater dort Land und lieferte jedes Jahr Trauben an die WG. Und da der gute Gregor sich dort im zarten Alter von 12 Jahren sein Taschengeld verdiente, sind ein Teil der Trauben dieses Weines bei der Lese sicher durch seine Hände gegangen. Hell, klar und brilliant war die Farbe dieses Weines, der sich wie ein gereifter, älterer Spätburgunder trank mit feiner Süße und durchaus auch burgundischem Schmelz. Darf man einem solchen Wein, wenn man gesehen hat, was es ist, noch 90/100 geben? Na klar, das muss man sogar, denn die war er wert.

Der Birmenstorfer aus 1970

Und wieder kam eine Legende ins Glas, der 1895 Hermitage Grand Premier Cru von Marius Chierpe. Alte Hermitages sind extrem rar und schwer zu finden. Warum? Die Winzer füllten im vorletzten Jahrhundert ihre Weine kaum auf Flaschen. Die gingen eher fassweise nach Bordeaux und ins Burgund, wo sie zum aufhübschen der dortigen Weine, auch der Premiers, benötigt wurden. Vor uns also eines der wenigen Exemplare, die nicht in Chateau Margaux oder einem Richebourg landeten, sondern für sich selbst sprechen durften. Was da aus der extrem schweren, bauchigen Flasche ins Glas floss, war auch nach 116 Jahren noch bemerkenswert. Helle, aber noch voll intakte Farbe mit rotem Kern, In der Nase malzige Süße und viel Kaffee, aber auch deutliche Terroirnoten, unglaublich feine Süße am Gaumen, aber auch sehr deutliche Säure, die diesen im besten Sinne burgundischen Wein so frisch hält. Ein gewaltiges zeitgeschichtliches Monument, ähnlich dem Steinberger, aber hier zusätzlich noch mit hohem Genussfaktor von sicher 94/100.

Alt, sehr rar und immer noch sehr gut

Und damit wären wir wieder beim Gregor, nicht seinem Wein, aber seinem Jahrgang. Sehr hell die Farbe des 1958 Barbaresco von Angelo Gaja, wunderbar schon die Nase mit getrockneten Rosen jede Menge Kräutern etwas Lakritz und Rosmarin, am Gaumen sehr fein, so burgundisch und verführerisch mit generöser Süße, einfach ein perfekt gereifter Traum-Barbaresco von Vater Gaja, der sich hinter keinem der modernen Legenden seines Sohnes verstecken muss – 98/100. Schließlich haben Vater und Sohn ja in jedem Fall eines gemeinsam, ein hervorragendes Terroir, das in großen Jahren wie 58 eben große Weine hervorbringt. Könnte der Gregor mit diesem Wein noch seinen 60er feiern? Ich meine, ja. Der Wein wirkt reif, wird sich aber in gut gelagerten Flaschen auf diesem Niveau noch recht lange halten.

Der 1928 Paternina Gran Reserva steht in meinen Top 100. Begeistert war ich von den ersten Flaschen dieses Weines, damals für mich in einer Liga mit 1925 YGAY. Doch von keinem Wein habe ich später auf Proben so viele schlechte Flaschen erlebt. Da muss es, neben den anscheinend inzwischen unvermeidlichen Fälschungen vor allem unterschiedliche Abfüllungen geben. Das Geheimnis der Jugend und der Kraft dieser Weine liegt in der Lagerung in Betontanks und der sehr späten Abfüllung. Wenn halt einer oder mehrere dieser Tanks undicht waren, ist der darin enthaltene Wein oxidiert. Das dürfte der wesentliche Grund für die großen Flaschenunterschiede sein. Wie erkennt man das von draußen? An der Farbe, die bei den guten Paterninas wie aus dieser Flasche hier sehr dicht, jung und absolut klar und brilliant ist. Das Ergebnis ist dann wie an diesem Abend ein Traumwein, ein Wein zum staunen und Träumen, sehr würzig, kraftvoll, Fülle, ungeheurer, aromatischer Druck am Gaumen, geradezu orgastisch für Kaffee.Freaks und mit gewaltiger Länge – 99/100. Kaum dahinter 1920 Paternina Gran Reserva, ebenfalls mit sehr dichter, jünger wirkender Farbe, hier spürt man noch etwas deutlicher den Tempranillo und die heiße Sonne des Sommers, aber auch das ein sehr ausgewogener, druckvoller Wein – 97/100.

