Januar 2013

Schlecht gebrüllt, Löwe

Auf der Rückfahrt vom Engadin verspürten wir trotz guten Walther-Frühstücks um die Mittagszeit leichte Hungergefühle. Also bei Bad Ragaz runter von der Autobahn und mangels über Weihnachten geschlossenem Rössli in ein anderes Gasthaus, den Löwen. Was mir da passiert ist, das musste ich erstmal verdauen.
"Die Deutschen müssen sparen" meinte die Wirtin des Löwen in Bad Ragaz laut und deutlich, als sie unsere Bestellung unserer kurzen Mittagsrast von jeweils nur zwei Vorspeisen eintippte(plus eine Flasche Wein, Dessert, zwei Cüppli und Espresso, was schließlich eine Zeche von deutlich über SFR 150 ausmachte). Wir glaubten erst, unseren Ohren nicht zu trauen, mussten dann aber auch noch mit anhören, wie sie sich auch noch in der Küche über unsere wohl nicht ausreichende Bestellung ausließ. Das wäre im Rössli sicher nicht passiert. Ich konnte meine Damen nur mit Mühe zum Bleiben bewegen. Die Küche allerdings war vorzüglich und der frisch fruchtige 2010 Pinot Blanc von Möhr-Niggli aus Maienfeld dazu eine sehr gelungene Begleitung. Und die schnippische Wirtin mussten wir ja nicht essen.
Und sollte das Rössli mal wieder zu haben, Freunde aus der Gegend, die um den Löwen seit längerem einen großen Bogen machen, haben uns eine Alternative empfohlen.

Im Spielzeugladen für große Jungs

Noch nie Sehnsucht gehabt nach dem Schwarzen Adler in Oberbergen? Einfach mal hier diese unfassbare Weinkarte runterladen. Wer jetzt nicht in Gedanken sofort den Koffer packt, dem ist nicht mehr zu helfen. Es ist nicht nur die unglaubliche Auswahl, insbesondere bei den Bordeaux, die hier spontane Suchtgefühle erzeugt. Es sind auch die extrem gastfreundlichen Preise.
Ja, ich war im Januar wieder da. Ich habe das elegant-gemütliche Interieur des holzgetäfelten Restaurants genossen, den sehr freundlich-kompetenten Service unter Leitung von Maitre Hubert Pfingstag, die großartige, eher klassisch-französiche Küche. Mit der großen Weinkarte in der Hand kam ich mir wieder vor wie ein kleiner Junge in einem riesigen Spielzeugladen. Aber da gibt es ja zum Glück auch noch die charmante, sehr kenntnisreiche Sommelière Melanie Wagner, die zielsicher bei der Auswahl der richtigen „Spielzeuge“ hilft.
Unkonventionell haben wir diesmal in der Bar des Hauses mit einem 2010 Pinot Noir Sekt vom hauseigenen Weingut begonnen. Eigentlich graust es mich schon, wenn ich nur den Begriff Sekt höre. Aber das hier ist ein ganz feiner Stoff. In seiner fruchtigen Spritzigkeit und seinem durchaus vorhandenen Tiefgang lässt der so manchen Rosé Champagner alt aussehen. Da kann ich gut verstehen, dass meine Mädels darauf stehen.
Im Restaurant begrüßte uns Fritz Keller, der ungemein sympathische, umtriebige Winzer mit einem Weißwein in Burgundergläsern. Da war ich blind sofort in Burgund, ein sehr eleganter, feiner, nachhaltiger Wein mit hoher Mineralität, guter Säure, sehr gut integriertem Holz, perfekter Struktur und schöner Länge. Zu unserer großen Überraschung war das ein ausgesprochen gut gelungener, immer noch frischer 2003 Weißburgunder Selektion A Franz Keller, der das Fette, Überreife dieses Jahrgangs einfach durch Finesse ersetzte. Da war ich platt und blieb natürlich bei den 93/100, die ich blind für den vermeintlich großen Burgunder gegeben hatte. Fritz Keller klärte mich auf, dass er bewusst Weine für Trinker macht, Weine die altern können und auch müssen. Da werde ich wohl in Zukunft häufiger mal in der großen Auswahl älterer Keller-Weine wildern, die auf der Karte bis weit zurück zu äußerst gnädigen Preisen vorhanden sind.
Weiter ging es mit einem 2007 Chassagne Montrachet La Romanée von Paul Pillot, einem modernen, brillianten, sehr straffen und mineralischen Burgunder mit enormer Strahlkraft – 94/100. Und natürlich blieb ich bei einem 1983 Charmes Chambertin von Armand Rousseau hängen. Der wirkte reif und jung zugleich mit pikanter Frucht, samtiger Fülle und erdiger Mineralität. Die gute Säurestruktur wird diesem Wein noch ein langes Leben bescheren – 95/100. Eigentlich immer noch viel zu jung war der 1982 La Mission Haut Brion, der wie alle Weine des Hauses mit der Subskription erworben und seitdem perfekt gelagert wurde. Noch irre jung und konzentriert, keine Spur von Alter, eine Pessac-Legende für etliche Jahrzehnte – 97+/100. Durchaus auf Augenhöhe zum Schluss meine bisher vielleicht beste Flasche des 1990 Leoville las Cases. In bestechender Form ist dieser Wein jetzt, verbindet mit einer Traumnase süße, geradezu opulente Frucht mit der perfekten Struktur großer, klassischer las Cases am Gaumen – 97/100. Immer noch ein schlauer Kauf.
Vor der Abfahrt am nächsten Morgen zeigte uns Fritz Keller noch das beeindruckende, in ein Tal hinein gebaute, neue Weingut am Ortseingang von Oberbergen, das im Juli fertig wird. Zusammen mit weiteren, kürzlich erworbenen Steil- und Terrassenlagen hat der trotz allem sehr bodenständige Fritz Keller hier Großes vor. Ich bin gespannt, wen er als erstes in die Champions League führt, „seinen“ SC Freiburg oder das Weingut, wahrscheinlich beide.

Der 2013er Test

Hin und vorbei war der einstmals so strahlende 1985 Chateau Montelena im November letzten Jahres auf der großen Montelena-Vertikale in der Braui. Damals notierte ich: „Stirnrunzeln auch bei 1985 Chateau Montelena mit floraler Nase, Champignons und flüchtiger Säure. Aus dieser Flasche vorbei – 83/100. Was wiederum nichts heißt, denn 2007 auf einer Braui Best Bottle und zwei Jahre später in Düsseldorf gaben wir diesem Wein als großem, jungem Pauillac noch 20+ Jahre Lebensdauer und 93/100.“ Jetzt habe ich den 2013er Test gemacht, der mehr Fragen als Antworten gab: 16.1.13 deutlich reifer, verhaltene Nase, dunkle Früchte, etwas Minze, ausgewogen am Gaumen, aber auch hier etwas mit angezogener Handbremse, nur die immer noch junge Farbe ohne Brauntöne zeigt, dass hier noch mal was kommen müsste - 90/100.
Ich liebe die klassischen Montelenas, denn wenn sie groß sind, sind sie richtig groß auf Augenhöhe mit der Elite des linken Ufers in Bordeaux. Aber leider sind es auch unberechenbare Weine, die sich ebenso plötzlich verschließen wie sie auch wieder aufblühen. Was mache ich jetzt mit meinen 85ern? Abwarten, der voll intakten Farbe nach besteht keine Eile. Aber wenn die nächste Flasche im Herbst wieder der Bringer sein sollte, trinke ich die restlichen Flaschen noch in derselben Woche.

Trüffel satt

Trüffel sind eine feine Sache. Insbesondere liebe ich die Schwarzen Perigord Trüffel. Während die Weißen aus Alba intensiver duften, sind die Schwarzen vielseitiger verwendbar. Aber egal ob Schwarz oder Weiß, wenn in einem guten Lokal der Ober mit dem weißen Handschuh und der Briefwaage kommt, dann sträuben sich mir die Nackenhaare. Die dann kommende, grammweise Enteignung ist nur schwer zu ertragen. Deshalb erwerben wir einmal im Jahr tagesfrisch eingeflogen eine größere Menge Perigord-Trüffel, die dann der Spitzenkoch in unserer Runde in seiner heimischen Küche in ein großartiges, siebengängiges Trüffelmenü verwandelt. Dazu greifen wir tief in unsere Keller.