Es durfte weiter geträumt wurden. Drei reife Burgunder aus der legendären Barolet-Collection standen vor uns. Kein Alter zeigte der noch so jung und kräftig wirkende 1937 Gevrey Chambertin Collection Docteur Barolet. Ein klassischer, großer Burgunder mit prachtvoller Fülle, hohem aromatischen Druck, generöser Süße und sehr langem Abgang – 97/100. Nicht gerechnet hatte ich mit der unglaublichen Performance des 1937 Morey-St-Denis Collection Docteur Barolet. Erinnerte mich spontan an 47 Chambertin Vandermeulen. Ein reifer, geiler Lust-Burgunder mit der dichtesten Farbe des Flights, mit reichlich Pracht und Fülle, so unglaublich dicht, so lang, so groß, kraftvoll und fast altersfrei, soviel Mokka und Milchkaffee, da gibt es nur eine Bewertung – 100/100. Deutlich mehr hatte ich mir vom 1937 Vosne Romanée Collection Docteur Barolet versprochen, aber das war wohl nicht die beste Flasche. Die mit Abstand hellste, reifste Farbe des Flights, in der Nase Schuhcreme, der Gaumen zwar feiner, süßer, aber auch nicht in der Klasse der beiden anderen Weine – 91/100.

Vor zwölf Jahren auf der großen Penfolds-Probe der Ungers im Schlosshotel Lehrbach schrieb ich zum legendären 1971 Penfolds Grange nur: Tannin, Tannin, Tannin - Riesenstoff mit irrer Dichte und Länge, große Zukunft. Und von dieser großen Zukunft hatten wir hier ein ganzes Stück mehr im Glas. Immer noch mit extrem junger, dichter Farbe, mit sehr süßer, einfach geiler Frucht – ich erspare mir die einzelnen Fruchtsorten, denn diese unglaubliche Penfoldsmischung bekommet ohnehin kein Marmeladenhersteller hin – bei aller Süße aber nicht überladen, sondern sehr harmonisch und absolut stimmig, ein perfekt gereifter, riesengroßer Grange, der in dieser Form noch locker 20 weiter Jahre Spaß macht – 99/100. Und wer irgendwo auf diesen sündhaft teuren, raren Wein stößt, prüft bitte erst mal die Herkunft. Nach einem halben Dutzend Weltreisen bekommen Sie nämlich etwas völlig anderes ins Glas als wir mit dieser Flasche, die zumindest die letzten 20 Jahre unbewegt in meinem kalten Keller lag. Eigentlich für jeden Wein ein Alptraum, neben solch einem Grange stehen zu müssen. Es sei denn, man ist ein 1971 Lafleur. Diese Flasche habe ich vor zwei Jahren aus einem belgischen Keller erworben, der noch kühler und feuchter als meiner war. Grausames Etikett voller Stockflecken, himmlischer Inhalt voller Höhepunkte. Wirkte wie ein Martha´s Vineyard aus Bordeaux. Eukalyptus, Leder, Minze, die große Kräutermischung, hedonistische Süße am Gaumen, aber auch noch gute Säure- und Tanninstruktur, noch so jung und kräftig, der legt über die nächsten 20 Jahre noch zu – 97+(!)/100. Etwas verloren wirkte in dieser Runde der 1971 Chateauneuf-du-Pape Mont Redon, der keine gute Figur machte. Wirkte sehr reif und oxidativ. Vielleicht lag es an dieser Flasche, denn beim Öffnen fiel da gleich der Korken hinein. Möglich, dass durch den suboptimalen Korken Luft in die Flasche gelangt war und der Mont Redon so vorzeitig alterte. Der Papierform nach hätte dieser Chateauneuf deutlich besser sein müssen als 84/100.