Mit einem inzwischen erstaunlich reifen 2006 Abtserde GG von Klaus Keller begrüßte uns unser Privat-Spitzenkoch. Ein großer Weißwein in erster Trinkreife, weich, cremig, sehr mineralisch, kräftige und lang am Gaumen – 95/100. Spannend dann das Duo aus 1982 La Mouline und 1983 La Mouline von Guigal. Diesmal hatte der 83er die reifere Farbe, sehr würzig, reichlich schwarze Trüffel in der süchtig machenden Nase, sehr lang, hoch elegant, ungemein druckvoll am Gaumen, fast explosiv und mit guter Säurestruktur – 98/100. Tiefdunkel die Farbe des im Vergleich jünger wirkenden 82ers, der mit diesem gewaltigen Pfauenrad an Aromen überzeugte, wie der Katalog eines großen Gewürzhändlers in Weinform. Dabei wieder die verschwenderische Generösität eines perfekten La Moulines, wunderbare Süße, Eleganz und ein ewiger Abgang – 100/100.
Sehr tief die Farbe des kraftvollen 1991 Ridge Monte Bello mit pflaumiger Frucht und ebenfalls viel Trüffeln, dazu schokoladig, süß und durch die geringe Säure recht füllig – 95/100. Blutjung noch der 1991 Heitz Martha´s Vineyard, der enorm viel Zeit und Luft brauchte, und erst nach einiger Zeit im Glas als solcher zu erkennen war, und dann immer minziger wurde. Ein gewaltiger Martha´s, der erst ganz am Anfang steht – 95+/100.
Und dann bekamen wir ins Glas den geilsten, üppigsten, exotischsten Wein, der bei Latour je erzeugt wurde. Diesen großartigen 1990 Latour hätte ich auch ohne Trüffel genommen – 99/100. Nicht in Form war leider der 1999 La Turque, der etwas dumpfe Aromen zeigte. Natürlich war das Jammern auf hohem Niveau, aber ich hatte diesen enorm dichten, immer noch jugendlichen Ausnahmewein erst noch im Oktober letzten Jahres in Bestform(100/100) im Glas gehabt – 94/100.
Wenn La Mouline der Besuch in einem großen Gewürzladen ist, dann waren wir zum Schluss mit dem 2008 Monteverro in einem Candy-Store für Erwachsene. Weich, süß, vanillig mit viel Schmelz, aber auch druckvoll am Gaumen mit gutem Rückrat, machte enormen Trinkspaß – 95/100.

Kellerfund

Kellerfund! Über 30 Jahre lag diese 3 Liter Flasche 1978 Pommery Brut Millesime tief vergraben in Omas Keller. Heute war sie dran. Ob die noch gut war? Nein, die war sogar saugut. Perfekter Füllstand, tiefes Goldgelb, kräftiges Mousseux, dezente Honignoten, satte Brotkruste, erdige Mineralik, Kraft und enorme Länge am Gaumen, ein großes Champagner-Erlebnis, locker 95/100. Und dank 3l volle Gläser. Danke Oma.
Geköpft wurde diese Flasche zu einem feinen Mittagessen mit lieben Freunden. Und dabei kam noch ein weiterer Jahrgangschampagner zum Einsatz, 1970 Dom Perignon aus der Magnum. Der war nicht nur auf Augenhöhe, der legte noch mal richtig eins drauf. Wirkte frischer, auch in der helleren Farbe, komplexer, mineralischer, sehr elegant und war einfach ein riesengroßer, kompletter, noch fast taufrischer Champagner – 97/100.

Im Rüen-Thai in München

Dieses thailändische Restaurant in München begeistert mich immer wieder. Vor allem die Weinkarte mit reichlich auch reiferen Gewächsen und Großflaschen fasziniert. Thaiküche und große Weine – geht das überhaupt? Natürlich, insbesondere wenn der Chef wie hier ein Weinfreak ist und die Küche an die gewählten Weine anpasst.
Unser erster Wein war ein 2002 Pechstein GG von Bürklin-Wolf. Selten, dass man so etwas in der Gastronomie findet. Immer noch so frisch mit komplexer, burgundisch wirkender Nase und reifen, gelben Früchten, sehr mineralisch, gute Säure, ein eigenständiger Charakterwein mit viel Volumen, guter Struktur und Reserven für noch etliche Jahre – 93/100. Wie gut dieser 2002er wirklich war, merkten wir, als danach 2005 Pechstein GG, ebenfalls von Bürklin-Wolf, ins Glas kam. Der war üppiger, fülliger und extraktsüßer, aber auch mit weniger Struktur und Säure – 91/100. Mit geradezu barocker Fülle, mit süßer, reifer Frucht, würzigem Schmelz und viel Mineralität tranken wir dann 2009 Hubacker von Klaus Keller – 93/100. Überraschend gut passte zu unseren Speisen auch der sehr burgundisch wirkende 2007 Dernauer Pfarrwingert Spätburgunder GG von Meyer-Näkel, beerig, schmelzig, sehr komplex mit viel Tiefgang – 94/100. Und dann lachte uns noch dieser edelrustikale, kernige, rassige 1990 Dunn Howell Mountain an, ein dichter, kräftiger, immer noch sehr jung wirkender Wein, der gerade erst in die sicher noch drei Jahrzehnte währende Trinkreife kommt – 95/100. Und da meine Freunde noch nie einen Monteverro im Glas hatten, holten wir auch das noch nach. Der 2009 Monteverro aus einem kühleren Jahr hat sich enorm gemacht. In der Stilistik ist er der puren Sünde aus 2008 ähnlich, wirkt aber insgesamt etwas feiner und eleganter mit mehr Säure und hat enormes Potential – 95/100. Ja, es ging uns verdammt gut im Rüen-Thai. Dazu trug auch unser Absacker bei, der sehr würzige, mineralische 2010 Alte Reben von van Volxem, der gerade anfängt, sich richtig zu entfalten und sicher noch zulegt – 91+/100.

Der Wein-affine Chef des Rüen-Thai

Kleiner Abendspaziergang

Eigentlich sollte das nur ein kurzer Abendspaziergang werden, doch dann landeten wir unverhofft in der Casa Mattoni auf ein Clas Champagner. Aber da gab es dann diese wunderbaren Tagliatelle mit Perigord Trüffeln, die mussten es noch sein. Und aus der traumhaften Weinkarte kam dann noch ein wunderbar gereifter 2001 Maurizio Zanella mit betörender Beerenfrucht und viel Schokolade – 91/100. Da stellte sich dann weiterer Hunger ein, der mehrgängig auf hohem Niveau befriedigt wurde, und es kam natürlich rasch auch die Frage nach einem zweiten Wein auf. Mich reizte ein 2001 Barbaresco Gallina von La Spinetta. Den hatte ich zuletzt 2009 tanninbetont und etwas monolithisch im Glas. Aber das konnte nicht alles gewesen sein, denn 2001 war ein sehr gutes Weinjahr. Also rein in die Karaffe und dann ins Glas. Wow, hatte der sich gewandelt und geöffnet, betörende Nase mit Rosen, Trüffeln und Kräutern, wunderbare Süße am druckvollen Gaumen, einfach auf dem Punkt und richtig gut zu trinken – 93/100. Dienstag ist kein schlechter Wochentag.