Das Warten hat gelohnt beim 1978 Hermitage la Chapelle. Seit gut 20 Jahren schleiche ich um meine Flaschen herum und lasse sie liegen, weil dieser La Chapelle einfach Zeit brauchte und in keiner der zahllosen Proben bisher voll überzeugen konnte. Zuletzt durfte ich 2006 noch eine völlig zugenagelte Flasche verkosten. Doch jetzt ist es wohl soweit. Was der 78er hier in unserer Probe ablieferte, war eine sehr überzeugende, überragende Vorstellung. Ein großer, kompletter, jugendlicher, zupackender, perfekter La Chapelle, der in dieser Form auch dem legendären 61er Paroli bieten kann. Schwierig, diese Aromen-Explosion, dieses einzigartige Konzentrat auf einen Nenner zu bringen. Natürlich ist da immer noch jugendliche Frucht, aber auch Leder, Lakritz und eine leicht animalische Note, Kräuter – je länger man in diesen Wein rein riecht, desto mehr Assoziationen stellen sich ein. Aber es ist das absolut stimmige Gesamtbild, diese aromatische Monsterwelle, die da über den Gaumen rollt, die diesen Wein so einmalig macht – 100/100. Hat sicher Reserven für 30 weitere Jahre. Letzteres gilt definitiv auch für den 1990 Hermitage la Chapelle, der sich hier in Farbe und Aromatik als extrem junger, extrem konzentrierter und extrem dichter Wein präsentierte, ein irres Teil, das mit fantastischer Frucht richtigehend am Gaumen knallte und ewig haften blieb, und bei dem man das kaum vorstellbare Gefühl hat, dass da noch mehr kommt, deshalb hier vorsichtige 99+/100. Welcher von beiden der bessere ist? Das wird für die nächsten drei Jahrzehnte ein spannendes Rennen wie zwischen 61 Haut Brion und La Mission oder zwischen 70 und 82 Latour. Entscheidend ist da jeweils die Tagesform. Hauptsache, man darf diesen Vergleich live erleben. Ja, ich weiß, es gibt so viele Flaschen, aus denen der 78er nicht singt, und in denen der 90er schon soweit entwickelt ist, dass man Angst um seine Bestände kriegt(so zuletzt auf der 90*90 in Gstaad). Aber das ist Halt das Los dieser gesuchten 100 Punkte Trouvaillen. Das sind oft verkappte Wanderpokale, was auch der beste Wein nicht aushält. Wer diese ohnehin extrem teuren Weine heute noch kauft, sollte das ausschließlich aus erster Hand tun. Lieber noch etwas drauflegen, als das Geld nutzlos zu verschleudern. Smart Money kauft ohne hin stattdessen den längst nicht so begehrten, aber kaum schlechteren 89er oder gleich den für einen Bruchteil erhältlichen 1983 Hermitage la Chapelle. Letzterer lieferte hier, übrigens zum zweiten Mal in diesem Jahr, eine Glanzvorstellung ab. Würzig, kräftig, gute Frucht, viel Lakritz, großer Kräutergarten, aber auch burgundische Pracht und Fülle mit erstem, süßem Schmelz, und dazu ein immenses Rückrat und Potential für weitere Jahrzehnte - 97/100.