Bei Schorn in Düsseldorf

Schon bevor der Michelin dem Restaurant Schorn den lange fälligen Stern verlieh, war es nicht so einfach, dort einen Tisch zu bekommen. Zu gut ist einfach das, was aus Marcel Schiefers Küche kommt. Jetzt, mit Stern, ist eine frühzeitige Reservierung noch eher angeraten. Ein echtes Highlight ist auch die insbesondere bei deutschen Gewächsen sehr gut sortierte, über 500 Positionen umfassende Weinkarte. Hier finden sich immer noch gut gereifte Trouvaillen. Wir starteten mit einem 2007 Scharzhofberger GG von Kesselstatt, das sich sehr gut trank und für einen Scharzhofberger enorm druckvoll war, frisch mit straffer Säure und schöner Schiefermineralität – 91/100. Und dann musste die leider letzte Flasche 1999 Rüdesheimer Schlossberg Spätlese trocken von Leitz dran glauben. Eindrucksvoll zeigte dieser Wein, der in unseren Gläsern förmlich über sich hinauswuchs, welches Alterungspotential auch große trockene Rheingauer Weine haben. Dieser hier war reif, aber ohne spürbares Alter mit einer wunderbaren, petrolig-mineralischen Nase, immer noch mit schöner Frucht und guter Säure. Das war großes Riesling-Kino, und zur diebischen Freude, diese Flasche entdeckt zu haben, gesellte sich große Trinkfreude – 94/100. Mitgebracht hatten wir aus Wineterminators Geburtsjahr einen erst kürzlich ersteigerten 1950 Berberana Gran Reserva. Das war ein großer, deutlich jünger wirkender Rioja ohne die so oft anzutreffende „Gemüsenase“ mit schöner, reintöniger Frucht und guter Säure. Wirkte sehr harmonisch mit burgundischen Anklängen und war lang am Gaumen – 93/100. Ein perfekt gereifter Traumburgunder war der 1947 Echezeaux von Sélot, der ebenfalls kein Alter zeigte. Entwickelte sich enorm im Glas mit burgundischer Pracht und Fülle, war sehr kräftig und wurde mit der Zeit immer generöser und süßer – 97/100. Und weiter ging es aus der Schorn´schen Karte mit einem prächtigen, immer noch so jungen 2004 Brunello di Montalcino Riserva von Vasco Sassetti. Ein enorm druckvoller, jugendlich-kräftiger Brunello mit dunkler Frucht, Leder und etwas Brett in der Nase, sehr vielschichtig und mineralisch mit toller Struktur, braucht unbedingt etwas Zeit in der Karaffe, um sich zu entfalten – 94/100. Ein würdiger Nachfolger des grandiosen 97ers ist das, den Sassetti-Importeur Jochen Slaby im letzten Jahr zusammen mit dem 2004er auf der Party-Imperiale im Schloss Hugenpoet aus 5l Flaschen ausschenckte. Damals war das aus diesen Großflaschen ein faszinierendes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen perfekter Reife und ungestümer Jugend auf 95/100 Niveau. Unsere Mädels ließen uns beim Brunello den Vortritt und vergnügten sich stattdessen mit einem sehr burgundischen 2007 Malterer von Huber, der sich jetzt in Bestform zeigte. Dieser Malterer gehört auch zu meinen Lieblings-Weißweinen, aber erst, wenn er 5 Jahre auf dem Buckel hat. Dann explodiert dieser nussig-mineralische Wein förmlich und drängt sich als hochkarätiger Pirat für Burgunderproben auf.
Und noch einen letzten Volltreffer landeten wir, den cremig-schmelzigen, noch so jungen, betörenden 1995 Taittinger Comtes de Champagne, würdiger Abschluss eines großartigen Abends – 95/100.

Sternekoch Marcel Schiefer

Im Victorian

Schon ewig war ich nicht mehr im vornehmen Victorian an der Königsallee. Seit Scherrer hat da mehrfach der Küchenchef gewechselt. Es wurde jetzt einfach mal wieder Zeit für uns, und ein verregnet/verschneiter Samstagmittag bot den willkommenen Anlass.
Draußen schleppen die Pelztierchen und ihre zweibeinigen Portemonnaies die dicken Tüten. Wir sitzen gemütlich oben im Victorian und genießen zu ambitionierter Küche das muntere Treiben. Wobei ich das „ambitioniert“ natürlich relativieren muss. Wer auf Molekular steht(ich dachte, die Welle sei längst vorüber) ist hier in seinem Element. Uns gefiel das weniger. Und der Fischkoch hatte wahrscheinlich frei, zumindest kam uns das von den Garpunkten her so vor.
Großartig und sehr gut bestückt die von Maitre Noack verantwortete Weinkarte. Erstaunlich elegant, rassig, mineralisch und mit für 2009 erstaunlicher Säure das 2009 Brunnenhäuschen von Wittmann, so eine Art Abtserde für Schlaue – 94/100. Wuchtig, kräftig, pfeffrig-würzig und fast etwas barock der noch sehr junge 2010 Grüne Veltliner Smaragd Kellerberg von F.X. Pichler. Der gehört die nächsten 3-4 Jahre in dieser jugendlichen Form genossen. Wer kann, legt die Hälfte der Kiste danach für 10 Jahre weg und freut sich anschließend über einen gereiften Riesen, der in Blindproben große Montrachets auf die Plätze verweist – 96/100. Sehr fein und burgundisch im besten Sinne mit betörendem Spiel roter und blauer Beeren der 2009 Frauenberg Spätburgunder von Klaus Keller. Erwartet hatte ich ein Kellersches Extraktmonster, aber das war ein ausgesprochen eleganter, subtiler Wein, der tatsächlich aus Burgund stammen könnte – 95/100. Exotisch üppig und animierend der 2005 Trilogia von Christos Kokkalis – 93/100.

Das neue Weinlokal Galerie am Karlplatz

Das ist schon ein Traum, was Julia und Tim da am Carlsplatz in der Düsseldorfer Altstadt aufgemacht haben. In alten Gemäuern eine wunderbare Weinbar mit großartiger, sehr gastfreundlich kalkulierter Karte. Da sind wir zuerst über einen noch so jungen, fantastischen 1998 Wallufer Walkenberg Spätlese trocken von JB Becker hergefallen, der erst ganz am Anfang steht, ein großartiger Wein mit fantastischer Struktur und superber, puristisch schöner Frucht, sowie gewaltigem Extrakt bei sparsamen 12% Alkohol, könnte über die Jahre sogar noch zulegen – 94/100. Schlichtweg spektakulär, wenn auch sicher nicht so langlebig der explosive, sehr komplexe 2011 Gottesfuß von Van Volxem. Der ist frühreif und voll da wie fast alle Weine dieses Jahrhundertjahrgangs, die sich dafür wohl oft nit einem Jahrzehnt als Reifepotential begnügen müssen – 95/100. Aber das stört natürlich beim heutigen Genuss nicht. Und dann haben wir noch mit vielen netten Menschen mit diesem traumhaft schmelzigen 2009 Terra di Monteverro gesündigt. Dieser „kleine“ Monteverro ist derzeit ein ganz großer, pure, seidige Sünde in Rot mit fantastischem Preis-/Leistungsverhältnis – 93/100. Davon haben wir gleich noch eine Zweite genommen, was meine 2009 Terra Bilanz inzwischen auf deutlich über 20 treibt.
Was für ein Abend. Und der Wineterminator hat ein neues Lieblingslokal.
Und da es noch keine Website gibt(aber eine Seite bei Facebook) hier die genaue Adresse: Benrather Str. 6b, Tel 0211-86399990

Da jagt man keinen Hund vor die Tür

Fürchterlich, das Wetter Ende Januar. Das war kein Sonntagsspaziergang, das glich schon eher einer Mutprobe. Bei strömendem Regen und Sturm kämpften wir uns am Rhein entlang über reichlich matschigen Schnee und Eis bis zum Landhaus Mönchenwerth durch. Doch das Ziel lohnte wie immer sehr. Guy de Vries verwöhnte uns mit wunderbaren Kreationen von der völlig neu gestalteten Karte, Sascha Bürgel versorgte uns dazu mit den passenden spannenden Weinen. Und da wir dann unverhofft noch von lieben Freunden überrascht wurden, dehnte sich dieser Mittag bis weit Richtung Abend aus.
Wir starteten mit einem 2011 Langenmorgen GG des Weingutes Von Winning, sehr mineralisch, zugänglich, frisch und einfach lecker – 92/100. Stephan Attmann hat 2011 bei von Winning eine grandiose Kollektion geschaffen. Vom rarsten und besten dieser Weine, dem 2011 Kirchenstück, gab es hier nur eine Flasche, die wir uns natürlich nicht entgehen ließen. Das war ganz großes Kino, der perfekte Spagat zwischen barocker Fülle und unendlicher Eleganz, ein Meisterwerk – 96/100. Spannend auch der rot 2008 Lagrein Riserva von Elena Walch. Süße Waldbeeren in Bitterschokolade mit einem Hauch Lakritz, weiche, reife, süße Tannine, Lagrein in einer modernen, sehr gefälligen Version – 92/100. Und dann fand ich auf der Karte noch diesen wunderbaren, saftigen 2000 d´Aiguilhe in der halben Flasche, einen Spaßwein par Excellence auf sehr hohem Niveau – 93/100.

Einfach genial

Das Einfachste ist immer das Beste. Draußen schifft es ohne Ende, drinnen in Düsseldorfs "schönster Kantine", dem Berens am Kai, gibt es als schnellen Mittagsgang genialen Backfisch vom Steinbutt mit Remouladensoße. Dazu ein Glas des knackigen 2011 Rheingauer Charta Rieslings von Spreitzer. Und schon ist die Welt wieder in Ordnung.