Kurze Frage in die Runde: Machen wir weiter, könnt Ihr noch? Sie konnten alle und wollten natürlich auch. Selbst der gute Werni, sonst schon mal ein Kandidat für ein vorgezogenes Nickerchen, war in Bestform. Also kam jetzt ein Pomerolflight auf den Tisch. Allen voran 1982 Trotanoy, dieser geniale Paulliac aus Pomerol. Der hat die Kraft und die Struktur eines großen Pauillac, ähnlich Lafleur, mit dem er die Kräuternote teilt. Zusätzlich sind da aber das Schokoladige und der süße Schmelz eines großen Pomerol. Ein Langstreckenläufer mit hohem Suchtpotential und einer meiner persönlichen Lieblingsweine – 98/100. Auf gleichem Niveau der etwas geschmeidigere, elegantere 1982 l´Evangile, auch der sehr jung, kraftvoll und mit genügend Potential für lange Zeit, den ich aus der gleichen Kiste schon etwas offener erlebt(und mit 99/100 bewertet habe). Hier hatte ich jetzt das Gefühl, dass er noch Zeit braucht und dann zulegt – 97+/100. Bei 1982 La Fleur Petrus hatte ich schon vor 10 Jahren das Gefühl, dass er auf dem Höhepunkt ist und langsam getrunken gehört. Doch auf diesem Niveau scheint er bleiben zu wollen. Ein reifer, weicher Schmusepomerol – 93/100.

In bestechender Form zeigten sich die beiden Beringers, zusammen mit dem 85er, den ich leider nicht mehr besitze, wohl die besten, jemals auf diesem Gut erzeugten Weine. 1986 Beringer Cabernet Sauvignon Private Reserve war noch so jung und frisch mit klarer Bordeaux-Stilistik, schöner Frucht, aber auch etwas Minze und Eukalyptus, enorm dicht und kräftig, dabei trotzdem Eleganz pur und totale Harmonie, sehr lang am Gaumen - 97/100. War der 86er der etwas finessigere, so hatte der 1987 Beringer Cabernet Sauvignon Private Reserve noch mehr Kraft, so eine Art Harlan von Beringer – 97/100.

Und nach dieser Überleitung landeten wir bei den „richtigen“ Harlans. In jedem Fall in die Probe einbauen wollte ich den 96er, weil ich ihn dringend für den Jahrgang 1996 noch nachverkosten wollte. Das ist hiermit geschehen und meine Beschreibung des Jahrgangs 1996 geht bis Monatsende online. Aus einem Harlan wurde schließlich ein Dreierflight. Drei sensationelle Weine, die sich eigentlich nur in Nuancen unterschieden. Harlan ist für mich stets eine Art Quadratur des Kreises, junge, reife Latours. Was eigentlich nicht geht, bieten diese Weine in einmaliger Form. Die Struktur eines großen Latour verbunden mit kalifornischer Zugänglichkeit und wunderbarer, sehr präziser Frucht. Absolute Meisterwerke, die irgendwann mal über den Gaumen jedes ernsthaften Weinfreaks fließen müssen. 1995 Harlan Estate war für mich auf extrem hohem Niveau der Primus inter Pares, ein schlichtweg außerirdisches Fruchtkonzentrat, das am Gaumen nicht mehr aufhörte – 100/100. Noch etwas dichter und kräftiger mit perfekter Struktur 1996 Harlan Estate – 99/100. Sehr positiv überrascht war ich von 1997 Harlan Estate, der in der jüngeren Vergangenheit häufiger etwas schwächelte und deutliche Überreife zeigte. Aber vielleicht war das doch nur eine Übergangsphase und dieser große Wein kehrt zur alten Form zurück – 98/100. Franz Josef Schorn hat übrigens drei Tage später aus der offenen 95er Flasche noch einen guten Schluck getrunken, seinem Bekunden nach in absolut bestechender Form, eher noch etwas besser als in der Probe selbst. Soviel zum Thema Standvermögen dieser Weine.

Nach der Probe ist immer vor der Probe. Für Braui meets Schorn III in drei Jahren werde ich mir mächtig was einfallen lassen müssen. Aber jetzt werde ich mir erstmal am Wochenende den Seetaler Trüffel, den mir der liebe Werner mitgebracht hat, über die Nudeln hobeln und diese Probe noch mal gedanklich Revue passieren lassen. (wt 01/2011)